Die Pflanze im Fokus

Interview mit den Sprechern des WissenschaftsCampus Halle - pflanzenbasierte Bioökonomie

30.05.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die Sprecher des WissenschaftsCampus - pflanzenbasierte Bioökonomie: Prof. Dr. Klaus Pillen (links) und Prof. Dr. Ludger Wessjohann (rechts) (Quelle: © WCH)

Die Sprecher des WissenschaftsCampus - pflanzenbasierte Bioökonomie: Prof. Dr. Klaus Pillen (links) und Prof. Dr. Ludger Wessjohann (rechts) (Quelle: © WCH)

Bioökonomie ist eine Vision und eine Notwendigkeit gleichermaßen. Deutschland will international eine Vorreiterrolle übernehmen, um „weg vom Mineralöl“ und hin zu einer biobasierten Wirtschaft zu gelangen. Als erstes Land verabschiedete die Bundesregierung daher die „Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030“. Die Region Sachsen-Anhalt ist seit vielen Jahren ein renommiertes Zentrum der Pflanzenwissenschaften. Hier formierte sich im Jahr 2011 der WissenschaftsCampus Halle (WCH), der sich der pflanzenbasierten Bioökonomie verschrieben hat. Erstmalig wird hier die Pflanze als Rohstoffquelle für die Bioökonomie ins Zentrum eines Forschungsclusters gestellt. Im WCH werden zudem in einmaliger Weise Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung mit sozioökonomischen Fragestellungen kombiniert.

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Der WissenschaftsCampus Halle - pflanzenbasierte Bioökonomie

Unter dem Dach des WCH - pflanzenbasierte Bioökonomie haben sich vier Leibniz-Institute, das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), das Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB), das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) sowie das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und die Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg (MLU) mit den Naturwissenschaftlichen Fakultäten I und III zusammengeschlossen.

Daneben gibt es drei assoziierte Mitglieder: Innerhalb der Universität das Interdisziplinäre Zentrum für Nutzpflanzenforschung (IZN), daneben das Agrochemische Institut Piesteritz (AIP) und das Julius Kühn-Institut – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI), eine Ressortforschungseinrichtung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV).

Seit über einem Jahr wird im Rahmen des WCH – pflanzenbasierte Bioökonomie interdisziplinär geforscht und die pflanzenbasierte Bioökonomie auch in der Lehre an den wissenschaftlichen Nachwuchs weitergegeben. Anlässlich der Internationalen Bioökonomie-Konferenz am 6. und 7. Juni 2013 sprach Pflanzenforschung.de mit den beiden Sprechern des WCH, Herrn Prof. Dr. Klaus Pillen von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Herrn Prof. Dr. Ludger Wessjohann vom Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie, über Idee hinter dem Campus und deren Arbeit.

Pflanzenforschung.de: Können Sie uns zunächst kurz beschreiben, wie es zur Gründung des WissenschaftsCampus Halle - pflanzenbasierte Bioökonomie kam?

Prof. Dr. Klaus Pillen: Im März 2011 hat der WissenschaftsCampus Halle mit der Unterzeichnung des Kooperationsvertrags offiziell seine Arbeit aufgenommen. Er wurde mit dem Ziel gegründet, die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Leibniz-Institute der Region Sachsen-Anhalt mit der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg (MLU) zu verstärken und die pflanzenbasierte Bioökonomie voranzutreiben.

Die ursprüngliche Idee für die Zusammenarbeit von Universität und Leibniz-Gesellschaft ist bereits älter. Dieses kam bereits 2009 auf und wurde vom damaligen Rektor der Martin-Luther-Universität, Prof. Diepenbrock, und auf Seiten der Leibniz-Gemeinschaft vom damaligen Präsident Prof. Rietschel vorgedacht. Eine weitere treibende Kraft war und ist Prof. Scheel. Zu dieser Zeit war er der geschäftsführende Direktor des Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB). Auch von Seiten der Landespolitik wurden die beteiligten Einrichtungen motiviert diesen Schritt zu gehen. Im Jahr 2010 wurde ein Antrag mit dem Thema pflanzenbasierte Bioökonomie beim Landesministerium für Wissenschaft eingereicht und positiv bewertet.

