Wiegen und Wege der Landwirtschaft

Die Anfänge der Landwirtschaft im neuen Licht

28.06.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die Gegend rund um das Zagros-Gebirge im heutigen Iran (Foto) gilt neben der Levante als zweiter Ursprungsort der Landwirtschaft. (Bildquelle: © ninara/ wikimedia.org/ CC BY-SA 2.0)
Die Gegend rund um das Zagros-Gebirge im heutigen Iran (Foto) gilt neben der Levante als zweiter Ursprungsort der Landwirtschaft. (Bildquelle: © ninara/ wikimedia.org/ CC BY-SA 2.0)

Zwei aktuelle Studien widmen sich den Anfängen der Landwirtschaft und fördern dabei Neues zutage: Nicht nur, dass nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von zwei geographischen Ursprüngen im Nahen Osten ausgegangen werden muss, sondern auch dass die Landwirtschaft über die Balkanroute nach Europa gelangte und die Migration dabei eine größere Rolle gespielt haben musste als bisher angenommen.

Die neolithische Revolution gilt als die vermutlich wichtigste der Menschheitsgeschichte. Sie markiert das Ende des menschlichen Daseins als reiner Jäger und Sammler und den Beginn seiner Sesshaftigkeit. Trotz einer Vielzahl archäologischer Funde von jungsteinzeitlichen Landwirtschaftswerkzeugen bis hin zu ganzen Siedlungen, die stumme Zeugen dieser Entwicklung sind, sind  nach wie vor viele Fragen offen.

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Die Weltkarte zeigt die ungefähren Zentren der Landwirtschaft und ihre Ausbreitung: Fruchtbarer Halbmond (9.000 v. Chr.), China (7.000 v. Chr.), Neuguinea (7.000–6.000 v. Chr.), Mexiko (3.000–2.000 v. Chr.), Südamerika (3.000–2.000 v. Chr.), Subsahara Afrika (3.000–2.000 v. Chr, das genaue Gebiet ist unbekannt), Nordamerika (2.000–1.000 v. Chr.).

Quelle: © Joey Roe/ wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Eine komplizierte Spurensuche

Denn trotz der Fortschritte in der Genanalyse, für die heutzutage selbst kleinste Gewebeproben ausreichen, um umfassende Informationen über den Träger zu erlangen, ist es nach wie vor schwierig, die stammesgeschichtliche Entwicklung unserer uralten Vorfahren genetisch nachzuvollziehen. Schuld ist das Klima, das in der Wiege der Landwirtschaft, dem fruchtbaren Halbmond, seit Jahrtausenden herrscht, und dem das meiste ehemals organische Material, das verwertbares DNA-Material enthalten könnte, in der Regel zum Opfer gefallen ist.

Nur ein paar Flugstunden voneinander entfernt

Nichtsdestotrotz ist es einem internationalen Forscherteam mit deutscher Unterstützung nun gelungen, an verwertbare DNA heranzukommen und diese zu untersuchen. Dabei stellten es mit Erstaunen fest, dass die Landwirtschaft im Verlauf der neolithischen Revolution höchstwahrscheinlich in zwei unterschiedlichen Gegenden, unabhängig voneinander entstanden sein muss. Beide liegen heute gerade einmal knapp zwei Flugstunden bzw. 1.500 km Luftlinie voneinander entfernt: die Levante – ein Sammelbegriff für die Länder am östlichen Mittelmer im Allgemeinen, im Speziellen die Staaten Syrien, Libanon, Israel und Jordanien – sowie die Region rund um das Zagros-Gebirgsmassiv im heutigen Iran.

DNA im Felsenbein

Ausgangspunkt der Studie war das genetische Material aus den Überresten von 44 Menschen, das die Forscher ihren Felsenbeinen entnahmen, dem buchstäblich härtesten Schädelknochen überhaupt. Mit Hilfe der Radiokarbonmethode und eine Untersuchung der jeweiligen Exome, womit ausschließlich die Gesamtheit der kodierenden Genabschnitte gemeint ist, gelang es den Forschern, die Gebeine geographisch und chronologisch zu ordnen und zu gruppieren und anschließend in einen Zusammenhang zu stellen.

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Die Karte zeigt den Fruchtbaren Halbmond (rot markiert) und auch die beiden Ursprungsregionen der Landwirtschaft. Links, am östlichen Ufer der Ägeis liegt die Levante; rechts, entlang der Ostgrenze des Halbmonds erstreckt sich das Zagros-Gebirgsmassiv von Nordosten gen Südwesten.

Die Karte zeigt den Fruchtbaren Halbmond (rot markiert) und auch die beiden Ursprungsregionen der Landwirtschaft. Links, am östlichen Ufer der Ägeis liegt die Levante; rechts, entlang der Ostgrenze des Halbmonds erstreckt sich das Zagros-Gebirgsmassiv von Nordosten gen Südwesten.

Quelle: © Sémhur/ wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Unter den 44 Menschen waren u. a. ein Jäger und Sammler aus Natufien, eine Kultur des Epipaläolithikums in der Levante, der irgendwann zwischen 12.000 und 9.800 v. Chr. lebte; ein Mann, dessen Gebeine in den Hotu Höhlen von Beschahr in Nordiran gefunden wurde, der zwischen 9.100 und 8.600 v. Chr. lebte; frühe Farmer der Levante und aus der Gegend rund um das Zagros-Gebirge, die zwischen 8.200 bis 6.700 v. Chr. lebten, sowie jüngere Zeitgenossen der Jungsteinzeit (Neolithikum), der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum) und der Bronzezeit, die zwischen 4.800 – 3.700 bzw. 3.350 – 1.400 v. Chr. lebten. Ihre Daten glichen die Forscher zunächst mit den DNA-Daten von 281 weiteren Urahnen und abschließend mit rund 2.500 Datensätzen von heute lebenden Menschen ab.

