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Pflanzenforschung.de - Das Webportal zur deutschen Pflanzenforschung


Systemisches Vorgehen als Schlüssel zum Erfolg

Prof. Dr. Hubert Wiggering (Quelle: © Michael Welling)

Prof. Dr. Hubert Wiggering, Sprecher der DAFA und Direktor des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschafts- forschung (ZALF) e. V. in Müncheberg sprach mit der Redaktion von Pflanzenforschung.de über den Stand und die Zukunftsperspektiven der Agrarwissenschaften in Deutschland.

 

Pflanzenforschung.de: Deutschland soll im internationalen Vergleich zu einem dynamischen Forschungs- und Innovationsstandort für bio-basierte Produkte, Energien, Verfahren und Dienstleistungen werden. Mit der Entwicklung neuartiger Produkte, Verfahren und Dienstleistungen aus nachwachsenden Rohstoffen soll die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gestärkt und bei der Anzahl an Beschäftigten und Unternehmen eine internationale Spitzenposition unter vergleichbaren Industriestaaten eingenommen werden. Welche Bedeutung kommt dabei den Agrarwissenschaften in Deutschland zu?

Prof. Dr. Wiggering: Agrarwissenschaftler in Deutschland verfügen in vielen Teilfragen über hohe Expertise, die auch international anerkannt ist. Der Forschungs- und Innovationsstandort Deutschland kann sich dann exponieren, wenn es gelingt, diese Expertise zu bündeln. Denn die angesprochenen Fragen z.B. zu den Themen der globalen Energieversorgung oder der Welternährung lassen sich weder heute noch in Zukunft einfach beantworten. Wir brauchen dafür die gebündelte Kraft der Agrarwissenschaften. Jüngste Forschungsprogramme und Bestrebungen, die Fragmentierung der Expertisen im Agrarbereich zu überwinden – etwa durch die strategische Abstimmung und Zusammenarbeit der universitären und hochschulseitigen, der außeruniversitären sowie der Ressortforschung – schlagen gezielt diesen Weg ein.

Pflanzenforschung.de: Die Bundesregierung strebt in ihrer „Nationalen Forschungsstrategie - Bioökonomie 2030“ Verantwortung für die Welternährung sowie beim Klima-, Ressourcen- und Umweltschutz im Zusammenhang mit der Nutzung biologischer Ressourcen an. Wie können Agrarwissenschaftler diese ehrgeizigen Ziele verfolgen? Was kann die Agrarwirtschaft am Beginn der Wertschöpfungskette leisten?

Prof. Dr. Wiggering: Die Stellung der Agrarwirtschaft am Beginn von Produktionssystemen und Wertschöpfungsketten bedeutet zum Beispiel, dass neue Produktionssysteme entwickelt werden müssen, die auf eine nachhaltige Entwicklung abzielen. Etwa  mit dem Blick auf den Ressourcenschutz, insbesondere aber auf eine multifunktionale Nutzung der Flächenressourcen. Dabei müssen nicht zwangsläufig Nutzungskonkurrenzen entstehen. Gerade eine abgestimmte Forschungsstrategie der Agrarwissenschaften kann dazu beitragen, dass die Lebensmittelproduktion, die energetische und die weitere stoffliche Nutzung von Biomasse in Einklang sind. Nutzungskonkurrenzen zur Wasserwirtschaft, zum Klimaschutz oder zum Naturschutz bis hin zur Freizeit- und touristischen Nutzung der Landschaft können so ausgeschlossen werden.


Mit Bioraffinerien könnten bei der bio-basierten Produktion Teilveredelungen vor Ort bei den Landwirten erfolgen (Quelle: iStockphoto®).

Die Agrarwirtschaft spielt aber nicht nur zu Beginn der Wertschöpfungskette eine entscheidende Rolle. Aufgabe der Wissenschaften ist es zu analysieren, inwieweit gerade bei der bio-basierten Produktion viele Teilveredlungen vor Ort bei den Landwirten erfolgen können. Teile der Wertschöpfungskette könnten so wieder in die ländlichen Räume rückverlagert werden. Dies wird derzeit im Rahmen der Bioraffinerien diskutiert. Es wird geprüft, wie Produkte vor Ort zu Plattformchemikalien zwischenveredelt und dann direkt zum Endverbraucher transportiert werden können. 

Pflanzenforschung.de: Bedeutet der Aufbau einer BioÖkonomie, wie die Bundesregierung dies in ihrer nationalen Forschungsstrategie „BioÖkonomie 2030“ betont ein Zurück zum bäuerlichen Staat? 

Prof. Dr. Wiggering: Keineswegs. Weder wenn Sie dabei an die romantisierenden Bilder einer bäuerlichen Idylle aus Kinderbüchern denken, noch an die harte Knochenarbeit der Bauern vor hundert Jahren. Vielmehr bedeutet die Strategie die Entwicklung neuartiger landwirtschaftlicher Produktionssysteme und Strukturen.

Pflanzenforschung.de: In vielen Ländern, z.B. in den USA, wurden die Agrarwissenschaften nach deutschem Vorbild und oftmals unter Leitung deutscher Professoren aufgebaut. Ist dieses internationale Niveau auch heute noch kennzeichnend für die deutsche Agrarforschung? 

Prof. Dr. Wiggering: Die deutsche Agrarwissenschaft genießt auch heute noch einen international hervorragenden Ruf. Insgesamt gesehen haben sich die Rahmenbedingungen beim Aufbau von wissenschaftlichen Einrichtungen aber zunehmend verändert. Die Globalisierung hat in den ausgeprägt vernetzten wissenschaftlichen Vorgehensweisen Einzug gehalten und ganz neue Forschungsstrukturen geschaffen. 

Pflanzenforschung.de: Warum haben die Agrarwissenschaften ein Nachwuchsproblem und wie kann diesem begegnet werden? 

Prof. Dr. Wiggering: Die Menschen haben häufig ein verzerrtes Bild vor Augen, wenn sie „Agrarwissenschaften“ hören. Viel zu wenig wird realisiert, dass landwirtschaftliche Produktion heute moderne, hochtechnologische industrielle Vorgehensweisen erfordert. Wissenschaftler ebenso wie Landwirte müssen heute Fragen zu Klima, wasserwirtschaftlichen Herausforderungen und Naturschutz beantworten. Die Agrarwissenschaften und insbesondere die landwirtschaftlichen Produktionssysteme stehen vor ganz anderen Herausforderungen als landläufig wahrgenommen wird. Dies nach außen transparent zu machen und die Herausforderungen als attraktive Aufgaben für junge Menschen und wissenschaftlichen Nachwuchs darzustellen, ist ein Aspekt der dafa-Arbeit.

 

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