Der praktische Mittelweg

Agrarumweltmaßnahmen können zu einer Erhöhung der Artenvielfalt beitragen

14.11.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Großflächige Monokulturen gefährden die Artenvielfalt. (Bildquelle: © Uschi Dreiucker/ pixelio.de)
Großflächige Monokulturen gefährden die Artenvielfalt. (Bildquelle: © Uschi Dreiucker/ pixelio.de)

Göttinger Forscher untersuchen die Auswirkungen von Agrarumweltmaßnahmen auf die Artenvielfalt.

Der Verlust der Artenvielfalt ist eines der großen Probleme unserer Zeit. Neben der Abholzung der Wälder sind es die Versiegelung von Flächen, die Umwidmung von Grasland in Acker und andere Methoden der intensiven Landwirtschaft, wie hoher Düngerverbrauch und die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, die zum Verlust der Biodiversität beitragen. In der EU wurde deshalb 1992 mit der Reform der CAP (Common Agricultural Policy, dt. GAP, Gemeinsame Agrarpolitik) versucht, diesen Trends entgegen zu wirken, indem sogenannte Agrarumweltmaßnahmen mit aufgenommen wurden.

Umweltfreundliche Landwirtschaft in Estland

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Die Erhaltung und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt gelten als wichtige Grundlagen für das menschliche Wohlergehen.

Die Erhaltung und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt gelten als wichtige Grundlagen für das menschliche Wohlergehen.

Bildquelle: © G. Brändle/ wikimedia.org/ CC BY 3.0

Göttinger Forscher haben jetzt die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf die Biodiversität beispielhaft auf Vögel, Hummeln und Blütenpflanzen erfasst und mit konventionell bewirtschafteten Flächen verglichen. Bei ihren Untersuchungen konzentrierten sich die Wissenschaftler auf Estland, einem noch jungen EU Mitgliedsstaat. Aufgrund der lokalen Gegebenheiten wurden jeweils 33 Betriebe in Nord- und in Südestland genauer unter die Lupe genommen. Jeweils elf Betriebe wurden nach konventionellen, elf nach organischen (bio) und elf entsprechend anderer Agrarumweltmaßnahmen bewirtschaftet. Während die Felder im Norden deutlich größer und ertragreicher sind, ist das Landschaftsbild im Süden vielfältiger gestaltet. Ungefähr 6% der Betriebe im Norden arbeiten nach Bio-Kriterien und 55% mit einem betont umweltfreundlichen Management. Im Süden sind es 15% Bio und 39% unter AES Kriterien.

„Öko light“

Agrarumweltmaßnahmen (Agri-Environment Schemes, AES) sind seit 1992 in der EU verbindlich eingeführte, landwirtschaftliche Management-Maßnahmen, die unter anderem den Verlust der Artenvielfalt durch eine intensivierte Landwirtschaft verringern sollen. Die einzelnen Mitgliedsstaaten entwickeln dafür auf Ebene der Bundesländer oder auch auf regionaler Ebene Maßnahmen, die an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst sind. Die Landwirte können auf freiwilliger Basis diesen Maßnahmen-Katalog umsetzen und erhalten dafür Prämien. Die in Estland angewandte Praxis beinhaltet viele der allgemein üblichen Bestandteile, wie eine vielseitige Fruchtfolge, Aussaat von Leguminosen auf mindestens 15 Prozent des Ackerlandes, dauerhafte Ackerrandstreifen, Erhalt wichtiger Landschaftsbestandteile und eine verringerte Verwendung von Mineraldüngern und Pflanzenschutzmitteln. Die Effektivität von Agrarumweltmaßnahmen ist allerdings wiederholt infrage gestellt worden.

Ein Fest für Hummeln

Für ihre Studie verglichen die Forscher Ackerflächen, die im Rahmen eines Agrarumweltprogramms bewirtschaftet wurden. Konventionell und ökologisch bewirtschafteten Flächen wurden in den beiden Regionen Estlands im Zeitraum von 2010 bis 2012 untersucht. Ausgewertet wurden die Anzahl und Art der vorkommenden Vögel und Hummeln sowie von Blütenpflanzen als Beispiele für die Biodiversität. Es zeigte sich, dass auf den mit Agrarumweltmaßnahmen bewirtschafteten Flächen besonders die Zahl der Hummeln anstieg. Das führten die Forscher darauf zurück, dass durch die regelmäßig angebauten Leguminosen sowie die Ackerrandstreifen viele Blütenpflanzen zur Verfügung standen. Durch die Bewahrung von Landschaftselementen boten sich den Hummeln zudem viele Nistmöglichkeiten. Auch der weitgehende Verzicht auf chemische Unkrautbekämpfung, z. B. mit dem weitverbreiteten Herbizid Glyphosat, kam den Hummeln zugute, da mehr Beikräuter als potenzielle Nahrungsquellen zur Verfügung standen.

