Besser essen mit resistenter Baumwolle

Gentechnisch veränderte Baumwolle kann helfen die Ernährungssituation von Kleinbauern zu verbessern

17.06.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Um den Einfluss des Anbaus von Bt-Baumwolle auf die Ernährungssituation der ländlichen Bevölkerung zu untersuchen, befragten die Forscher insgesamt 533 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte indische Kleinbauern. (Quelle: © Georg-August-Universität Göttingen
Um den Einfluss des Anbaus von Bt-Baumwolle auf die Ernährungssituation der ländlichen Bevölkerung zu untersuchen, befragten die Forscher insgesamt 533 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte indische Kleinbauern. (Quelle: © Georg-August-Universität Göttingen

Wissenschaftler untersuchen die Lebenssituation von über 500 Kleinbauern, die Bt-Baumwolle anbauen.

Weltweit sind über 900 Millionen Menschen unterernährt. Die Auslöschung des Hungers ist eins der erklärten Ziele der UNO. Obwohl die Nahrungsmittel dort produziert werden konzentriert sich die Mangel- und Unterernährung in ärmeren Ländern stark auf die Menschen in den ländlichen Räumen. Kleinbauern und die landlose Bevölkerung sind am stärksten betroffen. Eine kontrovers diskutierte Rolle spielt dabei die Gentechnik: Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen („gv-Pflanzen“) werden von einigen Wissenschaftlern als wichtiger Baustein bei der Lösung der Ernährungsprobleme in den Entwicklungsländern angesehen, während andere vor den Risiken warnen. Forscher der Universität Göttingen haben jetzt untersucht, wie sich der Anbau von Bt-Baumwolle auf die Ernährungssituation von Kleinbauern auswirkt.

Anbau von Bt-Baumwolle

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Baumwollfeld: Führt Bt-Baumwolle tatsächlich zu einem höheren Lebensstandard?

Baumwollfeld: Führt Bt-Baumwolle tatsächlich zu einem höheren Lebensstandard?

Bildquelle: © Georg-August-Universität Göttingen

Im Jahr 2012 wurden weltweit 170 Millionen Hektar Land (12 Prozent des Ackerlands) mit gv-Pflanzen bebaut, hauptsächlich mit Soja, Baumwolle, Mais und Raps, Tendenz steigend. Bt-Baumwolle (Baumwolle, die ein Gen des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis enthält und so ein insektenabwehrendes Pflanzengift produziert) wird unter anderem im Raum Indien, Pakistan und China von insgesamt 15 Millionen Kleinbauern angebaut. Diese gentechnisch veränderte Baumwolle schützt sich quasi selbst vor Schädlingen, besonders vor der Baumwollkapselraupe (Pectinophora gossypiella), benötigt so weniger Pestizide und bringt höhere sowie sicherere Erträge. Im Jahr 2012 bewirtschafteten allein in Indien über 7 Millionen Kleinbauern 10,8 Millionen Hektar mit Bt-Baumwolle. Das sind 93 Prozent der gesamten indischen Baumwoll-Anbaufläche. Erstmals eingeführt wurde Bt-Baumwolle in Indien im Jahr 2002.

Mehr Bt-Baumwolle, mehr Kalorien

Um den Einfluss des Anbaus von Bt-Baumwolle auf die Ernährungssituation der ländlichen Bevölkerung zu untersuchen, befragten die Forscher insgesamt 533 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte indische Kleinbauern in den Hauptanbaugebieten der Bundesstaaten Maharashtra, Karnataka, Andhra Pradesh und Tamil Nadu. Insgesamt gab es vier Befragungen innerhalb von sieben Jahren (2002 bis 2008). Im Zuge der Interviews gaben die Bauern unter anderem an, welche Lebensmittel sie in welcher Menge konsumierten. Innerhalb des Untersuchungszeitraums stieg der Flächenanteil mit Bt-Baumwolle beim durchschnittlichen Bauern von weniger als 1,0 Hektar (2002) auf 2,4 Hektar (2008).