Pflanzenforschung.de: Sie haben sich die pflanzenbasierte Bioökonomie auf die Fahne geschrieben. Der Rohstoff Pflanze ist für Sie also das Fundament auf dem die Bioökonomie fußt?

Prof. Dr. Ludger Wessjohann: Genau. Pflanzen sind für uns die zentrale Rohstoffbasis für eine Bioökonomie. Bioökonomie ist ein recht junger Begriff, der noch nicht endgültig definiert ist. Daher gibt es verschiedene Interpretationen, aber im Grunde geht es immer um die Nutzung biologischer Ressourcen für die Wirtschaft. Man möchte weg vom Mineralöl und hin zu einer nachhaltigen und auf erneuerbaren Ressourcen basierenden, einer biobasierten Wirtschaft.

Im Wesentlichen gibt es drei Kernbereiche, die es bei der pflanzenbasierten Bioökonomie zu bedenken gibt: Das ist zum einen der Bereich der Ernährung, dann der Bereich der stofflichen Nutzung - darunter fällt die industrielle Nutzung pflanzlicher Rohstoffe - und zuletzt die Bioenergie, die allerdings kein Schwerpunkt unseres Campus ist. Wir konzentrieren uns bei unserer Arbeit auf die beiden erstgenannten Bereiche. Generell gehen wir von einer Kaskadennutzung, also einer mehrfachen Nutzung des Rohstoffs Pflanze aus, und sehen die energetische Nutzung als letzte Verwertungsstufe. Gelingt es, die Produktivität von Pflanzen zu steigern - indem sie mehr Biomasse bilden - und den Rohstoff Pflanze effizienter zu erzeugen und zu nutzen, wirkt sich dies letztlich jedoch ebenfalls auf den Energiesektor aus.

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Pflanzen stehen beim WCH im Zentrum: Sie sind die zentrale Rohstoffbasis für eine Bioökonomie.

Pflanzen stehen beim WCH im Zentrum: Sie sind die zentrale Rohstoffbasis für eine Bioökonomie.

Bildquelle: © IAMO

Pflanzenforschung.de: Welche Vision steht hinter dem Campus? Und welche Rolle spielt dabei die Pflanze?

Prof. Dr. Klaus Pillen: Das übergeordnete Ziel ist letztlich, dass wir zu einer nachhaltigeren und damit „grünen“ Wirtschaft kommen wollen. Wir haben das Anliegen am Campus Grundlagen zu schaffen. Gleichzeitig geht es uns darum, verbesserte Anwendungen pflanzenbasierter Technologien zu etablieren. Am WissenschaftsCampus Halle beschäftigen wir uns neben der Primärproduktion von Pflanzen und deren Verarbeitung verstärkt auch mit den sozioökonomischen Effekten. Wir verknüpfen dabei Pflanzenwissenschaften mit Soziologie und Ökonomie. Nicht zuletzt durch diese Begleitforschung, entwickelt sich eine neue Qualität der Forschung. Wir wollen eine interdisziplinäre Sichtweise etablieren, die auch eine neue Art der Forschung und Lehre nach sich zieht.  

Prof. Dr. Ludger Wessjohann: Pflanzen sind aber keine bloße Ressource für uns. Vielmehr sind diese auch ein Vorbild. Durch die Kombination der unterschiedlichen Forschungseinrichtungen und deren Kompetenzen wollen wir verstehen und lernen, wie Pflanzen das komplexe Wechselspiel mit ihrer Umwelt meistern. Wie die Anpassung an sich ständig ändernde Bedingungen funktioniert und wie diese Plastizität weiter optimiert werden kann. Vor allem mit Blick auf Herausforderungen wie den Klimawandel und die veränderten Nutzungsbedingungen einer Wirtschaft jenseits fossiler Ressourcen. Aus diesen Gründen ist eine Kombination von Grundlagenforschung und dem Transfer dieses Wissens in die Anwendung unser zentrales Ziel. Wir sind daher offen für Partner aus der Wirtschaft und freuen uns über Kooperationen.

