Indien: Bedeutung von Bt-Baumwolle überbewertet?

14.02.2011 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der Anbau von Baumwolle hat in Indien eine lange Tradition (Quelle: © iStockphoto.com/ vishwanath reddy ).
Der Anbau von Baumwolle hat in Indien eine lange Tradition (Quelle: © iStockphoto.com/ vishwanath reddy ).

Eine aktuelle Studie bezieht die anthropologische Sicht bei der Bewertung der heutigen Baumwollwirtschaft in Indien mit ein. Durch die Einbeziehung der historisch gewachsenen Strukturen relativieren sich die besseren Ernteerträge von genetisch veränderter Baumwolle. Begleitende Maßnahmen wären notwendig, fehlen jedoch.

In Indien wird seit 2003 genetisch veränderte (gv) Bt-Baumwolle angebaut. Vorteil dieser Sorten ist, dass sie quasi ihr eigenes Insektizid produzieren. Um die zahlreichen widersprüchlichen Studien von Befürwortern und Gegnern zu hinterfragen, hat Glenn Stone, Professor für Anthropologie und Wissenschaft, nun selbst eine Studie in vier Dörfern der indischen Region Andhra Pradesh durchgeführt. Klimatisch waren die Dörfer vergleichbar und auch die Niederschlagsmengen sind ähnlich.

2003 hatte noch keiner der Bauern in den Dörfern Bt-Saatgut verwendet, wohingegen am Ende der Untersuchung (2007) alle Landwirte das gentechnisch veränderte Saatgut anbauten. Glenn stellte fest, dass der Baumwollertrag in diesem Zeitraum um 18 Prozent gestiegen war. Das sei weniger als in einigen ökonomischen Studien berichtet wurde, jedoch mehr als Gegner der Bt-Baumwolle behaupteten. Auch der Einsatz von Insektiziden sei im Zuge der Einführung von GV-Saatgut um 55 Prozent gesunken.

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Der Anbau von Bt-Baumwolle führte zu deutlichen Ertragssteigerungen.

Der Anbau von Bt-Baumwolle führte zu deutlichen Ertragssteigerungen.

Bildquelle: © iStockphoto.com/ juthathip tybon

Landwirtschaftliches Management ist komplex

Werden diese reinen Ertragszahlen betrachtet, scheint Bt-Baumwolle mit großem Erfolg eingesetzt zu werden. Gegner wiederum machen eben diese Technologie für wirtschaftlich ruinierte Bauernhöfe und hohe Selbstmordraten unter den Bauern verantwortlich. Daher stellte der Wissenschaftler die Erträge in einen größeren Zusammenhang und hinterfragte das gesamte landwirtschaftliche Management. Beispielsweise fand Stone heraus, dass vor allem die wirtschaftlich erfolgreichsten Bauern das neuartige Saatgut anbauten. Ihre Erträge waren auf Grund einer intensiveren Bewirtschaftung bereits vor dem Einsatz von Bt-Baumwolle besser als die der anderer Bauern.

Nach den ersten großen Erfolgen kämpfen die Bauern zudem mit neuen Problemen. So haben sich in den letzten Jahren Schädlinge explosionsartig vermehrt, die vom Bt-Toxin nicht abgetötet werden. Der Einsatz von Insektiziden wird daher vermutlich wieder steigen, um dieser neuen Gefahr Herr zu werden.

Bt-Baumwolle überlagert das eigentliche Problem

Das Problem ist nicht neu: Auch vor dem Anbau von gv-Pflanzen haben indische Bauern in den 1990er Jahren bereitwillig Insektizide gespritzt, die durch den massiven Einsatz schnell ihre Wirksamkeit verloren. Denn Schädlinge sind in der Lage, sich in kürzester Zeit auf das Gift einzustellen und entwickeln Resistenzen. Und genau hier sieht der Anthropologe  das eigentliche Problem indischer Bauern. Schon früher wurden ihnen Saatgut und Insektizide zur Verfügung gestellt, die in immer schnellerer Folge resistenten Schädlingen angepasst wurden. Den Bauern blieb zu wenig Zeit, sich mit der richtigen Anwendung der neuen Materialien auseinanderzusetzen, um sie über Jahre erfolgreich einzusetzen. Darunter haben dann die Erträge gelitten.

Laut Glenn können zwar mit der Anwendung von Bt-Baumwolle die Probleme auf dem Feld verbessert werden. Resistenzen werden vermutlich von neuen Generationen von gv-Saatgut sowie neuen Insektiziden aufgefangen, um so die Erträge zu retten. Doch das eigentliche Problem der Bauern, die sich auf die neuen Technologien nicht richtig einstellen können und somit mit den modernen Methoden nicht zurechtkommen, bleibt bestehen. Eine intensive Beratung analog dem seit Jahrzehnten erprobten und etablierten Beratungswesen in der westlichen Welt, wäre als begleitende Maßnahme notwendig.

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