Reis – die Wiege der menschlichen Zivilisation

Kultivierungsgeschichte nach wie vor strittig

06.11.2015 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Reis kommt in mehr als 120.000 verschiedenen Sorten vor und ist eine der wichtigsten Nahrungspflanzen weltweit. (Bildquelle: © Rainer Sturm / pixelio.de)
Reis kommt in mehr als 120.000 verschiedenen Sorten vor und ist eine der wichtigsten Nahrungspflanzen weltweit. (Bildquelle: © Rainer Sturm / pixelio.de)

Von Reis hängt das Leben unzähliger Menschen weltweit ab. Wie aus Wildreis eine der wichtigsten Nahrungspflanzen der Erde wurde, ist unter Wissenschaftlern nach wie vor strittig. Eine aktuelle Studie sorgt für neuen Diskussionsstoff.

Reis ist eine der wichtigsten Nahrungspflanzen weltweit. Bei mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung landet das Getreide täglich auf dem Teller. Reis ist äußerst vielfältig - mit seinen 120.000 verschiedenen Sorten lässt die Getreidepflanze keine kulinarischen Wünsche offen. Aufgrund seines unersetzlichen Stellenwerts als Nahrungspflanze beschäftigen sich Forscher auf der ganzen Welt mit der Kultivierungsgeschichte von Reis. Anhand von archäologischen und genetischen Daten versuchen sie herauszufinden, wo auf der Erde der Reis zuerst kultiviert wurde und welche Auswirkungen diese Kultivierung auf die Bevölkerungsentwicklung und die Zivilisation hatte.

Alles begann vor rund 10.000 Jahren

Am Anfang stand der Wildreis, Oryza rufipogon; darüber sind sich die Wissenschaftler einig. Auch der Beginn der Kultivierung ist wenig umstritten: Archäologische Funde aus China belegen, dass Wildreiskörner schon vor 8.200 bis 13.500 Jahren im Jangtse-Tal gesammelt und gegessen wurden. Diese Jahreszahlen werden auch durch genetische Berechnungen nach der „molekularen“ Uhr gestützt, einer Anhäufung von Mutationen über die Zeit im Reisgenom.

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Die Kultivierung von Reis hatte Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung und die Zivilisation in Asien.

Die Kultivierung von Reis hatte Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung und die Zivilisation in Asien.

Bildquelle: © Dr. Stephan Barth / pixelio.de

Aus dem Wildreis entwickelten sich schließlich die zwei Hauptunterarten des heutigen Reishandels, Oryza sativa japonica, der Rundkornreis und Oryza sativa indica, der auch als Langkornreis oder Basmatireis bezeichnet wird. Ob die Entstehung der Unterarten unabhängig voneinander stattfand, wird in Forscherkreisen derzeit kontrovers diskutiert. Umstritten ist, ob landwirtschaftliche und kulturelle Vorteile möglicherweise von einer Region auf andere Gebiete übertragen worden sind, oder ob sie sich unabhängig voneinander entwickelt haben.

Kultivierung ermöglichte erste Gesellschaften

Als gesichert gilt die Annahme, dass die Kultivierung des Reises die Wiege der östlichen Zivilisation bedeutete. Mit dem landwirtschaftlichen Anbau von Reis hatten die Menschen eine stabile Nahrungsgrundlage und waren nicht mehr auf das Jagen von Tieren und das Sammeln von Früchten angewiesen. Auf dieser Grundlage siedelten sich die Menschen in Dörfern an. Mit steigenden Bevölkerungszahlen entstanden auch erstmals komplexere Gesellschaften.

Die drei Kultivierungstheorien:

Neben den zwei derzeit bestehenden Entstehungstheorien des kultivierten Reises regt nun eine dritte die Diskussion zusätzlich an.

Die Vertreter der „Ein-Kultivierungstheorie“ gehen davon aus, dass die Unterart indica aus einer Kreuzung von japonica und wilden Reisarten resultierte, als sich die Kultivierung des Reises über Asien ausbreitete. Bei dieser Theorie nehmen die Wissenschaftler an, dass die aus und aromatische Arten erst bei späteren Kreuzungen entstanden sind.

