Die Welt-Klimadiät

Effektiver Klimaschutz klappt nur mit einem Verzicht auf Fleisch

14.04.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Es muss nicht immer Fleisch sein - Selbst in der Grillsaison. (Quelle: © iStock.com/IgorDutina)
Es muss nicht immer Fleisch sein - Selbst in der Grillsaison. (Quelle: © iStock.com/IgorDutina)

Forscher berechnen, dass das 2-Grad-Ziel nur mit einem weitgehenden Verzicht auf Fleisch- und Milchprodukte noch erreicht werden kann.

Wer gerne Fleisch isst, kann sich auf harte Zeiten einstellen. Forscher haben berechnet, dass wirksamer Klimaschutz nur mit einem Verzicht auf Fleisch- und Milchprodukte zu bewerkstelligen ist. Denn durch die weltweit steigende Nachfrage an tierischen Produkten könnte der Treibhausgasausstoß in der Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten stark ansteigen und damit Erfolge in anderen Bereichen einfach „aufessen“. Die effektivste Lösung, um das zu verhindern, ist der Fleischverzicht, urteilen die Forscher.

Fleischkonsum kontra Klimaschutz

Das Problem mit dem Fleisch: Bei der „Produktion“, also in der Viehhaltung, werden Klimagase freigesetzt, die wesentlich wirksamer sind als CO2. Dazu gehört Methan (CH4), das in großen Mengen aus den Verdauungstrakten von Wiederkäuern entweicht. Methan ist 25 mal wirksamer als CO2.

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Das aus dem Verdauungstrakt von Wiederkäuern freigesetzte Methan ist ein wesentlich stärkeres Treibhausgas als CO2.

Das aus dem Verdauungstrakt von Wiederkäuern freigesetzte Methan ist ein wesentlich stärkeres Treibhausgas als CO2.

Bildquelle: © Petra Dirscherl / pixelio.de

Das ebenfalls durch die Landwirtschaft freigesetzte Distickstoffoxid oder Lachgas (N2O) ist sogar etwa 300 mal wirksamer als CO2. Lachgas entsteht, zum Beispiel wenn Böden beim Anbau von Pflanzen stark mit Stickstoff gedüngt werden. Wird zu viel oder zu ungünstigen Zeiten gedüngt, können die Pflanzen den Stickstoff nicht vollständig aufnehmen, er wird in der Folge von Mikroorganismen umgesetzt (Denitrifikation), wobei Lachgas freigesetzt wird. Einen Schwerpunkt markiert der Reisanbau, wo durch die Überflutung der Flächen, denitrifizierende Bakterien gefördert werden. Aber auch Landnutzungsänderungen, wie zum Beispiel die Umwandlung von Wald in Weideland, setzt große Mengen an CO2 frei. Weltweit werden 30 Prozent der Landfläche zum Futtermittelanbau bzw. als Weiden verwendet.

Angaben der Welternährungsorganisation zufolge wird der Fleisch- und Milchkonsum durch wachsende Bevölkerungszahlen und den steigenden Wohlstand in den nächsten Jahrzehnten ebenfalls ansteigen. In der Folge wird sich der Ausstoß von Treibhausgasen aus der weltweiten Landwirtschaft von 7,1 Gigatonnen CO2equ (CO2-Äquivalent) im Jahr 2000 auf 13 Gt CO2equ im Jahr 2070 erhöhen, berechneten die Wissenschaftler in ihrer neuen Studie. Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, und damit schwere Folgen des Klimawandels zu vermeiden, von dem wiederum die Landwirtschaft besonders betroffen wäre, dürften zu diesem Zeitpunkt alle Bereiche (Energie, Transport, Landwirtschaft, private Haushalte) zusammen nur noch auf 13 Gt CO2equ pro Jahr kommen.

