Päpstlicher Segen zur Ernährungssicherung

Einer der Väter des „Goldenen Reises“ beim Heiligen Vater in Rom

22.11.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Papst Franziskus I und Ingo Potrykus (rechts) trafen sich im Vatikan im Rahmen einer Tagung der päpstlichen Akademie der Wissenschaften zu den Auswirkungen von Mangelernährung auf die Hirnentwicklung von Kindern. (Quelle: © Ingo Potrykus und FGV)
Papst Franziskus I und Ingo Potrykus (rechts) trafen sich im Vatikan im Rahmen einer Tagung der päpstlichen Akademie der Wissenschaften zu den Auswirkungen von Mangelernährung auf die Hirnentwicklung von Kindern. (Quelle: © Ingo Potrykus und FGV)

Der mit gentechnischen Methoden entwickelte "Goldene Reis" soll den Vitamin A Mangel in Entwicklungsländern beheben. Der Papst, der die Grüne Gentechnik skeptisch sieht, gab Ingo Potrykus, einem der Entwickler des „Goldenen Reises“, und einigen Reiskörnern seinen Segen. Anlass war eine Tagung der päpstlichen Akademie der Wissenschaften zu den Auswirkungen von Mangelernährung auf die Hirnentwicklung von Kindern. Über dieses Treffen informierte Ingo Potrykus während einer Pressekonferenz in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalts in Berlin.

Rund um das Thema Grüne Gentechnik wird es ruhiger in Deutschland. Politische Parteien, aber auch die Unternehmen ziehen sich in Europa mehr und mehr aus dem Feld zurück. Damit verliert dieses an Mediendominanz, aber auch an Bedeutung. Zwar ist die vor dreißig Jahre in Belgien und Deutschland entwickelte Methode nicht mehr wegzudenken. In den Forschungslaboren der Universitäten und Firmen sind die Methoden Alltagsroutine. An der Anwendung auf dem Acker scheiden sich jedoch die Geister. Immer stärker verlagern sich aktuelle Entwicklungen in Länder wie China oder Brasilien. Diese entwickeln ihre eigenen Kulturpflanzen und Sorten mit Hilfe der Gentechnik. Bei den Zulassungen stehen sie den „Big Five“, also den westlichen Unternehmen, die gentechnisch veränderte Pflanzen vermarkten, nicht mehr nach.

Neben den kommerziellen Entwicklungen gibt es noch eine  weitere. Das „Humanitäre Projekt Goldener Reis“. Um wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn geht es bei diesem schon lange nicht mehr. Die Ideen von Ingo Potrykus und Peter Beyer und die Umsetzung, die zum „Goldenen Reis“ führten, waren wissenschaftlich genial und ihrer Zeit voraus. Bis heute gibt es keine anderen Pflanzen mit einem so direkt nachweisbaren Verbrauchernutzen, wie „Golden Rice“. Nun soll diese Pflanze bei den Menschen ankommen, für die die Forscher sie entwickelt haben.

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Der

Der "Goldene Reis" soll den Vitamin A Mangel in Entwicklungsländern beheben. Er wurde mit gentechnischen Methoden entwickelt und reichert Provitamin A in den Körnern an, daher auch die goldene Farbe. Provitamin A ist eine Vorstufe zum Vitamin A, die im menschlichen Körper zu Vitamin A umgewandelt wird.

Bildquelle: © IRRI/wikimedia.org; CC BY-NC-SA 2.0

Innovation als Hemmnis

Mit dem goldenen Reis sind viele Grenzverschiebungen verbunden. Diese erklären die Schwierigkeiten und die Verzögerungen bei der Umsetzung des „Golden Rice Projects“. Jetzt scheint der „Goldene Reis“, mit seinen Provitamin A angereicherten, bronzefarben Körnern, eine wichtige Klippe zu nehmen. Er steht kurz vor einer ersten Zulassung in einem stufenweisen Prozess auf den Philippinen. Während das Provitamin A in der westlichen Welt mehr als Beauty-Vitamin gegen Falten und Hautalterung bekannt ist, sterben laut Studien viele Millionen Menschen an den Mangelsymptomen weltweit. Eine ebenfalls erschütternde große Zahl Kinder erblinden jedes Jahr, an den Folgen des Vitaminmangels.

Nach neueren Erkenntnissen, und das war auch der Anlass für den Besuch von Potrykus im Vatikan, führt der Mangel an Vitamin A zur Fehlentwicklung und dauerhaften Schädigung des Gehirns. Zwar gibt es andere Nahrungsquellen für Vitamin A. Früchte wie Melonen oder Aprikosen, aber vor allem Fleisch und Wurst versorgen den Körper ausreichend mit dem Vitamin. In einigen der bevölkerungsreichsten Regionen der Welt gelten diese Quellen bei den ärmeren Bevölkerungsschichten allerdings als unerreichbares Luxusgut. Es fehlen die Möglichkeiten für eine ausreichende und ausgeglichene Ernährung. Vor allem im Kindesalter kommt es zu Mangelerscheinungen mit den genannten Symptomen. Abhilfe ist dringend geboten. Das Abwarten auf eine bessere Zukunft mit verbesserten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Wohlstand oder durch Versorgung mit Vitaminpräparaten klingt gut, aber wenig überzeugend.

