Artenschutz zur Sicherung der Zukunft

Der erste Artenschutzbericht des Bundesamtes für Naturschutz zeigt die aktuelle Bedrohung von Arten, aber auch Erfolge im Naturschutz auf

04.06.2015 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Vielfalt auf der Wiese ist Voraussetzung und zugleich Beweis für ein funktionierendes Ökosystem - und deshalb so wichtig. (Bildquelle: © Hans Christian Hein/ pixelio.de)
Vielfalt auf der Wiese ist Voraussetzung und zugleich Beweis für ein funktionierendes Ökosystem - und deshalb so wichtig. (Bildquelle: © Hans Christian Hein/ pixelio.de)

Im Artenschutzbericht nennt das Bundesamt für Naturschutz wichtige Maßnahmen, die einen weiteren Artenverlust eindämmen sollen.

So ist es um den Artenschutz in Deutschland bestellt: Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) legte Mitte Mai 2015 erstmals einen umfassende Artenschutzbericht vor, in dem es den Zustand der hier lebenden Tier-, Pflanzen- und Pilzarten vornimmt. Demnach sind in Deutschland 31 Prozent der Arten in ihrem Bestand gefährdet, vier Prozent sind bereits ausgestorben. Damit konnte das nationale Ziel, den Verlust der Artenvielfalt bis 2010 aufzuhalten, nicht erreicht werden. Der Bericht erläutert weiterhin, worin die Ursachen liegen, was getan werden muss und warum es wichtig ist, die Artenvielfalt zu bewahren.

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Das Bayerische Löffelkraut (Cochlearia bavarica) ist, wie der Name schon sagt, im südlichen Teil Bayerns heimisch. Und nirgendwo anders.

Das Bayerische Löffelkraut (Cochlearia bavarica) ist, wie der Name schon sagt, im südlichen Teil Bayerns heimisch. Und nirgendwo anders.

Bildquelle: © Thomas Meyer/ wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Artenbestand in Deutschland und weltweit

Weltweit sind etwa 1,8 Millionen Arten bekannt, davon 71.500 Arten in Deutschland. Wie viele Arten es tatsächlich auf der Erde gibt, lässt sich allerdings bis heute nicht sagen. Befürchtet wird, dass viele Arten aussterben, bevor sie überhaupt entdeckt wurden. Das ist umso wahrscheinlicher, da man davon ausgeht, dass die vom Menschen verursachte Aussterberate bis zu tausend Mal höher liegt, als die bisher bekannten Massensterben der Erdgeschichte.

Bei den Pflanzen gibt es geschätzte 400.000 bekannte Arten, 282.000 Arten stammen aus der Abteilung der Gefäßpflanzen (dazu gehören unter anderem die Farn- und Samenpflanzen), die gut erforscht sind. Dazu sind etwa 100.000 Pilze und Flechtenarten bekannt. In Deutschland vermutet man  etwa 9.500 Pflanzen- und etwa 14.000 Pilzarten. Zudem gibt es 25 Pflanzensippen, die in Deutschland endemisch (d. h. nur hier) vorkommen, wie zum Beispiel das Bayerische Löffelkraut (Cochlearia bavarica).

Die Deutschen stehen dem Artenschutz überwiegend positiv gegenüber: 95 Prozent der Bürger  sind der Meinung, dass die Natur geschützt werden muss, 92 Prozent sagen, dass die Natur nur soweit genutzt werden darf, dass die biologische Vielfalt auf Dauer erhalten bleibt. Auch die Ausbreitung von Arten wie Luchs, Biber und Wildkatze wird von knapp zwei Dritteln der Bevölkerung positiv bewertet.

Warum Arten schützen?

Die Artenvielfalt beschreibt das Vorkommen der verschiedenen Arten innerhalb eines Gebietes und ist grundlegender Bestandteil seiner biologischen Vielfalt („Biodiversität“). Der Begriff „biologische Vielfalt“ umfasst neben der Artenvielfalt auch die Vielfalt der Ökosysteme sowie die genetische Vielfalt, wobei alle drei Bereiche voneinander abhängen. Arten sind als grundlegende Bausteine auch Indikatoren für den Zustand dieser Bereiche, die nicht zuletzt auch für den Menschen wichtig sind. Sterben Arten aus, kommen diese Bereiche aus dem Gleichgewicht. Letztlich kann niemand genau sagen, was für Auswirkungen das Aussterben einer Art mit sich bringen wird. Daher ist der Erhalt von Arten nicht nur um der Arten willen wichtig, sondern auch aufgrund ihrer Funktion im Gesamtgefüge und damit ein wichtiger Aspekt zum Erhalt der biologischen Vielfalt, die wir letztlich zum Überleben brauchen. Wenn wir Arten schützen, schützen wir uns damit also letztlich selbst.