Für die Berechnungen wurde der Flächenanteil an Bt-Baumwolle in Relation zur aufgenommenen Kalorienmenge gesetzt. Der Kalorienbedarf für einen durchschnittlich aktiven männlichen Erwachsenen beträgt in Indien 2.875 Kilokalorien pro Tag. Dementsprechend ist der AE (AE = adult equivalent) für einen Mann = 1,0. Für Frauen liegt der Wert bei 0,8 AE, für Kinder wurde er entsprechend des Alters umgerechnet. Laut WHO sollte die tägliche Kalorienzufuhr 80 Prozent der benötigten Menge nicht unterschreiten – im Falle Indiens sind das 2.300 kcal/Tag. In den Haushalten, die diesen Wert nicht erreichten, wurde die Ernährungssituation daher als unzureichend betrachtet.

Die Ergebnisse zeigten, dass mit der Zunahme der Anbauflächen von Bt-Baumwolle auch die Menge der aufgenommenen Kalorien in den betreffenden Haushalten stieg, und zwar um durchschnittlich 145 kcal pro Tag und AE. Die Wissenschaftler führten diesen Effekt darauf zurück, dass die Bt-Baumwolle aufgrund ihrer Insektenresistenz höhere Erträge brachte und damit auch das Einkommen der Bauern stieg und mehr Nahrungsmittel zugekauft werden konnten. Gleichzeitig konnte beobachtet werden, dass diese Haushalte weniger auf Grundnahrungsmittel wie Getreide und Reis zurückgriffen, sondern hochwertigere, teurere Nahrungsmittel kauften, die neben der nötigen Kalorienzufuhr auch andere wertvolle Nährstoffe enthielten. Zugleich sank die Zahl der Haushalte mit nicht ausreichender Kalorienzufuhr. Laut Berechnungen würde der Anteil der Haushalte mit zu geringer Kalorienzufuhr um 15 bis 20 Prozent sinken, wenn alle Haushalte auf Bt-Baumwolle umsteigen würden. Was bedeutet, dass die restlichen 7% der nicht mit Bt-Baumwolle belegten Flächen in Indien vorrangig von Kleinbauern bewirtschaftet werden.

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Geerntete Baumwolle: Höhere Erträge durch Bt-Baumwolle.

Geerntete Baumwolle: Höhere Erträge durch Bt-Baumwolle.

Bildquelle: © iStockphoto.com/ Manit Larpluechai

Verbesserter Lebensstandard durch gv-Pflanzen?

Der Anbau von Bt-Baumwolle verbessert die Lebensbedingungen der Bauern hinsichtlich ihrer Kalorienzufuhr. Viele Wissenschaftler sehen deshalb in der Gentechnik einen wichtigen Bestandteil bei der Bekämpfung von Hunger in der Welt. Befürworter der Gentechnik sehen noch weitere Vorteile: Etwa dass gv-Pflanzen auch in unwirtlichen Gegenden zu höheren Erträgen führen können, dass sie die Versorgung mit wichtigen Nährstoffen sicherstellen können wie zum Beispiel der „Goldene Reis“, eine mit Beta-Carotin angereicherte gv-Reissorte, und das sie Ausfälle durch Schädlinge verringern und so das Einkommen der Bauern verbessern können.