Daneben wollen wir uns in der Region und auch über Deutschland hinaus als ein Zentrum der pflanzenbasierten Bioökonomie etablieren. Derzeit ist fast 40 Prozent der bioökonomischen Forschung in Deutschland in der Region Mitteldeutschland angesiedelt. Auch wir. Und wir wollen die einmalige Kooperation nutzen, um unsere Wissenschaftler noch besser zu vernetzen.  

Pflanzenforschung.de: Arbeiten sie auch mit Forschungseinrichtungen außerhalb ihres Verbundes zusammen? Und gibt es Pläne noch weitere Partner mit zu involvieren?

Prof. Dr. Klaus Pillen:  Ja, es gibt bereits viele Kooperationen. Natürlich sind wir auch offen für weitere Partner. Zu Beginn mussten wir uns erst finden und die Zusammenarbeit musste sich einspielen, aber nun heißt das Motto: Horizonterweiterung.

Pflanzenforschung.de: Der WissenschaftsCampus Halle ist ein „virtueller“ Campus, der als Klammer fungiert, um die Forschung zu einer pflanzenbasierten Bioökonomie zu bündeln. Können Sie kurz erläutern, wie ihre Zusammenarbeit konkret aussieht?

Prof. Dr. Ludger Wessjohann: Der Campus ist zwar virtuell, jedoch liegen die meisten Mitgliedseinrichtungen räumlich doch nah beieinander, sodass es durchaus auch räumlich zu einem gewissen Zusammengehörigkeitsgefühl kommt. Der Campus Heide Süd der Universität Halle ist dabei quasi das Zentrum.   

Prof. Dr. Klaus Pillen: Es ist nicht so, dass virtuell Leute zusammengewürfelt wurden, die sich noch nie gesehen haben. Die Wissenschaftler kannten sich bereits vorher und haben durch den Zusammenschluss nun auch eine gemeinsame, strukturelle Basis erhalten, um Projekte zu entwerfen und zu fördern. Durch den Campus wurde der Austausch untereinander verstärkt. Es gibt derzeit fünf Verbundprojekte, die vom WCH gefördert werden. Darin arbeiten die Forscher eng zusammen.

Am Campus versuchen wir, die sich ergänzenden Bereiche der Mitgliedsinstitute und der Fachbereiche stärker interdisziplinär zu vernetzen, als es in der Vergangenheit der Fall war. Wir verknüpfen dabei exzellente universitäre Forschung mit außeruniversitärer Forschung und haben auch das Ziel die pflanzenbasierte Bioökonomie stärker in der universitären Lehre zu integrieren.

Wir arbeiten derzeit an einem Modul „Bioökonomie“ und wollen perspektivisch einen eigenen Studiengang ins Leben rufen. Aber es gibt verschiedene Studiengänge bei uns, die das Thema pflanzenbasierte Bioökonomie auch heute schon aufgreifen. Darunter die Agrarwissenschaften, Biologie, Biotechnologie, Pharmazie und wir haben einen speziellen Masterstudiengang für Nutzpflanzenwissenschaften, in dem unsere Themen integriert werden.  

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Der WissenschaftsCampus Halle beschäftigt sich mit der Primärproduktion von Pflanzen und deren Verarbeitung. Zudem verknüpft der Campus diese Forschung mit sozioökonomischen Fragestellungen. 

Der WissenschaftsCampus Halle beschäftigt sich mit der Primärproduktion von Pflanzen und deren Verarbeitung. Zudem verknüpft der Campus diese Forschung mit sozioökonomischen Fragestellungen. 

Bildquelle: © IAMO

Zudem gibt es zwei internationale Leibniz-Graduiertenschulen, wobei eine erst mithilfe des Wissenschaftscampus gegründet wurde. Hier wird den Doktoranden auf ihrem Weg zur Promotion ein strukturiertes Ausbildungsprogramm geboten. Diese Programme beinhalten auch Themen der pflanzenbasierten Bioökonomie. Es werden sowohl Doktoranden von der Leibniz-Gemeinschaft, als auch von der Universität finanziert. Dies ist damit auch ein Beispiel für unsere Zusammenarbeit.

Pflanzenforschung.de: Sehen Sie darüber hinaus weitere Stärken und vielleicht auch Schwächen eines solchen Zusammenschlusses? 

