Unabhängigkeit der Forschung in Gefahr – ein Kommentar

13.07.2011 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Wie frei ist die Forschung? (Quelle: © iStockphoto.com/ Bronxgebiet).
Wie frei ist die Forschung? (Quelle: © iStockphoto.com/ Bronxgebiet).

Feldversuche mit gentechnisch veränderten Kartoffeln und Weizen zerstört.

Es liegt im Wesen der wissenschaftlichen Forschung zu polarisieren. Wer bestehende Sicht- und Denkweisen verschiebt, wer geltende Modelle und Standards in Frage stellt, muss mit Konflikten rechnen. 

Ein Blick in die Geschichte

Es gab Zeiten, in denen experimentelle Ansätze als krimineller Akt aufgefasst wurden. Das Infragestellen eines allgemeinhin akzeptierten Weltbildes durch Astronomen oder der Tabubruch bei anatomischen Studien an Verstorbenen sind Beispiele hierfür. Es folgte die Zeit der Aufklärung und mit dieser eine Neubewertung wissenschaftlicher Arbeit. 

Es gab aber auch Zeiten, in der die Forschung sehr eng an politische Systeme angebunden war, von ihr instrumentalisiert wurde. Diese Nähe gab es nicht nur in Deutschland. Allerdings erlitt Deutschland, als einer der renommiertesten Forschungsstandorte im frühen 20igsten Jahrhundert, durch diese Instrumentalisierung einen irreparablen Schaden und Reputationsverlust. Somit verwundert es nicht, dass die gesamte Forschungsgemeinschaft hier besonders hellhörig und wachsam ist, wenn die Freiheit der Forschung eingeschränkt oder von gesellschaftlichen Gruppen missachtet wird.

Wie frei ist die Forschung?

Für manche Außenstehende mag das Ideal der Forschungsfreiheit überhöht erscheinen. Für Andere wird eine Gefährdung dieser Freiheit durch eine Feldzerstörung noch lange nicht erreicht sein. Wieder andere nehmen eine demokratisch legitimierte Mehrheitsentscheidung als Maßstab für die Freiheit der Forschung. Für die Wissenschaftler jedoch bedeutet die Zerstörung eines Experiments einen fundamentalen Eingriff in diese Freiheit. 

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Weizenfeld im Schaugarten Üplingen.

Weizenfeld im Schaugarten Üplingen.

Quelle: © genius

Dabei verstehen die Wissenschaftler die Forschungsfreiheit nicht als Privileg des Einzelnen. Vielmehr integriert diese Freiheit die international geltenden, wissenschaftlichen Standards. Vor allem aber entspringt ihr eine besondere Verantwortung für die Zukunft. Aus dieser Verantwortung heraus werden Zukunftsoptionen geschaffen. Optionen, die diskutiert, durch einen gesellschaftlichen Bedarf definiert und im Idealfall in einem gesellschaftlichen Konsens verwirklicht werden. 

Obwohl einige Rahmenbedingungen zukünftiger Entwicklungen und Bedürfnisse bereits heute sichtbar sind, bedarf es einer Vielfalt an Optionen, um für die realen Erfordernisse der Zukunft gewappnet zu sein. Dies bedeutet auch, bereits heute über Grenzen hinwegzudenken und Bereiche zu erforschen, die sich erst in Zukunft verändern könnten. Für diesen Freiraum der Forschung garantiert unsere Gesellschaft. Hierfür schafft sie die Rahmenbedingungen sowie Bewertungs- und Kontrollsysteme. Dieser Rahmen muss immer wieder aufs Neue von der Gesellschaft hinterfragt und justiert werden. Eine Missachtung dieses Freiraums ist ein krimineller Akt.

Gentechnik polarisiert

Seit vielen Jahren polarisiert die Gentechnik unsere Gesellschaft. Die Meinungen der unterschiedlichen Interessensgruppen gehen dabei sehr weit auseinander. Eine Versachlichung und Relativierung ist mehr als notwendig. Naturwissenschaftlern wurde in diesem Prozess deutlich, dass nicht nur das naturwissenschaftlich relevante existiert. Ebenso sind Ängste und Befürchtungen reale Parameter für die Akzeptanz technologischer Neuerungen, auch wenn diese jenseits der naturwissenschaftlichen Fakten liegen. 

In diesem Akzeptanzprozess gab es zahlreiche Richtungsänderungen und Neuausrichtungen. So sind heute gentechnisch erzeugtes Insulin, Blutgerinnungsfaktoren und Medikamente oder mit Hilfe von rekombinanten, also gentechnisch erzeugten, Enzymen hergestellte Lebensmittel allgemein akzeptiert. Wichtig hierfür war ein Kontinuum bei der Forschung und der diese begleitenden Sicherheitsforschung. Von einer gesellschaftlichen Akzeptanz ist die Pflanzenbiotechnologie noch weit entfernt. 

In dieser Woche wurden erneut zwei vom Bundesforschungs-ministerium geförderte Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen zerstört. Neue dabei war der Grad der Gewaltbereitschaft, mit der die Feldzerstörer ihre eigenen Interessen vor die gesellschaftlich legitimierten Interessen der Forschung stellten. Mit Schlagstöcken und Pfeffersprays gingen sie gegen Wachleute vor, entwendeten deren Eigentum und zerstachen Autoreifen. 

Beide Versuche, der in Groß Lüsewitz bei Rostock und in Üplingen (Sachsen Anhalt), dienten der Entwicklung neuer Verfahren für die Sicherheitsbewertung gentechnischer Pflanzen. Wieder einmal erlitt die Freiheit der Forschung in Deutschland einen Rückschlag. 

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