Die essbare Stadt

Grüne urbane Trends zum Mitmachen

18.08.2015 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Ein beliebter Trend: Gärtnern in der Stadt. (Bildquelle: © HildaWeges - Fotolia.com)
Ein beliebter Trend: Gärtnern in der Stadt. (Bildquelle: © HildaWeges - Fotolia.com)

Gärtnern in der Stadt – „Urban Gardening“ – ist ein beliebter Trend. Ob Tomaten auf dem Balkon, das Gärtnern mit Gleichgesinnten oder Obst und Gemüse auf Freiflächen ernten – es gibt viele Möglichkeiten, auch als Stadtbewohner mit Natur in Berührung zu kommen. Auch die Landwirtschaft direkt in der Stadt ist keine bloße Vision mehr.  

Was für Bewohner von ländlichen Regionen als unvorstellbar gilt, ist für viele Städter Alltag: Ein Leben fern ab der Natur. Viele Städter setzen sich dafür ein, neben Stahl und Beton auch „Grünes“ zu sehen und zu erleben. Es gibt viele Möglichkeiten aktiv zu werden. Wem das Picknick im Park oder der Ausflug in den Wald zu wenig ist, kann auch in der Stadt zum Gärtner werden.

Naturerfahrung vor der Haustür

Man kann grüne Flächen selbst anlegen – ein Trend der sich vom „Guerilla Gardening“, einem in Eigenregie und ungefragt stattfindenden Anpflanzen von Blumen und Nutzpflanzen, hin zu ganz legalen und erwünschten Gärtnerarbeiten entwickelt hat. Eine weitere Idee ist, sich einen Garten zu teilen, denn nicht jeder hat das Glück, einen eigenen Garten direkt hinter der Tür oder einen grünen Fleck im Umland zu besitzen: In geteilten Gärten bearbeiten Helfer gemeinsam die Pflanzungen. Eines der bekanntesten Beispiele hierzulande ist der Prinzessinnengarten in Berlin.

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Aktion „Stadternte“: Bundesforschungsministerin Johanna Wanka erntete bei der Aktion am 17. August 2015 symbolisch Mirabellen und Pflaumen in Berlin und machte dabei auf frei verfügbare Nutzpflanzen auf öffentlichen Flächen aufmerksam.

Aktion „Stadternte“: Bundesforschungsministerin Johanna Wanka erntete bei der Aktion am 17. August 2015 symbolisch Mirabellen und Pflaumen in Berlin und machte dabei auf frei verfügbare Nutzpflanzen auf öffentlichen Flächen aufmerksam.

Bildquelle: © Pflanzenforschung.de

Urban Gardening“, das Gärtnern in der Stadt, findet weltweit begeisterte Anhänger. Während für manche der Aspekt der selbstständigen Nahrungsversorgung im Fokus steht, ist für andere die Freude am Gärtner und Gestalten der Natur der Hauptantriebsgrund. Manche möchten auch ihren Kindern nahebringen, wo die Lebensmittel herkommen, wie sie wachsen und wie man mit den Pflanzen umgeht. Zahlreiche Initiativen haben sich auch in Deutschland formiert.

Kostenfreies Obst für alle: Man muss nur wissen wo es steht

Es gibt Möglichkeiten, regionales Obst zu pflücken, anstatt es im Supermarkt zu kaufen. In Deutschlandweit gibt es viele Streuobstwiesen, aber auch Alleen entlang von Landstraßen und Fahrradwegen oder Obstbäume in Parks und anderen öffentlichen Flächen, die von niemandem abgeerntet werden. Das brachte die Initiatoren von „Mundraub“ auf die Idee, eine Onlineplattform aufzubauen - eine Landkarte, auf der jeder Standorte von Obst und Kräutern im öffentlichen Raum angeben kann. Die frei verfügbaren Köstlichkeiten können individuell geerntet werden oder aber man beteiligt sich an gemeinschaftlichen Ernteaktionen. „Wir betreiben Bildungsarbeit und haben eine Plattform geschaffen, wo sich Menschen austauschen und informieren können“, beschreibt der Gründer von Mundraub, Kai Gildhorn, die Initiative.