Prof. Dr. Klaus Pillen:  Es gibt auf jeden Fall einen Mehrwert. Wir haben bereits erste Forschungsergebnisse unserer Verbundprojekte und wir haben gesehen, dass die Arbeit Synergien geschaffen hat: Die Kooperation hat Forschende aus unabhängigen Forschungseinrichtungen enger zusammengeführt, einige Prozesse beschleunigt sowie Studierende und Doktoranden besser integriert. Es ist uns auch wichtig, diese neue Generation kreativer Köpfe fit zu machen für die Zukunft und sie frühzeitig mit den komplexeren Konzepten einer Bioökonomie vertraut zu machen.   

Von Schwächen würde ich nicht reden, ich sehe nur die Herausforderung, der räumlichen Entfernung einiger der beteiligten Einrichtungen. Allerdings gibt es vielfältige Formen des Austauschs. Neben der Lehre, denn viele Wissenschaftler der Mitgliedsinstitute sind bei uns an der Universität als Professoren tätig, finden regelmäßig Treffen der Mitglieder statt. So gibt es wissenschaftliche Treffen, aber auch Verwaltungstreffen und natürlich findet ein Austausch auch über das Medium Internet statt.

Besonders hervorzuheben ist unser Jahrestreffen: Seit letztem Jahr findet dies in Form einer Konferenz zum Thema pflanzenbasierte Bioökonomie statt. Dieses schafft uns die Möglichkeit des direkten Austausches und der Begegnung. Auch mit Partnern über den WCH hinaus. 

Pflanzenforschung.de: Sie sprechen gerade die Konferenz an. Dieses Jahr wird sie zum zweiten Mal stattfinden. Welche Unterschiede gibt es zum letzten Jahr und was wollen sie damit erreichen?

Prof. Dr. Ludger Wessjohann: Im ersten Jahr unseres Bestehens haben wir eine Konferenz abgehalten, die einer breiten, themeninteressierten Öffentlichkeit gewidmet war. Es war daher eine national ausgerichtete Konferenz, die den Campus vorstellen sollte und auch gezielt eine politische Komponente hatte.

Auch in diesem Jahr wird es eine Konferenz geben: Die Internationale Bioökonomie-Konferenz findet am 6. und 7. Juni 2013 am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) in Halle (Saale) statt. Dieses Mal allerdings wird das Thema Bioökonomie wissenschaftlich aufgegriffen und in einen globalen Kontext gestellt. Wir wollen nun über den Tellerrand hinaus blicken und dürfen neben Wissenschaftlern aus dem WCH auch viele internationale Sprecher begrüßen. Durch diese internationale Ausrichtung, wird die Konferenzsprache dieses Jahr auch Englisch sein.

Exzellente Wissenschaftler aus diversen Bereichen der Bioökonomieforschung werden als Redner einen Überblick über die internationale Forschung auf dem Gebiet geben. Dabei haben wir Gäste aus ganz Deutschland, der Schweiz, England, Malaysia und den U.S.A.

Prof. Dr. Klaus Pillen:  Wir wollen natürlich unsere Forschung und unsere bisherigen Ergebnisse präsentieren. Damit auch den Campus sichtbarer machen. Darüber hinaus, ist es ein weiteres Ziel, wissenschaftliche Kontakte zu knüpfen und hoffentlich neue Ideen für Forschungsprojekte dabei entwickelt werden können. Wir hoffen, dass durch das Treffen Forscher gemeinsame Forschungsansätze diskutieren und wir ihnen dann helfen können, die Forschung zu realisieren.

Die Konferenz soll nicht exklusiv sein, wie viele andere wissenschaftliche Konferenzen. Wir wollen den Campus und auch die pflanzenbasierte Bioökonomie einem breiteren Publikum näherbringen. Daher wollen wir die Konferenz öffnen und laden jeden Interessierten dazu ganz herzlich ein. Wer teilnehmen will, kann sich auf unserer Homepage kostenlos zu dieser anmelden. Natürlich sind auch Ihre Leser von Pflanzenforschung.de herzlich willkommen. Und wer es so kurzfristig nicht mehr schafft, sollte sich den Termin für nächstes Jahr schon einmal vormerken: 22. und 23. Mai 2014.

Pflanzenforschung.de: Vielen Dank für das Gespräch!