Katastrophe Brexit

Warum sich eine Spitzenforscherin in Cambridge nicht mehr so richtig wohlfühlt

27.10.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Cambridge sieht aus wie eine Stadt aus einem Bildband. Doch reicht das aus, um dort dauerhaft zu leben? (Bildquelle: © Rob Tubbs/ Wikimedia.org/ CC0)
Cambridge sieht aus wie eine Stadt aus einem Bildband. Doch reicht das aus, um dort dauerhaft zu leben? (Bildquelle: © Rob Tubbs/ Wikimedia.org/ CC0)

Katja Jäger promovierte einst am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, bevor sie mit ihrem Forscherkollegen und Mann nach England zog. Die fehlende Kinderbetreuung und der Brexit bereiten der engagierten Wissenschaftlerin immer wieder Kopfschmerzen. Wie sie sich trotzdem als Spitzenforscherin behaupten kann und welche Konsequenzen die Familie aus dem Brexit zieht, verriet sie Pflanzenforschung.de im Interview.

Pflanzenforschung.de: Frau Jäger, Sie haben als Erste zeigen können, wie Pflanzen ihre Umgebungstemperatur messen. Wie kam es zu Ihrem aktuellen Forschungsprojekt? Woher stammt die Thermometer-Idee?

Dr. Katja Jäger: Wenn man in den eigenen Garten schaut, wird einem sofort klar, dass Pflanzen sehr stark auf ihre Umgebungstemperatur reagieren können. In einem warmen Winter zum Beispiel werden Narzissen Monate früher blühen. Der Klimawandel verdeutlicht dieses Phänomen, und die Menschen haben bereits große Veränderungen in der Verbreitung der Pflanzen in Reaktion auf wärmere Temperaturen beobachtet.

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Bildstrecke - Pflanzen-Thermometer

Wie Pflanzen Temperaturen messen 

Quelle: © SimonaR/ pixabay/ CC0

Um auf die Umgebungstemperatur zu reagieren, müssen die Pflanzen eindeutig in der Lage sein, sie zu messen. Aber im Gegensatz zu anderen Aspekten der Pflanzenbiologie, wie z. B. dem Erfassen von Licht, waren die Rezeptoren für die Temperaturerfassung nicht bekannt. Daher fragten wir uns, womit eine Pflanze die Temperatur wahrnimmt. Wir haben uns in den letzten zehn Jahren darauf konzentriert, Pflanzen zu finden, die nicht in der Lage sind, richtig auf die Temperaturveränderungen zu reagieren.

Pflanzen, deren Temperaturempfinden gestört ist, liefern wichtige Hinweise, welche Gene an der Temperaturwahrnehmung beteiligt sind. Sobald wir diese Mutationen identifizieren, können wir die Moleküle studieren, die diese Gene kodieren, um die molekularen Mechanismen aufzulösen.

Pflanzenforschung.de: Wie steinig war der Weg zu Ihrer aktuellen Publikation? Gab es Sackgassen oder Rückschläge?

Dr. Katja Jäger: Eigentlich ist alles glatt verlaufen. Nach einer zweijährigen Kinder-Auszeit bin ich erst seit drei Jahren wieder zurück in der Wissenschaft, d. h., wir haben die ganze Arbeit in drei Jahren durchgezogen. In den letzten fünf Jahren hat sich durch das “Next Generation Sequencing” wahnsinnig viel in den Biowissenschaften verändert. Durch die Masse an Daten, die wir nun einfach und günstig produzieren, können wir sehr präzise Vorhersagen machen, die es uns erlauben, das richtige Experiment durchzuführen. Das heißt, alles geht unglaublich viel schneller voran.

Früher konnte jeder alles machen, das ist heute nicht mehr so. Bei dieser Publikation hatte jeder Autor sein Spezialgebiet, welches er als Spezialist voll verstand. Es ist daher heute wichtig, dass man es schafft, ein Team so zu organisieren, dass man in der Lage ist, effektiv miteinander zu kommunizieren und Arbeiten zu koordinieren. Nur so können alle Spezialisten im Team die optimale Leistung erbringen. Wir arbeiten zum Beispiel alle mit “Cloud-Computing”. Obwohl wir ständig miteinander kommunizieren, sehen wir uns eigentlich recht selten persönlich. Diese Art der Kommunikation ist wohl eine Folge der enormen Spezialisierung innerhalb der Disziplin. Sie ermöglicht aber auch eine effektivere Zusammenarbeit der Spezialisten.

