Wie kann die Weltbevölkerung 2050 ernährt werden?

Eine Betrachtung der klimatischen Aspekte.

06.11.2009 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Wie kann die Weltbevölkerung 2050 ernährt werden? (Bild: © iStockphoto.com/ Matt Niebuhr)
Wie kann die Weltbevölkerung 2050 ernährt werden? (Bild: © iStockphoto.com/ Matt Niebuhr)

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Ernährungssituation der Weltbevölkerung aus? Die kürzlich vorgestellten Studien "How to feed the world in 2050" der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und „Lebensmittel – eine Welt voller Spannung“ der Deutschen Bank Forschung setzen sich mit der Welternährungssituation auseinander und beleuchten dabei auch klimatische Gesichtspunkte.

Diese Darstellung fokussiert auf die klimatischen Gesichtspunkte. Links zu den Darstellungen der sozial-ökonomischen und ökologischen Aspekten finden Sie hier.

Im Juni 2009 fand in Rom ein Expertentreffen unter dem Titel „How to feed the world in 2050“ („Wie kann die Weltbevölkerung im Jahr 2050 ernährt werden“) statt. Dort präsentierte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), vertreten durch Jelle Bruinsma, ihre Studie. Sie führt auf, um wie viel Anbauflächen, Wassermenge und Ernteerträge in den nächsten 40 Jahren wachsen müssen, um die Lebensmittelproduktion der stetig wachsenden Weltbevölkerung anzupassen.

Im September 2009 erschien eine Studie der Deutschen Bank Forschung mit dem Titel „Lebensmittel – eine Welt voller Spannung“. Die Autorin Claire Schaffnit-Chatterjee erläutert darin sowohl ökologische, ökonomische als auch klimatische Lösungsansätze zur Steigerung der Lebensmittelproduktion.

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Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Ernährungssituation der Weltbevölkerung aus?

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Ernährungssituation der Weltbevölkerung aus?

Quelle: © Great Divide Photo - Fotolia.com

Klimawandel und Bevölkerungsexplosion kommen zeitgleich

Die Weltbevölkerung wird laut dem FAO Bericht bis zum Jahr 2050 von heute 6,5 Milliarden Menschen auf  9,1 Milliarden Menschen anwachsen, was den Gesamtnahrungsmittelbedarf beträchtlich erhöhen wird. Das Ackerland kann weltweit jedoch nur begrenzt vermehrt werden. Als Folge müssen die natürlichen Ökosysteme, die als Grundlage der landwirtschaftlichen Erzeugnisse dienen, in ihrer Leistungsfähigkeit zunehmen, um die wachsende Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren. Zur Leistungsfähigkeit von Ökosystemen gehören Wasser in ausreichender Menge und Qualität, Nährstoffe in den Böden, biologische Vielfalt und atmosphärisches Kohlendioxid für das Pflanzenwachstum. Alle diese Parameter sind direkt wie indirekt durch den Klimawandel berührt. Klimawandel und Landnutzung beeinflussen sich wechselseitig: Einerseits trägt die Landwirtschaft auf mehreren Wegen bedeutend zu Veränderungen des Klimas bei, andererseits wirken sich die zu beobachtenden Klimaveränderungen allgemein ungünstig auf die Landwirtschaft aus.

In Wäldern und stabilen Graslandschaften z.B. können langfristig große Volumina an Kohlendioxid in der Vegetation und im Wurzelsystem gespeichert werden. Werden diese Flächen zu Ackerland umgewandelt, könnte das den Klimawandel durch Treibhausgase beschleunigen. 

Ein verändertes Klima kann sich laut dem Weltagrarbericht von 2008 beispielsweise auf die Artenvielfalt auswirken, die die Leistungsfähigkeit natürlicher Ökosysteme aufrechterhält.  Der Klimawandel wird nach Meinung der am Weltagrarbericht mitwirkenden Wissenschaftler außerdem einen anderen Blick auf die Bevorratung von Wasser erzwingen. Obwohl der Stand des Wissens um die Veränderung von Niederschlagsmengen zum heutigen Zeitpunkt noch nicht ausreichend ist, um Detailinformationen vorauszusagen, sind sich die Wissenschaftler einig, dass der Zugang zu Wasser in der Landwirtschaft in Zukunft eine zentrale Rolle spielen wird. Sie prognostizieren eine veränderte Verfügbarkeit von Wasser infolge einer Veränderung der gesamten jährlichen Niederschlagsmengen. Auch der Anstieg der Verdunstungs- und Transpirationsraten, die geänderte Relation zwischen Schnee- und Regenfällen, die verschobenen Zeiten der Verfügbarkeit von Wasser im Jahresverlauf und der Umstands, dass in Berggletschern immer weniger Wasser gespeichert wird, führen zu einer veränderten Verfügbarkeit von Wasser und erfordern ein Umdenken in dessen Bevorratung.

