Stall oder Weide?

Forscher berechnen, wie durch intensivierte Viehhaltung Treibhausgase eingespart werden können

12.03.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Für die Tierhaltung wird im globalen Maßstab immer mehr Wald in Weideland umgewandelt, aktuell werden 30 Prozent der Landfläche als Weideland genutzt. (Quelle: © M. Großmann / pixelio.de)
Für die Tierhaltung wird im globalen Maßstab immer mehr Wald in Weideland umgewandelt, aktuell werden 30 Prozent der Landfläche als Weideland genutzt. (Quelle: © M. Großmann / pixelio.de)

Durch intensivere Tierhaltungsformen könnten weltweit jährlich über 700 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden, weil weniger Wald in Weideland umgewandelt werden müsste.

Die Nutztierhaltung ist weltweit für 12 Prozent des anthropogen verursachten Ausstoßes von Treibhausgasen verantwortlich. Gleichzeitig liefert Fleisch global gesehen 33 Prozent des vom Menschen benötigten Proteins. Durch wachsenden Wohlstand und höhere Einkommen in den Schwellen- und Entwicklungsländern steigt dieser Bedarf weiter. Für die Tierhaltung wird im globalen Maßstab immer mehr Wald in Weideland umgewandelt, aktuell werden 30 Prozent der Landfläche als Weideland genutzt. Diese Landnutzungsänderungen sind verantwortlich für die Freisetzung von großen Mengen an Treibhausgasen.

Aber besonders in den Entwicklungsländern sind Tiere eine wichtige Quelle für regelmäßiges Einkommen und finanzielle Absicherung. Die FAO schätzt, dass etwa 987 Millionen Arme weltweit ihren Lebensunterhalt durch Tierhaltung sichern. Würde man im Rahmen von neuen Klimaschutzprogrammen die Rodung von Wäldern und damit neue Weideflächen für die Fleischproduktion begrenzen, wären möglicherweise Millionen Menschen in ihrer Existenz bedroht. Forscher haben jetzt modelliert, wie die Haltungsbedingungen der Tiere zu gestalten sind, damit trotz steigender Tierbestände weniger Wald gerodet und wichtige Klimaschutzziele erreicht werden.

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Eine wachsende Weltbevölkerung und ein steigender Lebensstandard führen zu einem immer größeren Fleischkonsum. 250 Millionen Tonnen Fleisch werden weltweit pro Jahr verzehrt, das meiste davon in den westlichen Industriestaaten.

Eine wachsende Weltbevölkerung und ein steigender Lebensstandard führen zu einem immer größeren Fleischkonsum. 250 Millionen Tonnen Fleisch werden weltweit pro Jahr verzehrt, das meiste davon in den westlichen Industriestaaten.

Bildquelle: © iStock.com/ monica-photo

Fleischkonsum und Landnutzungsänderung

Der stetig steigende Fleischkonsum gilt als ein wichtiger Faktor für die Freisetzung von Treibhausgasen. 250 Millionen Tonnen Fleisch werden weltweit pro Jahr verzehrt, das meiste davon in den westlichen Industriestaaten. Um die Tiere zu ernähren, muss genug Weidefläche zur Verfügung stehen. Dafür wird Wald gerodet: Zwischen 1983 und 2000 gingen 83 Prozent der neugewonnenen landwirtschaftlichen Fläche in den Tropen auf Kosten des Waldes. Diese Umwandlung von Wald in Weide oder Acker wird als Landnutzungsänderung bezeichnet.

Da Wald CO2 aufnimmt und langfristig speichert (Kohlenstoff-Senke), wird durch fehlende Waldflächen auch weniger CO2 aus der Atmosphäre entfernt. Durch Zersetzung oder Verbrennung des eingeschlagenen Holzes kommt es zudem zu erheblichen CO2-Emissionen durch den zuvor im Holz gebundenen Kohlenstoff. Auch der Umbruch des Bodens setzt große Mengen an Treibhausgasen frei. Landnutzungsänderungen für die Fleischproduktion tragen daher wesentlich zur Belastung des Klimas bei.

Weniger Weide, weniger Treibhausgase

Und der Fleischbedarf wird in den nächsten Jahrzehnten weiter steigen: In ihrer Studie kalkulieren die Forscher von 2000 bis 2030 eine Zunahme des Bedarfs an Fleisch von Wiederkäuern (zum Beispiel Rindfleisch) um 55 Prozent und an Milch um 44 Prozent. Als Grund geben sie die Zunahme der Weltbevölkerung sowie einen steigenden Lebensstandard an, der wiederum einen erhöhten Fleischkonsum nach sich zieht.