Mit dem goldenen Reis ließe sich der täglich benötigte Vitamin A Gehalt in einem Grundnahrungsmittel abdecken. In Studien konnte diese Unbedenklichkeit für Umwelt, Mensch und Tier nachgewiesen werden. Mit der ersten Zulassungsstufe auf den Philippinen sollen diese Studien ausgeweitet werden. Aber nicht nur der unmittelbar für den menschlichen Verzehr bestimmte „Goldene Reis“(alle bisher zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen gelangen nur indirekt über die Tiermägen zu uns Menschen) ist eine Grenzverschiebung. Vielmehr auch das „Wie“. Wie der „Goldene Reis“ genutzt und vermarktet werden soll. Verdienen bisher vor allem global operierende Unternehmen an der Technologie, wird sich dies mit dem „Goldenen Reis“ erstmals ändern.

Patente für ein humanitäres Projekt

Von den insgesamt 72 Patenten, die bei der Entwicklung des „Goldenen Reis“ genutzt wurden, sind 12 von Relevanz für  Länder, wie die Philippinen, in denen Vitamin A Mangel ein Problem darstellt. Die anderen 60 besitzen keinen Patentschutz in diesen Ländern. Es sind Länder, in denen die Bauern sogenannte Subsistenzfarmer sind. Das heißt, sie ernähren sich und ihre Familien direkt von dem was sie anbauen. Nur ein Teil der Ernte gelangt in den Verkauf. Dieser ist vor allem lokal organisiert. Zu einer Absurdität in Entwicklungsländern gehört, dass diejenigen, die die Nahrungsmittel produzieren zu den ärmsten und damit auch unterernährtesten Bevölkerungsschichten gehören.

Armutsbekämpfung beginnt bei den Subsistenzbauern. An dieser Stelle setzt Ingo Potrykus mit seinem „Humanitären Projekt Goldener Reis“ an. Mit den Patenteignern hat er ausgehandelt, dass keine Patentgebühren anfallen. Reisbauern, die weniger als 10.000 US Dollar aus dem Anbau von „Golden Rice“ erzielen, müssen keine Patentgebühren zahlen. Das heißt aber auch, dass der Reis zu den ortsüblichen Preisen, wie jede andere Sorte beim Saatguthändler erworben werden kann. Portrykus schätzt die durchschnittlichen Einnahmen aus dem Reisanbau auf weniger als 1.000 US Dollar für Kleinbauern. Neben der Einkommensgrenze gilt, dass der „Goldene Reis“ ausschließlich lokal gehandelt und verwendet werden darf. Damit bleibt dieser als Nahrungsmittel in den von Mangelernährung betroffenen Regionen und wird nicht etwa exportiert.

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Papst Franziskus I segnete Ingo Potrykus (rechts) bei seinem Besuch im Vatikan.

Papst Franziskus I segnete Ingo Potrykus (rechts) bei seinem Besuch im Vatikan.

Bildquelle: © SERVICIO FOTOGRAFICO O.R., 00120 CITTA DEL VATICANO

Eine weitere Grenzverschiebung stellen die genutzten Sorten dar. Als genetischer Hintergrund wurden ausschließlich lokal angepasste, ertragreiche Sorten verwendet. Die Erträge liegen laut Aussage des Forschers über den Durchschnittserträgen. Was nicht verwundert, da Saatgut nicht regelmäßig nachgekauft, sondern ein Teil der vorhergehenden Ernte im Folgejahr genutzt wird. Damit bleibt der Fortschritt durch die Züchtung neuer Sorten gering. An diesem Prinzip wird auch mit dem „Goldenen Reis“ festgehalten. Das heißt auf die Nutzung von z.B. Hochertrags-Hybridsorten, wie diese in Ländern wie China oder Japan genutzt werden, wird verzichtet. „Damit genügt ein einziges Korn des „Goldenen Reis“, um eine Familie dauerhaft mit Provitamin A zu versorgen“, so Potrykus.

Kein europäisches Phänomen

Auch auf den Philippinen ist das Thema Gentechnik kein  widerspruchsfreies. Einer der gravierendsten Rückschläge war die Zerstörung eines Versuchsfeldes in diesem Jahr. Im Gegensatz zu den Zerstörungen hierzulande, wurden diese von den lokalen Behörden aber nicht als Akt zivilen Ungehorsams geduldet. Die Behörden haben prompt reagiert und gehen mit gerichtlichen Mitteln gegen die Zerstörer vor. Neben dem politischen Rückhalt besitzt der „Goldene Reis“, so Potrykus, auch den der ländlichen Bevölkerung. Die Aussicht auf ein verbessertes Grundnahrungsmittel, das den „versteckten Hunger“ bekämpft, macht diesen populär. Versteckter Hunger bedeutet, dass die nicht ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen und Vitaminen erst verzögert in ihrer Wirkung sichtbar wird. Wie der richtige Hunger, beraubt dieser betroffene Menschen um ihre Zukunft.

Auf die Frage, ob die Farbe für die Bevölkerung, die weißen Reis gewohnt ist, ein Problem ist, verneint Potrykus. „Bisherige Erfahrungen belegen, dass diese sehr aufgeschlossen und  lösungsorientiert ist“, so Potrykus. Mit dem „Goldenen Reis“ hoffen die Forscher einen segensreichen Reis entwickelt zu haben, der mit einem seiner Entwickler nun auch den privaten Segen des Pontifex bekam. 

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