In der Landwirtschaft hat Westeuropa die Nase vorn

Neue Vergleichsstudie zur US-Agrarwirtschaft und der Westeuropas

15.01.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Agronomische Vielfalt ist landwirtschaftliche Realität in Europa und führt zu dem uns vertrauten Landschaftsbild. (Quelle: © iStockphoto.com/Meinzahn)
Agronomische Vielfalt ist landwirtschaftliche Realität in Europa und führt zu dem uns vertrauten Landschaftsbild. (Quelle: © iStockphoto.com/Meinzahn)

Die größte Agrarwirtschaft weltweit hat ein schlechtes Zeugnis von Wissenschaftlern aus Neuseeland, Australien, Brasilien und Malaysia bekommen: Im Vergleich mit Westeuropa haben die USA und Kanada bei wichtigen Kulturen im Durchschnitt geringere Ertragssteigerungen, verbrauchen mehr Ressourcen und sind anfälliger für Störfaktoren.

Während die Hälfte aller Nahrungsmittelproduzenten in der Welt arm ist und Feldfrüchte zur eigenen Ernährung anbauen, haben sich in anderen Regionen große und stark auf den Export ausgerichtete Landwirtschaftssysteme entwickelt. Der größte Teil der in der Welt konsumierten pflanzenbasierten Kalorien stammt aus solchen Systemen in Nordamerika. Jenseits des Atlantiks läuft auf den Feldern vieles anders als bei uns. In Europa bewirtschaften etwa 12 Millionen Landwirte Betriebe von durchschnittlich 12 Hektar Land, während die 2 Millionen Landwirte in den USA über eine durchschnittliche Betriebsgröße von 180 Hektar verfügen. Klimatische und politische Verhältnisse differieren auf beiden Kontinenten und diese Unterschiede zeigen sich auch in den angebauten Pflanzen und in der Pflanzenzucht.

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Diese eher ungewohnt aussehenden, kreisförmigen Felder, finden sich in trockenen Gegenden der USA. Hier wird mit künstlicher Bewässerung intensive Landwirtschaft betrieben.

Diese eher ungewohnt aussehenden, kreisförmigen Felder, finden sich in trockenen Gegenden der USA. Hier wird mit künstlicher Bewässerung intensive Landwirtschaft betrieben.

Bildquelle: © Sam Beebe, Ecotrust; CC BY 2.0

Vergleich der Agrarsysteme

Um zu prüfen, welches Agrarsystem zu nachhaltigeren Erträgen führt, haben Wissenschaftler die Erträge der letzten 50 Jahre von den gemeinsam angebauten Hauptkulturen Mais, Raps, Soja, Weizen und Baumwolle in Nordamerika und Kanada mit denen in Westeuropa verglichen. Doch wann gilt ein landwirtschaftliches System überhaupt als nachhaltig? „Um nachhaltig zu sein, muss ein Agrarsystem widerstandsfähig gegen natürliche Stressoren sein“, definieren die Autoren in ihrer Studie. Damit bezeichnen Wissenschaftler Einflussfaktoren wie Krankheiten, Schädlinge, Dürren, Wind und Versalzung. Aber auch menschengemachte Stressoren wie die Wirtschaftsentwicklung oder Handelsschranken.

Die in der Studie verglichenen Staaten verfügten über ein landwirtschaftliches Betriebssystem auf einem ähnlichen technischen Niveau. Das machte sie nach der Aussage der Forscher gut vergleichbar. Um Fragen zur Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zu beantworten, analysierten die Wissenschaftler z.B. Statistiken der Datenbank der UN-Welternährungsorganisation FAO und trugen Daten zu Ernteerträgen zwischen dem Jahr 1961 und heute in den Vereinigten Staaten und Kanada sowie den europäischen Staaten Österreich, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Deutschland, Niederlande und der Schweiz zusammen.

Leistung mangelhaft - setzen!

Beim direkten Vergleich mit Westeuropa schnitten die kanadische und die US-Agrarindustrie nicht gut ab: Sie produzierten stärker in Monokulturen und verbrauchten mehr Pestizide, verzeichneten jedoch die geringeren Erträge. Ihr System ist monopolistischer organisiert, das heißt es gibt weniger Vielfalt von Betrieben und Produktionssystemen. Durch diese Strukturen ist die genetische Diversität der angebauten Pflanzen geringer. Eine Trendumkehr ist nicht zu erkennen. Auch zukünftig werden die landwirtschaftlichen Betriebe größer werden. Das Wissen um alternative Anbaumethoden wird gleichzeitig kleiner, so die Forscher. Ein gravierender Nachteil ist bereits heute erkennbar: Die Widerstandsfähigkeit des Agrarsystems gegenüber Dürren und Schädlingen ist in Nordamerika geringer. Das hat zur Folge, dass die Ernteerträge dort größeren Schwankungen unterliegen als hierzulande.

