Sicher ist, dass es unsicher ist

Wälder haben nach ihrer Zerstörung ein unterschiedliches Schicksal

03.07.2015 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Tropischer Regenwald in Costa Rica. (Bildquelle: © amelie - Fotolia.com)
Tropischer Regenwald in Costa Rica. (Bildquelle: © amelie - Fotolia.com)

Eine neue Studie an Tropenwäldern legt nahe, dass Sekundärwälder ganz anders aussehen, als die Wälder, die sie ersetzen. Auch Wälder in ähnlichen Lagen müssen sich nicht zwingend einheitlich entwickeln. Das Nachwachsen von Wäldern nach ihrer Zerstörung ist nicht vorhersehbar. Der Zufall scheint eine wichtige Komponente zu sein.

Wälder sind wertvolle Ökosysteme, denn sie erfüllen viele wichtige Funktionen - so bieten sie vielen unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum und speichern große Mengen an Kohlendioxid. Nicht nur in den Tropen, auch in Deutschland weisen Wälder eine große Artenvielfalt auf. Buchenwälder beherbergen über 4.000 Pflanzen- und Pilzarten sowie knapp 7.000 Tierarten (vgl. BfN – Artenschutzreport, 2015). Langzeituntersuchungen zeigen, dass man im Buchen-Wirtschaftswald auf einer Fläche von 60 ha mit bis zu 6.000 Tierarten rechnen kann (Darow et al., 2010). Trotz dieses immensen Nutzens und der großen Bedeutung von Waldflächen für das Weltklima, werden jährlich viele Flächen für anderweitige Nutzungen zerstört. Vor allem die Regenwälder, die „grünen Lungen der Erde“, leiden darunter.

Nach der Zerstörung beginnt die Neubesiedlung

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Auch vor unserer Haustür befinden sich sehr artenreiche Wälder! Buchenwälder sind wichtige Waldökosysteme. In Deutschland wurden sogar fünf Buchenwälder zum Weltnaturerbe erklärt. Sie befinden sich in Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen.

Auch vor unserer Haustür befinden sich sehr artenreiche Wälder! Buchenwälder sind wichtige Waldökosysteme. In Deutschland wurden sogar fünf Buchenwälder zum Weltnaturerbe erklärt. Sie befinden sich in Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen.

Bildquelle: © Bernd Kasper / pixelio.de

Wird der Primärwald durch den Menschen oder durch eine Naturkatstrophe, wie einen Waldbrand, zerstört, dann beginnt die Natur allmählich die Fläche zurückzuerobern. Pionierarten, wie Moose oder Flechten, beginnen diese zu überziehen. Nach und nach folgen höherentwickelte Pflanzen und irgendwann werden auch wieder Bäume in die Höhe wachsen. Am Ende hat sich ein Sekundärwald aufgebaut. Diese zyklische Wachstumsentwicklung, auch Sukzession genannt, wurde bisher als gut vorhersehbarer Prozess bei Wäldern verstanden, bei dem am Ende wieder die gleichen Bäume die Landschaft dominieren.

Um die Entwicklung von Sekundärwäldern bis zu dem „fertigen“ Wald zu untersuchen, müsste man eigentlich den Wald über die ganze Phase des Wachstumsprozesses beobachten. Im Gegensatz zu anderen Pflanzen, dauert es bei Bäumen jedoch sehr lange, bis sie wieder zu einer stattlichen Größe herangewachsen sind. Oft vergehen mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte. So lange kann kein Forscher warten. Daher vergleicht man Waldbestände in unterschiedlichen Entwicklungsstufen (dem Alter) miteinander, die in sonst gleichen Bedingungen stehen. Können solche Untersuchungen ein genaues Bild abgeben? Und wie vorhersehbar ist die Entwicklungsgeschichte? Um diese Fragen zu klären, ging ein Forscherteam nun einen anderen Weg.