Weniger Fleisch, weniger Treibhausgase

Um die Auswirkungen des Fleischkonsums auf die Klimabilanz zu untersuchen, berechneten die Wissenschaftler vier verschiedene Szenarien: Den von der FAO prognostizierten Anstieg des Fleisch- und Milchkonsums, den gleichen Anstieg mit verbesserten Technologien beim Anbau und bei der Viehzucht und zwei weitere Szenarien mit stark reduziertem Konsum von Lamm- und Rindfleisch sowie Milch, ersetzt durch Fleischsorten, die nicht von Wiederkäuern stammen und Gemüse. Im Endergebnis zeigte sich, dass nur der weitgehende Verzicht auf Fleisch die Treibhausgasemissionen effektiv senken könnte: Wenn 75 Prozent der Fleisch- und Milchprodukte durch pflanzliche Alternativen ersetzt werden, könnte, zusammen mit verbesserten Produktionstechniken, der Ausstoß der Landwirtschaft bis 2070 auf unter 5 Gt CO2equ pro Jahr gesenkt werden.

Technologischer Fortschritt nicht schnell genug

Die Einsparungsmöglichkeiten durch verbesserte Produktionstechniken könnten allein schon den Ausstoß von Treibhausgasen auf 7,7 Gt CO2equ bis 2070 senken. Sie schließen eine gesteigerte Produktion sowie die Verringerung von Treibhausgasen durch effizientere Anbaumethoden mit verbesserter Stickstoffausnutzung und spezielle Futtermittel für Wiederkäuer, die den Methanausstoß verringern sollen, ein. Aber die Möglichkeiten müssen differenziert betrachtet werden. So wird in der intensiven Landwirtschaft der Industrieländer von einem jährlichen Produktivitätszuwachs von durchschnittlich 1 bis 2 Prozent ausgegangen. In den Entwicklungs- und Schwellenländern sind hingegen durch einen besseren Einsatz von Produktionsmitteln wie Dünger, Wasser oder Pflanzenschutz und neue Produktionstechniken durchaus noch signifikante Zuwächse in der Produktionsmenge pro Flächeneinheit zu erwarten.

Deutlich wird aber, dass sich die Produktion in der Landwirtschaft nicht unendlich steigern lässt, ohne Nebenwirkungen zu haben. Andere diskutierte Ansätze sind Technologien, die Stoffwechselwege von Mikroorganismen blockieren sollen, um Treibhausgasemissionen in großen Mengen zu reduzieren. Auch diese erscheinen den Autoren durch die hohe Anpassungsfähigkeit der Mikroorganismen wenig geeignet, dass Problem dauerhaft zu lösen. So herbeigeführte künstliche Blockierungen könnten von den Mikroben durch Mutationen nach einiger Zeit umgangen und unwirksam gemacht werden.

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Gemüse statt Fleisch: Weitgehend auf Fleisch zu verzichten, würde mehrere Gigatonnen Treibhausgase pro Jahr einsparen.

Gemüse statt Fleisch: Weitgehend auf Fleisch zu verzichten, würde mehrere Gigatonnen Treibhausgase pro Jahr einsparen.

Bildquelle: © iStock.com/mediaphotos

Auch Einsparungen in anderen Sektoren, wie etwa dem Energie- oder dem Transportsektor, könnten der Landwirtschaft wieder mehr „Luft“ verschaffen, so dass die Einsparungen hier nicht mehr ganz so drastisch zu sein bräuchten. Aber auch diese Bereiche stoßen bisher auf Hindernisse, die größere Senkungen bei der Emission von Treibhausgasen offenbar verhindern. Trotz intensiver Forschung werden weitgehend CO2-freie Technologien wohl frühestens in 40 bis 50 Jahren existieren, schätzen die Forscher.

Flexibilität ist gefordert

Auch wenn Fleischverzicht laut Studie eine sehr effiziente Methode zum Klimaschutz darstellt, erwarten die Wissenschaftler nicht, dass wir alle schlagartig vegetarisch werden. Vielmehr gingen sie in ihren Simulationen von sogenannten „Flexitariern“ aus, also von Menschen, die nur noch gelegentlich Fleisch essen (wie den berühmten „Sonntagsbraten“) und ansonsten weitgehend vegetarische Kost zu sich nehmen. Wichtig ist aber, dass jeder Einzelne in den wohlhabenden Bevölkerungsschichten und Ländern, sich Gedanken darüber macht, wie die Ernährung klimafreundlicher gestalten werden kann, erläutern die Forscher. Hier stehen wir alle in der Pflicht, denn ein weiter wie bisher, funktioniert nicht mehr.

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