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Trotz des hohen Anteils gentechnisch veränderter Pflanzen in den USA und Kanada verbrauchen Landwirte dort mehr Pestizide als Bauern in Westeuropa.

Trotz des hohen Anteils gentechnisch veränderter Pflanzen in den USA und Kanada verbrauchen Landwirte dort mehr Pestizide als Bauern in Westeuropa.

Bildquelle: © iStockphoto.com/ simazoran

Ein Blick zurück

Während des letzten Jahrhunderts war die Landwirtschaft in den USA geprägt von der Erzeugung eigenen Saatguts und dessen Austausch durch viele kleine Agrarbetriebe. Als in den 1980er und -90er Jahren neben dem Sortenschutz auch Patente für Pflanzensorten aufkamen, wurde das System des eigenen Saatguts und dessen Weitergabe hinfällig. Viele kleinere Pflanzenzüchter gaben in Folge dessen auf. Eine der ersten Pflanzen, die von dieser Entwicklung betroffen waren, war der Mais. Während der 1960er Jahre verdrängten neue Hybridmaissorten die alten Sorten, die sich selbst befruchteten, erfolgreich vom Markt. Das brachte den Bauern deutlich höhere Erträge.

Einen Nachteil hatte dieses Hybridsaatgut: Es musste jedes Jahr neu einkauft werden. Denn die ertragreichen Hybridsorten geben ihre agronomisch bedeutenden Merkmale nicht an ihre Nachkommen weiter. In Folge dessen gab es in den USA immer weniger kleine, aber spezialisierte Pflanzenzüchter, dafür jedoch wenige große, kommerzielle Zuchtbetriebe. Patente auf gentechnisch veränderte Pflanzen und der patentartige Schutz bestimmter Pflanzensorten, die 1991 eingeführt wurden, beschleunigten diese Entwicklung. Bei anderen wichtigen Pflanzen wie beispielsweise Soja oder Baumwolle bereitete erst die Einführung gentechnisch veränderter Sorten der Vielfalt ein jähes Ende, so die Forscher.

Ganz einig ist sich die Wissenschaft darüber jedoch noch nicht. Denn auch in Europa hat sich bei Mais Hybridsaatgut durchgesetzt und trotzdem verfügt Europa nach wie vor über eine vergleichsweise große und regional angepasste Vielfalt an Pflanzenzuchtbetrieben. Auch gibt es andere Studien, die zeigen, dass Europa gerade bei Mais bezüglich der Ertragszuwächse hinter denen in Nordamerika mehr und mehr zurückfällt. Das betrifft vor allem Frankreich, das für den Maisanbau klimatisch begünstigt ist.

Das Problem der biologischen Vielfalt

Die Abnahme der Agrobiodiversität bei den Grundnahrungsmitteln ist ein weltweites Problem. Bereits im Jahr 1996 gab die FAO zu bedenken, dass in China von den 10.000 Weizenvarianten, die im Jahr 1949 angebaut wurden, im Jahr 1970 lediglich noch 1.000 auf den Feldern zu finden waren. In den USA sind sogar 95 % der Kohlsorten, 91 % der Maissorten, 94 % der Erbsensorten und 81 % der Tomatensorten im Laufe des letzten Jahrhunderts nicht mehr kultiviert worden.

Sortenschutz statt Patentrecht in Europa

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Weizen wird auf beiden Seiten des Atlantiks gentechnisch unverändert angebaut. Auch hier konnten die Westeuropäer ihre Ernteerträge schneller steigern als ihre Kollegen in den USA und Kanada.

Weizen wird auf beiden Seiten des Atlantiks gentechnisch unverändert angebaut. Auch hier konnten die Westeuropäer ihre Ernteerträge schneller steigern als ihre Kollegen in den USA und Kanada.

Bildquelle: © iStockphoto.com/ SteveMcsweeny

In Europa gibt es einen weiteren Unterschied. Gentechnisch veränderte Sorten spielen im Gegensatz zu Nordamerika in der Landwirtschaft praktisch keine Rolle. Dadurch entfällt, so die Forscher in ihrer Studie, der Patentschutz. Stattdessen greift das Sortenrecht. Wenn also ein Züchter eine neue Sorte auf den Markt bringt, darf diese von allen anderen Züchtern genutzt werden, um diese weiterzuentwickeln. Ist diese ihrem Vorgänger in mindestens einem Merkmal überlegen, kann diese wiederum als neue Sorte angemeldet und gehandelt werden. So sorgt der Sortenschutz hierzulande dafür, dass bei jeder neuen Züchtung möglichst vielfältiges Know-how einfließt und sich Züchter quasi gegenseitig befruchten.

