Wildbienen – Airbag für die Landwirtschaft

17.09.2012 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Hummel im Landeanflug (Quelle: © Bernie / wikimedia.org; gemeinfrei).
Hummel im Landeanflug (Quelle: © Bernie / wikimedia.org; gemeinfrei).

Honigbienen und andere bestäubende Insekten tragen wesentlich zur Produktivität der Landwirtschaft bei. Ihre Bestände schrumpfen jedoch seit Jahren. Im EU-Programm STEP untersuchen Forscher die Ursachen und die Auswirkungen des Bienensterbens auf Biodiversität und Nahrungsproduktion. Mit ihren Ergebnissen wollen sie Landwirte und Politiker unterstützen, effektive Schutzmaßnahmen umzusetzen. Auf der EurBee-Konferenz in Halle stellten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse vor.

Halbzeit – Die Bienenforscher im EU-Forschungsprogramm STEP „Status and Trends of European Pollinators“ haben auf der 5. EurBee-Konferenz in Halle ihre neusten Forschungsergebnisse präsentiert. STEP begann im Februar 2010 und läuft noch bis Januar 2015. Die beteiligten Wissenschaftler aus 17 EU-Ländern erforschen in dem Programm: 

  • 1. die Situation und Bestandsentwicklung einer Vielzahl europäischer Bestäuberinsekten und deren Bedeutung für Wild- und Nutzpflanzen, 
  • 2. das Ausmaß und die Ursachen des Bienensterbens
  • 3. die ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Bienensterbens sowie 
  • 4. die Wirksamkeit lokaler, nationaler und europäischer Schutzprogramme und Politikinstrumente.
  • 5. Daraus entwickeln sie Handlungsempfehlungen und Informationsmaterialien für Politiker, Bienenzüchter, Landwirte und Verbraucher.

Warum sind Bienen und andere Bestäuber so wichtig?

Viele Wildblumen und über 80% aller europäischen Nutzpflanzen sind für die Bestäubung ihrer Blüten zumindest teilweise auf Insekten angewiesen. Damit sind Bestäuber ein wichtiger Garant für die biologische Vielfalt und die Produktivität von Nahrungs- und Rohstoffpflanzen. Die Wissenschaftler schätzen den wirtschaftlichen Nutzen der Bestäuber für die europäische Landwirtschaft auf ca. 22. Milliarden Euro jährlich. Denn bliebe die Bestäubung der Nutzpflanzen aus, würden die Ernten deutlich geringer ausfallen. Dies hätte auch Auswirkungen auf die Nahrungssicherheit, auf die Qualität und Vielfalt der verfügbaren Nahrungsmittel. 

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Feldfrüchte, die von Bestäubung profitieren

Obst– Apfel, Birne, Pfirsich, Pflaume, Aprikose, Kirsche, Johannisbeere, Erdbeere, Himbeere, Melone, Orange, Zitrone, Kiwi, MangoGemüse – Karotte, Zwiebel, Paprika, Tomate, Kürbis, Zucchini, Gurke, Aubergine, Gartenbohne, Ackerbohne, SojabohneAgrargüter – Baumwolle, Raps, Senf, BuchweizenSamen und Nüsse – Sonnenblume, Mandel, KastanieKräuter – Basilikum, Salbei, Rosmarin, Thymian, Koriander, Kreuzkümmel, DillFutterpflanzen – Luzerne, Klee, SteinkleeÄtherische Öle – Kamille, Lavendel, Nachtkerze 

Insekten machen den Großteil der globalen Artenvielfalt aus, 

doch erst wenig ist bekannt über die Lebensgemeinschaften von Bestäubern und Pflanzen, die Verbreitung von Arten und die Risiken, denen sie ausgesetzt sind. Um diese Wissenslücken zu schließen, analysierten die STEP-Forscher bisher 32 Millionen Datensätze zu Honigbienen und wilden Bestäubern wie Hummeln, Solitärbienen, Schwebfliegen und Schmetterlingen.

Ihre Bestandsaufnahme ergab: Zwischen 1985 und 2005 ging in Europa fast ein Fünftel (16%) aller Honigbienenkolonien verloren. In England, Deutschland, der Tschechischen Republik und Schweden war der Rückgang noch dramatischer. Und auch die Populationen vieler wilder Bestäuber  gingen in vielen Teilen Europas zurück. Zeitgleich mit dem Rückgang der Artenvielfalt, verringerte sich auch die genetische Vielfalt innerhalb der Insekten-Gemeinschaften. Ein Ergebnis von STEP ist die erste Europäische Rote Liste bedrohter Bienenarten. Derzeit wird ein europäisches Bienen-Monitoringprogramm erarbeitet. 