Trotzdem gibt es auch Nachteile zu bedenken, die sich möglicherweise erst später zeigen, dafür dann aber umso gravierender: Neben den nach wie vor kontrovers diskutierten Risiken des Einbringens gentechnisch veränderter Pflanzen in die Umwelt, sind hier vor allem die Gefahr von Resistenzen bei Schädlingen zu nennen, wie es in den USA bereits beim Baumwollkapselbohrer (Helicoverpa zea) gegenüber der Bt-Baumwolle beobachtet wurde. Auch in China kämpfen die Landwirte inzwischen mit Baumwoll-Schädlingen, die nicht vom Bt-Toxin erfasst werden und die die träge Immunabwehr der Pflanze ausnutzen. Ebenfalls beobachtet wurde, dass durch den prinzipiell positiven Effekt bei der durch Bt-Pflanzen reduzierten Ausbringung chemischer Pflanzenschutzmittel, andere Schadorganismen an Bedeutung gewinnen. Wurde diese bisher durch den Pflanzenschutz der Hauptschädlinge mit vernichtet, fahren diese nun quasi im Windschatten der Bt-Pflanzen mit und vermehren sich prächtig. Besitzen diese ein breiteres Nahrungsspektrum, werden diese ehemals weniger bedeutenden Schädlinge zu einem Hautproblem der Landwirtschaft und müssen chemisch bekämpft werden. In jedem Fall hilft die nun vorliegende Studie die Wirkung der Bt-Baumwolle im aktuellen Anbau besser einzuschätzen und die Diskussion zu versachlichen.

Ob gentechnisch veränderte Pflanzen eine längerfristige Verbesserung der Lebenssituation bringen, wird man erst in Zukunft beurteilen können. Alternative Lösungen für den Anbau, eine intensive und verbesserte Beratung, faire Preise für die Produkte und ein gesicherter Zugang zu Krediten und Märkten, müssen daher ebenfalls zur Verfügung stehen und untermauern die Komplexität der Thematik „Landwirtschaft“.

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Kommentare

1 19.06.2013
AS
  

Resistenzen in Schädlingen treten nicht nur bei gv-Pflanzen auf, sondern das ist ein Problem der Landwirtschaft ingesamt! Wenn das ein Argument ist, dann darf man auch keine Vogelscheuchen aufstellen, weil die Vögel irgendwann mal merken, dass sie sich vor diesen nicht zu fürchten haben... Und was noch "pikanter" ist, "Bt" wird als "natürliches" Pestizid im Ökolandbau eingesetzt, wo dies ebenfalls zu Resistenzen führt. Ist Ökolandbau also gefährlich? Das heißt doch alles nur, dass man wie mit jedem Hilfsmittel auch mit Bt (ob in oder auf der Pflanze) vernünftig umgehen und es als einen wertvollen aber nicht alleinigen Bestandteil guter landwirtschaftlicher Praxis betrachten sollte. (Bzw. selbst wenn nach ein paar Jahren Resistenzen auftreten, dann hatte man als Landwirt doch ein paar Jahre lang ein leichteres Leben und höhere Einkünfte, konnte in Entwicklungsländern evtl. seine Familie besser ernähren, seine Kinder zur Schule schicken, etc. Ob das so schlimm und gefährlich ist, weiß ich nicht, selbst wenn man nach ein paar Jahren wieder dort landet, wo man anfing. -- Und bis dahin gibt es hoffentlich neue Erkenntnisse und neue Hilfsmittel, die die Schädlingskontrolle erleichtern. So wie die Leute anfingen Spiegelchen an ihre Vogelscheuchen zu hängen oder diese durch Schreckschuss-Anlagen zu ersetzen...)

1 06.10.2013
ABC
  

Meiner Meinung nach wurden bei dieser Studie viele Aspekte nicht betrachtet. Viele der Bauern haben durch den Anbau genveränderter Baumwolle nicht gerade mehr Geld, sondern stürzen immer mehr in die Schuldenkrise, da sie das Saatgut jährlich neu kaufen müssen sowie die Düngemittel. Diese werden immer teurer, da eine einzige Firma das Monopol trägt. Fällt eine Ernte aus stecken die Bauern in der Schuldenfalle.
Der Artikel erweckt den Eindruck, dass die Bt-Baumwolle einen positiven Beitrag zum Welthungerproblem liefert.
Bei der Betrachtung der Korrelation der steigenden Selbstmordraten bei Kleinbauern mit dem Beginn des Anbaus von Bt-Baumwolle ist die Verbesserung der Lebenssituation wirklich anzuzweifeln...

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