Zeugnisse aus Urzeit

Umherziehende Hirten in der Bronzezeit haben bereits Ackerbau betrieben und Getreide verbreitet

17.04.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die kasachische Hochebene bot in der Bronzezeit ideale Bedingungen für den Anbau unterschiedlicher Getreidesorten. (Bildquelle:© iStock.com/ Kesman)
Die kasachische Hochebene bot in der Bronzezeit ideale Bedingungen für den Anbau unterschiedlicher Getreidesorten. (Bildquelle:© iStock.com/ Kesman)

Archäologische Funde aus der Bronzezeit in Kasachstan und Turkmenistan werfen ein vollständig neues Licht auf den frühen Anbau von Getreide als Nutzpflanze: Umherziehende Hirten betrieben bereits saisonalen Ackerbau und verwendeten dafür gleichzeitig unterschiedliche Getreidesorten.

In der Menschheitsgeschichte gibt es noch einige Lücken zu füllen. Eine davon betraf lange Zeit die Frage, wie einerseits der Weizen in den ostasiatischen Raum kam und andererseits die Hirse den Weg nach Vorderasien fand. Auch der Übergang zwischen der nomadischen Lebensweise der Hirten in Zentralasien hin zum sesshaften Leben des Bauern war ein Rätsel.

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Die zentralasiatischen Nomaden könnten ein entscheidendes Bindeglied im Transfer der Hirse von Ostasien nach Vorderasien gewesen sein.

Die zentralasiatischen Nomaden könnten ein entscheidendes Bindeglied im Transfer der Hirse von Ostasien nach Vorderasien gewesen sein.

Bildquelle: © iStock.com / Jorge Garrido

Wichtiges Bindeglied

Der zentralasiatische Raum ist für die archäologische Forschung von besonderem Interesse, weil er sowohl das geografische wie auch zivilisatorische Bindeglied zwischen den urgeschichtlichen Hochkulturen Ostasiens und den sich damals entwickelnden Zivilisationen in Vorderasien bildete. Die Domestizierung des Pferdes ab 4000 v. Chr. durch zentralasiatische Völker und die Oasenkultur aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. im heutigen Turkmenistan und Afghanistan oder die Andronowo-Kultur in Südsibirien und Zentralasien zur selben Zeit sind Zeugen früher Hochkulturen in jener Region. Gleichwohl war über die Verwendung von Getreidesorten als Nutzpflanzen bei den nomadischen Hirtenvölkern wenig bekannt. Das lag vor allem auch daran, dass es an systematisch gesammeltem und vergleichbaren archäobotanischem Material fehlte.

Beachtliche Funde aus langer Vorzeit

Ein internationales Forscherteam machte sich jetzt daran, neues Material zu finden und auszuwerten. Hierzu untersuchten sie verschiedene Lagerplätze nomadischer Hirtenvölker aus der Bronzezeit in Begasch und Tabas in Kasachstan sowie in Ojakly und im Delta des Flusses Murgab in Turkmenistan. Das Lager in Tabas befindet sich rund 950 Meter über dem Meeresspiegel und bot reichlich Material. Die ältesten Funde reichten dort fast 5.000 Jahre zurück und unter den 25 gefundenen Samenkörnern befand sich auch Weizen. Weitere Funde sind knapp 2.000 Jahre jünger, deutlich reichhaltiger und vielfältiger. Von den über 5.000 Samenfunden gab es außer Gerste, Weizen, verschiedene Hirsesorten und Erbsen. Die hohe Dichte an Körnern und Ährchengabeln deutet daraufhin, dass diese vor Ort angebaut und verarbeitet wurden, schlussfolgern die Wissenschaftler in ihrer Studie.

In Begasch fanden die Forscher hauptsächlich Hirse, die rund 4.500 Jahre alt war. In Ojakly, das sich aufgrund der dortigen Witterungsbedingungen schlecht für die Konservierung von botanischem Material eignet, gelang es den Archäologen dennoch 54 Samen von Nutzpflanzen zu identifizieren, wobei es sich überwiegend um Gerste handelte. Die Lagerstätten in der Nähe des Murgab-Deltas waren die ertragreichsten für die Forscher. Sie konnten über 16.000 Weizensamen und fast 9.000 Erbsensamen sicherstellen.

Weitreichende Ergebnisse

Aus diesen Funden ziehen die Forscher wegweisende Schlussfolgerungen. Insbesondere die Funde in Tabas und Begasch deuten einen weiträumigen Austausch zwischen den Hirtenvölkern in der gesamten Bergregion Zentralasiens an. Es seien dies zudem die ersten Hinweise auf eine Mischform von nomadischer und bäuerlicher Lebensweise im eurasischen Raum. Ferner würden die unterschiedlichen Getreidesorten zeigen, dass die Hirten dort nicht nur einzelne Nutzpflanzen angebaut, sondern mehrere Getreidearten gleichzeitg gepflanzt und anschließend auch weiterverarbeitet hätten. Gleichwohl betonen die Wissenschaftler, dass die Unterschiede in den gefundenen Mengen ein Indikator dafür seien, dass die geologischen Gegebenheiten einen Einfluss auf die frühe Landwirtschaft gehabt habe. Begasch diente mit 950 Höhenmetern eher als Herbst- und Winterlager der ackerbauenden nomadischen Hirten, während das in 1.500 Metern Höhe gelegene Tabas wohl in den Frühlings- und Sommermonaten genutzt wurde, so die Forscher. Diese Schlussfolgerungen zogen sie aus Samenfunden in Begasch, die im Vergleich zu Tabas deutlich geringer ausgefallen waren.

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Nach der Domestizierung der Pferde im Gebiet von Kasachstan wurden diese als Reittier und Milchlieferant genutzt.

Nach der Domestizierung der Pferde im Gebiet von Kasachstan wurden diese als Reittier und Milchlieferant genutzt.

Bildquelle: © iStock.com/ Petrichuk

Von besonderem Interesse für die Forscher war, welche Wege die Getreidekörner zurückgelegt hatten. Aufgrund der Morphologie der gefundenen Gerstekörner in Ojakly und Tabas zeigte sich, dass diese große Ähnlichkeiten mit Funden aus dem südlichen Zentralasien und dem westlichen China, die aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. stammten, aufwiesen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass die nomadischen Hirten am Austausch und der Verbreitung maßgeblich beteiligt waren.

Geschichte muss neu geschrieben werden

Alles in allem sind die Ergebnisse, so die Forscher, von großer Bedeutung. Die Geschichte der eurasischen Nomaden der Bronzezeit müsse neu geschrieben werden, da diese eine viel wesentlichere Rolle bei der Transformation der landwirtschaftlichen Methoden in Asien eingenommen hätten, als bisher angenommen. „Die Funde bedeuten, dass der Beginn des Anbaus von Nutzpflanzen durch zentralasiatische Hirtenvölker um rund 2.000 Jahre früher angesetzt werden muss als bisher“, so das Fazit der Wissenschaftler.

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