Klimawandel lässt Tee fad schmecken

Unter der Lupe: Einfluss des Klimawandels auf Qualität und Menge von Nutzpflanzen

05.06.2015 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Ersehnt und gefürchtet gleichermaßen, der Monsun. Auch er steht unter dem Einfluss des Klimawandels (Bildquelle: © Dieter Schütz/ pixelio.de)
Ersehnt und gefürchtet gleichermaßen, der Monsun. Auch er steht unter dem Einfluss des Klimawandels (Bildquelle: © Dieter Schütz/ pixelio.de)

Der Klimawandel bedroht nicht nur die Erträge von Nutzpflanzen, sondern durch die Veränderung der Inhaltsstoffe auch die Qualität. Ein internationales Forscherteam untersucht diesen Zusammenhang am Beispiel des Teestrauchs. Im Fokus steht der wohl teuerste Tee der Welt: Pu-Erh.

Wer sich bei Spitzenpreisen jenseits der Millionengrenze für ein paar Kilo Pu-Erh-Tee verwundert die Augen reibt, wird erstaunt sein, was ihm nach einem Aufguss erwartet: Ein Heißgetränk, das pechschwarz und ziemlich bitter ist. Nicht anders sieht auch die Zukunft aus, die Teeliebhaber und -produzenten erwartet, wenn man sich die Prognosen von Klimaexperten und Pflanzenforschern vor Augen führt: Der Klimawandel wird nicht nur den Anbau von Tee in seinen angestammten Gebieten zunehmend erschweren, sondern auch dessen Geschmack beeinflussen. Nach aktuellen Modellen vor allem negativ.

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Der wohl teuerste Tee der Welt: Pu-Erh. Er gilt seit Jahrhunderten als Tee der Privilegierten und erfuhr vor Jahren einen fragwürdigen Hype als Gesundheits- und Schlankmacher.

Der wohl teuerste Tee der Welt: Pu-Erh. Er gilt seit Jahrhunderten als Tee der Privilegierten und erfuhr vor Jahren einen fragwürdigen Hype als Gesundheits- und Schlankmacher.

Bildquelle: © Pu-Erh Tea Allstars/ wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Die teuerste Tasse Tee der Welt kommt aus China

„Wir trinken Tee wegen seines Geschmacks und Aromas und nicht wegen seines Nährwerts“, weiß Sean Cash von der Tufts Universität in Massachusetts, der gemeinsam mit seiner Kollegin Selena Ahmed der Frage nachgeht, wie sich der Klimawandel auf die Qualität, den Geschmack und die Erträge von Tee auswirkt. Beide nehmen an einem amerikanischen Forschungsprogramm teil, das sich auf die Yunnan Region in Südchina konzentriert, in der seit knapp 1.700 Jahren die heute wohl teuerste Teesorte der Welt angebaut wird: Pu-Erh. Bezogen auf den eingangs erwähnten Spitzenpreis, der auf einer chinesischen Teeauktion für knapp 100 Jahre alten Pu-Erh nicht zum ersten Mal erzielt wurde, kann eine Tasse schnell bis zu 5.000 Euro kosten.

Klimawandel verändert Standorte

Hauptanbaugebiet ist die Gebirgslandschaft rund um den Berg Liuchashan. Im Laufe der Jahrhunderte haben die dort lebenden Teebauern ihre Anbaumethoden an die Standortbedingungen – mildes Klima, Winter ohne Frost, regelmäßiger warmer Regen und fruchtbare Böden – angepasst. Im Zuge des Klimawandels drohen sich diese jedoch zu verschlechtern.

„Von entscheidender Bedeutung für die Qualität und die Erträge ist der Monsunregen“, erklärt Colin Orians, der ebenfalls am Forschungsprogramm teilnimmt. „Es ist nicht zu übersehen, wie stark der Gehalt geschmacksrelevanter  Pflanzenstoffe bereits fünf Tage nach Einsetzen des Monsunregens abnimmt.“ Zwar sorgt der Monsunregen im Sommer alljährlich für einen kräftigen Wachstumsschub, jedoch geht dieser auf Kosten des Geschmacks.

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Das Anbaugebiet des Pu-Erh Tees: die Yunnan-Region im Süden von China, die im Einzugsgebiet des Monsuns liegt.

Das Anbaugebiet des Pu-Erh Tees: die Yunnan-Region im Süden von China, die im Einzugsgebiet des Monsuns liegt.

Bildquelle: © Kerberul/ wikimedia.org/ GNU-FDL

Monsun lässt Preise purzeln

„So sehr der Monsun auch von den Menschen ersehnt wird, so sehr bereitet er den Teebauern Kopfzerbrechen. Sobald der Monsun einsetzt und der Tee noch nicht geerntet wurde, purzeln die Preise für Pu-Erh Tee,“, erklärt Wenyan Han vom Tee-Forschungsinstitut in Hangzhou. Während Pu-Erh Tee, der im Frühjahr, vor der Monsunzeit geerntet wurde, im Durchschnitt rund 680 US-Dollar pro Kilo kostet, wird die Sommerernte für „nur“ knapp 400 US-Dollar auf dem Markt gehandelt. Ein geschmacksbedingter Preisverfall von mehr als 40 Prozent.