Widerlegung einer Hypothese

Wie kamen die Forscher nun zu der Erkenntnis, dass die Landwirtschaft unabhängig voneinander in besagten Regionen entstand und nicht, wie eine gängige Hypothese lautet, von einer Population in einer Region entwickelt wurde und sich von dort aus verbreitete? „Uns ist die Hypothese bekannt, der zufolge alles in der südlichen Levante begann und sich von dort aus in alle Himmelsrichtungen verbreitete“, erklärt Koautor Roger Matthews, „Doch widersprechen unsere Daten dieser Auffassung. Wie die vorliegenden archäologischen Funde zeigen, fand ein populations- und regionalübergreifender Austausch aufgrund der sehr traditionell geprägten Strukturen nicht statt. Und das über Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende.“

Gewiss sind Matthews und seine Mitstreiter nicht die ersten und einzigen, die zu dieser Erkenntnis kamen, doch fußt ihre Behauptung nicht auf Einzelfälle oder DNA-Analysen aus pflanzlichen Überresten, die von den ersten Anbauversuchen zeugen. (Pflanzenforschung berichtete darüber: „Wo es begann“).

Aus Jäger und Sammlern wurden Landwirte

Ihr Hauptanhaltspunkt war das menschliche Erbgut der Populationen, die in der Levante bzw. in der Zagros-Gebirgsregion lebten. Diese wiesen zu große Unterschiede zu anderen Populationen auf, als dass eine gemeinsame stammesgeschichtliche Entwicklung in Frage käme, schreiben die Forscher. Genetisch betrachtet waren die ersten sesshaften Landwirte nämlich ihren direkten Vorfahren am ähnlichsten. Ein Indiz, dass jene höchstwahrscheinlich aus den letzten Generationen der Jäger und Sammler hervorgegangen sein mussten, die in den Regionen zuvor als Nomaden umhergezogen waren.

Über die Balkanroute nach Europa

Doch wie ging es danach weiter? Wie genetische Analysen zeigen, breitete sich das Wissen nach der Entstehung tatsächlich aus und verbreitete sich in alle Himmelsrichtungen gen Europa, Eurasien und Afrika. Bedeutungsvoll war das Aufeinandertreffen dieser Kulturen während der Bronzezeit im Osten der Türkei, dem heutigen Anatolien, wo die Nachkommen der levantinischen Bauern und der aus der Zagros-Gebirgsregion stammenden auf Ortsansässige trafen und jene Population gründeten, die die Landwirtschaft vor rund 8.000 Jahren von der Ägäis über die Balkanroute nach Europa brachte.

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Ausgrabungen der Jungsteinzeit, die in der Schweiz gefunden wurden. Zu sehen sind ein Mahlstein (o.l.), verkohltes Brot (l.), Körner und Apfelstücke (u.) sowie Geschirr (r.)

Ausgrabungen der Jungsteinzeit, die in der Schweiz gefunden wurden. Zu sehen sind ein Mahlstein (o.l.), verkohltes Brot (l.), Körner und Apfelstücke (u.) sowie Geschirr (r.)

Quelle: © Sandstein/ Wikimedia.org / CC BY 3.0

Dies ist auch das Ergebnis der zweiten Studie, wie Studienleiter Joachim Burger von der Universität Mainz erklärt: „Die Kolonisten der Landwirtschaft reisten mit Sack und Pack. Mit dabei hatten sie Wissen um Häuserbau, Tierhaltung und Nutzpflanzen. Wir wissen jetzt sehr sicher, dass sich die Landwirtschaft in Europa durch Migration verbreitet hat.“ Auch hier bildeten DNA-Analysen den Ausgangspunkt, durch die die stammesgeschichtliche Entwicklung zurückverfolgt werden konnte. Das Material stammte von fünf Skeletten, die sowohl an den westlichen als auch östlichen Ufern der Ägäis geborgen wurden.

Ad acta mit alten Auffasungen

„Man tauschte Kulturgüter und Kenntnisse aus, aber nur selten Ehepartner. Erst nach Jahrhunderten stieg die Zahl der Partnerschaften an“, erklärt Burger und wird von Koautorin Christina Papageorgopoulou ergänzt: „Die migrierenden Bauern brachten nicht nur eine völlig fremde Kultur mit, sondern sahen sicherlich auch anders aus und sprachen eine unterschiedliche Sprache.“ Vielleicht der Grund, dass eine Vermischung der genetischen Informationen in der Anfangszeit ausblieb und die genetischen Spuren nicht verwischt wurden.

Burger erklärt die Tragweite seiner Studie: „Es gab die Auffassung, dass die Landwirtschaft rein durch Ideentransfer nach Europa kam, ohne oder mit nur geringer Migrationsbewegung. Diese Ansichten können nun ad acta gelegt werden.“

Beide Studien unterstreichen eindrucksvoll das Potenzial der Genomforschung. In beiden Fällen konnte sie zur Klärung ungeklärter Fragen und strittigen Hypothesen beitragen, wie es ohne sie nicht gelungen wäre. Zweifellos hat sie der Erforschung der Anfänge der Landwirtschaft und damit auch unserer Zivilisation wertvolle Impulse und völlig neue Möglichkeiten gegeben. Aufgrund der Bedeutung beider Humanstudien, darüber hinaus aber auch jener Epoche der Erdgeschichte im Allgemeinen, bestand begründeter Anlass, die neuen Erkenntnisse auch auf Pflanzenforschung.de aufzugreifen. Schließlich ist der Einfluss der neolithischen Revolution auf allen Ebenen der gesamten Biosphäre dieses Planeten bis heute sichtbar und spürbar, ohne Ausnahme der Pflanzenforschung.

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