Neue Erkenntnisse stützen „Reis-Theorie“

Landwirtschaft prägt das Denken, das Verhalten und die Kultur der Menschen

15.05.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der Anbau von Reis erforderte Kooperationsbereitschaft und Teamarbeit, wie zum Beispiel das Umsetzen der Reissetzlinge. (Bildquelle: © iStock.com/ Studio1One)
Der Anbau von Reis erforderte Kooperationsbereitschaft und Teamarbeit, wie zum Beispiel das Umsetzen der Reissetzlinge. (Bildquelle: © iStock.com/ Studio1One)

Forscher finden in der Landwirtschaft Chinas eine mögliche Erklärung, warum östliche Kulturen kooperativer handeln und denken als westliche.

Die Landwirtschaft kann auf eine jahrtausendalte Erfolgsgeschichte zurückblicken, die nicht nur unser Überleben gesichert, Wohlstand gebildet und wirtschaftliches Wachstum ermöglicht, sondern auch unser Denken, Handeln und unsere Kultur geprägt hat. Die „Reis-Theorie“ versucht sich auf den Reisanbau beziehend, den Einfluss der Landwirtschaft auf die Kultur und das Zusammenleben der Menschen zu erklären. Der Nassfeldanbau von Reis, der eine besondere Form der Landbewirtschaftung darstellt, setzte Teamarbeit und die gemeinsame Nutzung von Ressourcen voraus. Für ihre Studie nutzten die Forscher China als „Laborregion“.

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Der Jangtsekiang ist mit rund 6380 Km der drittlängste Fluss der Erde. Er teilte das Land in der Geschichte Chinas nicht nur in zwei unterschiedliche Anbauregionen, sondern auch in zwei verschiedene Mentalitäten, wie viele behaupten.

Der Jangtsekiang ist mit rund 6380 Km der drittlängste Fluss der Erde. Er teilte das Land in der Geschichte Chinas nicht nur in zwei unterschiedliche Anbauregionen, sondern auch in zwei verschiedene Mentalitäten, wie viele behaupten.

Bildquelle: © Cornerstone / pixelio.de

In China existieren zwei große Verhaltenstypen

Der Jangtsekiang ist nicht nur der längste Fluss Chinas, er gilt auch als geographische und klimatische Trennlinie in China. Er teilt das Land in einen Nord- bzw. Südteil. Nord- und Südchinesen unterscheiden sich bezüglich ihrer Mentalität voneinander, so die vorherrschende Meinung. Während die im Norden lebenden Chinesen eine individuelle und analytische Denkweise pflegen, die der der westlichen Welt ähnelt, ist südlich des Jangtsekiangs ein gemeinschaftsorientiertes und ganzheitliches (holistisches) Denken vorherrschend. In der Landwirtschaft dominiert im Norden seit über tausend Jahren der Weizenanbau, im Süden der von Reis. In ihrer Studie bringen die Wissenschaftler die Besonderheiten der unterschiedlichen Anbau- und Produktionsmethoden und die Denk- und Verhaltensmuster in einen Zusammenhang. Um statistisch signifikante Aussagen über die Verhaltens- und Mentalitätsunterschiede von Nord- und Südchinesen treffen zu können, befragten die Wissenschaftler rund 1.200 chinesische Studenten.

Der Norden Chinas denkt individuell, der Süden gemeinschaftsorientiert

Die Befragten aus dem Süden tendierten zum Beispiel eher dazu, Personen aus ihrem sozialen Umfeld zu belohnen, statt zu bestrafen. Die Forscher sahen dies in der Motivation begründet, die Gemeinschaft zu fördern. Auch was die eigene Stellung innerhalb ihres Umfelds betrifft, stand bei den Befragten im Süden die Gemeinschaft im Vordergrund. Demnach nahmen sie sich überwiegend als gleichwertigen Teil ihres Umfelds wahr, während sich die meisten Befragten aus dem Norden im Mittelpunkt wähnten.

Neben der Landwirtschaft beeinflussten auch Umweltfaktoren das Denken

Die Forscher vermuten einen Zusammenhang mit der Landwirtschaft und den unterschiedlichen Anbaumethoden von Reis bzw. Weizen. Der aufwendige Nassreisanbau war und ist die häufigste Anbauform für Reis in China. Da diese mehr Zeit, mehr Aufwand und mehr Hände benötigte als der Weizenanbau, vor allem weil Bewässerungssysteme gemeinsam gebaut und gewartet und das zur Bewässerung notwendige  Wasser in Abstimmung verteilt werden mussten, war Teamarbeit gefragt. Aus diesem Grund prägten sich über die Zeit gemeinschaftliche Vorgehens- und Denkweisen heraus. Größere soziale Gruppen, wie Großfamilien oder Clans, die sich infolgedessen herausbildeten, waren im Vorteil und prägten das historische Gesellschaftsbild Chinas.

