Globale Aufgaben erfordern internationale Initiativen wie "GlobE"

Dr. Stefan Sieber im Interview

03.11.2017 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Ein Ziel von Trans-SEC ist es, Kinder in Subsahara-Afrika vor Mangelernährung zu schützen. (Bildquelle: © transsecproject/flickr)
Ein Ziel von Trans-SEC ist es, Kinder in Subsahara-Afrika vor Mangelernährung zu schützen. (Bildquelle: © transsecproject/flickr)

Dr. Stefan Sieber koordiniert das GlobE-Forschungsnetzwerk Trans-SEC. Gemeinsam mit rund 120 Wissenschaftlern arbeitet er daran, die Ernährungssituation speziell von Kleinbauern in Tansania zu verbessern. Im Interview mit Pflanzenforschung.de gibt er Einblicke in die Arbeit bei Trans-SEC und erklärt, warum Initiativen wie „GlobE – Globale Ernährungssicherung“ in der heutigen Zeit wichtig sind. 

Pflanzenforschung.de: Herr Sieber, was ist für Sie das Markenzeichen der Forschungsinitiative „GlobE – Globale Ernährungssicherung“, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiiert wurde?

Stefan Sieber: Da gibt es gleich mehrere. Es beginnt mit der hohen Interdisziplinarität und den teilweise auch transdisziplinären Forschungsansätzen. Einzigartig ist auch die starke Vernetzung. Wir reden schließlich von etwa 1.000 Forschern, die bei GlobE, inklusive Zusatzprojekte, zusammenarbeiten! Ich sage immer, dass wir heute viel mehr solcher globalen Netzwerke brauchen, weil auch die Probleme globaler werden. Der Klimawandel, die Bekämpfung von Hunger und Armut, Mangel- und Unterernährung oder die Ernährungssicherung von regional stark wachsenden Bevölkerungen. Die "Sustainable Development Goals", die sogenannten SDGs, legen hierfür die Ziele gleichermaßen für entwickelte und Entwicklungsländer in der Weltgemeinschaft fest.

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Dr. Stefan Sieber ist Diplom-Agraringenieur. Er arbeitet am Institut für Sozioökonomie des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin.

Dr. Stefan Sieber ist Diplom-Agraringenieur. Er arbeitet am Institut für Sozioökonomie des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin.

Bildquelle: © Stefan Sieber/ ZALF

Pflanzenforschung.de: Im Rahmen der GlobE-Forschungsinitiative ist von sechs Netzwerken die Rede. Das Ihre trägt den Namen Trans-SEC. Was sind die Ziele und Schwerpunkte?

Stefan Sieber: Ganz grundsätzlich ist es das Ziel von Trans-SEC, die Ernährungssituation der Menschen vor Ort zu verbessern. Der Fokus liegt dabei auf Kleinbauern in Tansania. Wichtig ist uns außerdem, das „Stunting“ bei Kindern zu reduzieren. Also die körperliche und geistige Zurückgebliebenheit, die durch Mangelernährung ausgelöst wird. Um all dies zu erreichen, arbeiten wir in vier Dörfern mit kleinbäuerlichen Haushalten zusammen. Insgesamt möchten wir 4.000 Haushalte mit unserem Ansatz erreichen. Unser Anspruch ist dabei immer, Verbesserungsmaßnahmen oder -strategien zu entwickeln, die einfach angewendet und verbreitet werden können. Die Betonung liegt auf einfach. Eine Besonderheit von Trans-SEC ist außerdem, dass die Kleinbauern von Anfang an mitreden und entscheiden konnten, wo angesetzt werden soll.

Pflanzenforschung.de: Wie haben Sie gemeinsam mit den Kleinbauern die passenden Aktivitäten ausgewählt?

