Die perfekte Täuschung

Mistkäfer vergräbt Samen, weil diese aussehen und riechen wie Dung

19.10.2015 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der Getäuscht: Der kotfressende Mistkäfer Epirinus flagellatus wird zum unfreiwilligen Verbreitungshelfer. (Bildquelle: © Joseph DM White/University of Cape Town)
Der Getäuscht: Der kotfressende Mistkäfer Epirinus flagellatus wird zum unfreiwilligen Verbreitungshelfer. (Bildquelle: © Joseph DM White/University of Cape Town)
Die Pflanze Ceratocaryum argenteum führt Mistkäfer hinters Licht, indem ihre Samen so aussehen und riechen wie die Hinterlassenschaften von Tieren.  (Bildquelle: © Joseph DM White/University of Cape Town)
Die Pflanze Ceratocaryum argenteum führt Mistkäfer hinters Licht, indem ihre Samen so aussehen und riechen wie die Hinterlassenschaften von Tieren. (Bildquelle: © Joseph DM White/University of Cape Town)

Eine afrikanische Pflanze führt Mistkäfer hinters Licht, indem ihre Samen so aussehen und riechen wie die Hinterlassenschaften von Tieren. Der Käfer rollt und vergräbt die Samen und merkt zu spät, dass er in die Irre geführt wurde. Blöd für den Käfer, denn er wird zum unfreiwilligen Verbreitungshelfer und hat rein gar nichts davon. 

Die Pflanze Ceratocaryum argenteum ist im Süden Afrikas heimisch und hat eine ausgeklügelte Taktik entwickelt ihre Samen zu verbreiten. Das berichten Forscher, die das Seilgrasgewächs im afrikanischen Naturschutzgebiet De Hoop Nature Reserve untersuchten.   

Eine ganz besondere Form der Nachahmung: Fäkale Mimikry

Ceratocaryum argenteum produziert nicht nur ungewöhnlich große Samen - die größten in dieser Pflanzenfamilie. Die 1 cm großen, braunen Nüsse haben zudem ein seltsames Erscheinungsbild. Denn sie sehen dem Kot von Pflanzenfressern zum Verwechseln ähnlich. Aber nicht nur das, sie riechen auch so.

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Die perfekte Täuschung: Die Samen der Pflanze Ceratocaryum argenteum (rechts) sehen dem Kot des Buntbocks (links) nicht nur ähnlich - sie sondern auch ähnliche Duftstoffe ab und täuschen so ahnungslose Mistkäfer.

Bildquelle: © Joseph DM White/University of Cape Town

Die Forscher analysierten den stechenden Geruch und entdeckten, dass sie nicht nur für die menschliche Nase unangenehm reichen, sondern auch flüchtige Duftstoffe verströmen, die ebenfalls im Dung von Tieren zu finden sind - genauer gesagt ähneln die Nüsse dem Kot des Buntbocks und der Elenantilope, die im Verbreitungsgebiet der Pflanze anzutreffen sind. Die Samen von C. argenteum verströmten zudem fast die 300-fache Menge an flüchtigen Verbindungen wie verwandte Seilgrasgewächse.

Die Antilopen - deren Kot die Pflanze imitiert - verspeisen die Nüsse von C. argenteum nicht. So konnte ausgeschlossen werden, dass in deren Kot Teile der Samen enthalten sind und die Ähnlichkeit des Duftes darauf zurückzuführen wäre. Es ist also eine gezielte Strategie der Pflanze, dem Dung zu ähneln. Die Forscher interessierte daher, wie diese Art der Nachahmung (Mimikry) der Pflanze hilft, den Fortbestand ihrer Art zu sichern. 