Forschungsbedarf bei Blütenpflanzen und Vögeln

Bei den Blütenpflanzen zeigte sich ebenfalls ein Trend zu einer höheren Vielfalt auf den AES-Flächen im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten Flächen, auch wenn der Anstieg nicht so deutlich war. Auch hier wirkten sich die Ackerrandstreifen positiv aus, ebenso wie der limitierte Einsatz von Unkrautbekämpfungsmitteln. Den höchsten Anteil an Pflanzenarten hatten allerdings erwartungsgemäß die ökologisch bewirtschafteten Flächen.

Bei den Vögeln konnte ebenfalls auf ökologisch bewirtschafteten Flächen die größte Anzahl an Arten nachgewiesen werden. Der Unterschied zwischen den AES- und den konventionell  bewirtschafteten Flächen war hingegen nur gering. Das lag nach Meinung der Forscher  an dem großen Einzugsbereich, den viele Vogelarten haben. Hier müssten Daten in einem größeren Radius erhoben werden, die auch die Arten mit größeren Gebietsansprüchen ausreichend berücksichtigen.

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Schmetterlingsblütler (Faboideae) können mit Hilfe von Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft binden und so den Stickstoffvorrat im Boden erhöhen.

Schmetterlingsblütler (Faboideae) können mit Hilfe von Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft binden und so den Stickstoffvorrat im Boden erhöhen.

Bildquelle: © Angelika Wolter/ pixelio.de

Düngereinsparung durch Leguminosen

Außerdem zeigte sich, dass zum Beispiel der Stickstoffverbrauch auf den mit Argrarumweltmaßnahmen bewirtschafteten Flächen deutlich niedriger lag als auf konventionellen Flächen, obwohl der Düngerverbrauch bei Agrarumweltmaßnahmen zwar eingeschränkt, aber nicht - wie im Öko-Landbau - komplett verboten ist. Die Forscher erklären das mit der vorgeschriebenen Verwendung von Leguminosen, die durch ihre Fähigkeit, Stickstoff mit Hilfe von Knöllchenbakterien aus der Luft zu binden, für 35 Prozent des Stickstoffeintrags im Boden sorgten (bei konventionell bewirtschafteten Flächen waren es nur neun Prozent). Der Stickstoffeintrag durch mineralischen Dünger lag auf AES-Flächen bei 41 Prozent, während es bei der konventionellen Landwirtschaft 68 Prozent waren.

Anreiz für die Landwirtschaft

Die Forscher betonen, dass Agrarumweltmaßnahmen eine vielversprechende Mittelposition zwischen der konventionellen und der ökologischen Landwirtschaft darstellen. Sie sind nicht so streng wie die ökologische Landwirtschaft, bedürfen aber trotzdem klarer Regeln, deren Einhaltung kontrolliert und für die Verbraucher kenntlich gemacht werden sollte. So können sie einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten. Die Forscher hoffen, dass ihre Arbeit dazu beiträgt, dass sich mehr Bauern in der EU für diesen praktischen Mittelweg entscheiden werden.

Erträge im Blick behalten

Die Studie untersuchte die Wirkung unterschiedlicher Anbaumethoden auf die Artenvielfalt. Aussagen zu Erträgen und zur wirtschaftlichen Situation der Betriebe waren hingegen nicht Gegenstand der Studie. Für ein Gesamtbild und die Ableitung von Handlungsempfehlungen für die Landwirtschaft ist ein solches Gesamtbild jedoch notwendig. Die Betriebe im südlichen Estland wiesen mit ihren kleineren Flächen, die in ein diverseres Landschaftsbild eingebettet sind, die höchste Artenvielfalt auf. Dafür erzielen sie aber auch deutlich geringere Erträge. Mehr Flächen sind somit für gleiche Erntemengen wie im Norden nötig. Mehr landwirtschaftlich genutzte Flächen bedeuten immer eine Einschränkung der biologischen Diversität im Vergleich zu Natur- oder naturnahen Flächen.

In der Studie nicht weiter vertieft waren außerdem die Unterschiede zwischen Nord- und Südestland. Konventionell bewirtschaftete Flächen im Süden lagen bei den meisten der untersuchten Biodiversitätskriterien über den AES und Ökobetrieben im Norden. Dies könnte bedeuten, dass Einflussfaktoren wie Feldgröße oder Diversität des Landschaftsbildes einen starken Einfluss auf die biologische Vielfalt haben. Was wiederum bedeuten könnte, dass eine größere Vielfalt an regional, an die Bewirtschaftungsmethode, an die Betriebsgrößen etc. angepassten Maßnahmen notwendig ist.

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