Die Geburt der Knolle

Wie eine Kreuzung zweier Wildpflanzen zur Kartoffel führte

08.09.2025 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Eine Kartoffelpflanze (Solanum tuberosum) mit deutlich sichtbaren Knollen. Diese unterirdischen Speicherorgane sind das Ergebnis eines uralten Hybridisierungsereignisses, das vor rund 8,6 Millionen Jahren die genetischen Voraussetzungen für ihre Bildung schuf. (Bildquelle: © Ayotte, Gilles, 1948-, / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Eine Kartoffelpflanze (Solanum tuberosum) mit deutlich sichtbaren Knollen. Diese unterirdischen Speicherorgane sind das Ergebnis eines uralten Hybridisierungsereignisses, das vor rund 8,6 Millionen Jahren die genetischen Voraussetzungen für ihre Bildung schuf. (Bildquelle: © Ayotte, Gilles, 1948-, / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Vor rund 8–9 Millionen Jahren entstand durch eine Kreuzung zweier verschiedener Wildpflanzen ein völlig neues Speicherorgan: die Kartoffelknolle. Diese „Schlüsselinnovation“ war nicht nur die Grundlage für die heutige Kulturkartoffel, sondern löste auch eine explosionsartige Artenvielfalt aus. Über 100 Wildarten der sogenannten Petota-Linie eroberten dank der Knolle verschiedenste Lebensräume in Amerika – von tropischen Trockenwäldern bis zu eisigen Anden-Hochlagen.

Die Kulturkartoffel (Solanum tuberosum) gehört heute zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln der Welt. Ihre Entstehungsgeschichte beginnt mit einem einzigartigen evolutionären „Experiment“: Eine einmalige, homoploide Hybridisierung – eine Kreuzung ohne Chromosomenverdopplung – vereinte das Erbgut einer Tomaten-Verwandtschaftslinie mit dem der rhizombildenden Etuberosum-Linie: Die Geburt der Petota-Linie.

#####1#####
Solanum etuberosum: Ein knollenloser Wildverwandter der Kartoffel und typischer Vertreter der Etuberosum-Linie. Diese Linie steuerte rund 60 Prozent des Erbguts zu der uralten Kreuzung bei, aus der alle knollenbildenden Kartoffelarten hervorgingen.

Solanum etuberosum: Ein knollenloser Wildverwandter der Kartoffel und typischer Vertreter der Etuberosum-Linie. Diese Linie steuerte rund 60 Prozent des Erbguts zu der uralten Kreuzung bei, aus der alle knollenbildenden Kartoffelarten hervorgingen.

Bildquelle: © Dick Culbert from Gibsons, B.C., Canada / Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Ein internationales Forschungsteam um Zhiqiang Zhang und Sandy Knapp beschreibt nun in Cell, wie dieses vor rund 8,6 Millionen Jahren stattgefundene Hybridisierungsereignis die genetische Grundlage für die Knollenbildung schuf. Genomanalysen von über 120 Arten – darunter zahlreiche vollständig sequenzierte Genome – zeigen, dass alle Vertreter der Petota-Linie, zu der sämtliche knollenbildenden Kartoffelarten gehören, eine stabile Mischung aus etwa 60 % Etuberosum- und 40 % Tomaten-Verwandtschafts-Erbgut besitzen. Spätere Einkreuzungen lassen sich ausschließen, was auf einen einzigen, klar umrissenen Hybridursprung schließen lässt.

Die Geburt eines Organs

Diese Kreuzung brachte erstmals die genetischen Voraussetzungen für die Knollenbildung hervor. Von der Tomaten-Verwandtschaftslinie stammt mit SP6A der zentrale Schalter, der den Beginn der Knollenentwicklung auslöst, sowie das Lichtsignal-Gen GI (GIGANTEA), das die Reaktion der Pflanze auf Tageslängen beeinflusst. Aus der Etuberosum-Linie stammen unter anderem PHYB (PHYTOCHROME B), ein weiteres Lichtsignal-Gen, das übergeordnet die Aktivität von SP6A reguliert, sowie IT1 (Identity of Tuber 1), ein Transkriptionsfaktor, der die Umwandlung bestimmter Seitensprosse in knollenbildende Stolonen steuert. Hinzu kommt CLF (CURLY LEAF), ein epigenetischer Regulator, der das Zusammenspiel vieler Gene über chemische Markierungen an der DNA-Umgebung fein abstimmt.

#####2#####
Hochlagen der Anden: Ursprungsregion der knollenbildenden Petota-Linie. Hier bot die Knolle einen entscheidenden Überlebensvorteil, indem sie Wasser und Nährstoffe speicherte und die ungeschlechtliche Vermehrung in einem rauen, saisonal geprägten Klima ermöglichte.

