Gelb und giftig?

Mit Neonicotinoiden gebeizter Raps schadet Wildbienen

26.08.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Bienen fliegen auf Raps: Die leuchtend gelb blühende Nutzpflanze wird oft mit Insektiziden behandelt, die den Bienen schaden. (Bildquelle: © Angelika Koch-Schmid / pixelio.de)
Bienen fliegen auf Raps: Die leuchtend gelb blühende Nutzpflanze wird oft mit Insektiziden behandelt, die den Bienen schaden. (Bildquelle: © Angelika Koch-Schmid / pixelio.de)

Forscher untersuchten die langfristige Wirkung von Neonicotinoiden auf 62 Wildbienenarten. Neonicotinoide sind vermutlich eine Ursache für den Rückgang der Wildbienenpopulationen in Großbritannien.

Sind Neonicotinoide für den Rückgang der Bienen- und Hummelarten verantwortlich oder nicht? Die einstige Wunderwaffe gegen Schadinsekten gerät immer mehr in die Kritik. Nachdem viele Untersuchungen über kurze Zeiträume durchgeführt wurden, haben sich jetzt Forscher aus Großbritannien mit den langfristigen Wirkungen der Neonicotinoide auf wildlebende Bienenarten auseinandergesetzt.

Neonicotinoide

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Rapssamen ohne Beize: In Deutschland ist das Beizen von Rapssamen mit Neonicotinoiden derzeit verboten.

Rapssamen ohne Beize: In Deutschland ist das Beizen von Rapssamen mit Neonicotinoiden derzeit verboten.

Quelle: © H. Zell/wikimedia.org; CC BY-SA 3.0

Neonicotinoide sind selektiv wirkende Pflanzenschutzmittel, die oft auf das Saatgut aufgetragen werden (Beize). Nicht primär das Saatgut soll so geschützt werden, sondern die sich entwickelnde Pflanze. Sie verbreiten sich in der gesamten Pflanze und sollen vor beißenden und saugenden Schadinsekten schützen. So auch beim Raps. Schon länger ist bekannt, dass Insekten, die sich von Nektar und Pollen des Rapses ernähren, wie Bienen und Hummeln, als Nicht-Zielorganismen die Wirkstoffe ebenfalls aufnehmen.

Neonicotinoide wirken als Nervengifte und können bei Bienen unter anderem zu einem Orientierungsverlust führen. Auch wurde ein Rückgang der „Königinnen-Produktion“ um bis zu 85 Prozent bei Hummeln (Bombus terrestris) beobachtet. Seit dem 1. Dezember 2013 ist die Anwendung der Neonicotinoide „Imidacloprid“, „Clothianidin“ und „Thiamethoxam“ in der EU durch ein Moratorium weitgehend untersagt. In Deutschland ist das Beizen von Rapssamen mit Neonicotinoiden im Moment verboten. In England dagegen gibt es bereits erste Ausnahmen. Im Januar 2017 soll über eine Fortführung des Moratoriums entschieden werden.

Bienenzahlen brechen ein

Ziel der Studie war, die Entwicklung der Bienenzahlen nach Beginn der Nutzung von Neonicotinoiden im Jahr 2002 zu untersuchen. Dafür werteten die Forscher die Verbreitungsdaten wildlebender Bienenarten aus England aus der Zeit von 1994 bis 2011 aus (etwa 500 Beobachtungsflächen). Sie identifizierten 34 Bienenarten, die sich von Raps (Brassica napus) ernähren und 28 Arten, die Raps gar nicht oder nur gelegentlich besuchen. Die wirtschaftlich genutzte Westliche Honigbiene (Apis mellifera) wurde von der Untersuchung ausgeschlossen, da ihre Bienenkörbe regelmäßig an andere Plätze geschafft werden und so das Ergebnis verfälschen könnten.

Es zeigte sich, dass beide Gruppen von Wildbienenarten – sowohl solche, die sich hauptsächlich von Raps ernährten als auch solche, die mit Raps nichts zu tun hatten – durch den Einsatz von Neonicotinoiden in ihrer Häufigkeit nach 2002 abnahmen. Im Vergleich der beiden Gruppen waren die Raps-Besucher allerdings noch dreimal stärker betroffen als die, die Raps nicht besuchen. Bei fünf der untersuchten Bienenarten gehen die Forscher sogar von einem Rückgang der lokalen Populationen um 20 Prozent aus, bei 11 Arten um 15 Prozent und bei 24 Arten um 10 Prozent.

Raps ohne Gift fördert Bienen

Gleichzeitig konnten die Forscher aber auch einen Zuwachs an rapsbesuchenden Bienen nachweisen: Durch den vermehrten Anbau von Raps (8,2 Millionen Hektar in der EU und 34,1 Hektar weltweit) wurden die Rapsbesucher unter den Bienen offenbar gefördert. Allerdings reichte das nicht aus, um die negativen Effekte der Neonicotinoide aufzuwiegen, so dass unter dem Strich die Bienenzahlen trotzdem deutlich abnahmen.

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Bienenstöcke an einem Rapsfeld: Bienen gehören zu den wichtigsten Bestäubern für Raps und andere Nutzpflanzen.

Bienenstöcke an einem Rapsfeld: Bienen gehören zu den wichtigsten Bestäubern für Raps und andere Nutzpflanzen.

Quelle: © iStock.com/fotokostic

Dass auch Bienenarten betroffen sind, die nicht auf Rapsblüten fliegen, liegt nach Meinung der Forscher daran, dass vom gebeizten Saatgut nur ein Teil des Wirkstoffs in die Pflanze geht. Der überwiegende Rest wird über den Regen in den Boden eingetragen, wo er eine Verweildauer von etwa 1.000 Tagen hat, ehe er abgebaut wird. So kann er von anderen Pflanzen aufgenommen werden und sich in ihnen verbreiten.

Der Tropfen, der das Fass überlaufen lässt

Neonicotinoide sind für Bienen bekanntermaßen nicht das einzige Problem. Bienen- und Hummelarten leiden ebenso unter Habitatverlust, dem Verlust an geeigneten Nahrungspflanzen, Parasiten wie der Varroamilbe und dem Klimawandel. Alles zusammen genommen bringt sie in eine Lage, in der sie nicht mehr viel Widerstandskraft haben. Insektizide wie die Neonicotinoide treffen die bereits geschwächten Bestäuber daher umso härter. Um die Leistungsfähigkeit der für die Landwirtschaft sehr wichtigen Bestäuber zu erhalten, muss die Belastung für sie daher so gering wie möglich gehalten werden, fordern die Forscher.

Ein weiteres Ziel sollte zudem darin bestehen, nicht nur die Arten zu schützen, die einen großen Anteil an der Bestäubungsleistung haben, betonen die Forscher. Auch die weniger involvierten Arten haben eine wichtige Bedeutung für eine erfolgreiche Bestäubung, da sie dafür sorgen, dass das gesamte System stabil bleibt, wenn sich die Umgebungsbedingungen ändern und wichtige Bestäuber ausfallen sollten.

Um die sehr wichtige Ökosystem-Dienstleistung der Bestäubung durch Bienen und Hummel auch weiterhin nutzen zu können, ist es nach Meinung der Forscher dringend erforderlich, die Anwendung der Neonicotinoide nochmal zu überdenken und nach Alternativen im Pflanzenschutz zu suchen, um die Pflanzen, aber eben auch bestäubende Insekten wie z. B. Bienen- und Hummelarten, nachhaltig zu schützen.

Denn was nützt es, den Rapssamen mit Insektiziden zu beizen, wenn kaum noch Insekten da sind, die die Pflanzen später auch bestäuben können?

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