Der globalisierte Teller

Forscher verorten die Herkunft unserer Nahrung

21.06.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Laut Forscher sind knapp 70 Prozent der pflanzlichen Lebensmittel nicht heimischen Ursprungs, wie bspw. Reis in Europa. (Bildquelle: © Rainer Sturm / Pixelio.de)
Laut Forscher sind knapp 70 Prozent der pflanzlichen Lebensmittel nicht heimischen Ursprungs, wie bspw. Reis in Europa. (Bildquelle: © Rainer Sturm / Pixelio.de)

Im Schnitt sind weltweit über zwei Drittel aller Gemüse, Früchte und Getreide auf dem Speiseplan oder Acker nicht einheimischen Ursprungs. Je nach Land schwankt dieser Anteil allerdings zwischen 100 und 20 Prozent. Dabei ist nicht die technische und wirtschaftliche Entwicklung eines Staates entscheidend, wieviel „fremde“ Pflanzen im Warenkorb bzw. auf dem Teller landen.

Die Kartoffel (Solanum tuberosum) stammt ursprünglich aus Südamerika, Reis (Oryza sativa) aus Asien - soweit so gut. Wie aber sieht es mit Tomaten (Solanum lycopersicum), Zwiebeln (Allium cepa) und Weizen (Triticum aestivum) aus? Längst werden regional angebaute Pflanzen als heimisch betrachtet. Die Vorfahren dieser Pflanzen wuchsen allerdings ganz woanders.

Eine internationale Forschergruppe untersuchte nun zu welchem Grad Pflanzen aus „fremden“ Regionen angebaut und genutzt werden. Dies taten sie, indem sie die 151 wichtigsten pflanzlichen Lebensmittel definierten und diese ihrem Ursprungsort zuordneten. Damit entstand die größte bisher publizierte Karte unserer pflanzlichen Nahrungsmittel.

Zentren der Diversität - Zentren der Domestikation

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Die Kartoffel stammt ursprünglich aus Südamerika.

Die Kartoffel stammt ursprünglich aus Südamerika.

Quelle: © juniart / Fotolia.com

Die Ursprungsorte ordneten die Forscher den 23 Zentren der Diversität zu. Der Begriff Zentrum der Diversität geht unter anderem auf die russischen und US-amerikanischen Botaniker Nikolai Wawilow und Jack Harlan zurück. Diese definierten Gebiete mit dem höchsten Grad an genetischen Variation, die auch Herkunftsort vieler Organismen sind.

An diesen Orten haben Pflanzen beispielsweise die Möglichkeit, über viele Generationen hinweg, durch Mutationen Resistenzen gegen Krankheitserreger zu entwickeln. Zentren der Diversität waren für die evolutionäre Entwicklung von Pflanzen und damit auch für die menschliche Evolution von besonderer Wichtigkeit. Außerdem sind die in diesen Zentren quasi am lebenden Objekt hinterlegten genetischen Informationen besonders wichtig für die Züchtung und damit für die Verbesserung der Landwirtschaft.

Oft wurden die Wildformen an ihren Ursprungsorten von unseren Vorfahren domestiziert. So wurden über Jahrtausende aus Wild- die Kulturpflanzen. Bei vielen Pflanzen haben die ursprünglichen Verbreitungsgebiete nichts mehr mit den heutigen Hauptanbauregionen gemein. Ein bekanntes Beispiel sind Obstbananen. Ursprünglich aus Südostasien stammend, wird heute der größte Teil der Bananenernte in den afrikanischen Tropen und in Südamerika eingefahren.

Mehrzahl der Pflanzen nicht heimisch

Das Ergebnis der Studie war, dass sich die weltweite Nahrungsproduktion und das Nahrungsangebot aus vielen Pflanzen zusammensetzen, die sich wiederum auf eine Vielzahl von verschiedenen Zentren der Diversität aufteilen. Die Forscher errechneten, dass knapp 70 Prozent der heute weltweit konsumierten und angebauten pflanzlichen Lebensmittel nicht heimischen Ursprungs sind. Ihre Ergebnisse ließen die Forscher in eine Reihe interaktive Grafiken einfließen.

Es gibt weltweit aber auch noch Reste traditioneller Ernährung und sogar der ursprünglichen Verbreitung der Nutzpflanzen, wie zum Beispiel die Verbreitung von Reis in Ostasien.

Eine Frage des Geldes?

Die starke Nutzung von nicht-heimischen Pflanzen ist aber keine Tatsache, die sich nur auf die Industrieländer bezieht. So herrscht zum Beispiel im relativ wirtschaftsschwachen, afrikanischen Staat Malawi eine Ernährung vor, die stark von „fremden“ Nahrungsmitteln wie Zuckerrohr (Saccharum officinarum) und Reis aus Südostasien, Kartoffeln aus den Anden und Mais (Zea mays) und Maniok (Manihot esculenta) aus Mittelamerika dominiert wird.

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Staaten, die sich innerhalb eines der 23 Zentren der Diversität befinden, greifen deutlich seltener auf „fremde“ Nahrungsmittel zurück.

Staaten, die sich innerhalb eines der 23 Zentren der Diversität befinden, greifen deutlich seltener auf „fremde“ Nahrungsmittel zurück.

Quelle: © iStock.com / simongurney

Anteil an „Fremdem“ nicht überall gleich

Wichtiger beim Anteil an „fremden“ Pflanzen ist die geographische Lage eines Landes: In besonders isolierten oder entfernt von einem Zentrum der Diversität gelegenen Staaten ist der Anteil an „fremden“ Lebensmitteln besonders hoch. In Staaten wie Australien und Neuseeland oder auf Inseln im indischen Ozean machen diese Pflanzen fast 100 Prozent der pflanzlichen Nahrungsmittel und angebauten Nutzpflanzen aus.

Staaten, die sich innerhalb eines der 23 Zentren der Diversität befinden, greifen wiederum deutlich seltener auf „fremde“ Nahrungsmittel zurück oder bauen diese an. Zum Beispiel machen in Ländern wie Kambodscha, Bangladesch und im Niger nicht-heimische Pflanzen nur rund 20 Prozent der pflanzlichen Nahrung aus.

Globalisierung als wichtiger Faktor

Ein wichtiger Faktor, der die weltweite Verbreitung von „fremden“ Pflanzen fördert ist die Globalisierung. Durch die Entdeckung der neuen Welt war es erst möglich, die Kartoffel in Europa einzuführen. Im Zuge der fortschreitenden Globalisierung hat der Anteil nicht-heimischer Nutzpflanzen an unserer Nahrung sowie der Anbau in den letzten 50 Jahren deutlich zugenommen. Im Vergleich zu 1961 wurden im Jahr 2009 im weltweiten Durchschnitt rund fünf Prozent mehr ortsfremde Pflanzen angebaut.

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