Freiwillige vor!

Erfolgreiches Citizen-Science-Projekt macht Lust auf mehr

10.04.2019 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Dies sind Landwirte, die Merkmale von Hartweizensorten in Äthiopien bewerten. (Bildquelle: © Bioversity International/Samantha Collins; CC BY-NC-ND 2.0)
Dies sind Landwirte, die Merkmale von Hartweizensorten in Äthiopien bewerten. (Bildquelle: © Bioversity International/Samantha Collins; CC BY-NC-ND 2.0)

In Nicaragua, Äthiopien und Indien wurden Landwirte zu Forschern. In einem Citizen-Science-Projekt hatten sie die Aufgabe, die für ihren Standort besten Pflanzensorten auszuwählen. Durch den partizipativen Ansatz haben die Landwirte in kürzester Zeit viele Daten generiert, aus denen anschließend optimierte Sortenempfehlungen entwickelt wurden. Auch hierzulande haben Citizen-Science-Ansätze ein enormes Potential.

Landwirte stehen vor der Herausforderung, in jeder Saison eine geeignete Kulturpflanzensorte auf ihren Flächen anzubauen. Der Klimawandel sorgt aber dafür, dass die Wahl der richtigen Sorte immer schwieriger wird und es zunehmend zu großen Ernteverlusten durch Hitze, Dürre oder Starkregen kommt. Vor allem in gefährdeten und einkommensschwachen Regionen der Erde ist dies eine steigende Bedrohung für die Lebensmittelgrundversorgung.

Landwirte werden zu Forschern

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Wissenschaftler von Bioversity International haben einen neuen Ansatz für die Auswahl von Pflanzensorten entwickelt, der Landwirte zu Bürgerwissenschaftlern macht. (Credit: Bioversity International/Nora Capozio)

Es gibt aber meist zu wenige empirische Daten, um entscheiden zu können, welche Sorte mit den Bedingungen in einer Region am besten zurechtkommt. Hier sollte eine Citizen-Science-Projekt die Datenlücke schließen: Die Landwirte wurden selbst zu Forschern.

An der Studie nahmen von 2012-2016 freiwillige Landwirte aus Nicaragua, Äthiopien und Indien teil, die jeweils drei zufällig ausgewählte Sorten einer Kulturpflanze anbauten. Die Versuchsparzellen waren vergleichsweise klein, damit auch Kleinbauern mit wenig Anbaufläche teilnehmen konnten.

Das Experiment wurde mit unterschiedlichen Kulturpflanzen durchgeführt: In Nicaragua mit der Gartenbohne (Phaseolus vulgaris), in Äthiopien mit Hartweizen (Triticum durum) und in Indien mit Brotweizen (Triticum aestivum). Insgesamt legten die Landwirte über 12.000 Versuchsparzellen auf ihren Feldern an.

Die Landwirte bewerteten dann durch ein Ranking, welche der Sorten bei ihnen am besten mit den Bedingungen vor Ort zurechtkam. Die Ergebnisse konnten sie dann auf unterschiedlichen Wegen, darunter auch über Mobiltelefone, an ihre professionellen Forscherkollegen übermitteln. Dies ermöglichte es auch Personen mit geringen Lese- und Schreibkenntnissen an der Studie effektiv teilzunehmen. Anschließend verknüpften die Wissenschaftler die vom Landwirt generierten Daten mit agroklimatischen und Bodendaten. Anhand von statistischen Modellen ermittelten sie daraufhin die Beziehungen zwischen dem Klima und der Leistung der jeweiligen Sorte. 

Empfehlungen für passende Pflanzensorten verbessern und beschleunigen

Die Frage war, ob partizipative Feldversuche tatsächlich Einblicke in die Klimaanpassung von einzelnen Sorten liefern können. Die Studie beantwortet dies klar mit ja. Denn die Ergebnisse der Landwirte entsprachen dem, was über die Physiologie der verwendeten Sorten schon bekannt ist. „Wir haben Klimadaten verwendet, um zu erklären, warum bestimmte Sorten besser abschneiden als andere“, erklärt Kauê de Sousa, einer der Autoren der Studie. „Die Landwirte konnten eindeutig stresstolerante Sorten unterscheiden. Wir konnten auch Sortenempfehlungen für verschiedene agroklimatische Zonen generieren.“

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In Nicaragua pflanzten die Landwirte Parzellen mit der hier abgebildeten Gartenbohne (Phaseolus vulgaris), in Äthiopien mit Hartweizen (Triticum durum) und in Indien mit Brotweizen (Triticum aestivum).

In Nicaragua pflanzten die Landwirte Parzellen mit der hier abgebildeten Gartenbohne (Phaseolus vulgaris), in Äthiopien mit Hartweizen (Triticum durum) und in Indien mit Brotweizen (Triticum aestivum).

Quelle: © vili45 – stock.adobe.com

Diese Empfehlungen verglichen die Wissenschaftler mit den bestehenden Empfehlungen von offiziellen Stellen der jeweiligen Länder. Das Endergebnis: Die aus der Citizen-Science-Studie abgeleiteten geografisch spezifischen Sortenempfehlungen führten zu erheblichen Korrekturen im Vergleich zu früheren Empfehlungen.

„Diese Studie bestätigt, dass unsere anfängliche Vermutung richtig war – Citizen-Science-Ansätze können Landwirten helfen, sich an die Klimaveränderungen besser anzupassen. Sie zeigt auch das enorme Potenzial von Citizen-Science-Ansätzen in der Landwirtschaft“, fasst Jacob van Etten, leitender Wissenschaftler bei Bioversity International und Hauptautor der Studie, zusammen. „Es eröffnet völlig neue Möglichkeiten.“

Bürger sinnvoll einbinden

Auch in Deutschland gibt es bereits vielfältige Ansätze, interessierte Laien aktiv in die Forschung einzubinden und so viel mehr Informationen zu sammeln. So kann man als Beobachter beispielsweise den heimischen Bestand von Insekten, Wildtieren oder Vögeln dokumentieren, zur Erstellung großer Datenbanken beitragen oder gar als Gärtner richtig Hand anlegen. Ein Beispiel hierfür ist die Initiative „1000 Gärten - Das Soja-Experiment“, bei der deutschlandweit verschiedene Sojasorten angepflanzt und bewertet wurden.

Partizipative Forschungsansätze führen auch zu neuen Herausforderungen. So muss sichergestellt werden, dass die Daten standardisiert erhoben werden und dadurch für die Forschung brauchbar sind. Aber auf jeden Fall ist Citizen Science ein hervorragender Weg, um Wissenschaft erlebbar zu machen und den Forschergeist in uns allen zu wecken. Wer selbst aktiv werden möchte, findet auf der Online-Plattform „Bürger schaffen Wissen“ eine breite Auswahl von aktuellen Mitmach-Projekten in Deutschland.

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