Handeln, bevor es zu spät ist

Anzahl der gefährdeten Bäume im Amazonas ist höher als bislang angenommen

01.12.2015 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Ein Bild, das die Entwaldung Amazoniens bezeugt. Die Luftaufnahme um die Stadt Rio Branco im Nordwesten von Brasilien stammt aus dem Jahr 2000. (Bildquelle: Detail aus © NASA/GSFC/LaRC/JPL, MISR Team, PIA03427, gemeinfrei)
Ein Bild, das die Entwaldung Amazoniens bezeugt. Die Luftaufnahme um die Stadt Rio Branco im Nordwesten von Brasilien stammt aus dem Jahr 2000. (Bildquelle: Detail aus © NASA/GSFC/LaRC/JPL, MISR Team, PIA03427, gemeinfrei)

Forscher untersuchten die Entwaldung Amazoniens mithilfe von Beobachtungen und Modellen. Ohne Gegenmaßnahmen ist bis 2050 mehr als die Hälfte der Amazonasbäume der Studie zufolge vom Aussterben bedroht. Doch Lösungen sind vorhanden – falls wir agieren, bevor es zu spät ist.

Zahlen können erschrecken. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts sind Schätzungen zufolge 32 Milliarden Bäume im Regenwald des Amazonasbeckens verloren gegangen. Dies entspricht ungefähr 10 Prozent aller Bäume des Regenwaldes sowie circa 10 Prozent der Fläche Amazoniens. Der Naturschutzorganisation WWF zufolge verschwinden zwei Hektar – was etwa zwei Fußballfeldern entspricht – Wald pro Minute. Besonders betroffen sind Gebiete im Süden und Ost des Beckens, die sich entlang des sogenannten „Entwaldungsbogens“ (engl.: „arc of deforestation“) erstrecken.

Das Problem ist wiederholt angesprochen worden. Sowohl die Ursachen als auch die Folgen für das Ökosystem, wie Bodenerosion oder die Vernichtung der Habitate von Tieren und Pflanzen und damit verbunden der Verlust vieler Arten, sind bereits bekannt. Weniger bekannt waren bislang Modelle, die sich mit dem Schicksal einzelner Baumarten auseinander setzten. Ein internationales Team von Wissenschaftlern aus mehr als hundert Universitätsgruppen, Forschungsinstituten und Stiftungen sowie Regierung- und Nichtregierungsorganisationen hat sich nun genau dieser Frage gewidmet.

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Die Entwaldung des Regenwaldes (hier in Kolumbien) hat viele Ursachen, wie natürliche Brände oder die landwirtschaftliche Bodennutzung. Die Entwaldung des Regenwalds im Amazonasgebiet hat ein besorgniserregendes Ausmaß erreicht – Tendenz steigernd.

Die Entwaldung des Regenwaldes (hier in Kolumbien) hat viele Ursachen, wie natürliche Brände oder die landwirtschaftliche Bodennutzung. Die Entwaldung des Regenwalds im Amazonasgebiet hat ein besorgniserregendes Ausmaß erreicht – Tendenz steigernd.

Bildquelle: © Matt Zimmerman / wikimedia.org; CC BY 2.0

Zukunftsmodelle für die Verteilung der Bäume

Die Forscher betrachteten insgesamt 15.200 Baumarten. Damit ist diese Studie die bisher größte, was die Anzahl bedrohter Pflanzen angeht. Circa 5.000 stuften sie aufgrund ihrer Häufigkeit als verbreitete Art (engl.: „common species“) ein, der Rest galt als selten (engl.: „rare species“).

Anhand von räumlichen Modellen untersuchten die Forscher die Verteilung der Bäume im Amazonasgebiet. Die Modelle bezogen sowohl historische Beobachtungen im Zeitraum 1900-2013 als auch Zukunftsszenarien bis 2050 ein. Dafür teilten die Wissenschaftler das Amazonasbecken in verschiedene Gebiete ein und erfassten Anzahl und Verbreitung von einzelnen Baumarten in diesen.

