Langzeitfütterung mit gentechnisch verändertem Mais

21.09.2012 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

In der Studie wurde gentechnisch veränderter Mais an Ratten verfüttert. (Quelle: © Richard von Lenzano / pixelio.de)
In der Studie wurde gentechnisch veränderter Mais an Ratten verfüttert. (Quelle: © Richard von Lenzano / pixelio.de)

Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Frankreich, die den Effekt einer Langzeitfütterung mit gentechnisch verändertem Mais untersuchte, schlägt Wellen. Laut der Studie erkranken Tiere, die mit "Gen-Nahrung" gefüttert werden häufiger an Krebs. Die Reaktionen auf die Studie füllen die komplette Palette: vom „Sofortverbot“ bis hin zur Aussage, die Ergebnisse seien „nicht valide“ und hätten damit „keine Aussagekraft".

Neu an der nun vorliegenden Studie ist, dass diese über mehrere Jahre lief. Bisherige Studien waren deutlich kurzfristiger designt (90 Tage). Eine Forderung kritischer Stimmen zur Gentechnik bestand in den bisher nicht berücksichtigten Langzeiteffekten. Insgesamt wurden 200 Ratten mit gentechnisch verändertem oder als Kontrollgruppe mit konventionellem Mais gefüttert. Die Sorte NK603 wurde von Monsanto entwickelt. Diese weist eine Resistenz gegenüber dem Unkrautbekämpfungsmittel Roundup auf. Damit besitzen die Pflanzen einen unmittelbaren Nutzen für die Landwirte. Unkräuter auf dem Feld lassen sich besser bekämpfen, wodurch Erträge gesichert und das Anbaumanagement vereinfacht werden. Für die Verbraucher hat die Maissorte NK603 keinen unmittelbaren Nutzen. Die Maissorte ist in Europa nicht zum Anbau, jedoch zur Verwendung als Lebensmittel und als Tierfutter zugelassen. Obwohl die Maissorte NK603 eine der weltweit gebräuchlichsten ist, kommt diese, auf Grund der Vorbehalte der Verbraucher, in der europäischen Lebensmittelindustrie kaum zum Einsatz. 

Langzeitfütterung mit dramatischen Folgen?

Im nun veröffentlichten Experiment wurden die Nager mit unterschiedlichen Konzentrationen gentechnisch verändertem Mais sowie konventionellem Mais mit Pestizidspuren gefüttert und eine wiederum andere Gruppe erhielt Trinkwasser, welches Spuren des Unkrautmittels Roundup enthielt. Die Studie erschien im renommierten Fachblatt „Food and Chemical Toxicology“. Damit hat diese einen in der Wissenschaft üblichen Begutachtungsprozess durchlaufen.

Im Ergebnis erkrankten die mit NK603 gefütterten Tiere vermehrt an z.B. Krebs und hatten verstärkt Nieren oder Leberschäden. Diese Tiere starben häufiger und im Durchschnitt früher. Am stärksten betroffen sind weibliche Tiere. Aber auch bei mehreren Gruppen männlicher Tiere verstetigten sich die Wirkungen. Sexualität und Hormonhaushalt stehen laut Studie im Wechselspiel mit der Fütterung. Am signifikantesten war die Wirkung auf die Funktionen der Nieren. Unabhängig vom Geschlecht waren die beobachteten Krankheiten und Effekte bei 2/3 der behandelten Tiere auf eine gestörte Nierenfunktion zurückzuführen. Neben der Wirkung der gentechnischen Veränderung betrachtete die Studie auch die Wirkung des Herbizids Roundup. Durch die starke Verbreitung resistenter Kulturpflanzen gegen das Unkrautbekämpfungsmittel Roundup, wurde auch die Wirkung der Chemikalie in die Untersuchung einbezogen. Diese wurde in unterschiedlichen Konzentrationen mit dem Mais verfüttert oder wurde dem Trinkwasser beigemischt.

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Sprague-Dawley-Ratten wurden für die Langzeitexperimente genutzt. (Quelle: © Jean-Etienne Minh-Duy Poirrier / (CC BY-SA 2.0) 

Sprague-Dawley-Ratten wurden für die Langzeitexperimente genutzt. (Quelle: © Jean-Etienne Minh-Duy Poirrier / (CC BY-SA 2.0

Die aus der Studie abgeleiteten Aussagen müssen kritisch betrachtet werden. Von den 200 untersuchten Tieren, stammten lediglich 20 aus der Kontrollgruppe. Die anderen 180 Tiere verteilten sich auf unterschiedliche Behandlungen, welche die Wirkung des Transgens oder der Chemikalien bzw. beides untersuchten. Eine valide statistische Aussage ist mit diesen Stichproben schwierig. Erschwerend für die Validität der Untersuchung kommt hinzu, dass eine Rattenlinie genutzt wurde, die zur verstärkten Tumorbildung neigt. Begründbar wäre diese Auswahl mit dem Ziel, die Effekte durch die Fütterung zu verstärken, wenn die Kontrollgruppe signifikant größer gewählt worden wäre.

