Geranienwurzeln schützen vor HIV

Neue Studie belegt Wirksamkeit gegen den gefährlichen Virus

07.02.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der Wurzelextrakt der Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides) hat sich in Untersuchungen als äußerst wirksam gegen HIV gezeigt. (© Ram Man /wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0)
Der Wurzelextrakt der Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides) hat sich in Untersuchungen als äußerst wirksam gegen HIV gezeigt. (© Ram Man /wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0)

Mithilfe eines Wurzelextrakts aus einer südafrikanischen Pflanzen erhoffen sich Forscher des Helmholtz Zentrum München große Fortschritte im Kampf gegen das Humane Immundefizienz Virus (HIV).

In ihrer neuen Studie haben die Wissenschaftler des Instituts für Virologie am Münchner Helmholtz Zentrums Ergebnisse veröffentlicht, die vielversprechend klingen: Der Wurzelextrakt der Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides) hat sich in Untersuchungen als äußerst wirksam gegen das Humane Immundefizienz Virus 1 (HIV-1) gezeigt und eröffnet damit neue Möglichkeit für Therapien.

Pelargonium sidoides gehört zur Familie der Storchschnabelgewächse. In Deutschland kennt man vor allem ihre Verwandten, die hybriden zonalen Pelargonien, die sich unter der Bezeichnung „Geranien“ großer Beliebtheit als Balkonpflanzen erfreuen.

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Die Forscher hoben hervor, dass sich der Wurzelextrakt als sehr beständig gegen Hitze und Trockenheit erwiesen habe.

Die Forscher hoben hervor, dass sich der Wurzelextrakt als sehr beständig gegen Hitze und Trockenheit erwiesen habe.

Bildquelle: © Ram Man/ wikimedia.org (CC BY-SA 3.0)

Südafrikanisches Naturheilmittel

Die antivirale Wirkung des Wurzelextrakts der Kapland-Pelargonie ist schon seit einigen Jahrzehnten bekannt. Sie werden vor allem als Tropfen bei Erkältungen und leichten Atemwegsinfekten eingesetzt und sollen das Immunsystem aktivieren, Krankheitserreger bekämpfen sowie schleimlösend wirken. Das entsprechende Medikament nennt sich „Umckaloabo“, ein Name, der angeblich aus der Sprache der Zulu, eines südafrikanischen Eingeborenenstamms, kommen und in etwa „schwerer Husten“ bedeuten soll.

Zwar ist der Namensursprung umstritten, doch die Bezeichnung deutet auf den Herkunftsort der Pflanze hin. Lange bevor der Extrakt hierzulande wegen seiner heilenden Wirkung bekannt war, wurde er von pflanzenkundigen Heilern in Südafrika verwendet. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam er mit dem Engländer Charles Henry Stevens nach Europa. Stevens war wegen seiner Tuberkulose-Erkrankung für einen Kuraufenthalt nach Südafrika gegangen. Ein einheimischer Heiler behandelte Stevens mit dem Extrakt. Nach seiner eigenen Heilung brachte er die Kapland-Pelargonie nach Europa und vermarktete den Wirkstoff erfolgreich. Doch erst in den 1970ern wurde der bis dato geheime Wirkstoff entschlüsselt.

Altes Pflanzenwissen für neue Krankheiten

Dennoch dauerte es vier Jahrzehnte, bis jetzt mit dem Forscherteam um Professorin Dr. Ruth Brack-Werner auch die Wirkung des Extrakts bei einer anderen viralen Erkrankung untersucht wurde: dem gefährlichen HI-Virus. Für ihre Forschungen griffen die Wissenschaftler zunächst ebenfalls auf das Medikament Umckaloabo zurück. Um aber eine konzentrierteren Extrakt herzustellen, verwendeten die Münchner Virologen die gleichen Methoden wie die südafrikanischen Naturheiler und mahlten selbst getrocknete Wurzeln der Pflanze – natürlich unter sterilen, streng wissenschaftlichen Bedingungen.

Im Anschluss untersuchten die Forscher Zellkulturen, die mit dem HIV-1 infiziert waren und stellten fest, dass der Pflanzenstoff nicht nur bei Atemwegserkrankungen wirksam ist, sondern auch bei der Infektion mit HIV. Die Ergebnisse zeigten zudem, dass der Extrakt einer Infektion vorbeugen kann.

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Pelargonium sidoides gehört zur Familie der Storchschnabelgewächse. In Deutschland kennt man vor allem ihre Verwandten, die sich unter der Bezeichnung „Geranien“ großer Beliebtheit als Balkonpflanzen erfreuen.

Pelargonium sidoides gehört zur Familie der Storchschnabelgewächse. In Deutschland kennt man vor allem ihre Verwandten, die sich unter der Bezeichnung „Geranien“ großer Beliebtheit als Balkonpflanzen erfreuen.

Bildquelle: © Chops/ wikimedia.org (CC BY-SA 3.0)

Blockiert Andocken des Virus an die Zelle

Die pflanzlichen Substanzen greifen bereits in einem frühen Stadium der Infektion ein, so die Wissenschaftler in ihrem Artikel. Insbesondere verhindern sie das Andocken der Viren an ihre Wirtszellen und somit auch ihr Eindringen in die Zelle. Das ist der entscheidende Effekt: Denn ohne eine Wirtszelle können sich die Viren nicht vermehren.

