Ohne die Natur geht es nicht

Der Biodiversitätsverlust bedroht Ökosystemfunktionen

02.08.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Madagaskar zählt durch die hohe Zahl an Pflanzen- und Tierarten, die nur hier vorkommen sowie durch deren starke Bedrohung zu den Biodiversitäts-Hotspots der Welt. (Bildquelle: © Gavinevans / wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0)
Madagaskar zählt durch die hohe Zahl an Pflanzen- und Tierarten, die nur hier vorkommen sowie durch deren starke Bedrohung zu den Biodiversitäts-Hotspots der Welt. (Bildquelle: © Gavinevans / wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0)

Forscher berechnen, wo auf der Welt der globale Biodiversitätsverlust bereits die kritische Grenze überschritten hat. In Bereichen der Welt ist der Verlust bereits so stark, so dass überlebenswichtige Ökosystemfunktionen nicht mehr aufrechterhalten werden können.

Sauberes Wasser, frische Luft, Holz für das Haus, Obst und Gemüse auf dem Teller: All das ist für uns selbstverständlich und immer verfügbar. Möglich machen es die sogenannten „Ökosystem-Dienstleistungen“, also natürliche Prozesse, die uns diese Dinge als Lebensgrundlage frei zur Verfügung stellen. Grundlage für die funktionierenden Ökosysteme ist unter anderem die Vielfalt der darin lebenden Organismen, ein Teil der sogenannten Biodiversität. Schwindet sie, ist die Menschheit über kurz oder lang auch am Ende. Darum ist der Erhalt der Biodiversität ein wichtiges Ziel der globalen Umweltschutzstrategien. Trotzdem werden die globalen Ökosysteme nach wie vor über ihre Belastungsgrenze hinaus ausgebeutet und geschädigt. In einer neuen Studie berechnen Forscher, wie stark der Verlust der Biodiversität in den verschiedenen Ökosystemen der Welt bereits fortgeschritten ist.

Planetare Grenzen

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Grasländer und Savannen sind am stärksten vom Biodiversitätsverlust betroffen.

Grasländer und Savannen sind am stärksten vom Biodiversitätsverlust betroffen.

Quelle: Bildquelle: © ProfessorX / wikimedia.org / Gemeinfrei

Ein Maß, um den Verlust der Biodiversität und vor allem die durch die Arten geleisteten Funktionen in Zahlen zu fassen, ist der sogenannte „Biodiversity Intactness Index“ (BII), der 2009 im „Planetary Boundaries Framework“ veröffentlicht wurde. Er zeigt an, wie viele Organismen aktuell in einem Habitat vorkommen, in Relation zur ursprünglichen Verteilung dieser Organismen. Ein Habitat gilt als bedroht, wenn nur noch 90 Prozent der ursprünglich vorkommenden Organismen vorhanden sind, also ein Verlust von mindestens 10 Prozent stattgefunden hat. Werden diese 10 Prozent überschritten, gehen die Forscher davon aus, dass in diesem Habitat möglicherweise die auch für den Menschen lebenswichtigen Ökosystemfunktionen so stark eingeschränkt werden könnten, dass sie mit menschlicher Hilfe aufrechterhalten werden müssen, will man einen totalen Zusammenbruch des Ökosystems mit den gesamten massiven Konsequenzen vermeiden.

Kritische Grenze bereits überschritten

Zur Berechnung des globalen Biodiversitätsverlustes werteten die Forscher mehr als 2,38 Millionen Daten von mehr als 39.000 Arten aus über 18.000 Lokalitäten aus. Ziel war es, in den einzelnen Biomen und Biodiversität-Hotspots Veränderungen in der Biodiversität zu ermitteln und so zu erkennen, wo der Verlust bereits kritische Grenzen überschritten haben könnte.

Im Ergebnis zeigte sich, dass in 9 von 14 terrestrischen Biomen die kritische Grenze von 10 Prozent bereits überschritten wurde, ebenso in 22 von 34 Biodiversitäts-Hotspots. Besonders betroffen sind Grasländer und Savannen, am wenigsten Tundren und boreale Nadelwälder. Im globalen Durchschnitt sind nur noch 84,6 Prozent der ursprünglich vorkommenden Organismen vorhanden, die kritische Grenze von 10 Prozent wurde also auch hier bereits überschritten. Konkret bedeutet das, dass 58,1 Prozent der globalen Landfläche bereits beeinträchtigt sind. In diesen Bereichen leben aktuell 71,4 Prozent der Weltbevölkerung. Als Gründe sehen die Forscher vor allem intensive Landnutzung sowie Landnutzungsänderungen.

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Die Bedeutung gebietsfremder Arten, wie die Herkulesstaude in Europa, ist für die Bedeutung von Biodiversitätsverlusten und Ökosystemfunktionen noch nicht vollends geklärt.

Die Bedeutung gebietsfremder Arten, wie die Herkulesstaude in Europa, ist für die Bedeutung von Biodiversitätsverlusten und Ökosystemfunktionen noch nicht vollends geklärt.

Quelle: © Appaloosa / wikimedia.org / CC BY-3.0

Wenn die Theorie der 10-Prozent-Grenze stimmt, dann benötigen die Ökosysteme in diesen Bereichen in absehbarer Zeit menschliche Unterstützung, um ihre Funktionen aufrecht zu erhalten. Allerdings ist noch nicht ganz geklärt, inwieweit der „Biodiversity Intactness Index“ neben seiner Funktion als Maß für Biodiversität in der Lage ist, die Reaktionen der verschiedenen Ökosysteme vorherzusagen und ob die Grenze wirklich bei 10 Prozent liegt. Fest steht, dass das Überschreiten einer Grenze beim Biodiversitätsverlust gravierende Folgen haben kann und dass diese Folgen umso wahrscheinlicher werden, je mehr man diese Grenze überschreitet.

Auch die Bedeutung gebietsfremder Arten, die im Nachhinein in ein Ökosystem eingeführt wurden oder von selbst einwanderten, ist für die Bedeutung von Biodiversitätsverlusten und Ökosystemfunktionen noch nicht vollends geklärt. Gebietsfremde Arten könnten sich neutral verhalten, das Ökosystem unterstützen oder es schädigen. Das bedeutet, dass noch viel Forschungsarbeit geleistet werden muss, um die Zusammenhänge zu verstehen und um rechtzeitig gegensteuern zu können.

Jetzt handeln

Es gibt also noch große Unsicherheiten, so dass eine exakte Vorhersage noch nicht möglich ist. Je größer die Unsicherheiten sind, desto wichtiger ist es allerdings schnell zu handeln, betonen die Forscher. Denn das Überschreiten einer planetaren Grenze könnte katastrophale Auswirkungen haben, nicht nur auf die Natur, sondern auch auf die Menschheit, die von ihr abhängig ist. Darum müssten jetzt die verbliebenen Bereiche mit natürlicher, nahezu unbeeinträchtigter Vegetation und intakten Ökosystemfunktionen geschützt und wenn möglich auch genutztes Land wieder renaturiert werden, um den Trend umzukehren. Auch wenn diese Forderung schwierig zu erfüllen ist, wird das über lange Sicht die einzige Möglichkeit sein, die Erde für uns wohnlich zu erhalten. Denn das muss jedem klar sein: Ohne die Natur geht’s nicht.

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