Vom Nutzen der Artenvielfalt

Konkreter gesagt: Tier- und Pflanzenarten bieten uns lebensnotwendige Dinge wie Sauerstoff und sauberes Wasser, sie sorgen für unsere Ernährung und für Rohstoffe, aus denen wir Häuser, Kleidung und tägliche Dinge zum Leben herstellen. Besonders deutlich wird der Nutzen verschiedener Arten an den bestäubenden Insekten: Die von ihnen abhängende Landwirtschaft hatte im Jahr 2005 einen geschätzten Wert von etwa 153 Milliarden Euro. Drei Viertel der weltweit genutzten Nahrungspflanzen hängen mehr oder weniger von Bestäubern ab. Von den etwa 20.000 weltweit vorkommenden Wildbienenarten sind knapp 600 für Deutschland beschrieben worden, die zum Teil an bestimmte Pflanzenarten gebunden sind. Mittlerweile konnte nachgewiesen werden, dass bereits das Fehlen einzelner Arten die Bestäubung negativ beeinflusst.

Von den bekannten Pflanzenarten werden bisher zwischen 17,7 und 20,2 Prozent (48.000 bis 57.000) als Heilpflanzen genutzt. Allein in Deutschland betrug der Umsatz mit pflanzlichen Heilmitteln im Jahr 2013 1,3 Milliarden Euro. Dabei ist der größere Teil der bekannten Arten noch nicht auf ihren Nutzen untersucht worden. Darin steckt ein noch unentdecktes Potential für die Medizin und gleichzeitig die Gefahr, dass Heilpflanzen aussterben, bevor sie als solche entdeckt werden. Damit sinkt auch die Chance, mögliche Heilmittel für bisher nicht heilbare Krankheiten zu finden.

Auch der Wohlfühlfaktor der Natur darf nicht unterschätzt werden: Sie ist Freizeit-, Urlaubs- und Erholungsort, wichtig für die Regeneration und bietet die Grundlage für eine gesunde Entwicklung unserer Kinder. Die Menschheit hat daher die Verpflichtung, die Natur für die nachfolgenden Generationen zu erhalten, damit diese die gleichen Möglichkeiten zur Verfügung haben.

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Die Landwirtschaft zählt seit Jahrzehnten zu den größten Bedrohungen für die Biodiversität.

Die Landwirtschaft zählt seit Jahrzehnten zu den größten Bedrohungen für die Biodiversität.

Bildquelle: © Superingo/ Fotolia.com

Ursachen für den Artenverlust

Als führende Ursachen für den fortdauernden Verlust von Tier- und Pflanzenarten gelten unter anderem intensive Land- und Forstwirtschaft, bauliche Maßnahmen, Straßen- und Wasserbau, die Gewinnung von Rohstoffen und Emissionen. Besonders stark ist der Artenverlust im Bereich Landwirtschaft. Allein aufgrund der Größe der genutzten Fläche (über 50 Prozent) hat die Landwirtschaft schon einen großen Einfluss auf die Artenvielfalt. Etwa ein Drittel der Farn- und Blütenpflanzen kommt vorwiegend auf Grünland vor. Von den etwa 270 Ackerkräutern sind aktuell 32 Prozent gefährdet. Ebenso zeigen Untersuchungen von Grünland-Typen verschiedener Feuchtegrade einen Häufigkeitsverlust von bis zu 90 Prozent vieler typischer und ursprünglich Pflanzenarten.

Die Gründe stehen meist in Bezug zur intensiven Landwirtschaft, die sich mit hohem Düngerverbrauch (der Stickstoffüberschuss betrug in der Zeitspanne von 2010 bis 2012 durchschnittlich 101 kg/ha), Grünlandumbruch, großen Ackerflächen, Herbizideinsatz, Ausräumen von Kleinhabitaten (Hecken, Brachen), Entwässerung und engen Fruchtfolgen negativ auf die Artenvielfalt auswirkt. Vor allem die Überdüngung mit Stickstoff fördert einige wenige stickstoffliebende Pflanzenarten, die viele andere Arten verdrängen.

