Forschen gegen den Mainstream

Prof. Dr. Matin Qaim im Interview

27.09.2017 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die Verbesserung der Ernährungssituation von Subsistenzlandwirten ist ein Thema, mit dem sich Matin Qaim befasst. (Bildquelle: © Danumurthi Mahendra/Flickr/CC BY 2.0)
Die Verbesserung der Ernährungssituation von Subsistenzlandwirten ist ein Thema, mit dem sich Matin Qaim befasst. (Bildquelle: © Danumurthi Mahendra/Flickr/CC BY 2.0)

Prof. Dr. Matin Qaim von der Universität Göttingen gehört zu den führenden Agrarökonomen für Fragen zur globalen Ernährungssicherung, Hunger und Armut und kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Im „F.A.Z.-Ökonomenranking 2017“ ist er der am höchsten bewertete Agrarexperte. Im Interview mit Pflanzenforschung.de erzählt Qaim, was ihn antreibt und wo er zukünftige Herausforderung sieht.

Pflanzenforschung.de: Herr Qaim, laut diesjährigem F.A.Z-Ranking sind Sie der einflussreichste Agrarökonom Deutschlands. Sie haben aber nur null „Medienpunkte“. Sind Sie medienscheu?

Matin Qaim: Dass ich null Punkte in der Kategorie „Mediensichtbarkeit“ bekommen habe, liegt nur am Bewertungsverfahren. Man erhält nur dann „Medienpunkte“, wenn man in bestimmten überregionalen Medien explizit als „Ökonom“ oder „Wirtschaftsforscher“ zitiert wird. Der Begriff Agrarexperte fällt aus diesem Raster. Auf jeden Fall beantworte ich pro Monat im Schnitt rund drei bis vier Anfragen von Journalisten.

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Prof. Dr. Matin Qaim leitet seit 2007 den Lehrstuhl für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen.

Prof. Dr. Matin Qaim leitet seit 2007 den Lehrstuhl für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen.

Bildquelle: © Georg-August-Universität Göttingen

Pflanzenforschung.de: Woran arbeiten Sie gerade?

Matin Qaim: Am liebsten beschäftige ich mich mit Fragen, die gegen den Mainstream gehen. Wenn ich spüre, dass tief sitzende Meinungen als Wahrheit angenommen werden, ich aber überzeugt bin, dass dem nicht so ist, setze ich gern ein Forschungsprojekt an. Ich gebe ein Beispiel: Es geht um Subsistenzbauern in Entwicklungsländern. Das sind Landwirte, die sich ganz oder vorwiegend selbst mit landwirtschaftlichen Produkten versorgen. Wir konnten belegen, dass eine Ausweitung der Produktionsvielfalt die Ernährungssituation von diesen Bauern nicht zwingend verbessert. Dies wird aber weitläufig angenommen. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass Subsistenzbauern nur für den Eigenbedarf produzieren würden. Dem ist aber nicht so, denn viele betreiben auch Handel. Je mehr verschiedene Kulturarten sie aber anbauen, desto schwerer fällt es ihnen, etwas Vernünftiges am Markt zu verkaufen. Dadurch entstehen letztendlich Einkommensverluste. Abgesehen davon wird in der Subsistenzlandwirtschaft ohnehin schon sehr divers produziert.

Pflanzenforschung.de: Was versuchen Sie mit Ihrer Forschungsarbeit vor allem zu erreichen?

Matin Qaim: Mein Ziel ist immer, Fragen zu beantworten, die relevant für die Politik sind und eine nachhaltige Agrarentwicklung fördern. Vor allem für benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern in Asien und Afrika.

Pflanzenforschung.de: Seit einigen Jahren tobt ein erbitterter Streit über die richtige landwirtschaftliche Produktionsform. Kann es einen Sieger geben oder ist das einfach Schwarz-Weiß-Denken?

