Inventur im Pflanzenreich

17.08.2010 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Artenreichtum blühender Pflanzen (Quelle: © PeterA / pixelio.de)
Artenreichtum blühender Pflanzen (Quelle: © PeterA / pixelio.de)

Um zu klären, wie viele blühende Pflanzenarten inklusive der bisher unentdeckten weltweit existieren, haben sich britische Forscher sowohl moderner Computermodelle als auch traditioneller Feldforschung bedient.

Das Wissen um den Artenreichtum stellt eine Grundlage der Biologie dar. Denn nur wenn möglichst alle Arten bekannt sind, können diese im Detail erforscht, in der Pflanzenzüchtung oder Medizin genutzt und auch besser geschützt werden. 

Britische Forscher der University of Kent gingen nun der Frage nach, wie viele blühende Pflanzenarten weltweit bekannt sind und wie viele Arten möglicherweise noch entdeckt werden können. Dafür entwickelten sie ein modernes Computermodell, in das die Wissenschaftler einerseits bestehende Daten blühender Pflanzenarten der World Checklist of Selected Plant Families (WCSP) einspeisten sowie Daten der GrassBase, die fast 10.000 Gräserarten erfasst. Andererseits berücksichtigten sie Daten von Experten (Taxonomen), welche diese seit 1760 erhoben haben. Deren kumulatives Wissen erhöht die taxonomische Effektivität. Denn die Forscher vertraten die These, dass mehr Experten auch mehr Arten finden, was sie statistisch auch bestätigt sahen. 

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Bald könnten alle Arten der Familie der Schwertliliengewächse erfasst worden sein.

Bald könnten alle Arten der Familie der Schwertliliengewächse erfasst worden sein.

Bildquelle: © uwe275 / pixelio.de

Die Ergebnisse, die das Computermodell über die heute bekannten Familien und deren voraussichtlich noch zu entdeckenden weiteren Arten lieferten, verglichen sie mit der Meinung ausgewählter Experten. Die Taxonomen lieferten eigene Zahlen zu heute bekannten Pflanzenarten und gaben Schätzungen zu den noch zu entdeckenden Arten in ihrem Spezialgebiet ab. 

Am Ende kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass es zu den bisher rund 400.000 bekannten Blütenpflanzenarten noch weitere 10 bis 20 Prozent zu entdecken gibt. Diese sind vermutlich alle äußerst selten und liegen in Regionen mit besonders hoher Artenvielfalt. Ausgerechnet in diesen Gebieten sind jedoch außergewöhnlich viele Arten vom Aussterben bedroht. Daher befürchten die Wissenschaftler, viele Arten werden bereits ausgestorben sein, bevor Menschen sie entdecken konnten. Werden zu den heute bekannten, vom Aussterben bedrohten Arten diese noch zu entdeckenden Arten hinzugezählt, kommen die Forscher zu dem Schluss, dass 27 bis 33 Prozent aller blühenden Pflanzen vom Aussterben bedroht sind.

Die Bedeutung des Erfahrungsschatzes der Artenexperten wird deutlich, wenn die Ergebnisse im Detail betrachtet werden. Denn für viele Pflanzenfamilien kamen Experten und das Computermodell zu erstaunlich übereinstimmenden Ergebnissen. Es waren auch einige deutliche Unterschiede zu erkennen. Bei einigen Arten war das Computermodell nicht in der Lage, zuverlässige Schätzungen zu liefern. Die Experten konnten jedoch aufgrund ihrer umfangreichen Kenntnisse der jeweiligen Art subjektive Schätzungen abgeben. So erklärt beispielsweise der Experte für die Familie der Iridaceae, den Schwertliliengewächsen, dass die Arten dieser Familie voraussichtlich innerhalb der nächsten fünf Jahre vollständig erfasst sein werden. Die Arten dieser Familie seien beliebte Gartenpflanzen, auf deren Erforschung in den letzten Jahren ein entsprechender Fokus gelegen hätte. Unterstützend kommt hinzu, dass die Wildarten der Schwertliliengewächse nicht in schwer erreichbaren, unzureichend erforschten Gebieten vorkommen. Pflanzenarten, die in den feuchten Tropen vorkommen, haben es hier deutlich schwerer. Solches Hintergrundwissen können nur erfahrene Experten liefern, in einem Computermodel sind diese in einer solchen Komplexität nicht zu erfassen. 

Der besondere Aufbau der Studie macht nicht nur deutlich, wie essentiell moderne Erhebungsmethoden sind, sondern dass auch auf traditionelle Feldforschung nicht verzichtet werden kann. Konzentriert sich die Forschung nur noch auf Computermodelle und Laborarbeiten, fehlen auf Dauer Experten, die den Blick für taxonomische und ökologische Zusammenhänge haben. Das wiederum könnte die Grundlagenforschung auf Dauer schwer belasten. Kurz gesagt: Wer Prozesse wie die Photosynthese bis zum letzten Molekül erforschen möchte, muss auch die Pflanzen kennen, in denen diese abläuft.

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