Das Gift von der Wiese

Pyrrolizidinalkaloide in Nahrungsmitteln

15.10.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Borretsch (Borago officinalis) wird als Heil- und Gewürzpflanze genutzt. Forscher haben nun hohe Konzentration des Giftstoffes Pyrrolizidinalkaloide in der beliebten Küchenpflanzen gefunden. (Quelle: © TwilightArtPictures-Fotolia.com)
Borretsch (Borago officinalis) wird als Heil- und Gewürzpflanze genutzt. Forscher haben nun hohe Konzentration des Giftstoffes Pyrrolizidinalkaloide in der beliebten Küchenpflanzen gefunden. (Quelle: © TwilightArtPictures-Fotolia.com)

Forscher der Technischen Universität Braunschweig haben hohe Konzentrationen von Giftstoffen aus der Gruppe der Pyrrolizidinalkaloide in der beliebten Küchenpflanzen Borretsch gefunden und warnen in einer neuen Studie vor deren Verzehr. Aber auch in anderen pflanzlichen Produkten schlummert diese giftige Gefahr.

Nicht jede Pflanze auf unserem Teller ist auch gesund. Das mussten jetzt die Menschen in und um Frankfurt erfahren, als in diesem Sommer ein Team von Wissenschaftlern der Technischen Universität Braunschweig herausfand, dass im beliebten hessischen Regionalgericht, der Grünen Soße, eine kritische Zutat enthalten ist.

Giftiger als gedacht

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Die Grüne Soße ist ein beliebtes hessisches Regionalgericht und besteht aus sieben Kräutern, darunter auch Borretsch.

Die Grüne Soße ist ein beliebtes hessisches Regionalgericht und besteht aus sieben Kräutern, darunter auch Borretsch.

Bildquelle: © iStockphoto/ MarenWischnewski

Die Grüne Soße besteht traditionell aus sieben Kräutern: neben Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch ist das auch Borretsch. Aber wie der Lebensmittelchemiker Dr. Till Beuerle erforscht hat, ist der Anteil von Borretsch in der Grünen Soße durchaus problematisch. Borago officinalis oder Gurkenkraut, wie der Borretsch auch genannt wird, enthält eine hohe Konzentration an Pyrrolizidinalkaloide (PA) und die können bereits in geringen Mengen sehr giftig sein.

Bei den PA handelt es sich um sekundäre Pflanzenstoffe, die zum Schutz vor Fraßfeinden gebildet werden. Es gibt mehr als 500 verschiedene PA, die in über 6000 Pflanzenarten vorkommen. Diese gehören vornehmlich den Familien der Korbblütler, der Rauhblattgewächse und der Hülsenfrüchtler an.

Bisher ging man davon aus, dass ein Kilogramm der getrockneten Borretsch-Pflanze knapp 10 Mikrogramm (µg) verschiedener Pyrrolizidinalkaloide wie Amabilin, Intermedin, Lycopsamin und Supinin enthält. Die Wissenschaftler des Instituts für pharmazeutische Biologie der TU Braunschweig haben jetzt im Borretsch aber teilweise bis zu 150 µg/Kg der Giftstoffe gefunden. Das ist das 15fache der ursprünglich angenommenen Menge und damit durchaus bedenklich, wenn man sich an den Vorgaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) orientiert. Laut Beuerle sollten Verbraucher und Hersteller auf die Verwendung von Borretsch verzichten: „Ich würde raten, dass man versucht, es zu vermeiden, wo man es vermeiden kann.“

Schon seit langem fordert das BfR eine Nulltoleranz für PA und hat hierzu einen Fragen-und-Antworten-Katalog veröffentlicht, der auf die Gefahren aufmerksam macht. Das BfR empfiehlt beispielsweise, dass eine Tageszufuhr von ungesättigten Pyrrolizidinalkaloide 0,007 µg je Kilogramm Körpergewicht nicht überschreiten sollte. Die PA sind nicht zu unterschätzen: Sie wirken toxisch auf zentrale Organe des Menschen wie Leber, Lunge, Herz und Niere, und besitzen ein erhebliches mutagenes, karzinogenes und teratogenes Potenzial.