Bei den Untersuchungen zeigte sich, dass das Extrakt der Kapland-Pelargonie direkt auf die Funktionen der Hüllenproteine des HIV einwirkt und so unmittelbar die Infektiosität der Virenpartikel verringert. Die Forscher fanden bei ihren Untersuchungen aber auch eine neue Form der Hemmung des Viruseintritts in die Zelle. Die Anwendung des Wurzelextrakts führte dazu, dass die Bindung des HIV-1 an die Wirtszellen vollständig blockiert wurde und damit viruzid wirkt.

Zudem gelang es den Forschern nachzuweisen, dass die antivirale Wirkung der Substanz auf polyphenole sekundäre Pflanzenstoffe zurückzuführen sind, die zur Klasse der Flavonide und der Leukoanthocyanidine gehören. Hierzu isolierten die Münchner Virologen aus dem groben Extrakt Polyphenolfraktionen. Es zeigte sich, dass diese in konzentrierter Form genauso wirksam gegen HIV-1 sind wie der gesamte Extrakt und gleichzeitig weitaus zellschonender. Da in den isolierten Fraktionen zudem mehrere polyphenole Inhaltsstoffe zusammenwirkten, sei das Entstehungsrisiko medikamentenresistenter Viren deutlich geringer als bei Medikamenten, die aus Einzelmolekülen bestehen, so die Forscher in ihrer Studie.

Großes Potenzial für ressourcenarme Gegenden

Ein weiteres großes Plus des Extrakts könnte darin liegen, dass seine Sicherheit für Menschen bereits in zahlreichen, mehrwöchigen klinischen Tests nachgewiesen wurde. Die Forscher des Helmholtz Zentrums hoben außerdem hervor, dass sich der Wurzelextrakt als sehr beständig gegen Hitze, Trockenheit und  extreme pH-Bedingungen erwiesen habe, was eine Langzeit-Lagerung bei Raumtemperatur erheblich erleichtern würde. Wie die Autoren der Studie betonen, unterstreicht dies das große Potenzial des Wirkstoffs für ressourcenarmen Gegenden der Welt.

Schließlich eröffnen die Münchner Forscher mit ihren Ergebnissen Südafrika, dem Land mit  der weltweit höchsten HIV-Infektionsraten, ganz neue Möglichkeiten: Zukünftig wäre es nicht mehr von Medikamenten aus dem Ausland abhängig, sondern könnte auf die Inhaltsstoffe der einheimischen Kapland-Pelargonie zurückgreifen. Auch die vielen, oftmals armen Betroffenen des Landes, die sich teure Therapien nicht leisten können, erhalten durch die Studie Hoffnung. Vielleicht können Sie bald ihr Heilmittel sogar selbst herstellen.

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Kommentare

1 18.02.2014
Heike Molenaar
  Pelargonien vs. Geranien

Ich möchte hiermit darauf hinweisen, dass es sich bei den weltweit beliebten Balkonpflanzen ebenfalls um Pelargonien und nicht wie im Artikel beschrieben, um die nahen Verwandten Geranien, handelt.

Angeboten werden durch die unterschiedlichsten Firmen unter anderem Pelargonien zonale (Pelargonien, die eine zone auf dem Laub aufweisen, und stehend wachsend), während es sich im letzten Bild, um Pelargonien peltatum handelt (hängend wachsend und das Laub an Efeu erinnert), womit nur zwei Arten an dieser Stelle genannt werden sollen.

Bei Geranien handelt es sich um eine andere Gattung in der Familie der Storchschnabelgewächse, die sich von den Pelargonien hinsichtlich des zygomorphen Aufbaus unterscheiden (http://de.wikipedia.org/wiki/Pelargonien).
Siehe dazu auch vergleichend http://de.wikipedia.org/wiki/Pelargonien und http://de.wikipedia.org/wiki/Geranien.

Handelt es sich im Text nun um die Pelargonium sidoides, gehört diese ebenfalls zu der Gattung Pelargonien und damit wäre unter anderem die im Titel genannte "Geranien-Wurzel" botanisch gesehen systematisch unkorrekt.

Um Klarheit zu schaffen, was nun auf den Balkonen wächst und vor allem was gegen Viren hilft, sollte dies korrigiert werden.

Heike Molenaar

1 19.05.2014
Dr.Steinbeck-Klose
  Pelargonien bei HIV

Sehr interessante Infos zu dem Pflanzenextrakt. Es ist eine große Freude zu sehen, daß man nun nach 30 Jahren endlich auch einem Pflanzenextrakt eine effektive Behandlung bei HIV zutraut.
Ich habe dies schon Anfang der 90er Jahre in vivo mit Hypericum perforatum belegt, sowie das Weizmaninstitut schon Ende der 80er Jahre in vitro den Beweis führte. Auch ich dachte damals als erstes an die Patienten in den Ländern wie Afrika, Asien zu helfen, die sich die teure Medikation nicht leisten können. Doch leider war es mir nicht vergönnt ein Institut wie das Helmholtz Zentrum zur Unterstützung zu haben!

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