World Wide Views on Biodiversity – Dialog zur biologischen Vielfalt

10.09.2012 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der Mensch nimmt vielfältig Einfluss auf seine Umwelt. Z. B. durch Terrassenfeldbau fanden Menschen einen Weg, um Kulturpflanzen auch an steilen Hängen anzubauen. Hier:  Reisterrassen  (Quelle: © glasmost / pixelio.de)
Der Mensch nimmt vielfältig Einfluss auf seine Umwelt. Z. B. durch Terrassenfeldbau fanden Menschen einen Weg, um Kulturpflanzen auch an steilen Hängen anzubauen. Hier: Reisterrassen (Quelle: © glasmost / pixelio.de)

Am 15. September 2012 werden sich an über 30 Standorten rund um den Globus Bürgerinnen und Bürger mit der Bedeutung und dem Schutz von biologischer Vielfalt beschäftigen. Die Bürgerkonferenz „World Wide Views on Biodiversity“ findet in Deutschland im Museum für Naturkunde Berlin statt und soll ein Instrument sein, um den Dialog zwischen Bevölkerung, Wissenschaft und Politik zu verbessern.

Warum ist es schlimm, wenn am anderen Ende der Welt ein paar Arten aussterben? Und welche Auswirkungen kann dies auch für mich haben? Biologische Vielfalt, oder auch Biodiversität genannt, beinhaltet die Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten, die genetische Vielfalt sowie die Vielfalt der Ökosysteme. Ein Verlust der Biodiversität betrifft also jeden einzelnen. Die Politik bezieht die Meinung der Bevölkerung jedoch selten in konkrete Entscheidungen mit ein. Daher soll den Bürgern mit der Bürgerbefragung „World Wide Views on Biodiversity“ eine Plattform gegeben werden, die es ihnen erlaubt sich eine fundierte Meinung über Biodiversität zu bilden und persönliche Schwerpunkte und Sichtweisen aktiv an die Politik rückzukoppeln.

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(Quelle: © World Wide Views)

(Quelle: © World Wide Views)

Wie funktioniert der Bürgerdialog?

Mehr als 30 Partner in 25 Ländern der Erde organisieren am 15. September eine Bürgerkonferenz, bei der jeweils 100 zufällig ausgewählte Teilnehmer aus allen Bevölkerungsschichten partizipieren werden. Jeder Teilnehmer wird sowohl im Vorfeld als auch bei der Veranstaltung Fakten über die biologische Vielfalt, Schutzmaßnahmen und Finanzierungsmöglichkeiten bekommen. Die Veranstaltungen laufen standardisiert ab, d.h. sie sind überall vom Ablauf her gleich. In kleinen moderierten Gesprächskreisen werden die Teilnehmer die Möglichkeit erhalten über bestimmte Aspekte der Biodiversität zu diskutiert. Daraufhin werden allen Teilnehmer weltweit dieselben Fragen gestellt. Dies ist zum einen nötig, um die Vergleichbarkeit zwischen den Ländern zu gewährleisten, bietet so jedoch auch die Chance zu sehen, ob es unterschiedliche Meinungstendenzen zwischen den Ländern (oder gar innerhalb der Länder) gibt.

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Der Bürgerdialog  „World Wide Views on Biodiversity“ findet an 34 verschiedenen Orten auf fünf Kontinenten statt. Vertreten sind dabei 25 Länder aus: Afrika, Nordamerika, Südamerika (und der Karibik), Europa und Asien.

Was geschieht mit den Daten?

Die erhobenen Daten werden in einem Abschlussbericht gesammelt und den politischen Entscheidungsträgern im Oktober 2012 auf der UN-Biodiversitätskonferenz (COP11) in Indien präsentiert. Die Vertragsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt, auch Biodiversitäts-Konvention (englisch: Convention on Biological Diversity, CBD) genannt, treffen sich im Oktober bereits zum 11. Mal. Die Biodiversitäts-Konvention wurde 1992 auf dem Erdgipfel/Rio-Konferenz in Rio de Janeiro ausgehandelt und trat 1993 in Kraft. Zur Umsetzung der CBD in Deutschland hat die Bundesregierung 2007 die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ beschlossen.

World Wide Views on Biodiversity in Deutschland

In Deutschland findet der Bürgerdialog im Museum für Naturkunde Berlin statt. Die Teilnehmer sollen eine Mischung aus allen Bevölkerungsschichten darstellen, um eine repräsentative Stichprobe unserer Gesellschaft abzubilden. Bei der Zusammensetzung der Teilnehmer fällt jedoch auf, dass Akademiker überrepräsentiert und Teilnehmer der ländlichen Bevölkerung unterrepräsentiert sind. Als Erklärung hierfür wird angesehen, dass akademisch ausgebildete Personen allgemein eher bereit sind sich aktiv bei einer solchen Veranstaltung anzumelden. Und dass Personen, die einen langen Anreiseweg hätten demnach eher nicht bereit waren sich nach Erhalt der Einladung auch tatsächlich anzumelden. Überraschender Weise ist der Großteil der Teilnehmenden kein Mitglied einer Umweltschutzorganisation. Dies wird von den Organisatoren begrüßt – sie hoffen darauf, viele Menschen zu erreichen, die sich vorher noch nicht intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. 