Pflanzenforschung.de: Forschung ist auch mit Frust verbunden. Wie gehen Sie damit um, wenn im Labor mal alles schief läuft, die Experimente einfach nicht klappen wollen?

Dr. Katja Jäger: Es gibt bei der Forschung die 80:20 Formel, d. h., 80 Prozent klappt nicht oder entpuppt sich als Sackgasse, 20 Prozent funktioniert. Das bedeutet, dass man eher positiv überrascht ist, wenn etwas funktioniert. Dabei ist aber zu beachten: Zu einem guten Experimentator wird man nicht geboren, es ist Übung, Übung, Übung - jahrelang oder gar jahrzehntelang. Wie ein einfacher Koch, der zum Michelin-Starkoch aufsteigen will, jahrelang das Kochen perfektioniert, oder ein Sportler, der jeden Tag hart und konzentriert trainiert. Ich persönlich verbringe so viel Zeit wie möglich im Labor, mache viele Experimente gleichzeitig. So erhalte ich ständig positive und negative Rückmeldungen, nachdem ich die Ergebnisse kritisch evaluiert habe. Auch wenn das natürlich manchmal etwas deprimierend ist, erlaubt mir das, mich ständig zu verbessern.

Man muss die Sachen endlos oft wiederholen, bis man das “perfekte Experiment” hinlegt. Mir persönlich kommt das sehr gelegen, ich betreibe selber aktiv Triathlon. Ich trainiere jetzt seit 25  Jahren für die Ironman-Distanz. Wenn man das Ziel fest vor Augen hat, ist es nicht schwer, sich zu motivieren. Wie beim Sport muss man erstmal das Training perfektionieren, bevor man einen Wettkampf bestreiten kann. Auch wenn etwas nicht klappen sollte - wenn ich das Gefühl habe, dass mich das jetzt weiterbringt, weil ich aus dem Misserfolg etwas lernen kann, gehe ich zufrieden nach Hause.

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Das

Das "Sainsbury Laboratory" der "University of Cambridge", an dem Dr. Katja Jäger forscht.

Quelle: © Dr. Katja Jäger

Pflanzenforschung.de: Worin unterscheidet sich die Forschungsarbeit in Großbritannien von der in Deutschland?

Dr. Katja Jäger: Ich bin schon seit 2005 aus Deutschland weg, und bei uns am Institut gibt es kaum Engländer. Das typische England kenne ich wohl gar nicht. Allgemein sind es die typischen Verständigungsschwierigkeiten. Der Deutsche spricht Probleme und Kritik grundsätzlich direkt und zügig an und ist eher lösungsorientiert. Die Briten kommunizieren Probleme oder Kritik eher indirekt oder gar unmerklich. Was ich als Deutsche deshalb manchmal gar nicht mitkriege. Und umgekehrt irritiert die Briten die direkte Kommunikationsweise der Deutschen natürlich sehr.

Wenn also der Brite sagt: "I hear what you say”, meint der Brite eigentlich, "I disagree and do not want to discuss this further" („Ich bin nicht deiner Meinung und will das auch nicht ausdiskutieren“). Wobei der Deutsche verstanden hat "He accepts my point of view” (“Er ist ganz meiner Meinung”). Oder der Brite würde sagen: "I almost agree”, wobei er eigentlich meint, "I completely disagree”, der Deutsche aber versteht, "He is not far from agreeing”. Das ist natürlich oft sehr kompliziert und führt immer wieder zu Missverständnissen. Andererseits ist es gerade diese Vielfalt, die interessant ist und einen Reichtum darstellt.

Pflanzenforschung.de: Was bedeutet der Brexit für Ihre zukünftige Forschungsarbeit und für Ihr persönliches Leben?

Dr. Katja Jäger: "Brexit probably means Brexit!" Unsere Teams sind komplett international. Im Moment haben wir Wissenschaftler aus mehr als zehn Ländern in unseren Teams. Meine Gruppe besteht nur aus Ausländern. Haben wir uns vor dem Brexit-Votum als Teil von England verstanden, empfinden wir uns nun schon sehr als Ausländer und nicht mehr willkommen. Ausländerfeindliche Straftaten haben seit dem Votum um 40 % zugenommen, viele spüren eine große Unsicherheit und auch Angst. Cambridge selbst ist sehr international, und ich denke dass ist auch der Grund, warum es so erfolgreich war und ist.

