Was ist eine Art?

16.09.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die Panther-Lilie (Lilium pardalinum) ist eine Art aus der Gattung der Lilien (Lilium). (Quelle: © Dreamdan/wikimedia.org; CC BY-SA 3.0)
Die Panther-Lilie (Lilium pardalinum) ist eine Art aus der Gattung der Lilien (Lilium). (Quelle: © Dreamdan/wikimedia.org; CC BY-SA 3.0)

Artenvielfalt oder Artensterben sind zwei gängige Schlagworte. Arten zu erkennen und zu unterscheiden, erfordert allerdings Expertenwissen. Tiere und Pflanzen können in ihrem Erscheinungsbild fast identisch sein und doch getrennten Arten angehören. Nach welchen Kriterien wird eine Art also definiert?

Oft werden Lebewesen von gleicher Erscheinungsweise und gleichem Verhalten als Art zusammengefasst.

Dieser „morphologische Artbegriff“ weist allerdings Probleme auf. Zum Beispiel können sich Individuen einer Art von Generation zu Generation verändern, so dass sie nach einigen Generationen nicht mehr mit ihrer ursprünglichen Art zusammen gefasst werden können. Bei dieser Form des Artbegriffs wird also der Faktor Zeit nicht genügend berücksichtigt.

Der „biologische Artbegriff“ basiert schwerpunktmäßig auf der Beobachtung, ob Individuen untereinander kreuzbar sind und fortpflanzungsfähige Nachkommen haben. Können sie sich nicht untereinander fortpflanzen oder sind die Nachkommen nicht in der Lage, selbst Nachkommen zu bekommen (zum Beispiel Maulesel), gehören sie nicht zu einer Art. Sich ungeschlechtlich vermehrende Arten (zum Beispiel durch „Jungfernzeugung“ (Parthenogenese), wie bei manchen Insektenarten, Schnecken, Bakterien und einigen Pflanzen) werden von diesem Begriff allerdings nicht erfasst.

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Wie entstehen Arten?
Lesen sie hier mehr dazu!

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Bildquelle: © Janine Fretz Weber-Fotolia.com

Der „phylogenetische Artbegriff“ beschreibt eine Art als die Gemeinschaft von Individuen derselben Abstammung, die sich aus mehreren Populationen zusammensetzt. Eine Art beginnt zu existieren, sobald sie sich von einer anderen Art getrennt hat (durch nicht mehr funktionierende Fortpflanzung u. ä.) und existiert solange, bis sie sich erneut in zwei weitere Arten aufspaltet oder ausstirbt. Als grafische Darstellung der Artentwicklung wird ein sogenannter phylogenetischer Baum herangezogen, um die Verwandtschaftsverhältnisse darzustellen. Daneben existieren noch der „genealogische Artbegriff“ (Identifikation über gleiche Genstrukturen) sowie der „ökologische Artbegriff“ (Zuordnung der Art über ihre ökologische Nische).

In der Praxis wird heutzutage oft der genealogische Artbegriff zur Identifikation einer Art verwendet. Um die Art zu beschreiben, nutzt man den biologischen bzw. ökologischen Artbegriff oder eine Kombination aus beiden (pluralistischer Artbegriff).

Klassische Taxonomie und die binäre Nomenklatur

Um die einzelnen Arten (Species) auch namentlich voneinander zu unterscheiden, führte der schwedische Botaniker Carl von Linné 1753 die sogenannte binäre Nomenklatur ein, die mit einigen Anpassungen bis heute gilt. Sie besteht aus einem lateinischen oder griechischen Gattungsnamen (dem „Vornamen“) und einem Art-Epitheton (griech. für „hinzugefügt“, der „Nachname“). Das Art-Epitheton bezeichnet oft ein Charakteristikum der Art, zum Beispiel steht „perennis“ beim Gänseblümchen (Bellis perennis) für „wiederkehrend“, kennzeichnet es also als ausdauernde Art. Hinter dem Epitheton wird zum Schluss der Name des beschreibenden Botanikers angehängt, etwa L. für Linné. Wird eine Unterart beschrieben, fügt man vor einem zweiten Art-Epitheton das Kürzel „subsp.“ für „Subspezies“ (lat. für Unterart) ein: Zum Beispiel Bellis annua subsp. vandasii. Unterarten definieren sich durch die immer noch mögliche Fortpflanzung mit anderen Individuen der Stammart, sie besiedeln aber oftmals ein eigenes Areal und weisen erkennbare Unterschiede zur Stammart auf.

