Das vergessene Potenzial der Mischkulturen

Studie fordert genauere Modelle

13.11.2025 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Tropische Mischkultur im Agroforst: Unterschiedliche Pflanzenarten teilen sich Fläche und Saison – ein System mit großem Einfluss auf Klima, Erträge und Biodiversität – Symbolbild. (Bildquelle: © Pflanzenforschung.de, erstellt mit ChatGPT 5)

Tropische Mischkultur im Agroforst: Unterschiedliche Pflanzenarten teilen sich Fläche und Saison – ein System mit großem Einfluss auf Klima, Erträge und Biodiversität – Symbolbild. (Bildquelle: © Pflanzenforschung.de, erstellt mit ChatGPT 5)

Mischkulturen sind in tropischen Regionen weit verbreitet – doch in den meisten globalen Landnutzungsmodellen existieren sie schlicht nicht. Das führt zu systematischen Fehleinschätzungen bei Klima- und Ernährungsszenarien. Ein internationales Forschungsteam zeigt nun, wie diese Modelle verbessert werden könnten, damit politische Entscheidungen künftig genauer auf reale landwirtschaftliche Praktiken reagieren.

Ob Klimaschutz, Ernährungssicherheit oder Biodiversität: In globalen Modellen zur Landnutzung steckt enorme politische Sprengkraft. Sie dienen Regierungen, Institutionen und Wissenschaft gleichermaßen als Werkzeuge, um etwa den Bedarf an Ackerfläche, Wasser oder Düngemitteln abzuschätzen – und daraus politische Maßnahmen abzuleiten.

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Mischkulturen, hier mit Bohnen und Mais, werden in traditionellen Kulturen schon lange genutzt.

Mischkulturen, hier mit Bohnen und Mais, werden in traditionellen Kulturen schon lange genutzt.

Bildquelle: © MAURÍCIO UCHÔA Bruttos / Pixabay

Doch viele dieser Modelle beruhen auf einer unrealistischen Annahme: dass Landwirtschaft fast ausschließlich in Monokulturen betrieben wird. In Wirklichkeit wird weltweit ein erheblicher Teil der Flächen in Misch- oder Mehrfachkulturen bewirtschaftet – also mit mehreren Nutzpflanzen gleichzeitig oder nacheinander, etwa im Agroforst, bei Zwischenfrüchten oder durch Doppelanbau.

„In unserer Studie zeigen wir, dass bisherige Modelle wichtige Prozesse des Mehrfachanbaus oft nur teilweise oder gar nicht berücksichtigen, zum Beispiel Übertragungseffekte zwischen den Arten, biologische Wechselwirkungen zwischen Pflanzen über und unter der Erde sowie Mikroklimata in synchronen Mehrfachanbausystemen“, erklärt Waha. „Dadurch entstehen Verzerrungen in den Modellen.“

Mehrfachanbau: unterschätzter Klimafaktor

Gerade in den Tropen prägt Mischkultur seit Jahrhunderten die Landwirtschaft. Sie nutzt Licht, Wasser und Nährstoffe effizienter, stabilisiert Erträge und kann durch Synergieeffekte zwischen Pflanzen sogar das Klima beeinflussen – etwa durch längere Vegetationszeiten oder veränderte Verdunstungsraten.

Zugleich zeigen Studien, dass Mehrfachanbau Treibhausgasemissionen mindern, Kohlenstoff binden und Biodiversität fördern kann. Doch diese Effekte tauchen in Klimamodellen kaum auf. Dadurch unterschätzen viele globale Abschätzungen das Potenzial nachhaltiger, naturbasierter Landwirtschaftssysteme – und überschätzen die Notwendigkeit weiterer Flächenexpansion.

„Mehrfachanbau gilt als naturbasierter Ansatz, Landwirtschaft auf nachhaltige Weise zu diversifizieren und zu intensivieren – mit Vorteilen unter anderem für den Erhalt der biologischen Vielfalt“, so Waha.

Präziser modellieren, besser entscheiden

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Im Gemüsegarten schon lange bekannt und vielleicht bald auch bei uns öfters auf dem Acker: Mischkultur aus verschiedenen Pflanzenarten.

Im Gemüsegarten schon lange bekannt und vielleicht bald auch bei uns öfters auf dem Acker: Mischkultur aus verschiedenen Pflanzenarten.

Bildquelle: © iStock.com / fotokate

In ihrer im Fachjournal Nature Communications Earth & Environment erschienenen Studie analysierte das Team um Waha, wie Landnutzungsmodelle künftig realistischer gestaltet werden könnten. Es empfiehlt, vorhandene Daten zu nutzen – etwa zu Flächenausdehnung, Anbauintensität und Art der Mehrfachkulturen – sowie gezielt neue Daten zu erheben und regionale Modelle in größere zu integrieren.

„Mit unseren Vorschlägen lassen sich Modellfehler verringern und die Anwendbarkeit solcher Modelle erhöhen“, sagt Waha. „Wir hoffen, damit einen Beitrag dazu zu leisten, dass der Mehrfachanbau künftig in Entscheidungen zu Klima- und Landnutzungspolitik besser einbezogen wird, etwa wenn es um Lebensmittelsysteme geht.“

Mehr Vielfalt, mehr Resilienz

Mischkulturen gelten als naturbasierte Lösung, um Landwirtschaft ökologischer und klimaresilienter zu gestalten – ohne zwangsläufig mehr Fläche zu beanspruchen. In Brasilien etwa hat der Ausbau von Doppelanbau-Systemen die Ausdehnung von Soja- und Maisflächen gebremst und so Millionen Hektar Entwaldung verhindert. Auch in Europa fördern Zwischenfrüchte Bodenschutz und Klimaregulation.

„Letztendlich zielen unsere Bemühungen darauf ab, die Kernfrage zu beantworten, welche Rolle Mehrfachanbausysteme derzeit spielen – und potenziell spielen können –, um jetzt und in Zukunft eine nachhaltige Ernährungssicherheit zu gewährleisten“, erklärt Waha.


Quelle: Waha K., Folberth C., Biemans H. et al. (2025): Land use modelling needs to better account for multiple cropping to inform pathways for sustainable agriculture. Nature Communications Earth & Environment, 6, 756 (2025). doi: 10.1038/s43247-025-01535-9

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Titelbild: Tropische Mischkultur im Agroforst: Unterschiedliche Pflanzenarten teilen sich Fläche und Saison – ein System mit großem Einfluss auf Klima, Erträge und Biodiversität – Symbolbild. (Bildquelle: © Pflanzenforschung.de, erstellt mit ChatGPT 5)