Insektizide können Hummeln schädigen

05.04.2012 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Hummeln ernähren sich bevorzugt von Raps. Doch Rapspollen enthalten häufig Pestizide. (Quelle: © Angelika Koch-Schmid / pixelio.de)
Hummeln ernähren sich bevorzugt von Raps. Doch Rapspollen enthalten häufig Pestizide. (Quelle: © Angelika Koch-Schmid / pixelio.de)

Untersuchungen an Hummeln zeigen, dass Insektizide zum massenhaften Bienensterben beitragen können.

Dies berichten Wissenschaftler, die Labor- und Feldversuche mit Populationen der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) durchführten. In ihren Experimenten verglichen sie das Wachstum und die Reproduktionsrate von Hummeln einer Kontrollgruppe (kein Insektizid) mit zwei Experimentalgruppen, die mit unterschiedlich hohen Dosen des Insektizids Imidacloprid in Kontakt gebracht wurden. Alle drei Gruppen erhielten zunächst im Labor 14 Tage lang Nektar und Pollen. In einer Gruppe wurden dem Futter 0,7 Mikrogramm des Insektizids Imidacloprid beigemischt – diese Menge entspricht der typischen applizierten Dosis in Raps. Die zweite Experimentalgruppe erhielt die doppelte Dosis des Insektizids. Nach den zwei Wochen im Labor wurden alle Hummeln im Feld über einen Zeitraum von sechs Wochen beobachtet.

Hummeln, die mit dem Insektizid in Berührung kamen, blieben kleiner und produzierten bis zu 85% weniger Königinnen. Da generell nur die größten Hummel-Völker Königinnen hervorbringen, kann ein Verlust an Reproduktivität zum Völkerkollaps (Colony Collapse Disorder) führen. Denn Hummeln haben einen 1-Jahres-Lebenszyklus: nur die neuen Königinnen überleben den Winter und können im kommenden Frühjahr neue Völker gründen.

Hummeln ernähren sich wie andere Bienenarten vom Pollen der Wildblumen an Feldrändern und insbesondere von Rapsblüten und Sonnenblumen. Sie erbringen durch die Bestäubung von Blüten bedeutende Ökosystemleistungen für die Landwirtschaft. Eine Strategie zum Schutz von (jungen) Nutzpflanzen vor Schädlingen ist die Beizung des Saatguts, z.B. mit Neonicotinoiden wie Imidacloprid. Hierbei gelangt der Wirkstoff in die gesamte Pflanze, auch in die Pollen und den Nektar (systemische Wirkung). Während der Blühperiode kommen die Hummeln in Berührung mit dem Insektizid. 

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Hummeln ernähren sich wie andere Bienenarten vom Nektar und Pollen der Wildblumen an Feldrändern.

Hummeln ernähren sich wie andere Bienenarten vom Nektar und Pollen der Wildblumen an Feldrändern.

Bildquelle: © Alvesgaspar / wikimedia.org; CC BY-SA 3.0

Die Studie legt nahe, dass Insektizide der Neonicotinoid-Gruppe einen stark negativen Einfluss auf Hummelpopulationen haben können. Bisherige Studien an Honigbienen und Hummeln zeigten je nach der verwendeten Konzentration des Insektizids (Expositionsszenario), unterschiedliche und insgesamt weniger dramatische Ergebnisse. Untersuchungen unter natürlichen Feldbedingungen sind bislang jedoch rar. Die aktuelle Studie von P. Whitehorn verwendet annähernd feldrealistische Konzentrationen des Insektizids und muss daher ernst genommen werden. „Da sich bestäubende Insekten wie Hummeln jedoch üblicherweise nicht zwei Wochen auf demselben Feld aufhalten – wie die Studie simuliert, müssten die Studienergebnisse als „Worst Case“ interpretiert werden“, erklärt Jens Pistorius, Bienenforscher am Julius-Kühn-Institut in Braunschweig. 

Bemerkenswert sei, dass Imidacloprid lediglich auf die Hummel-Königinnen eine negative Wirkung entfaltete, nicht jedoch auf den Rest des Volkes, so Pistorius weiter. Die genaue Datengrundlage zu dieser Studie und weitere Forschungsanstrengungen seien nötig, um im Rahmen einer individuellen Risikobewertung die Sensitivität einzelner Arten gegenüber einzelnen Pestiziden in verschiedenen Nutzpflanzen besser einschätzen zu können.

Die in der Europäischen Union als Pflanzenschutzmittel zugelassenen Neonicotinoide stehen unter Verdacht, zum massiven Bienensterben beizutragen. Als weitere Ursachen für das Sterben ganzer Bienenpopulationen werden u.a. Varroamilben, aber auch besonders strenge Winter diskutiert. Sollte sich der Verdacht gegenüber Neonicotinoiden erhärten, hätte dies große Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Denn Neonicotinoide werden in über 120 Ländern auf mehr als 140 Pflanzenarten regelmäßig eingesetzt – z.B. in Getreide, Raps, Mais, Baumwolle, Sonnenblumen und Zuckerrüben. Dürften Neonicotinoide bei der Saatgutbeizung nicht mehr eingesetzt werden, müssten diese durch andere Wirkstoffe oder Verfahren ersetzt werden, um junge Nutzpflanzen in der ersten Wachstumsphase vor Schädlingen zu schützen. Eine Alternative wäre das mehrfache Spritzen der Jungpflanzen mit Pestiziden.

Im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaft scheint das großflächige, mehrmalige und weniger zielgenaue Spritzen von Pestiziden nicht die beste Lösung zu sein. Lösungsansätze sollten daher die gesamte Produktionskette in den Blick nehmen – Forschung, Pflanzenzucht und landwirtschaftliche Praxis. Die Forschung zu pflanzeneigenen Schutzmechanismen, genetischen Merkmalen und Wirkmechanismen von Schädlingen sollte ausgeweitet werden, um die Entwicklung effizienterer und kombinierter – natürlicher wie chemischer – Pflanzenschutzmaßnahmen zu ermöglichen. Hier ist die Politik gefordert, durch eine entsprechende Forschungsförderung zusätzliche Impulse zu setzen. 

Aktuelle Forschungsprojekte zu Bienen und Hummeln, z. B. am Julius-Kühn-Institut oder an der Universität Hohenheim im Projekt FIT BEE, erforschen die Einflussfaktoren auf die Bienengesundheit und die Ursachen des massiven Bienensterben, aber auch Strategien für einen bienenfreundlichen Pflanzenschutz.

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