Ausgestorben oder nicht – das ist hier die Frage

Globale Pflanzeninventur zeigt das Ausmaß des Artenschwundes bei Pflanzen

26.06.2019 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Hawaii hat den höchsten registrierten Verlust an Samenpflanzenarten weltweit seit 1900. (Bildequelle: © Michal Lech/Pixabay/CC0)
Hawaii hat den höchsten registrierten Verlust an Samenpflanzenarten weltweit seit 1900. (Bildequelle: © Michal Lech/Pixabay/CC0)

Auf Basis einer gewaltigen Datengrundlage haben Forscher erstmals eine globale Übersicht zum Artenschwund bei Samenpflanzen zusammengestellt. Sie zeigt, welche Arten tatsächliche ausgestorben sind, welche besonders bedroht sind und in welchen Regionen zukünftig die größte Gefahr lauert.

Der weltweite Verlust von Arten ist heutzutage jedem ein Begriff. Interessanterweise können die meisten Menschen ein ausgestorbenes Tier nennen, aber keine Pflanze mit gleichem Schicksal. Dieses Phänomen setzt sich auch in der Forschung fort: Es gibt kaum belastbare Daten über den weltweiten Artenschwund bei Pflanzen. Doch die wären sehr wichtig, denn das Aussterben einer Pflanzenart hat oftmals auch das Aussterben von anderen, mit ihnen assoziierten Arten (zum Beispiel Insekten) zur Folge. In einer neuen Studie haben Forscher jetzt auf eine bisher unveröffentlichte Datenbank zurückgegriffen, in der sämtliche als ausgestorben geltenden Pflanzenarten aufgeführt sind.

Daten von über 330.000 Samenpflanzenarten

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Madagaskar: Hier befürchten Forscher auch in Zukunft große Artenverluste.

Madagaskar: Hier befürchten Forscher auch in Zukunft große Artenverluste.

Quelle: © photosforyou/Pixabay/CC0

Für ihre Studie nutzten die Forscher Daten zu 334.332 Samenpflanzenarten, die seit 1988 in den Royal Botanic Gardens in Kew, London, gesammelt wurden. Sie stammen unter anderem aus Exkursionen, Herbarien, Roten Listen und botanischen Studien. In einer Liste hat das Team ausgestorbene und wiederentdeckte Pflanzenarten seit dem Erscheinen Carl von Linné's „Species plantarum“ im Jahr 1753 zusammengefasst. Diese Daten wurden jede Woche aktualisiert und sind damit genauer als die offiziellen Roten Listen, die nur in einem mehrjährigen Turnus aktualisiert werden.

Hohe Aussterberate

Insgesamt konnten die Forscher auf diesem Weg den Status von 1.234 Samenpflanzenarten klären. 571 dieser Arten sind ausgestorben, 431 Arten wiederentdeckt und 232 Arten umbenannt worden. Dabei stellten sie auch fest, dass der globale Artenschwund nach wie vor sehr hoch ist. In den letzten 250 Jahren gehen auf der Erde durchschnittlich 2,3 Pflanzenarten pro Jahr verloren. Damit ist die aktuelle Aussterberate etwa 500-mal höher als die natürliche Aussterberate.

Die Forscher konnten auch die Regionen mit der höchsten Aussterberate eingrenzen. Betroffen sind besonders die Biodiversitäts-Hotspots der Tropen und Subtropen wie Madagaskar, Brasilien, Indien und Südafrika. Der Artenschwund ist am höchsten auf tropischen und subtropischen Inseln (50 Prozent aller nachgewiesenen Fälle), gefolgt von der pazifischen Region (18 Prozent). Als Grund geben die Forscher an, dass gerade die tropischen Inseln viele endemische Arten beherbergen und daher besonders anfällig für invasive Arten und Veränderungen des Habitats und beim Klima sind.

Viele Baum- und Straucharten betroffen

Von den als ausgestorben geltenden Arten sind 80 Prozent verholzende Pflanzen. Der Grund liegt möglicherweise darin, dass krautige Pflanzen (besonders Einjährige Pflanzen) durch ihre großen Populationsdichten, ihre kurze Lebenszeit und ihre enorme Samenproduktion anpassungsfähiger sind als Bäume und Sträucher.

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Das Einjährige Rispengras (Poa annua) ist eine kleine, auch bei uns heimische Pflanze mit sehr erfolgreicher Verbreitungsstrategie.

Das Einjährige Rispengras (Poa annua) ist eine kleine, auch bei uns heimische Pflanze mit sehr erfolgreicher Verbreitungsstrategie.

Quelle: © iStock.com/arousa

Vielleicht ist diese Zahl aber zu hoch gegriffen, da man viel mehr Daten zu verholzenden Pflanzenarten als zu krautigen Pflanzen bei der Auswertung zur Verfügung hatte.

Nicht jede Pflanzenart ist wirklich ausgestorben

Die Rate der Wiederentdeckungen von vermeintlich ausgestorben Pflanzen lag laut der Berechnungen bei 35 Prozent oder 16 Pflanzen pro Jahr innerhalb der letzten drei Jahrzehnte. Besonders häufig wurden Pflanzen auf dem subtropischen Festland wiederentdeckt. Dazu handelte es sich oft um einjährige Pflanzen, die einen großen Verbreitungsraum über mehrere geographische Regionen hatten.

Im Gegensatz dazu waren die Angaben zu den als ausgestorben geltenden Baum- und Straucharten sowie zu tropischen Pflanzen (besonders mit einem kleinen Verbreitungsradius) viel präziser. Damit bestimmen die Region und die Lebensform einer Pflanzenart maßgeblich ihr Aussterberisiko, folgern die Forscher.

Die Zeit drängt

Die Wissenschaftler betonen, dass auch ihre Ergebnisse noch unvollständig sind. Immer noch viele Pflanzenarten seien noch nicht beschrieben worden. Das könnte zu einer Unterschätzung der tatsächlichen Ausmaße des globalen Artenschwundes führen. Umso wichtiger sei es daher, die Datenbasis zu verbessern und dazu auch die Hilfe der lokalen Bevölkerung in Anspruch zu nehmen.

Die Ergebnisse zeigen auch, dass die bisherigen Schutzbemühungen zum Erhalt der Arten nicht ausreichen. Besonders in den von den Forschern als gefährdet bezeichneten Regionen sind die Aussterberaten weit höher als bisher angenommen. Die vorhandenen Maßnahmen müssten also dringend angepasst werden. Zusätzlich sollte auch die Konservierung von Pflanzenarten in Genbanken verstärkt werden, um die Artenvielfalt zu erhalten.

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