Matin Qaim: In der öffentlichen Debatte gilt der Ökolandbau momentan als die nachhaltigste Landwirtschaftsform. Aber so leicht ist das in Wirklichkeit nicht. Weder der Ökolandbau noch die hochintensive Landwirtschaft taugen als globales Modell für nachhaltige Landwirtschaft und Ernährungssicherung. Dieses Schwarz-Weiß-Denken verbaut den Mittelweg, den wir brauchen. Es gibt viele Beispiele für intensive Landwirtschaft, die nicht nachhaltig sind. Die Antwort darauf kann aber nicht 100 % Ökolandbau sein. Denn dieser ist ein fest definiertes System, das bestimmte Technologien kategorisch ausschließt. Um bei global steigender Nachfrage die Welternährung sichern zu können und gleichzeitig Umwelt und Ressourcen zu schonen, brauchen wir Innovation in all ihren Facetten. Das erfordert auch Offenheit für neue Technologien.

Pflanzenforschung.de: Thema Welternährung. Worüber wird Ihrer Meinung nach dabei zu wenig geredet?

Matin Qaim: Außerhalb von Fachkreisen wird das Thema zu häufig auf das Problem Hunger im Sinne von zu wenig Kalorien reduziert. Dabei müsste man es stärker auch mit Blick auf die Gesundheit betrachten, um Zielkonflikte zu vermeiden. Ich gebe ein Beispiel: In der Vergangenheit wurde in vielen Ländern darauf hingearbeitet, die Getreideproduktion zu erhöhen, um die eigene Bevölkerung besser zu ernähren. Ohne Frage ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung von Hunger. Dies hat aber auch dazu geführt, dass die Ernährungsmuster enger und der Kalorienanteil von Getreideprodukten größer wurden. Wenn die Ernährungsvielfalt abnimmt, steigt aber das Risiko für Mangelernährung in Bezug auf Mikronährstoffe, wie Vitamine und Spurenelemente. Wir müssen erkennen, dass eine Medaille immer zwei Seiten hat.

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Filiale der Supermarktkette

Filiale der Supermarktkette "Uchumi" in Nairobi (Kenia). Traditionelle Märkte verlieren schrittweise an Bedeutung. Stattdessen breiten sich Supermärkte in Entwicklungsländer aus. Martin Qaim untersucht, wie sich das auf Konsumgewohnheiten, Preise und Ernährungsstatus der Menschen ausübt. „Ein tieferes Verständnis der komplexen Zusammenhänge kann und muss zur besseren Politikgestaltung für nachhaltige Ernährung beitragen“, so der Forscher.

Bildquelle: © Eduardo Zaráte/Flickr/CC BY-ND 2.0

Pflanzenforschung.de: Welche Rolle spielt Europa und Deutschland in der globalen Agrarwirtschaft?

Matin Qaim: Deutschland und Europa sind wichtige Gunststandorte für Getreide und andere Agrarprodukte und stark in den internationalen Handel involviert. Unser Planet hat nur begrenzte Ressourcen, und die globale Nachfrage nach Nahrung wird weiterhin stark steigen. Deswegen müssen alle Regionen der Welt produktiv und effizient zur Weltversorgung beitragen. Dies gilt vor allem für Gunststandorte mit fruchtbaren Böden und ausreichend Wasser wie bei uns. Wenn wir in Europa die Landwirtschaft nicht auch mit Blick auf Produktionssteigerung weiterentwickeln, würden wir unserer internationalen Verantwortung nicht gerecht werden.

Pflanzenforschung.de: Eignet sich Regionalität als Zukunftskonzept bei der Sicherung der Welternährung?

Matin Qaim: Regionalität als Verkaufsargument, um bestimmte Produkte attraktiver zu machen und Verbraucher wieder näher an die landwirtschaftliche Produktion heranzuführen, ist an und für sich zu begrüßen. Als Credo für die Landwirtschaft halte ich Regionalität aber für ein kritisches Konzept. Nicht alles kann regional effizient produziert werden; es dennoch zu tun, hieße, knappe Ressourcen unnütz zu verschwenden. Länder und Regionen sind sehr unterschiedlich mit Klima und natürlichen Ressourcen ausgestattet. Was spricht dagegen, bestimmte Lebensmittel zu importieren und andere zu exportieren? Wie sollten z. B. Länder mit extremem Wassermangel unter dem Credo der Regionalität überleben? Der internationale Handel und Warenaustausch ist daher sehr wichtig für die Welternährung und die effiziente und schonende Nutzung knapper Ressourcen. Handel zu reduzieren wäre genau der falsche Weg. Im Grunde brauchen wir mehr Handel und nicht weniger.

Pflanzenforschung.de: Der Präsident des Pflanzenschutz-Unternehmens Yara sprach kürzlich davon, dass Afrika zur „Kornkammer für den Rest der Welt“ wird. Das klingt sehr überraschend.

