Grüne Biotechnologie im Kontext

15.01.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Das Webportal Pflanzen-Forschung-Ethik.de ist seit heute online (Quelle: © TTN)
Das Webportal Pflanzen-Forschung-Ethik.de ist seit heute online (Quelle: © TTN)

Heute öffnet ein neues Webportal seine Pforten: Unter www.pflanzen-forschung-ethik.de können sich interessierte Besucher zur modernen Pflanzenforschung und dem Streitthema “Grüne Gentechnik“ informieren. Der “Online-Ethikrat“ erlaubt es den Nutzern, anhand von Fallbeispielen selbstständig ein ethisch fundiertes Urteil über Anwendungen der Grünen Biotechnologie zu fällen.

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Im Fokus des Portals stehen die sozialen, moralischen und kulturellen Aspekte der Debatte um die Grüne Biotechnologie.

Im Fokus des Portals stehen die sozialen, moralischen und kulturellen Aspekte der Debatte um die Grüne Biotechnologie.

Bildquelle: © TTN

Die viel diskutierte „Grüne Gentechnik“ ist nur ein Teilbereich der Grünen Biotechnologie, um die es auf dem neuen Webportal www.pflanzen-forschung-ethik.de geht. Jenseits der transgenen Nutzpflanzen spielt die Grüne Biotechnologie vor allem in der modernen Pflanzenforschung eine essentielle Rolle. Die Erwartungen an die Wissenschaft sind enorm: Befürworter der Technologie versprechen einen Beitrag im Kampf gegen Welthunger, Mangelernährung und Klimawandel; Kritiker zitieren Risikostudien und warnen vor einem Verlust der ursprünglichen Landwirtschaft. Dem interessierten Beobachter der Debatte fällt es dabei zunehmend schwer, sich über das Bauchgefühl hinaus ein eigenes, fundiertes Urteil zu bilden. Das neue Webportal soll da Abhilfe schaffen.

„Pflanzen-Forschung-Ethik.de“ macht biotechnologische Verfahren in ihrem sozialen Kontext zum Thema. Das neue Webportal diskutiert die moderne Pflanzenforschung aus einer explizit ethischen Perspektive. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen nicht die technischen Verfahren, sondern die sozialen Auswirkungen und moralischen wie kulturellen Hintergrundannahmen in der Debatte. Themen wie „Natürlichkeit der Nahrungsmittel“, „Verantwortung für die Schöpfung“ oder „Freiheit der Wissenschaft“ rücken in den Fokus.

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Checkbox Pflanzen.Forschung.Ethik

Start:
15.01.2013

Förderer:
Bayrisches Staatsministerium für Wissenschaft und Forschung

Betreiber:
Projektverbund TTN / i-bio

Ziele:

  • Biotechnologische Verfahren in ihrem sozialen Kontext thematisieren
  • Diskussion der modernen Pflanzenforschung aus einer explizit ethischen Perspektive
  • Erforschung der kommunikativen Potenziale eines Webportals zur Förderung der ethischen Diskussion über Pflanzenforschung in Bayern (in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Praktische Theologie, LMU München; Laufzeit: Mai 2012 – Dezember 2013)

Zielgruppe:

  • Menschen mit Interesse an naturwissenschaftlichen, gesellschaftlichen und ethischen Aspekten der Grünen Biotechnologie
  • Bildungseinrichtungen (Schule, interdisziplinäre Lehre an Hochschulen)

Position:
Förderung der ethischen Urteilsbildung (nicht einseitig meinungsbildend) 

Besonderes:
Online-Ethikrat: „Du kannst gutAchten“: Frage-Antwort-Sequenz zur Erstellung eines Gutachtens durch Nutzer 

Events:
Tagungen und Workshops zur ethischen Auseinandersetzungen über die Grüne Biotechnologie 

Die Leser und Diskutanten erwarten verständliche Texte, anschauliche Graphiken und kurze Videos über das weite Themenfeld der modernen Pflanzenforschung. Das Portal fängt außerdem Stimmen und Meinungen von Akteuren ein. Als Initiatorbundesland und Förderer des Projektes liegt ein besonderer Fokus dabei auf Bayern.

Pflanzenforschung.de sprach mit Dr. Stephan Schleissing, dem Leiter des Instituts Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) an der LMU München und Initiator des neuen Informationsportals, über die Hintergründe und Möglichkeiten von „Pflanzen-Forschung-Ethik.de“.

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Bildquelle: © Dr. Schleissing

Pflanzenforschung.de: Welche Zielgruppe sprechen Sie mit der Seite an?

Dr. Stephan Schleissing: Mit unserer Webseite wollen wir diejenigen Menschen erreichen, die sich über naturwissenschaftliche, gesellschaftliche und ethische Aspekte der Grünen Biotechnologie informieren möchten. Darüber hinaus ist unsere Seite ganz besonders für Bildungseinrichtungen geeignet.

Pflanzenforschung.de: Warum ist eine ethische Argumentationsweise in der Diskussion um die Grüne Biotechnologie so wichtig?

