Expandieren oder intensivieren?

Ertragssteigerungen müssen nachhaltig geplant werden

18.07.2019 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die Landwirtschaft gilt weltweit als ein Hauptverursacher des Artenschwundes. (Bildquelle: © Comstock/Stockbyte/Thinkstock)
Die Landwirtschaft gilt weltweit als ein Hauptverursacher des Artenschwundes. (Bildquelle: © Comstock/Stockbyte/Thinkstock)

Höhere landwirtschaftliche Erträge sind nötig, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Gleichzeitig muss die Biodiversität bewahrt und die wirtschaftliche Entwicklung der betroffenen Länder beachtet werden. Wie das gehen kann, haben Forscher jetzt global modelliert.

Die Nachfrage nach Lebensmitteln wird bis 2050 möglicherweise doppelt so hoch sein wie heute. Um diesen Zuwachs bewältigen zu können, braucht es verbesserte Produktionstechniken und mehr Land. Um einen gangbaren Weg zu finden, sind belastbare Daten nötig, wo die landwirtschaftlichen Erträge gesteigert werden können und welche Auswirkungen das auf die Biodiversität hat. Bisher wurde in Studien zu diesem Thema oftmals nur ein Faktor (Intensivierung oder Landnutzungsänderung) in Bezug auf die Biodiversität oder die sozio-ökonomische Situation betrachtet. Eine neue Studie holt das jetzt nach.

Mehr Produktivität, sinkende Preise

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Eine Studie verglich die Auswirkungen von Expansion und Intensivierung der Ackerlandnutzung auf die globalen Agrarmärkte und die Artenvielfalt. An der Studie waren fünf Einrichtungen aus Deutschland beteiligt:

Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU),
Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW),
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ),
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU)
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

Eine Studie verglich die Auswirkungen von Expansion und Intensivierung der Ackerlandnutzung auf die globalen Agrarmärkte und die Artenvielfalt. An der Studie waren fünf Einrichtungen aus Deutschland beteiligt:

  • Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU),
  • Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW),
  • Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ),
  • Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU)
  • Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

Quelle: © iStock.com/Phototreat

Um die unterschiedlichen Auswirkungen einer erhöhten landwirtschaftlichen Produktion in einer Region zu betrachten, modellierten die Forscher zunächst, wie sich sowohl eine Intensivierung der Produktion als auch Expansion der landwirtschaftlichen Fläche auswirken würde. Demnach könnte bis 2030 ein Plus von 19 Prozent bei den landwirtschaftlichen Erträgen erreicht werden. Über Landnutzungsänderungen könnten 7,3 Millionen Quadratkilometer in Regionen mit dem höchsten Expansionspotential in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt werden. Das betrifft vor allem Süd- und Mittelamerika (+ 146 Prozent), Australien und Neuseeland (+78 Prozent).

Würde man die gleiche Erhöhung der Produktion über Intensivierung der Landwirtschaft erreichen wollen, würde das 1,5 Millionen Quadratkilometer in Regionen mit hohem Intensivierungspotential betreffen, vor allem Afrika südlich der Sahara (+ 78 Prozent), Indien (+ 68 Prozent) und die ehemalige Sowjetunion (+ 63 Prozent).

Unterschiedliche Auswirkungen auf die Wirtschaft der betroffenen Länder

Die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion hätte je nach Szenario zum Teil erhebliche Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Länder.

Während z. B. Indien im Expansions-Szenario landwirtschaftliche Produkte importieren müsste, könnte es im Intensivierungs-Szenario zum Exporteur werden. Beide Szenarien haben aber gemeinsam, dass die Preise für Agrargüter fallen würden.

Auswirkungen auf die Biodiversität

Die Modellierungen zeigen aber auch, dass bis 2030 vor allem Biodiversitäts-Hotspots in den Tropen von der erhöhten landwirtschaftlichen Produktion betroffen wären. Eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion durch Expansion hätte dabei größere negative Auswirkungen auf die Biodiversität als eine Intensivierung. Besonders betroffen wären von einer Expansion vor allem Hotspots in Süd- und Mittelamerika, z. B. das westliche Amazonas-Becken, der Regenwald in Brasilien oder die Anden, aber auch Wälder und Savannen in Zentralafrika, Madagaskar, Südafrika, Südaustralien und Südostasiens. Insgesamt eine Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern, d. h. größer als Alaska.

Bei einer Intensivierung der Landwirtschaft wären vor allem Indien, Afrika südlich der Sahara, Myanmar, Nepal und China betroffen. Hier geht es um eine Fläche von 132.984 Quadratkilometer, fast so groß wie Griechenland.

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Ein Ergebnis: Die Expansionsstrategie stellt eine Bedrohung für die Artenvielfalt in den Tropen dar. Eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion durch Expansion hätte größere negative Auswirkungen auf die Biodiversität als eine Intensivierung.

Ein Ergebnis: Die Expansionsstrategie stellt eine Bedrohung für die Artenvielfalt in den Tropen dar. Eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion durch Expansion hätte größere negative Auswirkungen auf die Biodiversität als eine Intensivierung.

Quelle: © Reinout Dujardin/Pixabay/CC0

Biodiversitäts-Hotspots kaum unter Schutz

Die Forscher stellten zudem fest, dass weltweit aktuell weniger als 35 Prozent (625.000 Quadratkilometer) der Biodiversitäts-Hotspots unter Schutz stehen. Das heißt, dass global mehr als 65 Prozent (1,2 Millionen Quadratkilometer) nicht geschützt sind, besonders im tropischen Afrika. Die meisten dieser Gebiete sind potentielle Flächen für landwirtschaftliche Expansion.

Auf der anderen Seite steht der Großteil der Fläche mit hoher Biodiversität, die für eine Intensivierung der Landwirtschaft in Frage käme, unter Schutz.

Wohlstand vs. Artenschutz?

Die Daten zeigen, dass sowohl eine Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen als auch eine Intensivierung den Wohlstand der entsprechenden Länder steigern und zur Sicherung der Ernährung der Weltbevölkerung beitragen. Trotzdem stellt eine erhöhte landwirtschaftliche Produktion, vor allem durch Landnutzungsänderungen, eine Gefahr für die Biodiversität dar. Bei einer Intensivierung der Produktion wäre die Gefahr zwar geringer, allerdings wären hier Bereiche betroffen, in denen viele Pflanzen- und Tierarten von der bisher extensiven Landwirtschaft profitieren, betonen die Forscher. Die Gefahr ist groß, dass sie unter einer intensivierten Landwirtschaft verschwinden würden.

Gute Planung nötig

Um eine Erhöhung landwirtschaftlicher Erträge zu erreichen und gleichzeitig die Biodiversität zu erhalten, sind daher Maßnahmen mit Fingerspitzengefühl gefragt. Es muss im Grunde jedes Mal zwischen Expansion oder Intensivierung abgewogen werden. Zudem sollten Biodiversitäts-Hotspots in Zukunft frühzeitig identifiziert und unter Schutz gestellt werden. Recherchen zeigen, dass viele Schutzmaßnahmen solche Hotspots bisher übersehen haben.

Für die einzelnen Regionen sind allerdings noch Folgestudien nötig, die sich mit den lokalen sozio-ökonomischen und ökologischen Gegebenheiten näher befassen. So könnten langfristig sowohl die landwirtschaftlichen Ziele erreicht als auch die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten werden.

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