Stefan Sieber: Es begann damit, dass wir uns angeschaut haben, wer unsere Ansprechpartner sind und was überhaupt machbar ist. Dazu muss man generell wissen, dass es uns bei Trans-SEC nicht um Innovationen im herkömmlichen Sinne geht, also um die Entwicklung von ganz neuen und teuren Dingen. Auf kleinbäuerlicher Ebene ist das nämlich kaum möglich. Wir reden hier von den Ärmsten der Armen! Das heißt, wir schauen in andere Bereiche oder Regionen und übertragen dann vielversprechende und bewährte Konzepte auf unser Projekt. Wir haben dann eine Reihe von Workshops gemacht, in denen die Leute abstimmen konnten, woran gearbeitet werden soll. Und wissen Sie wie? Mit Bohnen, die sie in kleine Dosen kippten, die jeweils für eine Idee standen. Man darf nämlich nicht vergessen, dass Analphabetismus weit verbreitet ist, Übersetzungsschwierigkeiten kommen hinzu. Und man braucht hier einfache und transparente Bewertungsmethoden. Es war also gar nicht so einfach, wie man auf den ersten Blick vielleicht denken würde.

Pflanzenforschung.de: Welche Herausforderungen und Hürden, insbesondere zum Projektstart, sind Ihnen noch in Erinnerung geblieben?

Stefan Sieber: Natürlich gab es administrative Hürden und logistische Herausforderungen. Letztendlich haben wir aber alles gut gemeistert. Man muss dazu sagen, dass uns das Bundesministerium für Bildung und Forschung dabei stark unterstützt hat. Es prallten ja im Grunde drei „Welten“ aufeinander: die Verwaltung, die Forschung und die Menschen vor Ort. Durch eine offene und vorausschauende Kultur haben wir es aber geschafft, fast jede Diskrepanz zu überwinden.

Pflanzenforschung.de: Das klingt nach einer guten Ausgangsposition. Auf welche Erfolge oder „Highlights“ blicken Sie nun heute zurück?

Stefan Sieber: Wir werden bis zum Projektende von Trans-SEC insgesamt acht von zehn sogenannten „Upgrading Strategies“ mit einem guten Potenzial zur weiteren Verbreitung erfolgreich getestet haben. Das sind konkrete Ansätze und Konzepte, die die Situation der Kleinbauern und die Ernährungsversorgung in der Region gezielt verbessern und, wie schon erwähnt, leicht zu verbreiten und adaptieren sind.

Pflanzenforschung.de: Können Sie uns vielleicht ein Beispiel geben?

Stefan Sieber: Gerne. Ich gebe Ihnen gleich einige. Zum einen hat sich zur Stabilisierung der Felderträge eine Kombination von drei einfachen Maßnahmen als hilfreich erwiesen: Man gräbt längliche Furchen in den Boden, die das knappe Regenwasser besser auffangen und den Bodenwassergehalt verbessern. Das kombinieren wir mit einer geringen Zugabe von Dünger. Wir sprechen hier von „Microdosing“, weil die Düngergabe unter den empfohlenen Mengen offizieller Düngeempfehlungen in Tansania liegt. Dünger kosten aber halt nun mal Geld und selbst natürliche Düngemittel wie von Tieren sind rar. Als Drittes ist es wichtig, das Feld vor Unkraut zu schützen. Und zwar per Hand. Nun kommt es darauf an, dass die erfolgreiche Kombination dieser Maßnahmen unter vielen Kleinbauern verbreitet wird.

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Im Zuge der Arbeit bei Trans-SEC entstand das Konzept für einen Kochherd (unten im Bild zu sehen). Im Vergleich zum weit verbreiteten

Im Zuge der Arbeit bei Trans-SEC entstand das Konzept für einen Kochherd (unten im Bild zu sehen). Im Vergleich zum weit verbreiteten "Drei-Steine-Kochherd" benötigt dieser weniger Brennholz. Für Frauen, die in der Regel für das Sammeln des Brennholzes zuständig sind, bedeutet dies eine wertvolle Zeitersparnis.

Bildquelle: © transsecproject/ flickr

Das andere Beispiel betrifft ganz allgemeine Verbesserungen bei der Lagerung. Warum? Weil innerhalb einer Region viele Kleinbauern oft zum gleichen Zeitpunkt ernten und ihre Waren anschließend auf dem Markt anbieten. Die Folge ist, dass die Preise wegen des Überangebots fallen und den Kleinbauern Einkommen verloren geht. Verbesserungen bei der Lagerung nehmen ein Stück weit den Druck von ihren Schultern, ihre Ernte gleich verkaufen zu müssen, bevor sie verdirbt. Wenn die Bauern ihre Waren zwischenlagern können, dann können sie diese über einen längeren Zeitraum verkaufen. Also auch in Zeiten, in denen sie wieder bessere Preise erzielen können.