Auch der Grünlandumbruch ist ein Problem. Zwischen den Jahren 1990 und 2010 hat die landwirtschaftlich genutzte Fläche um 650.000 Hektar abgenommen, wobei es sich bei den Verlusten fast vollständig um Grünland handelte. Seit 2003 betrug der Verlust von Dauergrünland etwa 5 Prozent. Gründe sind der von der Politik geförderte steigende Anbau von Energiepflanzen sowie eine intensivere Milchproduktion, wobei Mais und Soja im Vergleich zu Heu und Grassilage einen immer höheren Anteil bekommen.

Wälder

In einem Buchenwald kommen laut Untersuchungen bis zu 4.320 Pflanzen- und Pilz- sowie 6.715 Tierarten vor. Wäre Deutschland ein vom Menschen nicht beeinflusstes Land, gäbe es hier auf 75 Prozent der Fläche Buchenwälder. Aktuell ist etwa ein Drittel des Landes mit Wald bedeckt, allerdings sind davon etwa 50 Prozent mit schnellwüchsigen Arten wie Fichte und Kiefer aufgeforstet.

Unbeeinflusste Wälder weisen eine hohe strukturelle Vielfalt und deutlich erhöhte Artenvielfalt auf. Die Qualität eines Waldes ist dabei nicht nur von den Baumarten, sondern auch von der Struktur (Bäume verschiedenen Alters, Totholz, verschiedene Baum- und Strauchschichten) und der „Habitatkontinuität“ (d. h. dem Vorhandensein von denselben Waldstrukturen auf lange zeitliche Sicht) abhängig. Da es in Deutschland kaum von der Forstwirtschaft unbeeinflusste Waldflächen gibt, hat die Art der Waldbewirtschaftung eine hohe Bedeutung für die Artenvielfalt der Wälder.

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Der Eindruck täuscht: Auch wenn Rapsfelder eindrucksvoll im strahlend Gelb erblühen - Artenvielfalt sieht anders aus.

Der Eindruck täuscht: Auch wenn Rapsfelder eindrucksvoll im strahlend Gelb erblühen - Artenvielfalt sieht anders aus.

Bildquelle: © Gallus Tannheimer / pixelio.de

Klimawandel

Auch der Klimawandel wird in die Artenzusammensetzung eingreifen. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wird es in Mitteleuropa vermutlich zu einem Anstieg der Durchschnittstemperatur um 2,5 bis 3,5 Grad sowie zu einer deutlichen Veränderung der Niederschlagsverteilung kommen. Aufgrund dieser Veränderungen könnten zwischen 5 und 30 Prozent der heimischen Arten verschwinden. Besonders Arten auf klimatischen Sonderstandorten wie zum Beispiel Gebirgen könnten davon betroffen sein.

Rote Listen, die „Arteninventur“

Um einen Überblick über die Artenvielfalt zu bekommen, werden seit den 1970er Jahren die sogenannten „Roten Listen gefährdeter Arten“ angefertigt. Sie sind Verzeichnisse gefährdeter, verschollener und ausgestorbene Arten und somit eine Art Inventurliste für die heimische Artenvielfalt. Von den in Deutschland vorkommenden 9.500 Pflanzen-, 14.000 Pilz und 48.000 Tierarten sind etwa 32.000 Arten erfasst und in Bezug auf ihre Gefährdung bewertet worden. Davon sind 31 Prozent in ihrem Bestand gefährdet und 4 Prozent bereits ausgestorben. In den 27 jetzt neu veröffentlichten Listen wurden etwa 11.000 Arten und Unterarten bewertet, im Schwerpunkt aus dem Tierreich. Bei den Pflanzen gibt es aktuelle Listen bisher nur für die Großalgen (2013) und die Flechten (2011). Besonders bei der gut untersuchten Artengruppe der „echten Flechten“ sind bereits 7,8 Prozent ausgestorben und 36,6 Prozent gefährdet. Eine aktuelle Liste für Gefäßpflanzen, Moose und Algen soll 2016 veröffentlicht werden.