Gefahr kommt von den Wiesen

Problematisch ist aber nicht nur Borretsch in der Grünen Soße, auch andere Lebensmittel verfügen teilweise über hohe Anteile an PA. So fand das BfR dieses Jahr in bestimmten Teesorten überdurchschnittlich hohe Konzentrationen von PA. In den rund 220 untersuchten Kräutertee- und Teeproben wurden bis zu 3,4 µg PA pro Kilogramm Trockenprodukt gefunden.

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Die Blätter des Jakobs-Greiskrauts sehen Rucola-Blättern zum Verwechseln ähnlich, enthalten aber hohe Konzentrationen von PA.

Die Blätter des Jakobs-Greiskrauts sehen Rucola-Blättern zum Verwechseln ähnlich, enthalten aber hohe Konzentrationen von PA.

Bildquelle: © Rasbak / wikimedia.org; CC BY-SA 3.0

Aber auch verunreinigte Salate und Honig kommen immer wieder in die Schlagzeilen. So wurden 2009 in abgepacktem Rucola-Salat einer Supermarktkette Blätter des Greiskrauts gefunden. Dieses sieht zwar den Rucola-Blättern zum Verwechseln ähnlich, zeichnet sich aber durch einen sehr hohen PA-Anteil aus. In den damals untersuchten Proben fanden sich 2.608 µg pro 148 g Salat. Das ist eine durchaus gefährliche Menge. Das mit dieser Pflanzen nicht zu spaßen ist, zeigt auch der Tod eines Fötus in Baden-Württemberg, dessen Mutter belasteten Kräutertee konsumiert hatte, und vor allem die zahlreichen Pferde, die durch den Verzehr des auf deutschen Weiden weit verbreiteten Greiskrauts gestorben sind.

Für den Menschen problematischer ist, dass Bienen die giftigen Stoffe aus den Blüten in den Honig transportieren. Hierzu veröffentlichte das BfR eine Studie, in der es auf die Belastung durch PA sowohl heimischer aber vor allem auch Importhonige hinwies. Vor allem Honigsorten aus Südamerika sind betroffen, so waren zum Beispiel alle 376 getesteten Proben aus Uruguay mit PA belastet. Selbst von den untersuchten 70 deutschen Honigsorten waren 21 Prozent mit bis zu 130 µg PA/Kg belastet.

Aufklärung ist wichtig

In diesem Zusammenhang hebt der Forscher Beuerle von der TU Braunschweig die Bedeutung der Aufklärung hervor. Gleichzeitig warnt er aber davor, sich dabei ausschließlich auf schnelle Internetrecherchen zu verlassen: „Ich denke, es gibt eine Fülle an Möglichkeiten sich zu informieren, die große Gefahr ergibt sich eher aus Desinteresse. Ein weiteres Problem ist das Filtern von relevanten Quellen, was einiges an grundsätzlichem Wissen und Deutung von wissenschaftlichen Daten erfordert. Kurz und knapp: Nicht immer ist die exakte Information einer der ersten drei Google-Hits.“ Umso wichtiger ist die freie Verfügbarkeit vertrauenswürdiger Quellen. Seiten von öffentlichen Instituten und Behörden mit klar definierten Auftrag, einem verantwortungsvollen Qualitätsmanagement und die noch dazu verständlich gehalten sind, haben eine Kompassfunktion.

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Kommentare

1 22.10.2013
Böhling
  Dr.

PA, Pyrrolizidinalkaloide, aufgewärmt.

Sicher sollte Mensch nicht alles von der Wiese unkritisch futtern. Habt Obacht.

Aber darf man aus einem "hohe (!!!) Konzentration an Pyrrolizidinalkaloiden (PA) ... können (!!!) bereits in geringen (äh?) Mengen sehr giftig sein" einen Giftalarm machen? Kann nicht auch Autofahren gefährlich sein? Oder der Gebrauch von Aspirin?

Der Tod eines (!!!) Fötus als Beleg? Warum? Das ist nicht einmal Statistik.

Was Pferde tötet, soll analog auch für den Menschen gefährlich sein? Das kann man nicht übertragen. Von wenigen Fenchelsamen würden Spatzen sterben und Schafe vom Genuss von Lavendel Verdauungsprobleme kriegen. Schnecken verzehren Herbstzeitlose mit Genuss.
Wie ist es mit Kaffe? Oh je. Mal ganz schnell ... Giftalarm!