Ausschlaggebend für den Geschmack sind zwei sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe: Catechin und Methyl-Xanthin. Beide Verbindungen sind für die Pflanze zwar von wichtiger, aber nicht von lebensnotwendiger Bedeutung, spielen dafür aber für unser Geschmackserlebnis eine umso größere Rolle. Bereits im Oktober 2014 veröffentlichten die Forscher eine Studie, in der sie beschrieben, wie sich Niederschlagsmenge und -zeitpunkt des Monsuns auf die Qualität des Tees auswirken. Sie konzentrierten sich dabei auf die beiden sekundären Pflanzenstoffe in den Blättern des Teestrauchs (Camellia sinensis).

Doppelt so viel Wachstum und nur halb so viel Geschmack

Ihr Ergebnis: Während das Wachstum der Teesträucher um 50 % zulegt, halbiert sich der Catechin- und Methyl-Xanthin-Gehalt in den Teeblättern im Niederschlagszeitraum. Ausschlaggebend ist die Gewichtszunahme der Teeblätter, die wie die anderen Pflanzenteile in der Regenzeit einfach mehr Wasser in sich tragen. Während sich also an der Produktion von Catechin und Methyl-Xanthin im Grunde nichts ändert, saugen sich die Teeblätter mit Wasser voll, wodurch sich die Konzentration der sekundären Pflanzenstoffe verdünnt.

Keine Sorgenfalten trotz Klimawandel?

Der naheliegende Verdacht, dass deshalb Teebauern und vermutlich auch einige Teeliebhaber in Erwartung auf längere Trockenzeiten, ausgelöst durch den Klimawandel, weniger Sorgenfalten aufsetzen, mag, so makaber es auch klingt, kurzfristig zutreffen, wie Ahmed bestätigt. Jedoch stellt sich langfristig das Bild anders dar: „Der Klimawandel mag zugegebenermaßen vielleicht nicht jeden Teebauern sofort in Untergangsstimmung versetzen. Je trockener und länger die Trockenzeiten sind, desto höher ist der Gehalt an geschmacksrelevanten, sekundären Pflanzenstoffen. Und desto höher der Kilopreis. Zumindest, was den Pu-Erh Tee betrifft. Wird jedoch ein bestimmter Punkt an Wasserverfügbarkeit unterschritten ist auch der Grad erreicht, ab dem die Teesträucher beginnen, weniger Blüten und Blätter zu bilden. Sie laufen Gefahr zu sterben."

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Experten rechnen mit 25 % Produktionseinbußen aufgrund des Klimawandels für Brasilien, der Hauptproduzent- und exporteur von Rohkaffe.

Experten rechnen mit 25 % Produktionseinbußen aufgrund des Klimawandels für Brasilien, der Hauptproduzent- und exporteur von Rohkaffe.

Bildquelle: © Fernando Rebelo/ wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Hinzukommen steigende Temperaturen und Temperaturschwankungen, weniger Sonnenstunden infolge von verstärkter Wolkenbildung und häufiger auftretende Pflanzenkrankheiten und ein stärkerer Schädlingsbefall. Allesamt lassen sich direkt oder indirekt auf Effekte durch den Klimawandel zurückführen.

In den Fokus gehören nicht nur die Erträge

Von besonderer Bedeutung ist die Studie aber nicht allein deshalb, weil sie den Einfluss des Klimas bzw. des Klimawandels auf Tee generell untersuchte und erklärte, sondern weil der Fokus, anders als wie sonst häufig, nicht auf den Mengenerträgen, sondern auf der Qualität lag. Gemeint ist der Gehalt von qualitätsrelevanten Inhaltstoffen. Was bei Tee die geschmacksrelevanten Catechine und Methyl-Xanthine sind, sind bei Obst, Gemüse und Getreide Vitamine und Mineralstoffe. Damit wird deutlich, dass der Einfluss des Klimas keineswegs nur eine Frage des Genusses oder reine Geschmacksache ist.

„Die Frage nach dem Einfluss des Klimas und des Klimawandels auf die Qualität von Nutzpflanzen, zu denen Tee zweifelsohne zählt, findet noch zu wenig Beachtung“, erklärten die Forscher, „wohingegen der Einfluss auf die Quantität der Erträge sehr gut untersucht ist. Hier herrscht Nachholbedarf, denn Erträge setzen sich aus Menge und Qualität zusammen. Letztendlich muss dafür gesorgt werden, dass die Landwirte nicht nur die mengenmäßig steigende Nachfrage bedienen können, sondern auch die nach qualitativen hochwertigen Lebensmitteln“. Schon heute sind im globalen Maßstab weniger die Menge an Kalorien sondern vielmehr die durch den Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen ausgelösten Erkrankungen das Problemfeld Nummer eins bei der Ernährungssicherung, wie auch kürzlich eine Studie der Bundesregierung mit dem Titel „Nahrung für Milliarden“ zur globalen Ernährungssicherung bekräftigte. "Hidden Hunger" lautet das Stichwort.

