„Politik gegen Hunger“

11.06.2010 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Das globale Problem der Welternährung bringt globale Verantwortung mit sich. (Quelle: © iStockphoto.com/ susoy)
Das globale Problem der Welternährung bringt globale Verantwortung mit sich. (Quelle: © iStockphoto.com/ susoy)

Die 8. Internationale Konferenz „Politik gegen Hunger“ Anfang Juni führte 250 Entscheidungsträger aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft in Berlin zusammen. Schwerpunktthema der diesjährigen Veranstaltung war die konkrete Übernahme von Verantwortung für Nahrungssicherheit und Ernährung. Gastgeber war das deutsche Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV).

Die Dringlichkeit gemeinsamen Handelns unterstreicht eine einzige Zahl: „1 Milliarde Menschen bleibt das fundamentalste Menschenrecht, das Recht auf Nahrung versagt“, so Bundesministerin Ilse Aigner auf der konferenzbegleitenden Pressekonferenz. Dies bedeutet einen Zuwachs von 200 Millionen Betroffenen innerhalb nur eines Jahres. Verstärker dieser Entwicklung war die Lebensmittelkrise 2008/09, ausgelöst durch Missernten und massive Spekulationen.

Aber auch die Ineffizienz und mangelnde Koordination von Ernährungs-, Gesundheits- und  Bildungsprogrammen verschärfen die Situation zusätzlich, betonte der UN-Sonderbeauftrage für Nahrungssicherheit und Ernährung, David Nabarro. Weitere Faktoren sind die Finanz- und die damit verbundene globale Wirtschaftskrise.

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Die Konferenz im Konferenzzentrum des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie im vollen Gange.

Die Konferenz im Konferenzzentrum des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie im vollen Gange.

Quelle: © BMELV

In Deutschland, so Nabarro weiter, ist Nahrungssicherheit bereits zur Chefsache geworden. Es ist den Bemühungen der Bundeskanzlerin zu verdanken, dass das Thema zum Top-Thema bei den G8-Gipfeln geworden ist. Der kommende Gipfel Ende Juni in Kanada wird dies erneut dokumentieren.

Die Welt wird sich der Dramatik der Situation langsam bewusst. Mit der Globalisierung und dem besseren Verständnis um die Zusammenhänge unseres Handelns auf  globale Prozesse, den Klimawandel eingeschlossen, bildet sich ein weltweites Verantwortungsbewusstsein heraus. Diese Entwicklungen sind wichtig, dürfen aber nicht zum Selbstzweck werden, sondern müssen das Fundament eines gemeinsamen und verantwortungsvollen Handelns werden.

Für die Umsetzung der  Ziele der Berliner Konferenz wollen sich alle Beteiligten einsetzen. Nur so kann eine bessere Vernetzung von Akteuren und Projekten auf allen Ebenen gelingen. Diese fehlende Vernetzung wurde als ein Hauptproblem für Fehlentwicklungen in der Vergangenheit benannt. In Deutschland laufen die Abstimmungsgespräche zwischen den Ministerien. Hervorgehoben von der Ministerin wurden die laufenden Gespräche mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Aber auch das klare Bekenntnis der Bundesregierung, am Aufstocken des Forschungs- und Bildungsetats von 12 Mrd. EUR trotz Krise festzuhalten, ist ein deutliches Zeichen der deutschen Politik.

Zeitgleich zur Berliner Konferenz „Politik gegen Hunger“ annoncierte Bundesministerin Prof. Dr. Schavan (BMBF) beim 3. Runden Tisch zur Pflanzengenetik ein 100 Mio. EUR Forschungsprogramm. Zusammen mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) wird das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit diesem Forschungsprogramm neue Schwerpunkte für die Zusammenarbeit in den Bereichen Forschung und Entwicklung mit den Entwicklungsländern setzen. Im Herbst 2010 sollen konkrete Inhalte vorgestellt werden.

Weltweit leiden die Agrarforschung und die Entwicklung des ländlichen Raums an einem mehrstelligen Milliardendefizit. Bereits seit mehreren Jahren weisen die internationalen Agrarforschungsinstitute, die im CGIAR (Consultative Group on International Agricultural Research) vernetzt sind, darauf hin, dass die internationale Agrarforschung zunehmend unter chronischer Unterfinanzierung leidet. Zwar ist die Generierung von technischen Fortschritten, welche speziell auf die Bedürfnisse von Entwicklungsländern zugeschnitten sind, kein Allheilmittel gegen steigende Agrarpreise; nichtsdestotrotz erscheint die Agrarforschung als ein wichtiger Baustein, der über eine erfolgreiche Agrarentwicklung hinaus auch einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung und Entwicklungshilfe leisten kann.

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Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Frau Ilse Aigner auf dem Podium im Gespräch.

Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Frau Ilse Aigner auf dem Podium im Gespräch.

Quelle: © BMELV

Auf der Berliner Konferenz wurden vier konkrete Handlungsempfehlungen ausgesprochen:

1.    Globale Koordination verstärken

Im Rahmen der Reformation des Ausschusses für Welternährung (Committee on World Food Security – CFS) der FAO (Food and Agricultural Organisation) soll eine Art erweiterter "Sicherheitsrat" für Welternährung geschaffen werden. In diesem reformierten CFS werden alle relevanten Akteure – Regierungen, Vereinte Nationen, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft – gemeinsam die Weichen für die Welternährung stellen. Erstmals haben im reformierten CFS auch Vertreter der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, von Nomadenvölkern und Fischern, eine offizielle Beraterfunktion im „Welternährungssicherheitsrat“ inne. Dadurch verstärkte dieser die benötigten partizipatorischen Ansätze.

2.    Bessere Verzahnung von Strategien

Notwendig ist die Verzahnung auf allen Ebenen – global, regional, national und lokal -, um erfolgreich bei den Milleniumzielen im Kampf gegen den Hunger zu sein. Bestehende nationale und regionale Strategien und politische Mechanismen zur Nahrungssicherung und Ernährung sollen mit der global geschaffenen Plattform des reformierten CFS besser verzahnt werden. Um sich nicht von den lokalen Erfordernissen zu entfernen, bleibt die lokale Situation der Ausgangspunkt sämtlicher Aktivitäten. Partizipation und Transperenz, aber auch die Rechenschaftspflicht, sollen gestärkt werden.  

3.    Förderung verantwortungsvollen privatwirtschaftlichen Engagements

Die dringend benötigten Investitionssteigerungen in die Landwirtschaft können nicht alleine aus öffentlicher Hand realisiert werden. Voraussetzung für die Steigerung verantwortungsvollen privatwirtschaftlichen Engagements sind stabile nationale, regionale und internationale Rahmenbedingungen. Im Zusammenspiel mit den Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln hat sich ein Trend beschleunigt, der als „Landgrabbing“, also einer regelrechten Landnahme, bezeichnet wird.

Den Auswüchsen des „Landgrabbings“ und damit dem Aufkauf oder der Pacht großer Landstriche durch fremde Regierungen oder internationale Konzerne, die den Bauern vor Ort nur geringen oder keinen Nutzen bringen oder diese sogar vom Land vertreiben, gilt es mit eindeutigen und international anerkannten Regeln zu begegnen. Gelingt dies nicht zeitnah, wird „Landgrabbing“ zur Existenzfrage für viele Entwicklungsländer. In Afrika sind nach Informationen der FAO allein in den letzten 3 Jahren 20 bis 50 Mio. Hektar Land durch ausländische Investoren erworben wurden. Als Vergleich: Deutschland verfügt über 17 Mio. Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Die Bundesregierung unterstützt die freiwillige Leitlinie zur verantwortungsvollen Verwaltung von Boden- und Nutzungsrechten sowie anderer natürlicher Ressourcen und von verantwortungsvollen Investitionen der FAO.

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Gesprächsbedarf während der Pausen.

Gesprächsbedarf während der Pausen.

Quelle: © BMELV

4.    Ausreichende und gesundheitsförderliche Nahrung

Eine globale Strategie zur Hungerbekämpfung darf sich nicht auf die verfügbare Menge an Nahrung beschränken. Auch die Aspekte der Gesundheitsfürsorge rücken stärker in das Blickfeld einer konzertierten Lösung. Erträge müssen gesichert und erhöht, aber gleichzeitig auch die Qualität der Nahrung verbessert werden. In diesen Bereich fallen auch Aspekte wie Aufklärung, Bildung und Hygienemaßnahmen.

Im Verlauf der Berliner Konferenz wurde deutlich, dass die Landwirtschaft und die mit ihr verbundene Frage der Ernährungssicherheit hoch komplexe Systeme sind. Hunger ist nicht nur ein Produktions-, sondern ein Armutsproblem. Die Stärkung des ländlichen Raums durch die Stärkung der Position aller Akteure ist ein wichtiges Element für eine notwendige Politikänderung. Es gilt, zukünftig den Landwirt stärker als verantwortungsvollen Unternehmer zu begreifen und diesen in diesem Sinne zu fördern. Ein Unternehmer, der in einem hochkomplexen System die Verantwortung für den Betrieb, die Familie und die Umwelt übernimmt. Gelingt dies, kann die Welternährungssituation auch im Kontext einer weiter wachsenden Weltbevölkerung gesichert werden. Dass es dabei nicht all zu viele Versuche geben darf, war den Konferenzteilnehmern bewusst.  Es ist an der Zeit, gemeinsam zu handeln und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, so der Tenor der Berliner Tagung.

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