1 23.04.2014
Hessischer Landbote
  

Alles halb so wild:

Wenn ich zur Zubereitung für Grüne Soße 10g Borretschblätter verwende, ist das viel. Der Gehalt von 150 µg/kg bezieht sich auf getrockneten Borretsch. Bei einem angenommenem Wassergehalt der Borretschblätter von konservativ geschätzten 80% verbleiben mir 2g Trockensubstanz Borretsch. Darin befinden sich dann absolut 0,3 µg PA in meiner Grünen Soße. Wenn ich die ganze Schüssel Grüne Soße dann alleine an einem Tag verputze (kann vorkommen, ist ja lecker!) und dabei noch ein Leichtmatrose mit einem Gewicht von 60 kg bin, dann habe ich an einem Tag eine Aufnahme von 0,005 µg/ kg Körpergewicht zu verzeichnen. Somit liege ich immer noch unter der vom BfR empfohlenen täglichen Aufnahmedosis. Demnach kann m.E. Entwarnung gegeben werden.

Den Ausführungen von Dr. Böhling ist im Übrigen zuzustimmen und um folgende Bemerkung zu ergänzen: Immer feinere Analysenverfahren führen zu immer präziseren Ergebnissen. Eine verbesserte Analytik sagt aber wenig aus über die tatsächliche Toxizität, über die Paracelsus die bekannten Worte gesagt hat.

1 19.06.2014
Edgar Cayce
  Ja, halb so wild

Borretsch soll giftig sein, aber Roundup nicht? Die chemischen Spritz- und Düngemittel, die man nur mit Mundschutz und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen aufbringen darf: Sind die für den menschlichen Körper weniger giftig als ein paar Gramm natürlich gewachsener Heil- und Wiesenkräuter? Will uns jemand weis machen, chemisch gespritzte und gedüngte Nahrungsmittel enthielten keine Rückstände der Giftstoffe? Eine Handvoll pestizidverseuchter Weintrauben ist für ein Kleinkind giftig, auch wenn sie gewaschen sind. Und in Deutschland ist die Belastung besonders hoch. Tagtäglich kauft Ihr im Supermarkt belastetes Obst und Gemüse und esst das, ohne über das Gift darin nachzudenken. Vom konventionellen Fleisch will ich ja schon gar nicht reden.... Mal ehrlich, liebe pflanzenforschung.de : Von welchem Pharmaunternehmen werdet Ihr finanziert und was bezahlt Euch das Bundesministerium dafür, dass Ihr hier Panik verbreitet?

1 20.06.2014
Redaktion Pflanzenforschung.de
  

Sehr geehrter Herr Cayce,

Vielen Dank für Ihren Kommentar. In der Redaktion von Pflanzenforschung.de haben wir das Ziel, die Pflanzenforschung in ihrer Breite abzubilden. Basis für unsere Berichte sind Fachveröffentlichungen, die sich an ein Expertenpublikum richten und die wir aufarbeiten und einer breiteren Leserschaft zugänglich machen. In diesem Beitrag sind Wissenschaftler der Frage nachgegangen, welche natürlichen Inhaltsstoffe in bestimmten Nahrungsmitteln enthalten sind, die eine schädigende Wirkung für die menschliche Gesundheit haben. Natürlich gilt das Credo: Die Dosis macht das Gift.

In anderen Beiträgen beschäftigen wir uns mit Themen wie den Pflanzenschutzmitteln oder Schwermetallen und deren Umwelt- oder Gesundheitswirkung. Wir verstehen das Ziel der Wissenschaftler darin, über ihre Arbeiten und den aktuellen Forschungsstand zu informieren, nicht jedoch Panik zu schüren. Weder bei der Grünen Soße noch bei den Pflanzenschutzmitteln. Vielmehr geht es um eine sachliche und wissenschaftlich korrekte Information, um alternative Handlungsoptionen ableiten und entwickeln zu können.