Treibhausgase sorgen für Erderwärmung

Laut dem im April 2008 in Johannesburg verabschiedeten Weltagrarbericht stammen rund 22 % der weltweiten Treibhausgas-Emissionen aus der Lebensmittelproduktion und der Landwirtschaft. Rechnet man die Entwaldung für den Ackerbau mit hinzu, sind es sogar 30 %. Durch den Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Gülle verstärkt die Landwirtschaft die weltweite Emission von Distickstoffoxiden (N2O) und Methan (CH4) beträchtlich. Diese beiden Treibhausgase tragen sehr viel stärker zum Aufheizen der Atmosphäre bei als Kohlendioxid. Ein Großteil aller ausgeschiedenen Treibhausgase stammt aus der Viehzucht. Laut einer Studie der FAO ist deren Anteil an den gesamten Treibhausgas-Emissionen höher als derjenige des weltweiten Verkehrs. Durch zunehmenden Wohlstand verändern sich die Ernährungsgewohnheiten zahlreicher Menschen hin zu steigendem Fleischkonsum. Dies führt dazu, dass die von der Landwirtschaft verursachten Treibhausgas-Emissionen weiter zunehmen. Deren Anteil variiert je nach Region: In Nordamerika und Europa, wo die Bewirtschaftung der Felder mit intensiven Agrar-Bewirtschaftungssystemen erfolgt, ist er am höchsten. Die durch Regenfeldbau geprägten Länder südlich der Sahara tragen am wenigsten zu den Treibhausgas-Emissionen bei, gehören aber gleichzeitig zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen. Dies zeigt sich z.B. in der Abhängigkeit vom Regen, der Armut und Mittellosigkeit, in schwachen institutionellen und staatlichen Strukturen und geringen Möglichkeiten, mit derartigen Problemen umzugehen.

Klimawandel während der letzten 40 Jahre

Laut dem Weltagrarbericht von 2008 haben sich Trockenzeiten in den Tropen und Subtropen während der vergangenen 40 Jahre verlängert und intensiviert. Extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Dürren und tropische Wirbelstürme treten heute mit größerer Intensität auf als früher. In Nordamerika und Europa gibt es deutlich häufiger schwere Waldbrände, die laut den Verfassern des Weltagrarberichts von 2008 teilweise auf den Klimawandel, teilweise auf ein großes Angebot an Biomasse und menschliche Aktivitäten auch in entlegenen Waldgebieten zurückzuführen sind.

Die Folgen der Erderwärmung auf die Nahrungsmittelproduktion

Nach Angaben des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wird sich die mittlere Temperatur auf der Erde in den nächsten 20 Jahren um 0,2°C pro Jahrzehnt erhöhen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts könnte die Temperatur in Abhängigkeit von künftigen Emissionen um 0,6 °C bis 4,0 °C ansteigen. Dem vierten Bericht des IPCC zufolge kann sich ein mäßiger örtlicher Temperaturanstieg von 1–2 °C beispielsweise in Regionen mittlerer oder höherer Breitengrade (der Äquator hat den Breitengrad 0°, die Pole jeweils 90°) geringfügig positiv auf die Erträge von Nutzpflanzen auswirken. Für Regionen niedrigerer Breitengrade – also in der Nähe des Äquators – prognostiziert der Bericht selbst bei gemäßigtem Temperaturanstieg eine negative Auswirkung auf die Ernteerträge. Einige nachteilige Folgen wie Wasserknappheit und Bodendegradation, insbesondere in den nicht industrialisierten Ländern, sind bereits heute sichtbar. 