Dr. Stephan Schleissing: Wir wollen das Bedürfnis vieler Menschen aufnehmen, eine begründete Haltung zu den verschiedenen Aspekten der Grünen Biotechnologie aufzubauen. Dazu braucht es auch eine kritische Diskussion sowohl diffuser Ängste als auch überzogenerer Erwartungen. Das Thema Pflanzenforschung ist hochaktuell und ihre Anwendungen berühren Schlüsselfragen einer zukunftsfähigen Gesellschaft. 

Pflanzenforschung.de: Spielen für Sie als evangelischen Theologen auch religiöse Aspekte bei der Bewertung biotechnologischer Fragestellungen in der Pflanzenforschung eine Rolle?

Dr. Stephan Schleissing:Ja, wir widmen uns auch der Fragestellung: Was bedeutet eigentlich „Verantwortung für die Schöpfung“ in diesem Kontext? Ist der Schöpfungsgedanke ein statisches Naturbild, bei dem davon ausgegangen wird, dass die Natur im Wesentlichen so bleiben soll, wie man sie immer schon vorgefunden hat? Oder gehören auch Kultur und Technik zur Schöpfung dazu? Dann stellt sich die Frage, wie der Mensch Natur gestalten soll, um das Zusammenleben der Geschöpfe zu ermöglichen. In dieser Lesart markiert der Schöpfungsgedanke also keinen Taburaum. „Schöpfung“ ist kein Stoppschild, sondern ein Aufruf zu verantwortlichem Handeln. Seit vielen Jahrhunderten greifen wir mit technischen Mitteln in Wachstumsprozesse ein. Bei der Frage nach der Schöpfung geht es um die Rechtfertigung der Zwecke unseres Eingriffs, also nicht um den bloßen Gegensatz von Mensch und Natur. 

Pflanzenforschung.de: Wer ist Initiator des Webportals www.pflanzen-forschung-ethik.de?

Dr. Stephan Schleissing: Initiator der Seite ist das Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) an der LMU München, das zusammen mit dem Büro i-bio Information Biowissenschaften die Seite erstellt hat. Das TTN beschäftigt sich bereits seit 15 Jahren mit dem Thema „Grüne Biotechnologie“, ohne dabei einseitig Meinungsbildung zu betreiben. Wir sind daran interessiert, Verfahren zur Urteilsbildung zu entwickeln und zu fragen: Wie erfasst man eigentlich die relevanten Dimensionen eines Themas?

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Der Nutzer kann sich in einer Frage-Antwort-Sequenz ein eigenes Urteil über einen bestimmten Sachverhalt bilden.

Der Nutzer kann sich in einer Frage-Antwort-Sequenz ein eigenes Urteil über einen bestimmten Sachverhalt bilden.

Bildquelle: © TTN

Unser Webportal ist Teil eines Forschungsprojektes, das vom Staatsministerium für Wissenschaft und Forschung in Bayern finanziert wird. Erforscht wird, inwieweit sich ein derartiges Webportal zu einer wissenschaftlichen Fragestellung für ethische Kommunikationsprozesse eignet.

Pflanzenforschung.de: Was zeichnet das neue Webportal in besonderer Weise aus und hebt es von anderen Portalen, die sich mit der Grünen Biotechnologie befassen, ab?

Dr. Stephan Schleissing: Die Seite „Pflanzen-Forschung-Ethik“ bezieht keine Stellung zum Thema Grüne Biotechnologie. Wir möchten über die Diskussion zu diesem Thema facettenreich informieren. Dazu präsentieren wir besondere Anwendungen, die es auf Webportalen bisher in dieser Weise noch nicht gibt: So können unsere Nutzer beispielsweise selbst ein ethisches Gutachten zu einer ganz bestimmten Fragestellung verfassen. Dazu haben wir ein eigenes Instrument namens „Online-Ethikrat: Du kannst gutAchten“ entwickelt. In einer Frage-Antwort-Sequenz wird der Nutzer dazu geführt, sich ein eigenes Urteil über einen bestimmten Sachverhalt zu bilden. Damit möchten wir das Bauchgefühl, das jeder von uns zu einer bestimmten Fragestellung hat, in eine reflektierte Position übersetzen. Wie diese am Ende aussieht, beurteilt jeder Nutzer für sich selbst. Es geht vor allem darum, zu lernen, was eigentlich ethische Gründe für oder gegen eine ganz konkrete Anwendung sein könnten. Basierend auf den Antworten des Nutzers erstellt das Programm am Ende ein ethisches Gutachten, das ausgedruckt oder verschickt werden kann.

In einem anderen interaktiven Bereich können Nutzer zur Eignung bestimmter konkreter Forschungsanwendungen abstimmen.

Außerdem verbinden wir Online- und Offline- Diskurse. Unser Portal ist nicht nur für die Arbeit am PC konzipiert. Wir werden die Eignung unseres Portals auf verschiedenen Veranstaltungen, die jeweils unter dem Menüpunkt „Aktuelles“ auf der Webseite zu finden sind, in Form von Workshops oder Tagungen testen. Ethische Auseinandersetzungen macht man nicht alleine am PC. Dort kann man sich zunächst informieren. Die Argumentation kann nur im Austausch mit anderen stattfinden.

Pflanzenforschung.de: Vielen Dank für das interessante Gespräch. Wir wünschen Ihnen einen regen Gedankenaustausch auf www.pflanzen-forschung-ethik.de!

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