Weniger ist manchmal mehr

07.06.2011 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Nützlinge bekämpfen Schädlinge durchaus erfolgreich (Quelle: © iStockphoto.com/ Alessandro Zocchi)
Nützlinge bekämpfen Schädlinge durchaus erfolgreich (Quelle: © iStockphoto.com/ Alessandro Zocchi)

Insektizide gegen Blattläuse sollten mit Bedacht eingesetzt werden, da sonst nach einem kurzfristigen Erfolg der Befall stärker sein kann als auf unbehandelten Pflanzen. Zu diesem Ergebnis kamen deutsche Forscher bei vergleichenden Feldversuchen mit Getreidepflanzen. Dabei spielt die Vielfalt der natürlichen Feinde eine große Rolle.

Getreideblattläuse können in manchen Jahren bei starkem Befall zu großen Schäden an der Getreideernte führen. Sie verursachen einerseits im Sommer Saugschäden an den Blättern und Ähren, andererseits infizieren sie Getreidepflanzen mit Viren. Zum Beispiel mit dem gefährlichen Gelbverzwergungsvirus. Viele Landwirte spritzen daher vorbeugend Insektizide, um solche Schäden zu vermeiden. Eine aktuelle Studie stellt nun jedoch in Frage, ob dieser zeitliche und finanzielle Einsatz grundsätzlich sinnvoll ist. Denn das deutsche Forscherteam kam zu dem Ergebnis, dass die Blattlauspopulation nach dem Einsatz von Spritzmitteln zwar erwartungsgemäß sinkt. Da die Insektizide offensichtlich jedoch mehr in das Ökosystem Feld eingreifen als gewünscht, steigt die Schädlingsdichte schnell wieder an. Nach vier Wochen war diese höher als auf unbehandelten Feldern.

Die Forscher nahmen fünfzehn konventionell bewirtschaftete sowie fünfzehn biologisch bewirtschaftete Triticale-Felder in der Gegend um Bayreuth unter die Lupe. Triticale ist eine natürliche Kreuzung der beiden Getreidarten Weizen und Roggen. Das Getreide kombiniert unterschiedliche Eigenschaften der beiden Ursprungsarten, und zwar die Fähigkeit des Roggens mit widrigen Umständen zurechtzukommen und das höhere Ertragspotenzial des Weizens. Selbst auf schlechten Böden liefert Triticale gute Erträge und es wird vor allem für Tierfutter eingesetzt. Wie der Roggen wird Triticale größtenteils vom Wind fremdbestäubt. Aufgrund seines Potentials für die Herstellung von Biotreibstoff könnte das Getreide in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.

Neben dem Blattlausbefall und deren natürlichen Feinden untersuchten die Wissenschaftler auch, welche und wie viele andere Pflanzenarten sowie Bestäuberinsekten in den Feldern zu finden waren.

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Auf ungespritzten Triticale-Feldern hielten sich Schädlinge und Nützlinge die Waage.

Auf ungespritzten Triticale-Feldern hielten sich Schädlinge und Nützlinge die Waage.

Bildquelle: © iStockphoto.com/ Pietus

Blattläuse kommen schneller wieder als ihre Feinde

Die Forscher verglichen fünf konventionell bewirtschaftete Triticale-Felder, die vorbeugend mit Insektiziden behandelt waren mit zehn unbehandelten Feldern. Sie stellten fest, dass vier Wochen nach der Insektizid-Behandlung der Blattlausbefall deutlich über dem der unbehandelten Felder lag. Die Zahl natürlicher Feinde war dagegen auf den behandelten Feldern durchgehend geringer, während sie auf den unbehandelten in den letzten beiden Untersuchungsphasen anstieg. Zur Erklärung dieses Phänomens vermuteten die Forscher entweder, dass die Insektizide nicht nur Schädlinge sondern auch die natürlichen Feinde der Blattläuse abtöten. Eine andere Erklärung sehen sie darin, dass nach dem Absterben der Blattläuse die natürlichen Feinde keine Nahrung mehr finden und auf andere Flächen abwandern. In jedem Falle scheinen sich die Blattläuse auf den gespritzten Feldern schneller wieder zu erholen. Ihre Populationen wachsen relativ ungestört wieder an. Die natürlichen Feinde benötigen dagegen mehr Zeit, um sich erneut anzusiedeln. Blattläuse können sich daher in diesem Zeitfenster ungehindert vermehren. In unbehandelten Feldern bleibt das Verhältnis dagegen stabil, sodass die Schädlingskontrolle in Jahren mit geringem bis normalem Befall auf natürliche Weise funktionieren kann.

Artenvielfalt unterstützt natürliche Schädlingskontrolle auf Biofeldern

Die Wissenschaftler verglichen zudem die Artenvielfalt dieser Felder mit fünfzehn biologisch bewirtschafteten Feldern. Dort fanden sie fünfmal so viele Pflanzenarten und 20 Mal mehr Arten von bestäubenden Insekten als auf konventionellen Feldern. Zudem fanden sie die dreifache Menge von Blattlausfeinden und fünf Mal weniger Blattläuse. Die Wissenschaftler folgerten daraus, dass die deutlich größere Artenvielfalt sowohl in Bezug auf Pflanzenarten als auch auf Nützlinge auf biologisch bewirtschafteten Feldern die Schädlingskontrolle stark vereinfacht.

Kontrollierter Spritzmitteleinsatz spart Kosten

Im Untersuchungsjahr (2008) war der Schädlingsbefall gering, wirtschaftliche Schäden wären vermutlich nicht zu erwarten gewesen. Die natürliche Schädlingskontrolle funktionierte offensichtlich auch ohne den Einsatz von Spritzmitteln bestens. Die Forscher warnen daher vor dem vorbeugenden Einsatz von Insektiziden. Denn nur durch ein vorheriges Monitoring des Schädlingsbefalls lässt sich ein kritisch hoher Befall, der eine Behandlung nötig macht, erkennen. Dem Landwirt entstehen durch vorbeugenden, zeitaufwändigen Spritzmitteleinsatz hohe Kosten, die in Jahren mit geringem Schädlingsbefall vermeidbar wären. Diese Vorgehensweise entspricht dem integrierten Anbau, der sozusagen die Brücke zwischen konventionellen und dem biologischen Anbau schlägt. Die Methoden des integrierten Anbaus haben möglichst geringe Auswirkungen auf die Umwelt, sind jedoch nicht so eingeschränkt wie beim biologischen Anbau.

Zudem entstehen indirekte Kosten aufgrund verminderter Leistungen des unnötigerweise gestörten Ökosystems Feld. Beispielsweise stehen dem Landwirt bestäubende Insekten kostenlos zur Verfügung. Greift er mit Spritzmitteln in das Ökosystem ein, kann sich die Zahl dieser Insekten reduzieren, was zu einer geringeren Bestäubung von fremdbestäubenden Pflanzenarten führen kann. Wie die Ergebnisse der unbehandelten konventionell bzw. der biologisch bewirtschafteten Felder zeigen, trägt ein funktionierendes Ökosystem außerdem zu einer verbesserten natürlichen Schädlingskontrolle bei, die den Einsatz von Spritzmitteln oftmals vermeiden lässt. Service-Leistungen, die die Natur uns kostenlos zur Verfügung stellt, sollten daher zukünftig auch in der Landwirtschaft noch besser integriert werden. 

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