Wenn Pflanzen Pflanzen nachahmen

Die Kletterpflanze Boquila trifoliolata ist ein wahrer Verwandlungskünstler

19.05.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die Kletterpflanze Boquila trifoliata zeigt eine extrem variable Form der Blattmimikry. Auf dem Bild ist ihre ursprüngliche Blattform zu sehen. (Bildquelle: © Inao/ wikimedia.org/ CC BY-SA 2.0)
Die Kletterpflanze Boquila trifoliata zeigt eine extrem variable Form der Blattmimikry. Auf dem Bild ist ihre ursprüngliche Blattform zu sehen. (Bildquelle: © Inao/ wikimedia.org/ CC BY-SA 2.0)

Die Kletterpflanze Boquila trifoliolata imitiert die Blätter der Bäume, an der sie emporwächst, um sich vor Pflanzenfressern zu schützen.

Einige Pflanzen haben wie manche Tiere im Laufe der Evolution,  ihr Aussehen und ihre Signale  angepasst, um sich vor Fressfeinden zu schützen oder um Bestäuberinsekten anzulocken. Sie imitieren dabei  lebende Organismen (Mimikry) oder ihre Umgebung (Mimese). Vor kurzem haben Forscher im chilenischen Regenwald eine extrem variable Form der Blattmimikry entdeckt: Die Kletterpflanze Boquila trifoliolata ist in der Lage, die Blätter von bis zu drei verschiedenen Bäumen nachzuahmen, um sich vor Fressfeinden zu schützen, zu denen hauptsächlich Blattfresser wie Schnecken oder Käfer zählen.

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Pflanzen der Gattung Lithops werden auch

Pflanzen der Gattung Lithops werden auch "lebende Steine" genannt und stammen aus Südafrika. Sie sind ein eindrucksvolles Beispiel für die Mimese. Indem sie Steinen zum Verwechseln ähnlich sehen, schützen sie sich vor Fressfeinden. 

Bildquelle: © yellowcloud/ wikimedia.org/ CC BY-SA 2.0

Blattmimikry schützt vor Fressfeinden

Die Forscher beobachteten, dass die Kletterpflanze die Blätter der Bäume, um die sie sich ranken, in punkto Farbe und Form, Stiellänge und Blattgröße sowie bezüglich der Blattdicke und Ausrichtung imitiert. Mitunter bildet sich sogar ein kleiner Blattstachel an der Blattspitze, wenn dies auch beim Wirt der Fall ist. Die Forscher bemerkten außerdem, dass die Kletterpflanze die Blätter ihres Wirts nur dann imitiert, wenn sie sich um Bereiche des Baumes rankt, an denen Blätter wachsen, die quasi als Vorbild oder Model dienen. An den kahlen Stellen des Stammes und der Äste oder am Boden hingegen nehmen die Blätter der Kletterpflanze ihre ursprüngliche Form an. Dort waren die Schäden durch Fressfeinde auch insgesamt höher. Da die Fraßschäden im Detail am Stamm jedoch höher waren, als am Boden, schlossen die Forscher die Wuchshöhe als hauptsächlich schützenden Faktor aus.

Phänotypische Plastizität spielt eine wichtig

Für die Forscher stellt sich nun die Frage, wie Boquila trifoliolata in der Lage ist, die Blätter der Bäume nachzuahmen, ohne wie ein Parasit im direkten Kontakt mit ihnen zu stehen. Sie sehen die Anpassungsfähigkeit der Kletterpflanze als ein Indiz für einen hohen Grad einer phänotypischen Plastizität. Diese beschreibt das Maß, in dem der Phänotyp eines Organismus durch den Genotyp vorherbestimmt wird. Je stärker der Einfluss von Umweltfaktoren auf den Phänotyp ist, desto höher auch die phänotypische Plastizität. Sie erklärt zum Beispiel auch, warum genetisch identische Pflanzen je nach Standort zum Beispiel unterschiedliche Wuchsformen zeigen, wenn sich die Standorte hinsichtlich Klima, Wetter, Licht, Boden oder Höhe unterscheiden.

Im Fall von Boquila trifoliolata vermuten die Forscher flüchtige organische Verbindungen, also pflanzliche Duftstoffe, die von den Bäumen abgegeben werden, als Ursache. Dass Pflanzen, in der Lage sind solche Verbindungen wahrzunehmen und darauf zu reagieren, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Abwehr von Schädlingen, war bereits bekannt. Neu wäre jedoch, dass sie ihr Aussehen ändern und anpassen.

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Die Blüten der Schnepfen-Ragwurz (Ophrys scolopax) sehen weiblichen Langhornbienen zum Verwechseln ähnlich und locken auf diese Weise Männchen an.

Die Blüten der Schnepfen-Ragwurz (Ophrys scolopax) sehen weiblichen Langhornbienen zum Verwechseln ähnlich und locken auf diese Weise Männchen an.

Bildquelle: © Pinkman/ wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Die Kunst der Täuschung

Es gibt viele Beispiele, in denen Pflanzen ihr Aussehen ändern, um ihre Umwelt zu täuschen und daraus Vorteile zu ziehen. Byttneria aculeata, ebenfalls eine Kletterpflanze, lässt ihre Blätter zum Beispiel verwelkt aussehen, um Pflanzenfresser auf Nahrungssuche abzuschrecken.

Ragwurzen (Ophrys), die zu den Orchideen gehören, nutzen hingegen den Fortpflanzungstrieb männlicher Insekten für ihre Bestäubung aus. Indem ihre Blüten den Weibchen zum Verwechseln ähneln, lockt sie diese an. Die Verströmung von Duftstoffen macht die Täuschung perfekt. Im Zuge des vermeintlichen Kopulationsaktes bleiben die Blütenpollen der Ragwurzen an den Männchen haften und werden verbreitet. Dass Pflanzen jedoch Pflanzen nachahmen, war bisher neu.

Das Beispiel der Blattmimikry der Kletterpflanze Boquila trifoliolata beweist abermals, zu welch raffinierten Überlebensstrategien die Natur fähig ist. Die Forscher unterstreichen in ihrer Studie, dass bezüglich der Mimikry unter Pflanzen vor dem Hintergrund der molekularen Abläufe und der Entwicklung noch viel zu entdecken gibt.

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