Das Anthropozän: Wer hat's „erfunden“?

Frühe Landwirtschaft und Jägerkulturen beeinflussten unser Klima schon länger als gedacht

27.09.2019 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der Mensch hat sein Umgebung für den Anbau von Lebensmitteln sichtbar verändert: Hier sieht man die menschliche Transformation von Hängen für den Reisanbau in Ubud, Bali. (Bildquelle: © Andrea Kay)
Der Mensch hat sein Umgebung für den Anbau von Lebensmitteln sichtbar verändert: Hier sieht man die menschliche Transformation von Hängen für den Reisanbau in Ubud, Bali. (Bildquelle: © Andrea Kay)

Das Anthropozän und seine vom Menschen verursachten ökologischen und klimatischen Veränderungen sind keine „Errungenschaften“ der Neuzeit. Bereits vor tausenden von Jahren beeinflussten Jäger und Sammler bereits deutlich das natürliche Gleichgewicht der Erde.

Wir befinden uns nach geologischer Zeitrechnung im Holozän, einer nacheiszeitlichen Epoche. Seit dem Jahr 2000 wird zudem ein neues Zeitalter diskutiert, das Anthropozän (von griech: Anthropos = der Mensch), das geprägt ist von den Eingriffen des Menschen in natürliche Abläufe. Während es über die Existenz eines Anthropozäns kaum Zweifel gibt, wird über dessen Beginn schon länger diskutiert. Setzte es mit der industriellen Revolution ein oder doch schon früher im Zuge der landwirtschaftlichen Entwicklung? In einer neuen Studie zeigt ein internationales Forscherteam, dass die Einflussnahme des Menschen noch früher begann.

Archäologisches Wissen

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Das gezielte und kontrollierte Verbrennen von Vegetation wird seit Jahrtausenden in der Landschaftspflege eingesetzt, hier außerhalb von Kabwe, Sambia.

Das gezielte und kontrollierte Verbrennen von Vegetation wird seit Jahrtausenden in der Landschaftspflege eingesetzt, hier außerhalb von Kabwe, Sambia.

Quelle: © Andrea Kay

Die aktuelle Landnutzung (unter anderem intensive Land- und Forstwirtschaft) ist nach neuesten Berechnungen des Weltklimarates ICPP für 23 Prozent der globalen Treibhausgase verantwortlich. Doch wie lange schon hat Landwirtschaft einen Einfluss auf unser Klima und die Biodiversität, z. B. durch Rodung, Beweidung, Düngung oder die Einführung fremder Tier- und Pflanzenarten? Dazu gab es bisher nur wenige Daten.

Um einen besseren Einblick in die zeitlichen Abläufe dieser Entwicklungen zu bekommen, holte sich das Forschungsteam Hilfe von Archäologen. Ihr Wissen über die Entwicklung früher Kulturen ist eine wertvolle Ergänzung zu den Daten aus Bio- und Geowissenschaften.

Für ihre Datensammlung befragten die Wissenschaftler 255 Archäologen aus allen Teilen der Welt, die sich in ihrer Forschung mit prähistorischen Landnutzungsänderungen befassten. Die Fragen bezogen sich auf zehn definierte Zeitpunkte in einem Zeitrahmen von 10 000 Jahren vor unserer Zeitrechnung bis zum Jahr 1850. Insgesamt kamen so 711 ausgefüllte Fragebögen zu 146 Regionen auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis zusammen. Die Ergebnisse flossen in das ArchaeoGLOBE-Projekt, das die Entwicklung der Landwirtschaft und die Einflussnahme der Menschheit auf die Umwelt seit prähistorischer Zeit zeigen soll.

Jagdkulturen werden durch Ackerbau und Weidewirtschaft ersetzt

Um 10 000 v. Chr. waren noch in 88 Prozent der damals bewohnten Regionen hauptsächlich nur Jäger und Sammler unterwegs. Um 6000 v. Chr. existierte dann bereits in 42 Prozent der untersuchten Bereiche eine Art extensiver, allerdings nicht kontinuierlich betriebener Landwirtschaft. Ausnahmen sind Südwest- und Südasien, das östliche China und der Mittelmeerraum, wo Landwirtschaft zu dieser Zeit bereits intensiver betrieben wurde. Eine starke Veränderung setzte ab etwa 4000 v. Chr. ein. Jetzt kam es zu einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft in den dafür günstigen Regionen. In ariden sowie nördlichen Regionen breitete sich vermehrt Weidewirtschaft aus. Um 2000 v. Chr. hatte sich schließlich bereits in 65 Prozent der untersuchten Regionen eine kontinuierliche Land- und Weidewirtschaft etabliert.

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Die Intensivierung der Landwirtschaft setzte ein und parallel zu dieser Entwicklung waren die Jäger und Sammler auf dem Rückzug. Hier zu sehen: Landwirtschaftliche Felder in der Nordmongolei, Khovsgol Aimag.

Die Intensivierung der Landwirtschaft setzte ein und parallel zu dieser Entwicklung waren die Jäger und Sammler auf dem Rückzug. Hier zu sehen: Landwirtschaftliche Felder in der Nordmongolei, Khovsgol Aimag.

Quelle: © A. R. Ventresca Miller

Parallel zu dieser Entwicklung waren die Jäger und Sammler auf dem Rückzug. Bereits um 8000 v. Chr. verschwanden in 40 Prozent der untersuchten Gebiete ein Großteil der jagenden Kulturen, um 3000 v. Chr. bereits in 63 Prozent. Im Jahr 1850 kamen die Jäger und Sammler in 73 Prozent der untersuchten Regionen nur noch untergeordnet vor.

Die neuen Daten zeigen, dass Menschen schon früher als angenommen eine intensive Landwirtschaft betrieben. In etwa 50 der untersuchten Regionen muss der Startpunkt des Ackerbaus und der Viehwirtschaft nun rund 1000 Jahre gegenüber den bisherigen Modellen zurückdatiert werden – und damit auch der Zeitpunkt, ab wann der Mensch auf Ökosysteme und Klima Einfluss nimmt.

Auch Jäger und Sammler beeinflussten schon die Ökosysteme

Außerdem zeigen die erhobenen Daten, dass zuvor auch schon die Jäger und Sammler einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Ökosysteme ausübten. Mit der Jagd veränderten sie die Artenzusammensetzung der Ökosysteme. Zudem nutzten unsere Urahnen schon früh das Feuer für großflächige Brandrodungen, um ihre Beutetiere einfacher zu jagen. Erste menschengemachte Auswirkungen auf Klima und Wasserkreisläufe hat es daher wahrscheinlich schon damals gegeben: Temperatureffekte durch Treibhausgasfreisetzungen und Veränderung der Reflexionsstrahlung (Albedo) des gerodeten Erdbodens sowie durch Beeinflussung der Verdunstungsraten (Evapotranspiration) in den betroffenen Regionen.

Der Beginn des Anthropozän könnte nach diesen Daten also möglicherweise noch deutlich früher liegen als bisher angenommen. Die Forscher hoffen, dass diese Daten und auch der interdisziplinäre Ansatz helfen werden, um die frühzeitlichen Landnutzungen als wichtige Faktoren langfristiger Umwelt- und Klimaveränderungen besser zu verstehen.

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