Pflanze nutzt Mistkäfer aus

Die Forscher vermuteten, dass die Nüsse vielleicht für Nagetiere interessant sein könnten. Doch als sie mit Bewegungskameras die freilebenden Kleinsäuger beobachteten, bemerkten sie, dass diese die Nüsse links liegen ließen. Weder aßen die Nager die Nüsse noch verbuddelten sie diese. Erst wenn diese aufgebrochen, also geknackt waren, wurde diese für die Nagetiere interessant. Die Forscher vermuten, dass der Geruch die Tiere abschreckt. Doch, wer verbreitet dann die Samen? 

Zu ihrer Überraschung stellten die Forscher in ihren Feldexperimenten fest, dass der kotfressende Mistkäfer Epirinus flagellatus die Samen verbreitet. Für ihre Untersuchungen plazierten sie 195 Nüsse an 31 verschiedenen Orten in freier Wildbahn, um die Käfer zu beobachteten. Vom Gestank der Nüsse angezogen, rollen die Käfer die Früchte als vermeintliche Nahrung für sich und ihre Larven vor sich her und vergraben sie im Boden.

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Das Seilgrasgewächs Ceratocaryum argenteum im Süden Afrikas heimisch - hier sieht man es im afrikanischen Naturschutzgebiet De Hoop Nature Reserve. 

Bildquelle: © Joseph DM White/University of Cape Town

Innerhalb von einem Tag war fast die Hälfte (44 Prozent) der Nüsse abtransportiert. Durchschnittlich 21 Zentimeter weit rollten sie die Nüsse und vergruben diese zwei Zentimeter tief. Erst dann bemerkten die Käfer den Betrug. Das wurde deutlich, nachdem die Wissenschaftler die Nüsse wieder ausgruben. Sie fanden keine Käfer oder Käfereier und auch keine Schäden an den Samen. Die Käfer hatten den Irrtum entdeckt und sind weitergezogen. Welche Duftstoffe die Käfer genau locken ist jedoch noch unklar und müsste in weiteren Untersuchungen geklärt werden.

Sehr einseitige Beziehung

Das ist eine ungewöhnliche und sehr einseitige Pflanzen-Tier-Beziehung, denn die Pflanze profitiert von der Verbreitung, der Käfer geht jedoch leer aus. Die Verwechslung ist sogar von Nachteil für den Käfer, schließlich hat er Energie investiert, um die Beute zu vergraben und merkt erst, als er zum Essen ansetzt, dass er getäuscht wurde. Damit diese einseitige Beziehung funktioniert muss die Täuschung perfekt sein und das geschieht im Fall von Ceratocaryum argenteum durch eine gelungene Imitation von Aussehen und Duft.

Es gibt bemerkenswerteste Beispiele für biologische Täuschungen, z. B. Pflanzen die Insekten austricksen, um ihre Blüten ohne Belohnung bestäuben zu lassen. Viele Orchideen beispielsweise locken Insekten mit bunten Blüten, die jedoch keinen Nektar produzieren oder suggerieren mit ihrem Äußeren oder mit Duftstoffen, sie seien ein Sexualpartner für Insekten. Bei der Bestäubung ist die Täuschung nichts Ungewöhnliches. Bei der Verbreitung von Samen allerdings schon. C. argenteum könnte daher weltweit das eindrücklichste Beispiel für eine fäkale Mimikry bei der Samenverbreitung sein, berichten die Forscher.

Allerdings muss das Gleichgewicht im Ökosystem stimmen, damit die Strategie der Pflanze aufgeht: Befindet sich zu viel Dung in der Umgebung, werden die Nüsse nicht vergraben, weil die Käfer zu viel Auswahl haben. Gibt es jedoch zu wenig Dung ist die Samenverbreitung auch gefährdet, weil es zu wenige Mistkäfer gibt. „Wir haben noch viel zu über die Dynamik solcher fäkalen Mimikry zu lernen“, fasst Studienautor Jeremy Midgley zusammen.

Doch es geht auch anders, viele Pflanzen gehen regelrecht Freundschaften mit Tieren ein. Mehr hierzu unter: Tierisch gute Freunde

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