Hier einige Anregungen zum Weiterlesen auf Pflanzenforschung.de:
• Die Dosis macht das Gift - Giftige Pflanzeninhaltsstoffe in unseren Nutzpflanzen verstehen (http://www.pflanzenforschung.de/index.php?cID=9073)
• Was Pflanzenforscher gegen Gifte im Essen tun können (http://www.pflanzenforschung.de/index.php?cID=5860)
• Frösche wandern im Herbizidregen - Amphibien befinden sich bei der Ausbringung von Herbiziden wie Glyphosat auf den Feldern und nicht im Teich (http://www.pflanzenforschung.de/index.php?cID=9382)

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre Redaktion Pflanzenforschung.de

1 07.10.2014
Maria Hummel
  

Speichert die Leber Pyrrolizidinalkaloide oder kann sie diese abbauen?
Liebe Grüße
Maria Hummel

1 14.10.2014
Leser
  Das GIFT von der WIESE

Mal zwei Auszüge zu dem toten Säugling und den PAs, die tatsächlich schädlich sind von der Seite: http://www.heilkraeuter.de/rezept/pyrrolizidinalkaloide.htm

Kann man ja mal als Gegenüberstellung hier posten, im Sinne der Vielfalt, gell.


1. Auszug
Der Auslöser dieser Kampagne war der Tod eines Neugeborenen, dessen Mutter angeblich während der Schwangerschaft Huflattich-Tee getrunken hatte.

Diese Nachricht ging durch zahlreiche Medien und sorgte schnell für starke Verunsicherung in Hinblick auf den Huflattich.

Bei näherer Betrachtung stellte sich jedoch heraus, dass die Mutter des Säuglings drogensüchtig war. Sie trank ausserdem einen Mischtee, der maximal neun Prozent Huflattich enthielt. Die anderen Heilpflanzen in diesem Mischtee wurden weder von den Medien noch vom BGA berücksichtigt. Neuere Meldungen bezweifelten sogar, ob überhaupt Huflattich in dem Mischtee enthalten war.

2. Auszug
Pyrrolizidinalkaloide sind eine grosse Gruppe von Alkaloiden, die in manchen Pflanzen enthalten sind.

Einige Pyrrolizidinalkaloide haben eine leberschädigende Wirkung. Bei Langzeitanwendung können sie auch Leberkrebs auslösen.

Das trifft aber nicht auf alle Pyrrolizidinalkaloide, sondern nur auf einige, beispielsweise Senecionin und Senkirkin.


... und am Ende natürlich noch das Rezept für "grüne Soße"! :-)
http://www.heilkraeuter.de/kochen/gruene-sosse.htm

Ausgiebige Recherche ist heute nicht mehr so Sache der Journalisten. Das verschlingt zuviel Zeit, ist also zu teuer. Der Niedergang des Journalismus zu Auftrags-Schnell-Schreiberlingen kann man sehr gut in den Büchern von Tiziano Terzani nachlesen. Selbst bei Weltnachrichten gibt es oft nur noch eine Quelle, welche die Nachricht verkauft und der Rest schreibt ab. Texte müssen "en masse" produziert werden. Da reicht es, wenn sie dem Mainstream entstehen, mal Volksmund, mal Wirtschaftsinteresse aber selten fundiert. Schnell schreiben, wenig recherchieren, schnell veröffentlichen und weiter zum nächsten Thema, die Zeit drückt....
Kann man eigentlich keinem einen Vorwurf machen. Ist die Logik des Systems, welches wir alle ständig wiederwählen.
Viele Grüße!
Ein Leser

1 05.08.2015
Katja
  Frau

Hallo,
Ich finde alle Meinungen sehr Aufschlussreich!
Zu einem dass mir als nicht Wissenschaftler, sondern als Hauswirtschafterin durch diesen Artikel erstmal Angst gemacht wurde.
Da ich mich u.a. nicht mit irgendwelchen Micro masseinheiten auskenne. Man hätte auf jeden Fall, auch für Laien, Hausfrauen etc. eine Entwarnung geben können . Aber leider war das nicht der Fall!
Wäre schön wenn alles darin berichtigt würde.
Zudem meine Oma hat sich jeden Tag mehrere Blättchen fein geschnitten in den Blattsalat geschumbert. Und sie ist 90 geworden.
Und ich mach dass weiter so......

1 07.08.2016
Isabell Berger
  PA

Das einzige, was hier giftig ist, ist der Mensch. Wenigstens die Natur interessiert dieser Schmarrn hier nicht. Wozu auch.

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