Ziel ist es, zu vermeiden, dass die Früchte und Kräuter ungenutzt bleiben und verderben. Denn selbst Vögel und andere Tiere können nicht alle Früchte essen, die vielerorts reif an den Ästen hängen. Eine regionale und nachhaltige Versorgung mit Lebensmitteln soll gezielt angestoßen werden. Zudem soll ein Bewusstsein geweckt werden, dass jeder aktiv werden kann, um die Biodiversität zu erhalten und zu nutzen. Die Initiative bekam prominente Unterstützung: Mit der Aktion „Stadternte“, die im Rahmen des Wissenschaftsjahrs 2015 „Zukunftsstadt“ stattfand, erntete Bundesforschungsministerin Johanna Wanka am 17. August 2015 symbolisch Mirabellen und Pflaumen. Mit ihrer Aktion will die Ministerin auf das bestehende Engagement von Initiativen wie „Mundraub“ und auf das Potenzial solcher frei verfügbaren Nutzpflanzen aufmerksam machen.

Bundesforschungsministerin Wanka pflückt Obst und setzt damit ein Zeichen

„Das ist erst der Anfang!“, sagte Ministerin Wanka bei der Pflückaktion und sprach die Hoffnung aus, dass solche Aktionen zukünftig auch in vielen anderen Städten stattfinden. Die Ministerin machte deutlich, wie wichtig es ist, die Vielfalt und vor allem alte Sorten, die es in Deutschland vielerorts gibt, zu bewahren. Darüber hinaus betonte sie die Notwendigkeit, Forschung mit den Bürgern zu verbinden, damit alle davon profitieren. Die Aktion wird wissenschaftlich vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie begleitet. Die Forscher wollen ermitteln, welches Potential in der stadtnahen Lebensmittelversorgung steckt. Im Jahr 2016 sollen die Ergebnisse ihrer Begleitforschung veröffentlicht werden.

Eigentumsrechte müssen vorher geklärt sein

Doch kein Baum ist in Deutschland ohne Eigentümer. Die Mundräuber wollen nicht dazu ermuntern, fremdes Eigentum zu stehlen. Bevor man Obst pflückt und den Standort mit andern teilt, muss sichergestellt werden, wem die Flächen und somit die Bäume und Sträucher gehören, heißt es in den „Mundräuber Regeln“. Auch wenn die Flächen in öffentlicher Hand sind, heißt das nicht automatisch, dass die Früchte für alle Bürger frei verfügbar sind.

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Ist das Obst aus der Stadt auch gesund? Untersuchungen zeigten: Keine der von Forschern in Berlin gesammelten Obst-Proben überschritt die EU-Grenzwerte für Blei oder Cadmium.

Ist das Obst aus der Stadt auch gesund? Untersuchungen zeigten: Keine der von Forschern in Berlin gesammelten Obst-Proben überschritt die EU-Grenzwerte für Blei oder Cadmium.

Bildquelle: © Pflanzenforschung.de

Die essbare Stadt

Es gibt allerdings auch Städte, die zivilgesellschaftliches Engagement gezielt unterstützen und vorantreiben. Ein Beispiel ist die Stadt Andernach, die sich selbst den Titel „Essbare Stadt“ verliehen hat. Nach dem Motto „Pflücken erlaubt statt Betreten verboten“, wirbt sie dafür, sich bei den Nutzpflanzen zu bedienen, die in der Stadt gepflanzt wurden. Eine innovative Grünraumplanung, die den Bürger fordert mit zu gestalten und anzupacken.

Doch ist das Stadtobst und –gemüse auch gesund?

Der ein oder andere mag sich fragen, ob es die beste Idee ist, Obst und Gemüse zu verzehren, dass an vielbefahrenen Straßen gewachsen ist. Denn in Städten sind sie oftmals einer höheren Schadstoffbelastung ausgesetzt. Dr. Ina Säumel von der Technischen Universität Berlin hat das genauer untersucht. 2012 kam sie mit Kollegen zu dem Ergebnis, dass 50 Prozent aller untersuchten Stadtgemüseproben die EU-Richtwerte für Blei überschritten. Ganz anders beim Obst: In den Untersuchungen überschritt keine der Obst-Proben die EU-Grenzwerte für Blei oder Cadmium. Solange das Obst gründlich gewaschen wird, besteht kein gesundheitliches Risiko (2014).

Doch die Forscherin sieht auch für den Gemüseanbau in Städten nicht rot. „Man kann Maßnahmen gegen eine Akkumulation solcher Schadstoffe ergreifen“, sagt Säumel. Eine geschickte Planung des Gartens, das Anpflanzen in Hochbeeten und qualitativ hochwertige Erde können das Schwermetall-Risiko stark minimieren. Darüber hinaus sollte ein Sicherheitsabstand von 10 Metern zu Straßen eingehalten werden und Schutzelemente wie Hecken mit eingeplant werden.