Im Gegensatz zum Nassreisanbau reichten im Weizenanbau die Niederschläge aus, um die Pflanzen mit ausreichend Wasser zu versorgen und auch die Aussaat war einfacher zu bewerkstelligen als das Verpflanzen von Reissetzlingen. Die zusätzlichen Arbeitsschritte im Reisanbau erforderten also ein höheres Maß an Kooperationsbereitschaft und mehr Arbeitskräfte.

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In vielen Regionen der Welt betreiben die Menschen hauptsächlich Landwirtschaft, wie zum Beispiel in Kenia. Dort bietet sich die Möglichkeit, die

In vielen Regionen der Welt betreiben die Menschen hauptsächlich Landwirtschaft, wie zum Beispiel in Kenia. Dort bietet sich die Möglichkeit, die "Reistheorie" zu überprüfen und die Zusammenhänge zwischen der Landwirtschaft und dem Handeln und Denken der Menschen zu erforschen.

Bildquelle: © iStock.com/ SimplyCreativePhotography

Die Reistheorie könnte im Zusammenhang mit der historischen Entwicklung Chinas stehen

Die Forscher sehen in ihren Ergebnissen auch eine mögliche Erklärung für die historische Entwicklung Chinas, das im ersten Jahrtausend nach Christus als fortschrittlicher und innovativer galt als Europa, dann jedoch zurückfiel. Sie vermuten, dass die Nordchinesen, die als analytisch und individuell und somit als kreativ und erfinderisch galten aufgrund von klimatischen Veränderungen und Invasionen aus der Mongolei in den Süden ausweichen mussten. Dort trafen sie auf eine Gesellschaftsform, in der Clan- und Familienstrukturen dominierten und die das Festhalten am Bestehenden höher bewertete als die Entwicklung technischer Neuheiten, wodurch der Fortschritt insgesamt gebremst wurde. Freilich handelt es sich hier um einen Erklärungsansatz, wie die Forscher einräumen.

Landwirtschaft prägt weltweit nach wie vor das Leben vieler Menschen

Obwohl die Reistheorie hauptsächlich auf statistischen Daten aus der heutigen Zeit basiert, konnten die Forscher rückblickend betrachtet einen Erklärungsansatz für die Entwicklung unterschiedlicher Verhaltensmuster liefern, indem sie einen Zusammenhang zur Landwirtschaft und damit indirekt auch zur Umwelt herstellten. Da diese über Jahrtausende das Leben, die Kultur und die Traditionen der Menschen prägten und weiterhin prägen, ist dieser Rückschluss nachvollziehbar. Darüber hinaus betrachten sie ihre Arbeit auch als hilfreich für das Verständnis der westlichen Mentalität, die sie im Zusammenhang mit den hier etablierten Methoden des Ackerbaus sehen. In vielen Regionen der Welt, wie zum Beispiel Afrika, prägt die Landwirtschaft nach wie vor den Alltag vieler Menschen. Für die Forscher würde sich dort die Möglichkeit bieten, ihre Theorie in einem aktuellen Rahmen zu überprüfen.

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Kommentare

1 22.05.2014
Hyoung Suk Kim
  

Sehr interessantes Thema. Der Anbau von Reis erforderte tatsächlich Zeit und manuellen Aufwand.
An dem Tag der Pflanzung kamen den Bauern Soldaten, örtliche Beamte und größere Schulkinder zu Hilfe. Es gab gemeinsame Mittag- und Abendessen im Reisfeld. Bauersfrauen des Dorfes bereiteten gemeinsam die Mahlzeit für 10-20 Bauern. Hilfskräfte brachten das Essen ins Reisfeld. Dabei gab es oft Trommelmusik. Eine festliche Stimmung! Ich glaube, der Reisanbau in Ostasien prägte das soziale Leben tatsächlich sehr positiv. Inzwischen wurden Reisanbaumaschinen entwickelt, aber wir arbeiten immer noch gemeinsam mit Nachbarn, wenn man mehr Hände braucht und Zeit. Die 100%ige Bereitschaft anderen zu helfen, haben wir immer noch.
vielen Dank!
Hyoung Suk Kim aus Korea

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