Dieser Beitrag entstand im Rahmen unseres Plantainments:

"Vielfalt statt Einfalt"

Interview mit Michael Straub, Leiter Heilpflanzenanbau/Anbauprojekte, Weleda AG

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Pflanzenvielfalt wirkt!

Heilpflanzen und ihre Bedeutung

16.09.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der Mensch nutzt seit jeher Pflanzen zu medizinischen Zwecken. (Quelle: © iStockphoto.com/ hmproudlove)
Der Mensch nutzt seit jeher Pflanzen zu medizinischen Zwecken. (Quelle: © iStockphoto.com/ hmproudlove)

Auch wenn der Großteil unserer Arzneimittel heute industriell hergestellt wird, basieren über die Hälfte auf Heilpflanzen oder deren Inhaltsstoffe. Von den etwa 50.000 als Heilpflanzen genutzten Arten weltweit sind geschätzte 15.000 in ihrem Bestand bedroht. Nur nachhaltiger Anbau und bedachtes Sammeln von Wildpflanzen kann diesem Abwärtstrend entgegenwirken. So bleibt die Vielfalt der Heilpflanzen als Erwerbsquelle, als auch für Konsumenten von pflanzlichen Arzneimitteln, erhalten.

Pflanzen können viele verschiedene chemische Substanzen herstellen, die wiederum zahlreiche, wichtige biologische Funktionen übernehmen oder die Pflanze vor Angreifern schützt. Viele dieser sog. Phytochemikalien wirken sich auch positiv auf die menschliche Gesundheit aus und können als effektive Therapeutika gegen Krankheiten eingesetzt werden. Mindestens 12.000 solcher chemischer Verbindungen aus Pflanzen wurden bisher entdeckt und isoliert. Wissenschaftler vermuten, dass es sich dabei lediglich um 10 Prozent aller pflanzlichen Wirkstoffe handelt.

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Salbei ist eine Heilpflanze, die aufgrund ihrer entzündungshemmenden Wirkung bei Halsschmerzen genutzt wird.

Salbei ist eine Heilpflanze, die aufgrund ihrer entzündungshemmenden Wirkung bei Halsschmerzen genutzt wird.

Quelle: © cameraobscura / pixelio.de

Heilpflanzen begleiten die Geschichte der Menschheit

Die Menschen haben seit jeher Heilpflanzen genutzt, um sich Linderung bei Krankheiten und Verletzungen zu schaffen. Ihre Erfahrungen gaben sie zunächst durch mündliche Überlieferung an die nächste Generation weiter. Später, als Papyrusrollen die Voraussetzungen dafür schufen, hielten sie ihre Erkenntnisse im Umgang mit Heilpflanzen auch schriftlich fest. Das bekannteste Zeugnis dieser ältesten Aufzeichnungen medizinischer Bemühungen mit zahlreichen Beispielen für Heilpflanzen und deren Anwendung ist das Papyrus Ebers, das wahrscheinlich im sechzehnten Jahrhundert vor Christus verfasst wurde.

Auch Ötzi trug Heilpflanzen mit sich

Auch die etwa 5.300 Jahre alte Gletschermumie Ötzi trug wahrscheinlich ein pflanzliches Heilmittel bei sich. Zumindest fanden Wissenschaftler Reste von Birkenporlingen bei dem mumifizierten Mann. Der Birkenporling ist ein Pilz, der Birken befällt. Er wurde früher wegen seiner entzündungshemmenden Inhaltsstoffe als Heilmittel benutzt, indem die Menschen den in dünne Streifen geschnittenen Fruchtkörper als Bandage zur Wundheilung verwendeten. Über unzählige Generationen überliefertes Wissen zur Heilpflanzenkunde gibt es bei allen bekannten Volksstämmen der Erde. Je nach Region nutzten die Menschen dabei unterschiedliche Pflanzen und Wirkstoffe.

Wertvolles Wissen der Ureinwohner heute wissenschaftlich bestätigt

Studien zeigten, dass die Ureinwohner Nordamerikas etwa 2.500 der 20.000 dort heimischen Pflanzenarten medizinisch nutzten. Erst viele Jahre später konnten Wissenschaftler nachweisen, dass die Heilpflanzen der amerikanischen Ureinwohner tatsächlich zu jenen Pflanzenfamilien gehörten, die die meisten bioaktiven Substanzen beinhalten. Auch die traditionelle chinesische Medizin und die ayurvedische Medizin aus Indien arbeiten unter anderem mit der Kraft der Heilpflanzen.