Forscher, die von zwei unterschiedlichen Kultivierungsvorgängen ausgehen, stimmen zumindest beim Entstehungsort von japonica im südlichen China mit den Vertretern der „Ein-Kultivierungstheorie“ überein. Sie sind jedoch davon überzeugt, dass indica unabhängig von japonica in einem Gebiet, welches das heutige Indien und Indochina umspannt, kultiviert wurde.

Eine aktuelle Studie fügt der Diskussion einen weiteren Schauplatz hinzu: Demnach soll aus einer Region, die sich von Zentralindien bis nach Bangladesch erstreckt, entstanden sein. Das Kuriose dabei: letztgenannte und die Ein-Kultivierungstheorie basieren auf denselben, genetischen Daten. Dabei handelt es sich um Sequenzen von 446 Wildreisproben und mehr als 1.000 kultivierten Reissorten. Aber genau wie bei zwei Detektiven, die einen Tatort inspizieren und zu verschiedenen Verdächtigen gelangen, haben die Forschungsteams aus denselben Daten unterschiedliche Rückschlüsse gezogen.

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Der Jangtsekiang (kurz: Jangtse) ist der längste Fluss Chinas und mit rund 6380 km der drittlängste Fluss der Erde. Archäologische Funde aus China belegen, dass Wildreiskörner schon vor 8.200 bis 13.500 Jahren im Jangtse-Tal gesammelt und gegessen wurden.

Der Jangtsekiang (kurz: Jangtse) ist der längste Fluss Chinas und mit rund 6380 km der drittlängste Fluss der Erde. Archäologische Funde aus China belegen, dass Wildreiskörner schon vor 8.200 bis 13.500 Jahren im Jangtse-Tal gesammelt und gegessen wurden.

Bildquelle: © Cornerstone / pixelio.de

Vorteilhafte Pflanzen gezielt ausgewählt

Beide Analysen konzentrieren sich auf sogenannte Kultivierungs-Sweeps. Das sind bestimmte Regionen im Genom von kultivierten Reisarten, die sich von ihren wilden Vorgängern unterscheiden. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die betreffenden Pflanzen von den damaligen Bauern gezielt wegen ihrer besonders günstigen Eigenschaften zur nächsten Aussaat ausgewählt wurden. Dazu gehören Regionen im Reisgenom, die den Pflanzen das vertikale und damit dichtere Wachstum ermöglichten, anstatt sich über die Bodenfläche zu verteilen; oder auch die Fähigkeit, die Reiskörner am Stängel zu halten und nicht, wie viele Wildreissorten, einfach abzuwerfen.

Wo genau wurde Reis kultiviert?

Die Vertreter der „Ein-Kultivierungstheorie“ postulieren, dass die Kultivierungs-Sweeps aller in Asien kultivierter Reisarten sehr ähnlich seien und auf eine einzelne Gruppe wilder Vorfahren im südlichen China zurückführbar sind. Die aktuelle Studie kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: Die genetischen Daten würden zeigen, dass landwirtschaftlich vorteilhafte Gene in vielen Wildreisarten weit verstreut über Asien vorkamen. Bauern aus drei nicht miteinander verbundenen Regionen hätten alle unabhängig voneinander diejenigen Reispflanzen zum weiteren Anbau ausgewählt, die ihnen landwirtschaftlich besonders vorteilhaft erschienen. Daraus resultierten ähnliche Kultivierungsdurchläufe, die zu drei verschiedenen Reisunterarten führten: indica, japonica und aus. Das wollen die Vertreter der „Ein-Kultivierungstheorie“ nicht akzeptieren und haben bereits eine Gegendarstellung angekündigt.

Alles deutet darauf hin, dass das letzte Wort in Sachen Reiskultivierung noch nicht gesprochen ist. Dabei geht es nicht nur um die historisch korrekte Aufklärung zur Kultivierung unserer heutigen Reisarten. Aufschlüsse über die Entwicklungsgeschichte von Reis sind auch für seine Züchtung interessant. Denn um resistentere und ertragreichere Reissorten auf den Markt zu bringen, ist das Wissen um den Ursprung der Domestikationsgene unerlässlich. In diesen endemischen Gebieten, existiert auch die größte genetische Vielfalt, die die Basis für jede Züchtung ist.

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