Effektive Naturschutzgebiete

Wissenschaftler zeigen, wie knapp 70 % aller Pflanzenarten geschützt werden könnten

16.09.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Das Naturschutzgebiet Blindensee in Baden-Württemberg. (Quelle: ©  Rainer Sturm  / pixelio.de)
Das Naturschutzgebiet Blindensee in Baden-Württemberg. (Quelle: © Rainer Sturm / pixelio.de)

Die Biodiversitätskonvention von 2010 sieht vor, dass bis 2020 17 % der Erdfläche und 60 % der Pflanzenarten unter Schutz gestellt werden. Wie das gelingen kann und warum momentane Schutzgebiete dazu nicht ausreichen, stellen Wissenschaftler in einer aktuellen Studie vor.

Das wichtigste internationale Abkommen zum Schutz von Biodiversität ist das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD), auch als Biodiversitätskonvention bekannt. Es wurde 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet. Bislang sind dem Abkommen 193 Staaten (inklusive der EU) beigetreten. Die Entwicklungsländer, in denen der Großteil der biologischen Vielfalt beheimatet ist, sind vom Verlust von Biodiversität besonders stark betroffen. Darum haben sich die Industrieländer verpflichtet, sie bei der Umsetzung der CBD durch Arbeits­programme zu unterstützen. Die letzte Konvention, die im Oktober 2010 in Nagoya, Japan, verabschiedet wurde, sieht vor, dass bis zum Jahr 2020 mindestens 17 % der Erdfläche (ungefähr 23,4 Millionen km2) und 60 % aller Pflanzenarten unter Schutz gestellt werden müssen, um dem Artensterben Einhalt zu gebieten. Ist das überhaupt machbar?

Naturschutzgebiete bisher nicht sinnvoll gewählt

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In tropischen Wäldern sind zahlreiche verschiedene Pflanzenarten auf kleiner Fläche beheimatet.

In tropischen Wäldern sind zahlreiche verschiedene Pflanzenarten auf kleiner Fläche beheimatet.

Quelle: © iStockphoto.com/ STILLFX

Im Jahr 2009 waren bereits 13 % der gesamten Landfläche der Erde geschützt – nur ein Steinwurf von der 17 % Marke entfernt. Diese Schutzzonen orientierten sich allerdings mehr an politischen Grenzen als an der Artenvielfalt. In den artenreichsten Gegenden der Erde standen nämlich weniger als 10 % der Fläche unter einem besonderen Schutz. „Da stehen beispielsweise Gegenden unter Schutz, die besonders hoch liegen und besonders kalt oder trocken sind und daher für die Menschen ohnehin nicht von großem Interesse sind. In anderen Gebieten, die zu den Lebens- und Nutzräumen der Menschen gehören, wären Schutzgebiete wesentlich sinnvoller“, schreiben Wissenschaftler in ihrer aktuellen Stellungnahme im Fachmagazin „Science“.

Die „Pflanzenliste“ soll Klarheit bringen

Da für Pflanzen, wie für die meisten anderen Lebewesen auch, immer noch nicht genau geklärt sei, wie viele Arten in welchen Gebieten leben, sei es äußerst schwierig, 60 % dieser ungenau definierten Gruppe zu schützen, beklagen die Forscher. Dazu wurde in Zusammenarbeit mit den großen Botanischen Gärten weltweit eine Liste aller bekannten Pflanzen zusammengestellt. Der momentane Stand dieser Liste kann unter www.theplantlist.org abgerufen und ergänzt werden.

Verbreitungsgebiete noch unpräzise

In ihrer Studie prüften die Wissenschaftler die Daten von etwa 109.000 Arten der etwas mehr als 350.000 bekannten Pflanzenarten überhaupt. Dabei bemängeln sie vor allem die ungenauen Angaben zur Verbreitung der verschiedenen Pflanzen-Arten, die bei Tierarten sehr viel präziser formuliert wären. So könnten verschiedene Gebiete nur sehr mühsam in Schutzzonen unterteilt werden, merken die Forscher an. Hier herrscht also offenbar noch großer Optimierungsbedarf.

Gebiete mit großer Artenvielfalt bevorzugt

Um die Schutzzonen sinnvoller auf der Erde zu verteilen, schlagen die Wissenschaftler vor, Gebiete mit großer Artenvielfalt auf kleiner Fläche anderen Gebieten zunächst vorzuziehen. So qualifizierten sich zunächst 43 Inseln in der Karibik, im Pazifik und im Mittelmeer, gefolgt von Costa Rica und Panama. Auch Madagaskar, Papua-Neuguinea, Taiwan, die Philippinen, Malaysia, Indonesien, Sri Lanka, Südafrika und Ecuador sollen mehr Schutzzonen erhalten. Auch über politische Grenzen hinweg sollen Gebiete besonders geschützt werden. Dazu zählen Indiens Westghats, Berg- und Küstenwälder in Ost- und Westafrika und der Südwesten Australiens.