Der Artenschutz-Report

Der Verlust der Biodiversität sollte auf Beschluss sowohl nationaler (BMUB) als auch internationaler Gremien (zum Beispiel die Biodiversitäts-Konvention, Convention on Biological Diversity, CBD) bis zum Jahr 2010 „signifikant verlangsamt werden“. Da dieses Ziel nicht erreicht wurde, gibt es einen neuen Plan, der bis 2020 dieses Ziel erreichen soll. In den sogenannten „Aichi-Biodiversitätszielen“ (benannt nach der japanischen Provinz Aichi, in der die Konferenz 2010 statt fand) gibt es 20 konkrete, messbare Ziele, wie unter anderem die Ausdehnung von Schutzgebieten zu Lande auf 17 Prozent, zu See auf 10 Prozent sowie eine Senkung der Verlustrate von natürlichen Lebensräumen um mindestens die Hälfte.

Der jetzt vorgestellte Artenschutz-Report des Bundesamtes für Naturschutz fasst die bisher erhobenen Daten aus verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel die Rote Liste, Daten aus dem FFH- und Vogelschutz-Monitoring sowie dem neuen Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen in einem Werk zusammen und gibt einen Überblick, wo Deutschland mit seinen Bemühungen zum Artenschutz steht. Als Zeitpunkt für die Veröffentlichung wurde bewusst das Jahr 2015 gewählt, denn es markiert quasi die „Halbzeit“ für die bis 2020 zu erreichenden Ziele im Artenschutz. Der Bericht solle daher neben der Bilanzierung auch eine Aufforderung sein, die Bemühungen um den Artenschutz zu verstärken, nicht nur in Deutschland, sondern auch international, so Franz Emde, Pressesprecher des BfN. Denn der Artenverlust ist ein Problem, das nicht an der Grenze haltmacht und gemeinsamer Anstrengungen bedarf.

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Bienen spielen für den Erhalt von Artenvielfalt eine wichtige Rolle, schließlich sind sie es, die in fleißiger Arbeit unzählige Blüten bestäuben.

Bienen spielen für den Erhalt von Artenvielfalt eine wichtige Rolle, schließlich sind sie es, die in fleißiger Arbeit unzählige Blüten bestäuben.

Bildquelle: © iStock.com/ proximinder

Die Kernforderungen des BfN

Um die gesetzten Ziele zu erreichen, muss noch einiges getan werden. Daher nennt das BfN in seinen Kernforderungen im Wesentlichen eine Erweiterung bestehender Artenschutzprogramme, gut vernetzte Schutzgebiete, mehr naturnahe Landschaftselemente, um die Vernetzung zu gewährleisten, die Einrichtung des gesetzlich vorgeschriebenen bundesweiten Biotopverbundes auf 10 Prozent der Fläche jedes Bundeslandes, Renaturierung von Flüssen und ihren Auen, eine ökologische, nachhaltige Fischereiwirtschaft sowie eine Aufwertung des Ehrenamtes im Naturschutz. Im Bereich Landwirtschaft wird eine stärker ökologisch orientierte Ausrichtung der europäischen „Gemeinsamen Agrarpolitik“ (GAP) gefordert, wie beispielsweise ein generelles bundesweites Grünlandumbruchverbot und höheren Förderprämien für bestimmte Leistungen der Landwirte. Schließlich sollen der Anteil nutzungsfreier Waldflächen bundesweit die in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt angestrebten fünf Prozent erreichen, Wälder vermehrt nachhaltig genutzt und Naturschutzbemühungen entsprechend honoriert werden.

Positives

Aber es gibt auch Positives zu vermelden, besonders in Bereichen, wo langfristige, vertraglich vereinbarte und finanziell ausreichend ausgestattete Maßnahmen umgesetzt wurden. Zum Beispiel bei den Projekten „Herbizidfreie Ackerrandstreifen“, „Biotoppflege durch Landwirte“ oder  „Naturschutz durch Nutzung“ können Erfolge bei der Zunahme von Pflanzenarten verbucht werden. Eine weitere Erfolgsgeschichte ist in diesem Zusammenhang die Wiederausbreitung der Kornblume, die in den 1960er und 1970er Jahren im Zuge einer intensivierten Landwirtschaft mehr und mehr verschwand und jetzt dank der Ackerrandstreifenprogramme und zunehmendem Bio-Landbau in vielen Teilen Deutschlands ein Comeback erlebt.

Naturschutz zahlt sich also aus, auch wenn es aufwendig und teuer ist. Trotzdem muss weiter daran gearbeitet werden, um letztlich die Zukunft für uns selbst sicher und lebenswert zu gestalten.

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