Die von den Autoren der Studie gemachte Aussage zur Wirkung von NK603 und Roundup wird zusätzlich dadurch erschwert, dass diese nicht konsistent ist. Vom Design der Fütterungsstudie wäre es logisch, wenn die Wirkung der Chemikalie und/oder der gentechnischen Veränderung eine Abhängigkeit von der verabreichten Dosis zeigen. Diese Dosisabhängigkeit konnte nicht beobachtet werden. Die stärksten Effekte traten teilweise bei den geringeren Konzentrationen auf, während es den Tieren, die einer höheren Dosis ausgesetzt waren gut ging. Die Autoren gehen von einem Schwellenwert der Wirkung aus. Teilweise ging es den behandelten Tieren sogar besser als der unbehandelten Kontrollgruppe. Was die Aussagekraft zusätzlich erschwert.

Aus diesen Gründen bezweifeln bereits nicht an der Studie beteiligte Forscher deren Ergebnisse. Vor allem das Design ist stark in die Kritik geraten. Da die Statistik bereits bei früheren Veröffentlichungen zu Fütterungsstudien in die Kritik geraten war, ist es schade, dass das Design bei der Langzeitstudie nicht verbessert wurde. Von Nachteil ist sicherlich auch, dass der Erstautor der Studie ein ausgewiesener Gegner der Gentechnik in der Landwirtschaft ist. Auf Internetportalen wird diese Kritik an der Gentechnik dokumentiert. Der Anspruch nach Neutralität der Forschung leidet darunter. Selbstverständlich haben auch Wissenschaftler ein Recht zur eigenen Meinung und Position. Vermieden werden muss, dass der Anschein erweckt wird, dass diese persönlichen Ansichten in die wissenschaftliche Bewertung eingeflossen sind.

Als ein wichtiges Ergebnis kann das auf eine langfristige Betrachtung hin angelegte Konzept der Studie angesehen werden. Sollte sich bestätigen, dass durch dieses Design grundsätzlich andere Beobachtungen und damit Aussagen möglich sind, wird dies Effekte auf Genehmigungsverfahren haben. Einen anderen Aspekt spart die Diskussion in der Studie aus. Die untersuchte Maissorte NK603 und die Verwendung des Unkrautbekämpfungsmittels Roundup sind in Nordamerika weit verbreitet. Im Gegensatz zur EU ist NK603 nicht nur als Nahrungsmittel zugelassen, sondern wird dort auch als solches genutzt. Der in der Studie beobachteten kürzeren Lebenserwartung der Nager steht eine nach wie vor ansteigende Lebenserwartung der Bevölkerung in diesen Ländern entgegen.

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Für den Anbau in Europa ist neben der Maissorte MON810 nur die Industriestärkekartoffel Amflora zugelassen. Die Verarbeitung weiterer gentechnisch veränderter Pflanzen in Futter- und Lebensmitteln ist erlaubt. Vor allem im Tierfutter sind diese weit verbreitet. Der größte Teil (73%) der weltweiten Sojaproduktion nutzt gentechnisch veränderte Sorten. Einen Überblick über gentechnisch veränderte Sorten weltweit mit Zulassungen in der EU gibt es hier.

Starke Reaktionen aus Frankreich

Notwendig wäre demnach eine Wiederholung der Studie mit mehr Tieren, so dass eine statistisch stichhaltige Auswertung möglich wird. Allerdings müsste diese über einen ähnlich langen Zeitraum durchgeführt werden. Dies wäre wissenschaftlich angebracht jedoch wird es schwierig werden, die Politik von diesen Zeiträumen zu überzeugen. Dafür waren die Reaktionen aus der Politik bereits zu stark. In Frankreich wurde bereits vehement ein EU-weites Verbot bestimmter Nahrungsmittel gefordert. Frankreichs Premierminister Jean-Marc Ayrault spricht sogar von dramatischen Gesundheitsgefahren, sollte sich die Stichhaltigkeit der Ergebnisse in bereits beauftragten Studien bestätigen.

Andere Länder reagieren entspannter, darunter auch Deutschland. Diese lassen die Studie ebenfalls prüfen, weisen aber auch bereits auf Mängel im Design hin. Grundsätzlich bestätigen die starken Reaktionen und die große mediale Aufmerksamkeit am Thema Gentechnik, dass in Europa Vorbehalte gegenüber Gentechnik verbreitet sind. Diese zu entkräften bedarf es transparenter Strukturen bei der Bewertung. Vor allem aber Forschungsergebnisse, die auf einem validen Experiment beruhen und statt vielfältiger Interpretationsmöglichkeiten eindeutig in ihren Aussagen sind. 

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