Hochlagen der Anden: Ursprungsregion der knollenbildenden Petota-Linie. Hier bot die Knolle einen entscheidenden Überlebensvorteil, indem sie Wasser und Nährstoffe speicherte und die ungeschlechtliche Vermehrung in einem rauen, saisonal geprägten Klima ermöglichte.

Bildquelle: © Cayambe / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Das Zusammenspiel der Gene

Diese Gene wirken im Hybridgenom in neuartiger Kombination zusammen und bilden ein einzigartiges Regulationsnetzwerk, das direkt durch die Hybridisierung entstand. SP6A fungiert als mobiles Signalprotein („Tuberigen“), das in den Blättern gebildet und in die unterirdischen Stolonen transportiert wird, wo es die Umstellung von Längenwachstum auf Verdickungswachstum einleitet. GI steuert upstream über die circadiane Uhr und Photoperioden-Signalketten, ob und wann SP6A produziert wird, und sorgt so für eine Anpassung an die Tageslänge – ein Mechanismus, der sicherstellt, dass Knollen bevorzugt zu einer Jahreszeit entstehen, in der die klimatischen Bedingungen für ihr Wachstum und die spätere Überdauerung günstig sind. PHYB misst als Photorezeptor die Lichtqualität und wirkt mit GI zusammen, um die Expression von SP6A zu fördern oder zu hemmen – in der Petota-Linie bevorzugt bei kürzeren Tagen, was eine Synchronisation der Knollenbildung mit dem nahenden Ende der Wachstumsperiode in den Anden ermöglicht. IT1 sorgt dafür, dass die Entwicklungsidentität der Seitensprosse tatsächlich von „Stolon“ auf „Knolle“ umschaltet, während CLF die stabile Aktivität des Knollenbildungsprogramms über epigenetische Markierungen sichert. Funktionsexperimente, darunter gezielte CRISPR/Cas9-Knockouts, belegten die zentrale Rolle dieser Gene: Fehlen sie, bilden die Pflanzen keine oder nur stark veränderte Knollen.

Überleben dank Speicherstrategie

#####3#####
Kartoffeln auf einem Marktstand: Als eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Welt sichern sie seit Jahrhunderten die Ernährung von Millionen Menschen.

Kartoffeln auf einem Marktstand: Als eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Welt sichern sie seit Jahrhunderten die Ernährung von Millionen Menschen.

Bildquelle: © Kürschner / Wikimedia Commons, gemeinfrei

Die Knolle war in den Hochlagen der Anden ein evolutionärer Vorteil: Sie speichert Wasser und Nährstoffe, übersteht Frostnächte und Trockenperioden und ermöglicht ungeschlechtliche Vermehrung. Dadurch konnte die Petota-Linie Lebensräume besiedeln, die für ihre Elternlinien unzugänglich waren.

Die genetische Vielfalt aus der Kreuzung verstärkte diesen Effekt zusätzlich. Unterschiedliche Genkombinationen führten zu variierenden Knollenformen, -größen und -bildungszeiten, was die ökologische Bandbreite der neuen Linie massiv erweiterte.

Vom Überlebenskünstler zum Kulturpflanzen-Star

Die frühe Hybridlinie überlebte vermutlich zunächst vor allem dank ihrer Knolle, obwohl ihre Fruchtbarkeit durch genetische Unverträglichkeiten eingeschränkt war. Mit der Zeit stabilisierte sich die Fortpflanzungsfähigkeit – und die Knolle wurde zur Grundlage für eine der schnellsten bekannten Artbildungsraten in der Gattung Solanum. Innerhalb weniger Millionen Jahre entstanden 107 Wildarten, die sich in unterschiedlichsten Klimazonen und Höhenlagen etablierten.

Als Menschen die Kartoffel vor rund 8.000 Jahren zu nutzen begannen, war sie bereits nahezu perfekt für den Anbau in anspruchsvollen Umwelten angepasst. Heute ist sie nicht nur ein globales Grundnahrungsmittel, sondern auch ein Beispiel dafür, wie ein einzelnes neu entstandenes Organ die Evolution ganzer Linien prägen kann.


Quelle:
Zhang, Z. et al. (2025): Ancient hybridization underlies tuberization and radiation of the potato lineage. In: Cell (31. Juli 2025). doi: 10.1016/j.cell.2025.06.034

Zum Weiterlesen auf Pflanzenforschung.de:

Titelbild: Eine Kartoffelpflanze (Solanum tuberosum) mit deutlich sichtbaren Knollen. Diese unterirdischen Speicherorgane sind das Ergebnis eines uralten Hybridisierungsereignisses, das vor rund 8,6 Millionen Jahren die genetischen Voraussetzungen für ihre Bildung schuf. (Bildquelle: © Ayotte, Gilles, 1948-, / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)