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Das Museum für Naturkunde Berlin zeigt an seiner

Das Museum für Naturkunde Berlin zeigt an seiner "Biodiversitätswand" etwa 3.000 präparierte Tierarten.

Quelle: © Axel Mauruszat / Wikimedia.org; gemeinfrei

Um einen Erfahrungsaustausch herzustellen, besitzt jedes teilnehmende Land ein Partnerland: Für Deutschland ist das Partnerland Kongo. So soll der Austausch zwischen den Nationen verbessert und der globale Ansatz erlebbarer werden. Im Berliner Naturkundemuseum, so der Plan, soll eine Videokonferenz via Internet eingerichtet werden. Die Teilnehmer beider Länder können sich so ein Bild von der Konferenz der anderen machen.

Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung

Eines der Ziele der Bürgerbefragung ist, den Begriff Biodiversität in der Bevölkerung bekannter zu machen. Wissen darüber zu verbreiten, was biologische Vielfalt alles einschließt und welche Auswirkungen ein Verlust der Vielfalt nach sich zieht.

Handlungsbedarf besteht hier auch laut einer neuen Studie, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) im Auftrag des Bundesumwelt-ministeriums (BMU) zum Thema Naturbewusstsein durchführte. Die „Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt“ kommt zu dem Ergebnis, dass nur 23% der Befragten über ausreichendes Wissen zur biologischen Vielfalt verfügten. 

Daher soll die Bürgerkonferenz kein einmaliges Ereignis bleiben. Nach dem Bürgerdialog ist eine Folgeveranstaltung geplant, welche Medienvertreter und Interessierte über die Ergebnisse informieren will. Die Medien spielen dabei eine große Rolle, da sie Themen in den öffentlichen Diskurs bringen (in Fachkreisen spricht man hier von Agenda Setting). So soll die biologische Vielfalt mehr wahrgenommen und öffentlich diskutiert werden. Dabei ist Kontinuität wichtig, um langfristiges Interesse zu schaffen. Die Bürgerkonferenz ist also Teil eines Prozessen, erklärt Dr. Katrin Vohland, Koordinatorin Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland, Museum für Naturkunde Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung: „Wir verstehen uns als Teil eines Prozesses. Die Bürgerkonferenz ist ein Instrument, um den Dialog zwischen der Bevölkerung, Wissenschaft und Politik zu verbessern.“

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Viele Arten stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. So auch die Echte Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi), die in Deutschland als stark gefährdet eingestuft wird.

Viele Arten stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. So auch die Echte Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi), die in Deutschland als stark gefährdet eingestuft wird.

Quelle: © Walter Siegmund / Wikimedia.org; CC BY-SA 3.0

Auswirkungen der Bürgerkonferenz

Durch zusätzliche wissenschaftliche Begleitforschung soll die Wirkung der Veranstaltung bewertet werden. Schwierig ist dabei die Beurteilung, ob die Meinung der Bürger bei einer singulären Veranstaltung tatsächlich einen Einfluss auf die Entscheidung der Politiker hat. Vielmehr sollen die Ergebnisse der Bürgerbefragung von den Politikern wahrgenommen werden und ihnen als Entscheidungsgrundlage dienen. Wissen die Delegierten der einzelnen Länder bei der Vertragsstaatenkonferenz, welche Meinung ihre Bevölkerung hat, können sie besser beurteilen, welche Entscheidungen von ihnen erwartet werden und welche Entscheidungen die Bürger befürworten.

Da eine solche Befragung nicht in allen Ländern der Erde stattfindet und die Ergebnisse nur die Meinung einer Stichprobe der Bevölkerung abbilden, sind Veranstaltungen wie diese nur ein Anfang. Es ist jedoch ein guter Anfang, der zeigt, wie wichtig es ist die Bürger mit einzubeziehen. Partizipation an Entscheidungen, die alle betreffen, wird mittlerweile vielerorts gefordert und kann hier dazu beitragen, dass der Erhalt biologischer Vielfalt kein „politisches Thema“ bleibt.

Das Projekt des Bürgerdialogs wurde vom Dänischen Rat für Technologie und seinen Partnern entwickelt und wird vom UN Sekretariat für Biologische Vielfalt, dem Dänischen Umweltministerium sowie zahlreichen anderen Partnern auf nationaler Ebene unterstützt. Es ist bereits die zweite Veranstaltung dieser Art: 2009 fand bereits eine Bürgerbefragung zum Thema Klimawandel unter dem Titel “World Wide Views on Global Warming“ statt. 

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