Ursachen des Bienensterbens 

Die Gründe für das Bienensterben sind vielfältig: der Verlust an Habitat und Blütenangebot, Parasiten und Krankheiten, ein übermäßiger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, der Klimawandel, eingewanderte Arten die einheimische Spezies verdrängen, die zunehmende Lichtverschmutzung in Ballungsgebieten. Welche dieser Faktoren die Bestäuber am stärksten bedrohen und wie diese Faktoren zusammenwirken, sind wichtige Forschungsfragen der STEP-Wissenschaftler. Diese Faktoren zeigen aber auch Ansatzpunkte für Schutzprogramme auf. 

Die Rolle der Bienen im Ökosystem

Kulturpflanzen, die von Insekten bestäubt werden, tragen entscheidend zur globalen Nahrungsversorgung bei, dies zeigen Studien. Ein weiteres Ziel von STEP ist es daher zu untersuchen, wie sich das Verschwinden von Honigbiene, Hummel & Co. auf komplexe Ökosysteme auswirkt. Werden sich Wildblumen seltener vermehren, manche Arten sogar aussterben?

Die Bedeutung der Wildbienen 

Während die Bienenbestände in den letzten Jahrzehnten europaweit abnahmen, wurden immer mehr Feldfrüchte angebaut, die auf Bestäubung durch Insekten angewiesen sind. Studien zeigen, dass die Anzahl der Honigbienen für die Bestäubung der Nutzpflanzen heute in vielen Teilen Europas nicht mehr ausreicht. In Großbritannien, so die Ergebnisse der Forscher, wird ein Drittel der Feldfrüchte von Honigbienen bestäubt. Den Rest der Arbeit übernehmen Hummeln, Solitärbienen und Schwebfliegen. Diese puffern noch den Verlust der Honigbienen ab.

In Europa leben mehr als 2.500 Wildbienenarten. Für die Bestäubung einiger Feldfrüchte sind sie sogar effizienter als Honigbienen, zum Beispiel Mauerbienen für Äpfel oder Hummeln für Bohnen. Hummeln können dank ihrer Vibrationsbestäubung auch Tomaten, Paprika und Blaubeeren bestäuben, Honigbienen nicht. Anders als Honigbienen können diese auch bei niedrigen Temperaturen noch fliegen. Eine gezielte Förderung der Mischung von Honigbienen und wilden Bestäubern kann somit die Erträge erhöhen und das Risiko von Ernteeinbrüchen verringern. 

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 Den STEP-Forschern zufolge bestäuben manche Wildbienen einige Pflanzen effizienter als Honigbienen (Quelle: © Susanne Schmich / pixelio.de).


Den STEP-Forschern zufolge bestäuben manche Wildbienen einige Pflanzen effizienter als Honigbienen (Quelle: © Susanne Schmich / pixelio.de).

Das Wissen in die Praxis!

Damit das Wissen der STEP-Forscher auch den Bienen zugute kommt, treten diese in den Dialog mit Politik, NGOs, Bienenzüchtern, Landwirten und Verbrauchern.

Der Schutz der Biodiversität ist in Europa und auch weltweit ein zentrales politisches Thema. Es gibt zahlreiche lokale, nationale, europäische und globale Schutzprogramme und Politikinstrumente zum Schutz der Biodiversität. Die Forscher beurteilen, inwieweit diese Programme auch Bestäubern zugute kommen. Auf Basis ihrer Ergebnisse wollen sie Handlungsempfehlungen und Strategien formulieren, die Politikern und NGOs helfen, effizientere Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Zurzeit berücksichtigen Schutzprogramme vor allem Honigbienen, nicht jedoch die so wichtigen Wildbienen. Die Rote Liste bedrohter Bienenarten soll die Ausrichtung von Schutzprogrammen erleichtern. 

Bienenzüchter und Landwirte wollen die Forscher mit dem notwendigen Wissen ausstatten, um konkrete Maßnahmen zum Schutz der Bestäuber umzusetzen. Sie entwickeln hierzu neue Strategien für eine nachhaltige, bienenfreundliche Landnutzung und erarbeiten Best Practice-Beispiele. Diese stellen sie in Workshops, auf Tagungen und in Informationsmaterialien bereit. Es gibt bereits einen Leitfaden für Landwirte mit Tipps zu Fruchtfolge und Agrarumweltmaßnahmen. Prinzipiell kann von einer hohen Bereitschaft der Praktiker ausgegangen werden, liegt es doch in ihrem Interesse, die Bestäuberpopulationen zu schützen. Entsprechende Förderprogramme und die Kompensation von Ausgleichprogrammen wären ein zusätzlicher Stimulus, komplexe Maßnahmenpakete in der Landwirtschaft zu verankern. 

Wie jeder einzelne Bienen und ihre wilden Verwandten schützen kann? Darüber informieren die Wissenschaftler über viele Kanäle: Ihre Webseite, Twitter und Facebook, aber auch in zahlreichen Medieninterviews.

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