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Zunehmend wärmere Winter sind für die Gewinnung und Produktion von Ahornsirup in Kanada ein großes Problem. Damit der Pflanzensaft nämlich dickflüssig und zäh wird, sind Temperaturen um den Gefrierpunkt nötig.

Zunehmend wärmere Winter sind für die Gewinnung und Produktion von Ahornsirup in Kanada ein großes Problem. Damit der Pflanzensaft nämlich dickflüssig und zäh wird, sind Temperaturen um den Gefrierpunkt nötig.

Bildquelle: © Oven Fresh/ wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Klimawandel hat viele Opfer

Feststeht, dass Tee keine Ausnahme ist. Kaffee (Coffea), Kakao (Theobroma cacao), Tabak (Nicotiana tabacum), Kirschen (Prunus) und selbst Ahornsirup aus Kanada, sie alle bzw. die Landwirte und Produzenten werden vermehrt mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben. So hat ein auf den ersten Blick relativ niedrig erscheinender Temperaturanstieg von 2 °C bis 2,5 °C bis zur Mitte des Jahrhunderts immense Folgen für die Kaffeeproduktion: Experten zufolge wird Brasilien, derzeit Hauptproduzent und -exporteur von Rohkaffee, Produktionseinbrüche von bis zu 25 % verkraften müssen.

Länder in Westafrika, wie z. B. Ghana und die Elfenbeinküste, deren Wirtschaftskraft zum Großteil auf dem  Anbau von Kakao fußt, müssen sich umorientieren. Als eine Folge der steigenden Temperaturen nehmen die Wasserverluste zu, sodass die Erträge geschmälert und der Anbau in einigen Gebieten nicht mehr möglich sein wird. In Michigan wurden im Frühjahr 2012 durch einen eiskalten Winter, auf den ein überdurchschnittlich warmer Frühling folgte, rund 90 % der Kirschernte zerstört, während in Kanada steigende Wintertemperaturen die Produktion von Ahornsirup zunehmend auf Dauer erschweren.

Aufgrund der Auswirkungen für derart viele Landwirtschaftsbereiche wird deutlich, wie sehr der Klimawandel gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Dimensionen annimmt, die nicht zu unterschätzen sind. Zwar haben Gärtner und Bauern seit Jahrtausenden mit der Dynamik von Wetter und Klima zu kämpfen. Neu sind jedoch die Geschwindigkeit der Veränderungen und die Tatsache, dass immer mehr Menschen mit Nahrung, Kleidung, Rohstoffen und Energie versorgt werden müssen.

Gibt es auch Positivbeispiele durch den Klimawandel?

Auch hierzu liegt eine Studie vor. Für ein Genussmittel mit einem gesamtgesellschaftlich gesehen zweifelhaftem Nutzen scheint der Klimawandel durchaus positiv zu wirken. In Reaktion auf die steigenden Treibhausgase in der Atmosphäre sinkt der Nikotingehalt in den Blättern von Tabakpflanzen. Nikotin ist ebenfalls ein sekundärer Pflanzeninhaltsstoff, der zum Schutz vor Fressfeinden dient und auch anderweitig von Menschen genutzt werden kann.  Mit etwas Augenzwinkern kann dies als eine mögliche Gesundheitsdividende des Klimawandels gewertet werden. Sicherlich aber eine Dividende die durch andere Effekte mehr als zunichte gemacht wird.

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Von Hand gepflückt werden die Blätter und Knospen des Teestrauchs (Camellia sinensis). Entscheidend für den Geschmack sind vor allem die darin enthaltenen Catechine und Methyl-Xanthine.

Von Hand gepflückt werden die Blätter und Knospen des Teestrauchs (Camellia sinensis). Entscheidend für den Geschmack sind vor allem die darin enthaltenen Catechine und Methyl-Xanthine.

Bildquelle: © Shizhao/ wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Viele Herausforderungen für die Pflanzenforschung

Für die Pflanzenforschung ist die Fragestellung nach den Einflüssen des Klimawandels auf die Qualität von Nutzpflanzen (und nicht allein die Erträge) ein wichtiges Forschungsfeld, auf dem bereits viele Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen aktiv sind. Zwei Fragen, die sie unter anderem beschäftigen: Wie wirken sich klimatische Veränderungen auf die Qualität und Inhaltsstoffe von Nutzpflanzen aus und was kann getan werden, damit die Landwirtschaft die Menschen weiterhin mit gesunden und hochwertigen Nahrungsmitteln versorgen kann?

Die Herausforderung besteht vor allem darin, bereits heute auf die zu erwartenden klimatischen Verhältnisse in den nächsten Jahrzehnten Bezug zu nehmen. Und zwar nicht nur, weil Forschungsergebnisse und die Entwicklung neuer Sorten generell äußerst arbeits- und zeitintensive Vorhaben sind, sondern auch weil Plantagen und Anbaugebiete Jahrzehnte im Voraus geplant und erschlossen werden müssen, bevor dort Landwirtschaft in einem rentablen Maß betrieben werden kann. 

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