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Von den Naturschutzgebiete profitiert auch die Tierwelt. Hier: Das in den Tropen und Subtropen heimische Erdbeerfröschchen (Oophaga pumilio).

Von den Naturschutzgebiete profitiert auch die Tierwelt. Hier: Das in den Tropen und Subtropen heimische Erdbeerfröschchen (Oophaga pumilio).

Quelle: © Encarna Sáez Goñalons & Víctor Martínez Moll / wikimedia.org; CC BY-SA 3.0

Feinabstimmung erforderlich

Nach einem von den Wissenschaftlern aufgestelltem Algorithmus folgen weitere Gebiete rund um den Globus. Doch die Forscher mahnen auch zur Vorsicht: „Ein kleines Gebiet mit hoher Artendichte zu schützen kann nicht immer das geeignete Mittel der Wahl sein, um möglichst viele Arten zu erhalten. Für einzelne Populationen können diese Schutzgebiete zu klein zum Überleben sein. Ein Tiger braucht schließlich mehr Platz als eine Tigerlilie“, so die Autoren. Umgekehrt seihen einheimische Arten, die mit wenig Platz auskommen, viel eher vom Aussterben bedroht als solche, die sich über große Gebiete verteilten. Nach der groben Einteilung der Schutzzonen sollten die Feinabstimmungen entsprechend den Bedürfnissen der verschiedenen Arten vorgenommen werden.

Auch Tiere profitieren von den Pflanzenschutzzonen

Die Naturschutzgebiete für Pflanzen kommen letztendlich auch der Tierwelt zugute: „Die von uns ausgewählten Regionen sind auch für auf dem Land lebende Wirbeltiere wichtig. Wir haben herausgefunden, dass 89 % der Vogelarten, 80 % der Amphibien und 74 % der Säugetiere dort leben“, erklären die Wissenschaftler.

Trotz aller Schwierigkeiten, die Forscher und Politiker beim Umsetzen der Nagoya-Konvention bewältigen müssen, sehen sich die Wissenschaftler auf einem guten Weg die biologischen Zusammenhänge dank ihres Algorithmus zu verstehen, um sinnvolle Schutzgebiete einrichten zu können, die alle Konventionsbedingungen erfüllen.

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Kommentare

1 09.11.2013
Jürgen Hünefeld
  Wunschdenken in Fesseln

Bis zum Jahr 2020 mindestens 17 % der Erdfläche und 60 % aller Pflanzenarten unter Schutz zu stellen ist ein guter Plan.
Ist dieser Plan im Interesse von Monsanto, dem ZinsGeldSystem und der daraus entstandenen Machtkonzentration, dem Landgrabbing für Ölpalmen, E10 u.s.w. ?
Der Erflog dieser Bemühungen ist wünschenswert, aber im Rahmen unseres derzeitigen Bodenrechts, Wirtschafts- und Geldsystems stark behindert. Die Fesseln lassen sich nicht durch fleißige Bemühungen der Wissenschaftler lösen.
Für die meisten anderen Lebewesen ist noch nicht geklärt, wie viele Arten in welchen Gebieten leben.
Es ist äußerst schwierig, 60 % dieser ungenau definierten Gruppe zu schützen. Hier zeigt sich deutlich der Zusammenhang zu der begrenzten Geldmenge die dieser Aufgabe, also diesem Teil der Realwirtschaft, zur Verfügung steht.
Umweltzerstörungen sind eine Folge von Wachstumszwang. Ursache dafür ist ein mathematischer Fehler im Geldsystem. Nach 365 Tagen wird jeder Zinsertrag zum Zinseszins. Dort liegt der Zwang begründet, denn dieser geforderte Geldwert steigt exponentiell an und soll dann von der Realwirtschaft mit Waren und Leistungen unterlegt werden. Statt einer Versorgungswirtschaft ist Wegwerfwirtschaft und Raubbau am Planten die Folge Es gibt Alternativen. Vollgeld könnte einen Teil dieser Aufgaben leisten um zur nachhaltigen Versorgungswirtschaft zu gelangen. Auf der Seite der Wissensmanufaktur.com finden sie einen „Plan B“. Dieser beschreibt einen guten Lösungsansatz.

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