Schnellere Ertragssteigerung ohne Gentechnik

Seit 1986 wird in den USA gentechnisch veränderter Mais angebaut. Inzwischen sind 88 % des in den Vereinigten Staaten angebauten Mais genetisch verändert - gleiches gilt für 82 % der Rapssaaten in den USA und 95 % in Kanada. Auch 94 % der Sojabohnen und Baumwolle sind jeweils in den USA in ihrem Erbgut verändert. Dennoch ist Westeuropa den USA und Kanada offenbar in der Ertragssteigerung überlegen und verbraucht zudem noch weniger Pestizide und Insektizide als die Nachbarn jenseits des großen Teichs, so die Datenlage der Studie. Gentechnik bleibt eine wichtige Methode für die Erforschung von Gen-Funktionsbeziehungen, aber auch eine wichtige Option für die direkte Nutzung. Zwar vermochten es die gentechnischen Pflanzen der ersten Generation, die Pflanzen besser für einen großflächigen Anbau auszurüsten, nicht aber für eine bessere Anpassung an widrige Umweltbedingungen. Aktuelle Zulassungen zielen vermehrt auf Trockenresistenz oder eine bessere Anpassung an Versalzung ab. Wie diese sich auf einen Vergleich Europa – Nordamerika auswirken, bleibt abzuwarten.

Genveränderter Weizen wird auf beiden Seiten des Atlantiks nicht eingesetzt. In Westeuropa waren die Erträge pro Hektar schon immer höher, zwischen 1961 und 2011 ist die Schere weiter auseinander gegangen. Darin sehen die Studienautoren einen Hinweis, dass ein Agrarsystem seine Erträge auch ohne gentechnisch veränderte Pflanzen mit Hilfe herkömmlicher Züchtungsmethoden deutlich steigern kann.

Eine nachhaltige Landwirtschaft sorgt nicht nur für hohe Erträge, sondern auch für stabile Erträge und damit für Nahrungssicherung. Und genau hier liegt laut der Studienautoren einer der großen Schwachpunkte der US-Landwirtschaft: Wo nur wenige Sorten, diese aber in großen Mengen angebaut werden, können klimatische Schwankungen und Schädlinge die Erträge massiver beeinflussen als in sortenreichen Anbaugebieten.

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Seit ihrer Entwicklung haben sich Hybridmaissorten dies und jenseits des Atlantiks durchgesetzt und haben klassische Sorten komplett verdrängt. Der Grund: Hybridmais liefert deutlich höhere Erträge.

Seit ihrer Entwicklung haben sich Hybridmaissorten dies und jenseits des Atlantiks durchgesetzt und haben klassische Sorten komplett verdrängt. Der Grund: Hybridmais liefert deutlich höhere Erträge.

Bildquelle: © Graylight/wikimedia.org; gemeinfrei

Anbaumix lohnt sich

Studien aus China belegten bereits, dass sich ein Mix aus ertragreichen Hybridsorten und traditionellen Sorten durchaus lohnt, zumindest beim Anbau von Reis. Auch der gemeinsame Anbau unterschiedlicher Feldpflanzen wie beispielsweise Mais mit Tabak, Mais mit Zuckerrohr, Mais mit Kartoffeln und Weizen mit Bohnen sorgte insgesamt für stabilere Ernten und höhere Erträge mindestens eines Anbaupartners. „Obwohl immer wieder laut wird, gentechnisch veränderte Pflanzen seien zur Sicherung der Welternährung unverzichtbar, konnte unsere Studie keine Erntevorteile der US-Landwirtschaft gegenüber der in Westeuropa aufzeigen“, so das Fazit der Autoren. Ökonomische und legislative Kräfte in den USA würden die Uniformität der Hauptnahrungspflanzen weiter vorantreiben und die US-Agrarwirtschaft dadurch anfällig für immense Ernteeinbußen durch klimatische Veränderungen oder Schädlingsbefall machen.

Lösungsansätze

Um der Monopolisierung der Saatguterzeugung und den immer größer werdenden Farmen und Monokulturen Einhalt zu gebieten, schlagen die Wissenschaftler vor, die Biodiversität der Agrarbetriebe jährlich statistisch zu erfassen. Zusammen mit der Aufzeichnung von biotischen und abiotischen Stressoren ergäbe sich so ein realistisches Bild über die Ertragsentwicklung und die Erntesicherheit eines jeden Betriebes. Außerdem sollte die Diversität im Anbau durch staatliche Anreize gefördert werden, schlagen die Studienautoren vor. Zukünftige Züchtungsstrategien sollten eher auf Langzeiterträge und dauerhafte Nachhaltigkeit fokussieren, als kurzfristige Ertragssteigerungen zu bewirken. Mit den aktuellen Patentrechten der USA sei dies allerdings nicht umsetzbar. Denn, so die Autoren: „Die genetische Breite steigt im kommerziellen Sektor nicht, auch nicht mit dem staatlichen Anreizsystem, das auf geistige Eigentumsrechte und Subventionen setzt.“

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