Wissenschaftliche Probleme sind sehr komplex und haben viele Facetten und es ist unbestritten, dass internationale Teams um einiges besser aufgestellt sind, um diese zu lösen. Man muss sich nur die Nobelpreise dieses Jahres anschauen: Alle Amerikaner waren Einwanderer und alle Briten haben außerhalb von England gearbeitet. Forschung ist komplett international und kennt keine Grenzen. Für unsere eigene Forschung würde ein Ende von freier Kollaboration innerhalb Europas das Aus bedeuten. Momentan haben wir aktive Kollaborationen innerhalb Europas mit Frankreich, Deutschland, Lettland, Spanien und Portugal und außerhalb Europas mit der USA und Japan. Es ist absolut unvorstellbar, dass wir diese Zusammenarbeiten nicht mehr weiterführen können, es ist das Elixier für unsere Forschung.

Momentan ist die Wissenschaft in einer erstaunlichen Hochphase in Europa. Das ist sicher auch dem European Research Council (ERC) mit seiner Mission geschuldet, exzellente Wissenschaft zu fördern, unabhängig davon, welche Nationalität der Forscher hat oder in welchem Land die Forschung durchgeführt wird. Für uns Wissenschaftler ist es enorm wichtig, in offenen Gesellschaften zu leben, auch weil uns das erlaubt, die besten Leute anzuwerben. Diese Offenheit in England war sicher der Grund für den bisherigen Erfolg. All das hat sich jetzt auf einen Schlag verändert. Wir hatten ein fantastisches Forschungsumfeld. Wir sind sehr qualifiziert, und ich bin mir sicher, dass wir ein Land finden, wo wir willkommen sind. Ich definiere mich als Europäerin. Im Moment fühle ich mich hier in England nicht mehr willkommen.

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Dr. Katja Jäger gemeinsam mit ihren zwei Kindern. Wie schwierig es bisweilen sein kann, Forschung und Familie zu vereinbaren, weiß die Forscherin aus eigener Hand.

Dr. Katja Jäger gemeinsam mit ihren zwei Kindern. Wie schwierig es bisweilen sein kann, Forschung und Familie zu vereinbaren, weiß die Forscherin aus eigener Hand.

Quelle: © Dr. Katja Jäger

Pflanzenforschung.de: Wie vereinbaren Sie Spitzenforschung mit Ihrem Familienleben?

Dr. Katja Jäger: Einfache Antwort: Gar nicht. Im Ernst: Wenn mein Mann und ich nicht im Team zusammenarbeiten würden, würde es nicht gehen. Da wir im gleichen Gebäude arbeiten und bei fast allem für einander einspringen können, schaffen wir es gerade so. Wir haben hier in England keine Familienangehörigen, die uns mal aushelfen könnten, wenn Not am Mann herrscht oder Ferienzeit ist.

Angebote der Universität Cambridge zur Kinderbetreuung sind quasi nicht existent. Man muss eben flexibel sein und sehr effizient arbeiten. Sehr oft auch nachts und an Wochenenden. Aber es ist Forschung und die gehört zu meinem Leben, genauso wie meine Familie, mein Mann und meine Kinder. Alles zusammen - Das bin ich.

Finanziell macht der ganze Aufwand natürlich kaum Sinn. Leidenschaft für die Sache muss man also schon haben. Ich würde keiner Frau raten, in die Wissenschaft zu gehen, wenn sie eine Familie will. Trotz aller Lippenbekenntnisse der Politik und des Wissenschaftsbetriebes, geändert hat sich für Mütter prinzipiell nichts.

Wenn ich publiziere oder Forschungsgelder beantrage, befinde ich mich im direkten Konkurrenzkampf mit Mitstreitern, die keine Auszeit hatten und die 24/7 arbeiten können. Als Mutter zu den Top 10 % zu gehören, ist also praktisch nicht möglich. Andererseits hole ich aus meiner Familie auch Inspiration und Kraft. Nichtsdestotrotz wären Rahmenbedingungen, die eine bessere Balance von Arbeit und Familie ermöglichen, sehr willkommen. Egal ob in Großbritannien, Deutschland oder woanders, hier besteht Nachholbedarf!

Pflanzenforschung.de: Vielen Dank für das Gespräch!

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