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Mit dem Trivialnamen kommen Wissenschafter nicht weit. Das Gänseblümchen (Bellis perennis) gehört botanisch zur Familie der Asteraceae, den Korbblütlern.

Mit dem Trivialnamen kommen Wissenschafter nicht weit. Das Gänseblümchen (Bellis perennis) gehört botanisch zur Familie der Asteraceae, den Korbblütlern.

Bildquelle: © Gila Hanßen / pixelio.de

Der „Vorname“ oder Gattungsname einer Art bezeichnet die Zugehörigkeit zur nächsthöheren Rangstufe der biologischen Systematik, der Gattung (Genus). Sie besteht aus einer Gruppe von Arten gemeinsamer Abstammung, die eng miteinander verwandt sein müssen und durch morphologische Merkmale von anderen Gattungen und Arten getrennt sind. Im Falle des Gänseblümchens ist das die Bezeichnung „Bellis“. Der so entstandene Name (Binomen) „Bellis perennis“ ermöglicht es, die Pflanze einwandfrei sprachübergreifend zu identifizieren. Sinn der Sache: Zum Beispiel das Gänseblümchen hat allein innerhalb Deutschlands mehrere Namen (Tausendschön, Maßliebchen, Marienblume), in England heißt es „Daisy“, in Frankreich „Pâquerette“. Über seinen wissenschaftlichen Namen kann es aber immer eindeutig identifiziert werden.

Weitere Ränge in der biologischen Systematik

Der nächsthöhere Rang oder Verwandtschaftsgrad ist die Familie (Familia). Hier wird oftmals der Gattungsname als Wortstamm verwendet, dem die Endung -ceae angehängt wird (Beispiel: Gattung – Aster, Familie – Asteraceae, Korbblütler). Familien haben grundlegende morphologische Eigenschaften insbesondere bei Blattaufbau, -stellung und Blüte gemeinsam.

Nach der Familie folgt die Ordnung (Ordo) mit der Endung -ales (Beispiel: Asterales – Asternartige). Für die Zuordnung werden bestimmte Blüten- und Blattmerkmale herangezogen. Der nächsthöhere Rang ist die Klasse (Classis). Die Asterales gehören beispielsweise zu den Bedecktsamern (Magnoliopsida). Zur Abgrenzung gegenüber anderen Klassen gibt es einige wichtige Merkmale (zum Beispiel die von einem Fruchtblatt bedeckte Samenanlage, daher der Name „Bedecktsamer“, im Gegensatz zu den freiliegenden Samenanlagen der „Nacktsamer“, die wiederum zu den Coniferopsida, den Koniferen, zählen). Klassen enden mit -opsida. Die Abteilung (Divisio) ist der nächsthöhere Rang. Sie endet für Pflanzen auf -phyta und ist der zweithöchste Rang innerhalb der Pflanzen-Systematik. Es gibt bei den Pflanzen vier Abteilungen: Lebermoose (Marchantiophyta), Laubmoose (Bryophyta), Hornmoose (Anthocerotophyta), Gefäßpflanzen (Tracheophyta). Die Gefäßpflanzen werden nochmals in Unterabteilungen eingeteilt (Endung auf -phytina): Bärlappe (Lycopodiophytina), Samenpflanzen (Spermatophytina). Dazu kommen noch die Farne. Sie gelten nicht als eigene Abteilung, sondern als eigenständige Gruppe, die eng verwandt ist mit den Samenpflanzen. Der lange Zeit höchste Rang war das Reich (Regnum). Hier wird zwischen Tieren, Pflanzen, später auch zwischen Pilzen und Bakterien (Protista, Monera) unterschieden. Die aktuellste, dem Reich übergeordnete Unterscheidung erfolgt in Domänen: Eukaryota (Lebewesen mit Zellkern) und Prokaryota (Lebewesen ohne Zellkern). In der Mikrobiologie werden die Prokaryota nochmals unterschieden zwischen Archaea und Bacteria.

Übertragen auf das Gänseblümchen ergibt sich damit folgende Systematik:

Domäne: Eukaryota
Reich: Plantae
Abteilung: Tracheophyta
Unterabteilung: Spermatophyta
Klasse: Magnoliopsida
Ordnung: Asterales
Familie: Asteraceae
Gattung: Bellis
Art: Bellis perennis

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