Einzigartig an der Studie ist, dass sie auf den Richtlinien der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature) basiert. Die Nichtregierungsorganisation pflegt eine sogenannte Rote Liste mit gefährdeten Arten und setzt sich für den Naturschutz ein.

Mit Stand 2013 galten im Durchschnitt etwa 9 Prozent der untersuchten Baumarten im Amazonas Gebiet als gefährdet. Das in der Studie angewandte IUCN-Kriterium spricht von einer gefährdeten Art, wenn diese einen Populationsverlust von mehr als 30 Prozent erlitten hat. Schließt man noch Bäume ein, die mit weniger als insgesamt 1.000 Artgenossen sehr selten vorkommen und ohnehin intrinsisch gefährdet sind, steigt die Zahl der vom Aussterben bedrohten Bäume auf insgesamt 25 Prozent.

Zukunft weniger grün – und überhaupt nicht rosig

Die Ergebnisse der Wissenschaftler sagen voraus, dass ohne einen Kurswechsel bis 2050 zirka 40 Prozent des Bewuchses im Amazonasbecken vernichtet sein wird. Gemäß diesem erschreckenden Zukunftsszenario sind insgesamt bis zu 57 Prozent aller Baumarten im Amazonasbecken vom Aussterben bedroht. Unterschiede gibt es je nach Gebiet und Häufigkeit einer Baumart.

Ein zweites Szenario beruht auf einer besseren Verwaltung des Amazonasbeckens (engl. „improved governance scenario“). Dies sieht Einschränkungen bei der Entwaldung sowie die strikte Einhaltung von geschützten Gebieten vor. In diesem Modell fällt die Anzahl der bedrohten Arten auf immerhin noch 36 Prozent. Auch unter diesem Szenario geht insgesamt zirka 21 Prozent der Fläche des Regenwaldes im Amazonas verloren.

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Zeitraffer mit Luftaufnahmen von Rondonia im Nordwesten von Brasilien zwischen 2000 und 2010.

Bildquelle: © NASA/Goddard Space Flight Center, gemeinfrei; aufrufbar unter http://svs.gsfc.nasa.gov/cgi-bin/details.cgi?aid=10872

Kurswechsel dringend nötig

Die Wichtigkeit des Gebiets für die Welt ist unbestritten. Nicht umsonst wird der Amazonas auch als „grüne Lunge“ der Erde bezeichnet. Dort – sowie in weiteren tropischen Regenwäldern – befinden sich mehr als 90 Prozent aller Baumarten auf der Erde. Unter den Baumarten, die weit vebreitet sind und insgesamt die Hälfte der Amazonasbecken bedecken, sind sogar zwei Drittel gefährdet. Mit diesen Bäumen gingen auch viele andere (Tier-)Arten verloren, für welche diese den Lebensraum schaffen. Viele Pflanzenarten, so eine der Grundaussagen der Studie, sind im gleichen Maß wie Korallen oder Amphibien als global gefährdete Arten einzustufen. Darunter auch Nahrungspflanzen und Genussmittel wie z. B. Kakao. Von den Kulturvarianten sind in diesen Gebieten die Wildsorten beheimatet die einen wichtigen Genpool für die Pflanzenzüchtung bilden.

Gegenmaßnahmen sind möglich und dringen notwendig. Da sich ein „weiter so wie bisher“ wie auch das Szenario mit einem verbesserten Management als besorgniserregend und nicht zielführend erwiesen haben, muss eine schnelle Eingrenzung der Entwaldung vorangetrieben werden. Aber auch die Erweiterung und Überwachung von Schutzgebieten ist dringend erforderlich.

Die Studie wird von den Wissenschaftlern nicht nur als Mahnung, sondern vor allem als valide Basis für eine sachliche Diskussion über das weitere Vorgehen verstanden. Vom Menschen beeinflussbare Faktoren wie Bergbauaktivitäten, Straßenbauten oder Staudammprojekte, die zur weiteren Entwaldung beitragen, müssen stärker auf ihre Folgen abgewogen werden. Sollten diese durchgeführt werden, müssen effektive Gegenmaßnahmen zum besseren Schutz des restlichen Amazonasgebietes ergriffen werden. 

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