Hohe Unsicherheit: Der Zufall spielt eine große Rolle

Das Forscherteam wertete mehrere Langzeitstudien von tropischen Wäldern in Mittel- und Südamerika (in Brasilien, Costa Rica, Mexiko und Nicaragua) aus, die zu unterschiedlichen Zeiten zerstört und wiederbelebt wurden. Dabei betrachteten sie drei wichtige Waldmerkmale: die Grundfläche der Waldareale, die Stammdichte und die Artenvielfalt der Sekundärwälder. Sie entwickelten daraufhin mathematische Modelle, die diese Eigenschaften miteinander in Beziehung setzen und die dynamischen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten aufzeigen. Ziel war es, zu bestimmen, ob man genaue Vorhersagen über die Waldentwicklung treffen kann.

Das Bestandsalter als alleiniger Faktor, das in früheren Ansätzen die Hauptbezugsgröße war, entpuppte sich in diesen Vergleichsanalysen als schlechter Ansatzpunkt. Die Entwicklung der Wachstumszyklen war auch bei nahe gelegenen Waldflächen mit ähnlichen Umweltbedingungen und einer gleichen Zerstörungsgeschichte sehr unterschiedlich, wie die Forscher feststellten. Beispielsweise entwickelten sich die Stammdichte und die Artenvielfalt in verschiedenen Untersuchungsstandorten in Brasilien sehr unterschiedlich.

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Die Zerstörung eines Waldes kann natürliche Ursachen haben oder durch den Menschen herbeigeführt worden sein, beispielsweise durch eine Brandrodung.

Die Zerstörung eines Waldes kann natürliche Ursachen haben oder durch den Menschen herbeigeführt worden sein, beispielsweise durch eine Brandrodung.

Bildquelle: © guentermanaus - Fotolia.com

Die Entwicklungsgeschichten waren sehr eigenwillig und der Zufall spielt eine weit größere Rolle, als bisher vermutet. Dies legt nahe, dass die Entwicklungsdynamiken der unterschiedlichen Sekundärwälder weder konsistent noch einheitlich waren. Verallgemeinernde Aussagen, wie sich ein abgeholzter oder abgebrannter Wald nach Wiederaufforstung entwickeln wird, bleiben schwierig zu treffen bzw. sind unmöglich.  

Weitreichende Folgen

Individuelle Faktoren am Standort im Besiedlungszeitraum, beispielsweise welche Samen als erstes zu keimen beginnen oder welche Schädlinge sich ansiedeln, und viele andere Faktoren entscheiden wie die nächsten Entwicklungsschritte aussehen. Die Unsicherheit der Entwicklungsgeschichte von Sekundärwäldern stellt demnach die Vermutung in Frage, dass Sukzessionsprozesse konsistent ablaufen. Der Regenerationsprozess nach der Zerstörung kann selbst unter ähnlichen Bedingungen sehr unterschiedlich verlaufen. Durch die Zerstörung von Wäldern, können Arten aussterben und die Biodiversität dieser so bedeutenden Ökosysteme unwiederbringlich gefährdet werden.

Die Studie zeigt somit auf, wie wichtig es ist, die primären Wälder zu erhalten und zu schützen. Die Vorstellung, dass diese sich schon wieder in ihrer ursprünglichen Form regenerieren werden, ist falsch. Damit die Artenvielfalt erhalten werden kann, ist eine nachhaltige Waldbewirtschaftung nötig. Riesige Kahlschläge müssen vermieden werden. Wie man den Wiederaufbau von Waldökosystemen durch gezielte Maßnahmen unterstützen kann, ist eine der zentralen Fragen, wenn Ländern wie Brasilien aus den Fehlern lernen wollen. Brasilien geht mit gutem Beispiel voraus: In den 1990er Jahren war es das Land mit der höchsten Entwaldungsrate – die Zerstörung von Wäldern ist hier in den letzten Jahren signifikant zurückgegangen. Gute Initiativen sind gefragt, wie das Brasilianische Soja-Moratorium, das jedoch 2016 ausläuft und die Gefahr der verstärkten Abholzung wieder auf die Tagesordnung setzt (vgl. Gibbs et al., 2015). Positiv hervorzugeben ist die „Bonn Challenge“, die darauf abzielt bis zum Jahr 2020 weltweit insgesamt 150 Millionen Hektar degradierter und entwaldeter Landfläche wieder aufzubauen.

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