Matin Qaim: Das ist eher unwahrscheinlich. Afrika hat zwar eine Menge natürlicher Ressourcen und wird die Agrarproduktion zukünftig erheblich steigern können und müssen. Der Begriff „Kornkammer für den Rest der Welt“ impliziert aber, dass Afrika zum großen Exporteur für Getreide wird. Das wird schwierig. Afrika ist die Region mit dem größten Bevölkerungswachstum. Bis 2050 werden 2,5 Milliarden Menschen in Afrika leben, mehr als doppelt so viele wie heute. Die Nachfrage in Afrika wird somit stärker steigen, als irgendwo anders. Die Erhöhung der Produktion wird daher nötig sein, um allein die Nachfrage in Afrika zu befriedigen.

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Im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts befasst sich Qaim mit den Auswirkungen des Anbaus von Ölpalmen in Indonesien u.a. auf Landnutzung, Ernährungssituation und Einkommen von Kleinbauern.

Im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts befasst sich Qaim mit den Auswirkungen des Anbaus von Ölpalmen in Indonesien u.a. auf Landnutzung, Ernährungssituation und Einkommen von Kleinbauern.

Bildquelle: © Craig/Wikimedia.org/gemeinfrei

Pflanzenforschung.de: Schauen wir auf die Pflanzenforschung und -züchtung. Welche Ziele sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig?

Matin Qaim: Zwei Bereiche sind global gesehen entscheidend: Der erste Bereich ist stärkere Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegenüber Klimastress. Wir wissen, dass es beim Klimawandel nicht nur darum geht, dass die Temperaturen steigen, sondern auch Wetterextreme zunehmen. Daher brauchen wir Pflanzen und Produktionssysteme, die robuster sind. Der zweite Bereich ist, Pflanzenerträge stärker von chemischen Inputs zu entkoppeln. In der Vergangenheit waren Ertragssteigerungen immer verbunden mit einem höheren Einsatz von Dünger und chemischen Pflanzenschutzmitteln. Züchtung auf Resistenz gegen Krankheiten und Schädlingen und auf eine Verbesserung der Nährstoffeffizienz, z. B. von Stickstoff, könnten diesen Zusammenhang entkoppeln. Hierin sehe ich großes Potenzial: Erträge steigern und sichern und zugleich Inputs reduzieren.

Pflanzenforschung.de: Wie bewerten Sie die neuen Züchtungstechniken, die unter dem Begriff Genome Editing vereint werden?

Matin Qaim: Ich messe diesen ein großes Potenzial bei. Es sind neue Werkzeuge, die sehr präzise sind und in Kombination mit anderen Methoden dabei helfen werden, neue Züchtungsziele zu erreichen. Sie sind für mich aber mehr eine Erweiterung, kein Ersatz für andere Verfahren der Pflanzenzüchtung.

Pflanzenforschung.de: Denken Sie, dass die öffentliche Debatte zum Genome Editing den gleichen Verlauf nehmen könnte wie die Gentechnikdebatte? Also unversöhnliche Fronten mit Heilsbotschaften auf der einen Seite, Schauergeschichten auf der anderen. Wie könnte man hier anders vorgehen?

Matin Qaim: Ich bin Optimist und ich glaube an die Vernunft der Gesellschaft. Wenn es uns darum geht, unsere Landwirtschaft nachhaltiger zu machen, können wir nicht auf das Potenzial des Genome Editings verzichten. Ich denke auch nicht, dass die Gentechnik komplett tot ist. Ich hoffe, dass wir früher oder später einen anderen Diskussionspfad einschlagen. Denn die Art und Weise, wie die Diskussion in Europa rund um die Gentechnik geführt wurde, hat die Pflanzenforschung und -züchtung weltweit massiv gebremst. Wichtig ist, dass wir aus der Wissenschaft heraus besser kommunizieren müssen. Denn haben sich erst einmal falsche Vorstellungen und Negativbilder verbreitet und eingeprägt, wird es schwierig, aus dieser Sackgasse wieder herauszukommen. Dort befinden wir uns mit dem Genome Editing zwar noch nicht, aber die Zeichen deuten in diese Richtung. Noch ist das Kind aber nicht in den Brunnen gefallen.

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