Landwirtschaftliche Produktion im Stadtkern

Seit jeher gilt: Auf dem Land wird die Nahrung angebaut und geerntet und dann in die Städte transportiert und verkauft. Dort leben viele Menschen geballt auf begrenztem Raum. Sie benötigen nicht nur ausreichend Lebensmittel, sondern wünschen sich auch eine abwechslungsreiche und die Gesundheit fördernde Ernährung. Doch der Transport der Güter zu ihnen verursacht Kosten und Treibhausgasemissionen. Da ist die Idee, Nahrungsmittel direkt in der Großstadt zu produzieren, nicht abwegig. Was man unter Begriffen wie Vertical Farming oder Sky Farming zusammenfasst, ist einfach ausgedrückt, die landwirtschaftliche Produktion in Hochhäusern.

In einigen Städten gibt es erste Pilotprojekte. So wurde beispielsweise eine alte Fabrikhalle in Chicago zu einer Farm umfunktioniert („The Plant“), auch in Asien entwickeln Forscher Hightech-Systeme in Hochhäusern. „In Japan gibt es mittlerweile sogenannte „Pflanzenfabriken“. Das sind Hochhäuser ohne eingezogene Etagen. In ihnen werden diverse Blattgemüse gezogen, die in Japan sehr beliebt sind“, erklärte der als Visionär des Vertical Farming bekannte Dr. Dickson Despommier bereits 2013 in einem Interview mit Pflanzenforschung.de.

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ROOF WATER-FARM: Technologien zur Wasseraufbereitung und Kultivierung von Pflanzen und Fischen werden in einer Demonstrationsanlage und Teststrecke in Berlin-Kreuzberg erprobt.

ROOF WATER-FARM: Technologien zur Wasseraufbereitung und Kultivierung von Pflanzen und Fischen werden in einer Demonstrationsanlage und Teststrecke in Berlin-Kreuzberg erprobt.

Bildquelle: © ROOF WATER-FARM/Foto: Marc Brinkmeier

Forschung zur innovativen Landwirtschaft in Städten wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Beispielsweise mit dem Projekt „ROOF WATER-FARM“, bei dem an Möglichkeiten einer gebäudeintegrierten Wasseraufbereitung zur Bewässerung und Düngung von Dachgewächshäusern geforscht wird. In einer Demonstrationsanlage wird das Konzept bereits praktisch erprobt. Das verfügbare Wasser der Stadt würde künftig nicht nur abfließen, sondern soll zur urbanen Lebensmittelproduktion genutzt werden.

Der Tomatenfisch = Fisch und Tomaten zusammen kultivieren

Auch das BMBF-Projekt „Tomatenfisch“ macht sich das Kreislaufsystem zunutze. Am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin wurde ein System entwickelt, mit welchem zum gegenseitigen Nutzen Fische und Tomaten in einem Gewächshaus kultivieren werden. Die Forscher machen sich zunutze, dass Tomaten und Tilapia wärme Temperaturen bevorzugen.

Im Gewächshaus zirkuliert das Wasser - die Nährstoffe aus den Abwässern der Fischzucht dienen den Tomaten als Dünger.

Die Fische werden in Aquakultur, die Tomaten in Hydroponik kultiviert, sprich in Wasser ohne den Einsatz von Erde. Zusammen ergibt sich der Begriff „Aquaponik“, der besagt, dass beide Systeme kombiniert wurden. Das für das Projekt entwickelte technische System „ASTAF-PRO“ (Aquaponik-System zur emissionsfreien Tomaten- und Fisch- Produktion) ist mittlerweile patentiert und wird im Rahmen des europäischen Verbundprojekts INAPRO weiter entwickelt.

Langfristiges Ziel: Die Stadt nachhaltiger machen

All diese Ansätze sind Schritte in die gleiche Richtung: Die Stadt nachhaltiger mit Lebensmitteln zu versorgen. Ressourcen sollen effizient genutzt und eingespart sowie Synergien genutzt werden. Zudem sollen neue Lebensräume für Kulturpflanzen erschlossen werden. Sicherlich wird dies nicht dazu führen, dass auf die Landwirtschaft im herkömmlichen Sinn verzichtet und künftig alle Lebensmittel in den Städten selbst produziert werden können. Aber sie besitzen das Potenzial, einen Teil ihrer Flächen in Länge, Breite und Höhe landwirtschaftlich und gärtnerisch zu nutzen. Zusätzlich werden Städter für die Problematik sensibilisiert und das kann dazu führen, dass sie ihre Stadt aktiver mitgestalten. Das eigene Kauf- und noch viel wichtiger das eigene Wegwerfverhalten werden kritisch hinterfragt. Und Hand aufs Herz - gibt es etwas Leckereres als die Erdbeeren oder Äpfel, die man selbst gepflanzt und umsorgt hat?

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