Heilpflanzen nach wie vor modern

Auch heute gehen viele Arzneistoffe, die wir größtenteils industriell herstellen, auf pflanzliche Heilmittel zurück. Zu den bekanntesten gehören Aspirin, dessen Wirkstoff Acetylsalicylsäure über Jahrhunderte aus der Rinde des Weidenbaums gewonnen wurde. Auch Opium, ein Rausch- und Betäubungsmittel, gewannen die Menschen durch Anritzen unreifer Samenkapseln des Schlafmohns (bot. Papaver somniferum L.).

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In der Rinde von Weiden steckt das

In der Rinde von Weiden steckt das "Aspirin der Natur". Die Weidenrinde enthält den Wirkstoff Salicin, der im Körper zu Salicylsäure umgewandelt wird und schmerzlindernd und fiebersenkend wirkt. Im 19. Jahrhundert gelang es, aus Salicylsäure das heute bekannte "Aspirin" zu entwickeln.

Quelle: © Willow / wikimedia.org; CC BY-SA 3.0

Zahlen und Fakten zu Heilpflanzen in Deutschland

Mehr als die Hälfte aller in Deutschland hergestellten Arzneimittel basieren auf Heilpflanzen oder deren Inhaltsstoffe. Hierzulande werden Heilpflanzen zu den nachwachsenden Rohstoffen gezählt. Ihr Anbau hat kaum eine wirtschaftliche Bedeutung, da nur auf etwa 0,1 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland Heilpflanzen angebaut werden. Von den etwa 440 heimischen Heilpflanzen werden in Deutschland ca. 75 Arten kultiviert, wobei allein 24 Arten 92 Prozent des Angebots ausmachen. Die Hauptanbaugebiete für Heilpflanzen in Deutschland sind Thüringen (Erfurter Becken), Bayern (Oberbayern, Erdinger Moos, Mittelfranken), Sachsen (Lößgebiete Mittelsachsens), Sachsen-Anhalt (Mitteldeutsches Trockengebiet) und Ostfriesland. 90 Prozent der in Deutschland verwendeten Heilpflanzen werden jedoch importiert. Insgesamt stammen 30 Prozent der in Deutschland verwendeten Heilpflanzen aus kultiviertem Anbau, 70 Prozent werden in freier Wildbahn gesammelt.

Erhaltung der Vielfalt von Heilpflanzen

Heilpflanzen sind ein Teil der biologischen Vielfalt unseres Planeten. Über 50.000 verschiedene Pflanzen werden weltweit für medizinische Zwecke genutzt – sei es für die traditionelle oder die moderne Medizin. Ein Großteil der Heilpflanzen wird in freier Wildbahn gesammelt, denn oft sind die Kosten für eine Kultivierung dieser Pflanzen zu hoch, die Pflanzen eignen sich nicht zum Anbau oder den Wildpflanzen wird eine höhere Wirksamkeit zugesprochen. Vor allem ärmere Menschen in den sog. Drittweltländern haben kaum eine Alternative zur „Apotheke Natur“, da sie von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben müssen. Für viele Menschen ist das Sammeln von Wildpflanzen außerdem die einzige Einnahmequelle. Doch bis zu 15.000 Heilpflanzenarten sind nach Schätzungen der International Union for Conservation of Nature (IUCN) bereits vom Aussterben bedroht. Das macht sowohl den Sammlern, als auch der verarbeitenden Industrie und den Verbrauchern Sorgen.

Um diesem Abwärtstrend entgegenzuwirken, hat die Naturschutzorganisation WWF zusammen mit internationalen Partnern einen Internationalen Standard zur nachhaltigen Wildsammlung von Heil- und Aromapflanzen (ISSC-MAP) verfasst. „Der Schwerpunkt des Standards liegt auf den ökologischen Aspekten guter Sammelpraktiken (GSP), die bislang meist vernachlässigt wurden: die Notwendigkeit, sorgfältige aber erschwingliche Ressourceneinschätzungen vorzunehmen, sowie die Bestimmung nachhaltiger Erntemengen; aber auch soziale und ökonomische Faktoren sind im Standard Berücksichtigt. Der ISSC-MAP baut auf bestehenden Prinzipien, Richtlinien und Standards für nachhaltige Waldnutzung, biologischen Anbau und gute landwirtschaftliche Praxis, fairen Handel und Produktqualität auf, ohne diese zu ersetzen“, so der WWF. Seit 2008 laufen ISSC-MAP-Projekte in China, Indien, Brasilien, Bosnien-Herzegowina, Nepal, Kambodscha und Südafrika.

Beteiligte Firmen, geschützte Arten sowie aktuelle Neuigkeiten dazu finden Sie unter: www.fairwild.org.

Wie das Projekt praktisch umgesetzt wird, sehen Sie hier:

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(Quelle: © WWF Deutschland / youtube.de)

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