Die Auswirkungen des Klimawandels für die Erträge von Pflanzen, aus Fischerei, Forstwirtschaft und Viehhaltung werden je nach Region sehr unterschiedlich sein. Aufgrund heutiger Zukunftsprognosen rechnet der Weltagrarbericht von 2008 damit, dass die weltweite Lebensmittelerzeugung bei einem Anstieg örtlicher Durchschnittstemperaturen um 1 bis 3 °C möglicherweise zunehmen wird, während sie bei einem Anstieg oberhalb dieser Werte abnehmen wird. Problematisch wird die Lebensmittelerzeugung in Regionen werden, die bereits heute mit Unsicherheiten in der Versorgung der ansässigen Menschen mit ausreichend Lebensmitteln zu kämpfen haben. So könnte ein weltweiter mittlerer Temperaturanstieg von 2 °C zu einem Ertragsrückgang beim Regenfeldbau von Reis in den sog. Kornkammern Chinas um 5–12 % führen. In den heute halbfeuchten Regionen Afrikas wird die absolute Regenmenge pro Jahr voraussichtlich abnehmen, was wahrscheinlich ebenfalls zu geringeren Ernteerträgen führen wird. 

In den Regionen Nordamerika und Europa wird der Temperaturanstieg eine Verschiebung geeigneter Ackerflächen nach Norden und eine kürzere Anbausaison von Nutzpflanzen wie zum Beispiel Getreide zur Folge haben.

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Extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Dürren und tropische Wirbelstürme treten heute mit größerer Intensität auf als früher.

Extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Dürren und tropische Wirbelstürme treten heute mit größerer Intensität auf als früher.

Quelle: © istockphoto.com/ Marccophoto

Der drohende Klimawandel kann irreversible Beschädigungen der natürlichen  Lebensgrundlagen, von denen auch die Landwirtschaft abhängt, mit sich bringen. Der Weltagrarbericht von 2008 prognostiziert, dass die Häufigkeit immer extremerer Klimaereignisse zunehmen wird. In der Folge werden Hochwasser,  Dürren, Hitzewellen, tropische Wirbelstürme und andere ungewöhnliche Wetterereignisse in allen Regionen der Erde spürbar sein. Dies wiederum wird sich signifikant auf Lebensmittel- und forstliche Erzeugung und damit auf die die Ernährungssicherheit auswirken.

Was ist in Zukunft zu tun? Handlungsmöglichkeiten

Das IPCC verweist in seinem Bericht darauf, dass „der seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu beobachtende globale Anstieg der Durchschnittstemperaturen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf den zu beobachtenden Anstieg der menschengemachten

Treibhausgas-Konzentrationen zurückgeht.“1 Das IPCC fordert einen globalen Ansatz zur Verringerung der Treibhausgas-Emissionen. Je früher und stärker Treibhausgas-Emissionen verringert werden würden, desto eher könne erreicht werden, dass die Konzentrationen nicht länger ansteigen. Weitere Klimaänderungen allerdings seien bereits jetzt nicht zu umgehen, sodass auch Anpassungen stattfinden müssten. 

Die Maßnahmen zur Treibhausgasverringerung und zur Anpassung an den Klimawandel müssten für jede Region individuell und deren Bedürfnissen entsprechend durchgeführt werden. Weltweit jedoch könnten Tiere z.B. mit anderen Futtermitteln gefüttert werden, die zu geringerer Methangasbildung führen. Der Einsatz von Gülle als Düngemittel könnte verringert werden. Tierische Abfallprodukte könnten dann zur Produktion von Biogas eingesetzt werden. Das verringere gleichzeitig die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Mit der Anlage neuer Wälder und der Wiederaufforstung bestehender Wälder könnte mehr Kohlendioxid gespeichert werden, das der Atmosphäre entzogen wird.

Im Kyoto-Protokoll sehen die Mitwirkenden des Weltagrarberichts von 2008 einen ersten Schritt im globalen Kampf gegen den drohenden Klimawandel. Sie fordern aber „ein wesentlich umfassenderes und zukunftsorientiertes Übereinkommen, um die Handlungsmöglichkeiten, die die Land- und Forstnutzungen bieten, in vollem Umfang nutzen zu können.“ Dazu schlagen sie ein auf 30 bis 50 Jahre angelegtes, umfassendes, faires und global verhandeltes Regelwerk vor, das differenzierte Verpflichtungen und Zwischenziele für die Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen festlegt. Denn nur mit der zeitnahen Erfüllung von Entwicklungs- und Nachhaltigkeitszielen könne der bevorstehende Klimawandel gemildert werden und die ausreichende Versorgung der Weltbevölkerung mit Lebensmitteln in Zukunft ermöglicht werden.

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