Auch mit den Küchengärten haben wir einen tollen Erfolg. Gruppen von Frauen befüllen spezielle Plastiksäcke mit Erde. An den Seiten werden Löcher hineingebohrt. Oben und in den Löchern werden verschieden Gemüsesorten gepflanzt. Die Wasserhaltekapazität ist dann viel besser. Besonders in sehr trockenen Regionen kann die Dorfbevölkerung Gemüse in der Trockenzeit ernten oder vorher geerntetes Gemüse trocknen und lagern, um es in der Not essen zu können. Wir sind hier sehr begeistert, dass sich diese Technik als sogenannte Coping-Strategie, also zur Überbrückung von Versorgungsengpässen, besonders eignet!

Ich muss ihnen noch von einem Erfolg berichten. Unsere Lehmöfen verbreiten sich fast wie von selbst. Es gibt Gruppen von Kleinbauern, die wie eine kleine Beratungsfirma dieses Konzept fördert. Das Konzept ist genial einfach. Anstelle einer offenen Feuerstelle ist sie geschlossen. Somit brauchen die Lehmöfen zum Kochen bis zu 50 % weniger Feuerholz. Was heißt das? Frauen, die traditionell fünf Stunden Feuerholz sammeln, brauchen nur noch zweieinhalb Stunden täglich. Und es gibt weniger Rauch in der Hütte, was positiv für die Gesundheit positiv ist

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Für kleinbäuerliche Familien bieten die umfunktionierten Säcke eine flexible und einfache Lösung, um Ihre Nahrungsversorgung zu verbessern. Genau darin besteht der Anspruch von Trans-SEC.

Für kleinbäuerliche Familien bieten die umfunktionierten Säcke eine flexible und einfache Lösung, um Ihre Nahrungsversorgung zu verbessern. Genau darin besteht der Anspruch von Trans-SEC.

Bildquelle: © transsecproject/ flickr

Pflanzenforschung.de: Welches persönliche Erlebnis im Rahmen der Arbeit für GlobE und Trans-SEC wird Sie für immer begleiten?

Stefan Sieber: Mir sagte einmal ein Koordinator in Tansania: „Weißt du Stefan, die Leute arbeiten unheimlich gern mit dir zusammen. Sie mögen dich in der Art und Weise, wie du bist und koordinierst.“ Das war ein schöner Moment. Das Netzwerk Trans-SEC wird mich mein Leben lang begleiten, da bin ich mir sicher. Es ist ja auch ein Meilenstein in meiner Karriere.

Pflanzenforschung.de: Was haben Sie von den Menschen und den Kooperationspartnern in Tansania im Zuge der Zusammenarbeit gelernt?

Stefan Sieber: Das Verständnis von Zeit ist völlig anders, aber schön. Wenn ein Fahrer sich z.B. verspätet, dann darf man das nicht persönlich nehmen. Es ist einfach so. Dies schafft unheimlich viel Gelassenheit und auch Zufriedenheit. Auch habe ich gelernt, dass Dinge manchmal anders laufen als geplant – und trotzdem funktionieren. Wichtig war auch, Dinge aus der Hand zu geben und zu vertrauen, dass es funktioniert. Auch dafür bin ich sehr dankbar. Auch an andere Gepflogenheiten muss man sich anpassen. In Tansania werden z. B. E-Mails nicht gerne beantwortet. Den Hörer in die Hand nehmen ist besser!

Pflanzenforschung.de: Wie schauen Sie heute mit diesen Erfahrungen auf das Land Tansania?

Stefan Sieber: Was an Tansania einzigartig ist, ist der soziale Frieden im Land. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man sich die Nachbarländer anschaut. In Tansania leben Menschen mit verschiedenen Religionen ohne größere Spannungen miteinander. Einzigartig ist auch die natürliche Biodiversität. Überhaupt hat das Land viel Potenzial, besonders in der Landwirtschaft. Es muss daher gelingen, Biodiversität zu erhalten und zugleich die Produktivität nachhaltig zu steigern. Und man darf natürlich die Tierwelt nicht vergessen. Absolut beeindruckend!