Um zu untersuchen, wie sich die Treibhausgasemissionen aus der Viehhaltung senken lassen, modellierten die Forscher verschiedene Viehhaltungssysteme und die Art, wie sie verändert werden müssten, um den steigenden Bedarf zu decken und gleichzeitig die Klimaziele zu erfüllen. Dabei fanden sie heraus, dass bei einem Wechsel von extensiven Viehhaltungen mit viel Weidegang hin zu intensiveren Haltungsformen mit effizienterer Fütterung, effektiver Züchtung und weniger Weidegang bis zu 736 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (CO2e) weniger pro Jahr freigesetzt würden, und zwar vor allem durch die Einsparung von 162 Millionen Hektar Land, das ansonsten zu Weide umgewandelt würde.

Fördern statt Begrenzen

Damit zeigen die Wissenschaftler, dass über eine Verhinderung von Landnutzungsänderungen durch intensivierte Tierhaltungssysteme effektiv Treibhausgase eingespart werden können. Tatsächlich wird auch von Experten der FAO die Ansicht vertreten, dass eine intensivierte Tierhaltung zum Klimaschutz beitragen kann. Besonders bei Rindern wird durch rohfaserreiches Futter von der Weide deutlich mehr Methan (CH4) freigesetzt als bei einer getreidebasierten Fütterung im Stall. Durch die Freisetzung von Methan sinkt zudem die Produktion, da Kohlenstoff ungenutzt entweicht. Auch wird bei überweideten Grasländern die Vegetationsdecke geschädigt, was Bodenerosion und letztlich zur Versteppung oder zur Wüstenbildung (Desertifikation) führen kann.

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Um Weidefläche für Tiere zu schaffen, wird immer mehr Wald gerodet. Zwischen 1983 und 2000 gingen 83 Prozent der neugewonnenen landwirtschaftlichen Fläche in den Tropen auf Kosten des Waldes.

Um Weidefläche für Tiere zu schaffen, wird immer mehr Wald gerodet. Zwischen 1983 und 2000 gingen 83 Prozent der neugewonnenen landwirtschaftlichen Fläche in den Tropen auf Kosten des Waldes.

Bildquelle: © iStock.com/ Leeman

Eine intensivere Tierhaltung vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern ist aber nicht mit einigen extremen Auswüchsen der Massentierhaltung gleichzusetzen. Die Forscher gehen deshalb auch auf Probleme die mit einer intensivierten Viehhaltung verbunden sind ein: Stark intensivierte Tierhaltungen führen zu Umweltbelastungen durch hohe Nährstoffeinträge und Geruchsbelästigungen und stehen unter anderem in Fragen des Tierschutzes oft in der Kritik. Dinge wie Tierschutz, die Einhaltung von Hygiene-Standards oder die Sicherung der Existenz von Kleinbauern müssen unbedingt berücksichtigt werden, damit eine Umstrukturierung hin zu intensiverer Viehhaltung keine negativen Effekte hervorruft.

Ziel muss es sein, die Produktionssysteme so zu verändern, dass diese über Generationen ein gesichertes Einkommen ermöglichen und die auch das Tierwohl im Fokus haben. Die Forscher betonen deshalb, dass die Schlüsselrolle der Viehhaltung in Bezug auf den Landverbrauch und damit die Einsparungspotentiale von Treibhausgasen noch nicht ausreichend erkannt wird. Eine entsprechende Politik, die statt Begrenzung der Emissionen von „oben herab“ durch entsprechende Förderungen ländlicher Gebiete, die Verbreitung neuer Technologien und finanzielle Anreize die verschiedenen Viehhaltungssysteme verbessert, könnte in Zukunft die gewünschte Ernährungssicherheit erreichen, parallel mit sozial und umweltverträglich akzeptablen Ergebnissen.

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Kommentare

1 03.04.2014
Stefan
  eeine

Eine Intensivierung der Viehaltung bringt vorallem mehr leiden für die Tiere. Nicht angesprochen wird in dem Artikel das für jedes kg produziertem Fleisch zuvor 10kg an Weizen, Mais oder Soja an das Tier verfüttert werden müssen. Um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren mus dahers ein starker Rückgang an Fleichkonsum erfolgen. Wie Albert Einstein bereits sagte: „Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“

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