Das große Sterben

Verlust von Insekten nimmt alarmierende Ausmaße an

12.11.2019 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Insektenarten, wie diese Kleine Goldschrecke (Chrysochraon dispar), sind in ihren Beständen deutlich zurückgegangen. (Bildquelle: © Martin Fellendorf, Universität Ulm)
Insektenarten, wie diese Kleine Goldschrecke (Chrysochraon dispar), sind in ihren Beständen deutlich zurückgegangen. (Bildquelle: © Martin Fellendorf, Universität Ulm)

In den letzten zehn Jahren hat das Insektensterben massiv zugenommen. Besonders betroffen ist Grünland in der Nähe von landwirtschaftlich genutzten Flächen. Und: Das Artensterben findet auch im Wald statt, fanden Forscher nun heraus.

Das Insektensterben ist eins der großen Themen unserer Zeit. Immer mehr Studien weisen darauf hin, dass die intensive Landwirtschaft eine der Hauptursachen dafür sein könnte. Allerdings waren bisherige Studien oft kleinräumig begrenzt oder konzentrierten sich auf einige ausgewählte Artengruppen. In einer großangelegten Biodiversitätsstudie haben Forschende unter Federführung des Institutes für Ökologie und Ökosystemmanagement der Technischen Universität München (TUM) jetzt das Artensterben und den Einfluss der intensiven Landnutzung untersucht. Mit beteiligt waren die Julius-Maximilian-Universität Würzburg, die Technischen Universität Darmstadt, die Georg-August-Universität Göttingen, die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und die Philipps-Universität Marburg.

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Vom Artenschwund betroffen sind vor allem Wiesen in der Nähe von stark landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Vom Artenschwund betroffen sind vor allem Wiesen in der Nähe von stark landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Quelle: © Dr. Ulrike Garbe / LfU, Brandenburg

Wald und Wiese

Die Untersuchungen wurden auf unterschiedlich genutztem Grünland wie beweideten Wiesen und Mähwiesen sowie in Wäldern und Forsten (u. a. bewirtschafteter Nadelforst, unbewirtschaftete, naturnahe Wälder in Schutzgebieten) in den Regionen Schorfheide-Chorin (Brandenburg), Hainich-Dün (Thüringen) und der Schwäbischen Alb (Baden-Württemberg) durchgeführt. Alle drei Gebiete weisen eine unterschiedliche Geologie und unterschiedlich intensive land- oder forstwirtschaftliche Nutzung in der Umgebung der Untersuchungsflächen auf.

Auf den 150 Grünlandflächen wurden von 2008 bis 2017 Gliederfüßer (Arthropoden wie Insekten, Spinnentiere, Krebstiere und Tausendfüßler) jeweils im Zeitraum von Juli bis August gesammelt und bestimmt. Auf 30 Waldflächen wurde die gesamte Vegetationsperiode über gesammelt, zusätzlich auf 110 weiteren Waldflächen in den Jahren 2008, 2011 und 2014. Insgesamt wurden über eine Million Arthropoden bestimmt und 2.675 unterschiedlichen Arten zugeordnet.

Alarmierende Ergebnisse

Die Ergebnisse der Auswertungen waren erschreckend: Innerhalb des zehnjährigen Untersuchungszeitraums gingen die Vorkommen von Arthropoden stark zurück, besonders im Grünland:

  • Die Biomasse (das gesamte Gewicht der pro Jahr gesammelten Tiere) nahm im Grünland um 67 Prozent ab, im Wald um 41 Prozent,
  • der Artenreichtum sank im Grünland um 34 Prozent, im Wald um 36 Prozent,
  • die Häufigkeit (Abundanz) der Arten nahm im Grünland um 78 Prozent ab, im Wald konnte kein negativer Trend festgestellt werden.

Im Grünland fand der Artenschwund auf fast allen Trophieebenen (Herbivoren, Myceto-Detritivoren, Omnivoren, Karnivoren) statt, wobei die Karnivoren kaum betroffen waren. Im Wald nahmen die Herbivoren in ihrer Häufigkeit und im Artenreichtum zu, während alle anderen Trophieebenen abnahmen.

Seltenere Arten am stärksten betroffen

Im Grünland fand der Artenverlust hauptsächlich unter weniger häufigen Arten statt, einige Arten verschwanden ganz. Besonders betroffen waren Arten, die nicht weit wandern und somit ungünstigen Bedingungen nicht entfliehen konnten.

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Sowohl auf den Waldflächen als auch auf den Wiesen zählten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach zehn Jahren etwa ein Drittel weniger Insektenarten.

Sowohl auf den Waldflächen als auch auf den Wiesen zählten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach zehn Jahren etwa ein Drittel weniger Insektenarten.

Quelle: © Manfred Antranias Zimmer/Pixabay/CC0

Auch im Wald nahm der Artenreichtum generell ab. Hier waren vor allem Arten betroffen, die weiter wandern konnten. Aber: Einige der häufigsten Arten, darunter auch invasive Arten und potentielle Schädlinge, verbuchten in ihrer Häufigkeit einen Zuwachs. Die Forscher vermuten, dass der Artenschwund in den Wäldern durch Mechanismen bewirkt wird, die zwar die meisten Arten negativ beeinflussen, aber einige anpassungsfähige Arten begünstigen.

Zudem konnte in Wäldern kein genereller Unterschied bei der Artenvielfalt in bewirtschafteten und unbewirtschafteten Flächen festgestellt werden. Aber: In Wäldern, in denen sich viel Totholz befand oder in denen ein Holzeinschlag stattgefunden hatte, war der Rückgang der Arten weniger stark ausgeprägt. Durch natürlich vorkommendes Totholz, verbleibendes Restholz sowie eine sich ausbreitende krautige Vegetation nach einem Holzeinschlag konnten sich hier vermutlich abwechslungsreiche Kleinhabitate bilden.

Nähe zu intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen

Die Forscher konnten feststellen, dass der Artenschwund durch wenig abwechslungsreiche Landschaften um die untersuchten Flächen verstärkt wird. Besonders im Grünland nahmen die Arten umso stärker ab, je mehr Ackerflächen sich in direkter Umgebung befanden. Die Forscher schlossen daraus, dass intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen in der Nachbarschaft den Artenschwund verstärken. Bei den Waldflächen konnten keine so eindeutigen Einflussfaktoren identifiziert werden. Aber auch hier vermuten die Forscher einen Einfluss der umgebenden Landschaft.

Die Forscher betonen, dass sie aus den Daten nicht ersehen können, was genau den Artenschwund bewirkt. Möglich wären negative Folgen der historischen Landnutzungsänderungen, aber auch moderne Intensivierungsmethoden wie der Wegfall von artenreichen Brachflächen und der verstärkte Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln. Um diese Fragen zu beantworten, müssten weitere Studien durchgeführt werden. Auch der Einfluss des Klimawandels konnte nicht klar abgegrenzt werden.

Um einem weiteren Artensterben mit seinen ökologischen und wirtschaftlichen Folgen entgegenzuwirken, fordern die Forscher ein Umdenken in der Agrarpolitik und eine Koordination der Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene.

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