Pflanzenforschung.de: Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Welche Art von Innovationen benötigen die Menschen in Afrika am dringendsten, wenn es um eine Verbesserung ihrer Ernährungssituation geht?

Stefan Sieber: Grundsätzlich müssen Innovationen immer ins System passen. Ich sehe in erster Linie Bedarf bei der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen, insbesondere Wasser und Boden. Aber auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Infrastruktur und die Nachwuchsarbeit sind wichtige Ansatzpunkte. Letzteres ist wirklich ein großes Thema. Die Frage ist: Wie können wir die Landwirtschaft für Jugendliche attraktiv machen? Dazu probiert man in vielen Dörfern bereits einiges aus, z.B. neue Ausbildungsmodelle mit neuen Kursen und Mentoring-Programmen. Wichtig ist aber auch, dass die Landwirtschaft technisch aufgerüstet wird, z.B. mit Informationstechnologien wie Smartphone-Anwendungen.

Sie wird dann attraktiver, wenn dadurch mehr Einkommen generiert wird, die Ernten sicherer werden und mehr Freizeit und damit Spielraum für Weiterbildung geschaffen wird. Oder auch dadurch, dass mehr Frauen bezahlte Arbeit haben. Wir müssen das Berufsbild des Landwirts bei Jugendlichen grundsätzlich verbessern, damit die Vorstellung nicht zementiert wird, dass Landwirtschaft altbacken sei und Landwirte Hunger leiden. Momentan zieht es die Jugend aber in die Städte.

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Die Rolle von Frauen ist ein weiteres wichtiges Thema. Sie zu stärken, ist ein wichtiges Anliegen bei Trans-SEC.

Die Rolle von Frauen ist ein weiteres wichtiges Thema. Sie zu stärken, ist ein wichtiges Anliegen bei Trans-SEC.

Bildquelle: © transsecproject/ flickr

Pflanzenforschung.de: Was sind Ihre Pläne und nächsten Schritte bei Trans-SEC? Was wünschen Sie sich für die Zukunft von GlobE?

Stefan Sieber: Wir möchten gerne sogenannte „Champions“ oder „Leuchtturm-Farmen“ identifizieren. Das sind sehr innovative Betriebe von Kleinbauern, die als sogenannte „Upscaling-Center“ dienen sollen, in denen Kleinbauern neue Ansätze und Konzepte sehen und erlernen können. Wir sind überzeugt, dass das der richtige Weg ist, um Innovationen zu verbreiten.

Auch wünsche ich mir neue Projekte in Tansania, um den Charakter der Modellregion zu erhalten. Wir sind jetzt über 12 Jahre in einer einzigen Region in Tansania. Wichtig wären daher auch Langzeitprojekte. Denn oft kann man erst nach zehn Jahren sagen, ob eine Innovation wirklich erfolgreich war.

Pflanzenforschung.de: Welches Ernährungssystem brauchen wir aus Ihrer Sicht, um die Menschen in Afrika und auf der ganzen Welt zu ernähren?

Stefan Sieber: Wichtig ist, dass wir an die Koexistenz von verschiedenen Ernährungssystemen glauben. An die kleinbäuerliche Landwirtschaft ebenso wie an große Investitionsprojekte. Ich bin mir sicher und hoffe zugleich, dass Familienbetriebe auch weiterhin eine tragende Rolle spielen werden. Viele Kleinbauern haben aber noch großen Entwicklungsbedarf. Ihnen fehlen Know-How, Ressourcen und Marktzugänge. Auch kommt es leider immer noch vor, dass sie Großprojekten zum Opfer fallen. Sie kennen dies vielleicht unter dem Synonym „Land Grabbing“.

Auf der anderen Seite können große Investitionsprojekte auch Gutes bewirken: Sie liefern landwirtschaftliche Inputs wie Stickstoff, fördern den Technologie- und Wissenstransfer und bringen mit Kapital ganze Regionen ökonomisch voran. Wenn große Investitionsprojekte kommen, dann darf es nicht auf Kosten der Kleinbauern geschehen. Es muss sozial gerecht, ökonomisch sinnvoll sein und gleichzeitig die Umwelt soweit wie möglich schonen. Die richtige Balance hierbei zu halten, erscheint mir das richtige Rezept.

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