Pflanzen auf Nahrungssuche
Wie Wurzeln Bor-Mangel ausgleichen und Erträge sichern können
Wenn Nährstoffmangel besteht, können besonders effiziente Pflanzen ihre Wurzelarchitektur ändern und längere, seitlich ausscherende Wurzeln ausbilden. So haben sie einen größeren Radius, um die Nährstoffe aufzunehmen. (Bildquelle: © Andreas Heddergott / TU Muenchen)
Der Mikronährstoff Bor ist für Pflanzen unverzichtbar – doch Dürre und Starkregen machen ihn im Boden immer schwerer verfügbar. Ein internationales Forschungsteam hat nun bei der Modellpflanze Arabidopsis gezeigt, wie einige Pflanzen diesen Mangel erstaunlich gut verkraften: Sie bauen ihre Wurzelsysteme gezielt um und nutzen das knappe Bor besonders effizient. Die Erkenntnisse sollen helfen, klimaresiliente Rapssorten zu züchten.
Bor gehört zu den Mikronährstoffen, die Pflanzen nur in winzigen Mengen brauchen – aber ohne die es gar nicht geht. In den Zellwänden vernetzt Bor spezielle Pektine, stabilisiert Membranen und ist wichtig für Wachstum, Blütenbildung und Fruchtbarkeit. Fehlt Bor, werden Wurzeln und Triebspitzen geschädigt, Blätter verformen sich, Blüten bleiben aus, Erträge brechen ein.
Problematisch ist: Die Verfügbarkeit von Bor hängt stark vom Wasser ab. Bei Dürre fließt im Boden kaum noch Wasser nach – damit kommt auch weniger Bor an die Wurzel. Bei starken Regenfällen und Überschwemmungen wird Bor dagegen aus dem Oberboden ausgewaschen. Im Zuge des Klimawandels mit häufigeren Extremwetterereignissen wird Bor-Mangel so zu einem zusätzlichen Stressfaktor für Kulturpflanzen. Die Frage lautet: Was macht manche Pflanzen tolerant gegenüber solchen Schwankungen, während andere schnell einbrechen?
185 Arabidopsis-Herkünfte im Stresstest
Arabidopsis diente in der Studie als Modellpflanze.
Bildquelle: © 周芳琦 / Wikimedia, CC BY-SA 4.0
Um das zu klären, hat ein Team um die Technische Universität München und das IPK Gatersleben die Modellpflanze Arabidopsis thaliana (Acker-Schmalwand) ins Visier genommen. Sie eignet sich ideal, um natürliche Anpassungsstrategien zu entschlüsseln: Weltweit wurden zahlreiche Wildherkünfte gesammelt, deren Genom genau bekannt ist.
Die Forschenden haben 185 solcher Arabidopsis-„Accessions“ aus aller Welt unter kontrollierten Bedingungen wachsen lassen – einmal mit ausreichender Bor-Versorgung, einmal mit stark begrenztem Bor. In einem automatisierten Phänotypisierungs-System wurden über mehrere Tage hinweg Wachstum, Blattfläche, Farbe und viele weitere Merkmale der Sprosse erfasst. Parallel analysierte das Team das Wurzelsystem in speziellen Agarplatten sowie die Gehalte an Bor und anderen Nährstoffen in den Pflanzen.
Das Ergebnis: Die meisten Herkünfte litten deutlich unter Bor-Mangel. Blätter blieben klein, die Rosettenfläche schrumpfte, die Wurzeln wuchsen langsamer. Doch sieben Accessions fielen auf: Sie verloren weniger als 20 Prozent ihrer Biomasse und wuchsen trotz Mangels erstaunlich robust weiter. Besonders viele dieser „Bor-effizienten“ Linien stammen aus Nordeuropa, wo natürliche Böden oft borarm sind – ein Hinweis darauf, dass sich dort über lange Zeit lokale Anpassungen an niedrige Bor-Gehalte entwickelt haben.
Wurzelarchitektur: Seitliche Sucharme statt kurzer Hauptwurzel
Ein genauer Blick in den Boden zeigte, was die toleranten Pflanzen auszeichnet. Unter Bor-Mangel wird bei allen Arabidopsis-Herkünften vor allem die Hauptwurzel gebremst – sie wächst kürzer, weil das Zellwachstum in der Wurzelspitze leidet.
Die bor-effizienten Linien reagieren jedoch mit einer anderen Strategie: Sie investieren stärker in ihre Seitenwurzeln. Statt nur eine lange Hauptwurzel in die Tiefe zu schicken, bilden sie längere, seitlich ausscherende Wurzeln und vergrößern so den erkundeten Bodenraum.
Die Analysen zeigten, dass dabei weniger die Anzahl der Seitenwurzeln entscheidend ist, sondern vor allem ihre Länge. Accessions, die unter Bor-Mangel die Länge ihrer Seitenwurzeln gut erhalten oder sogar steigern konnten, nahmen mehr Bor auf und hielten ihr Sprosswachstum besser aufrecht. Sozusagen: Wer seine „Sucharme“ im Boden weit ausstreckt, findet auch in armen Böden noch genug Spuren des Nährstoffs.
Interessanterweise hatten die bor-effizienten Pflanzen unter Mangelsituationen nicht unbedingt höhere Bor-Konzentrationen in den Blättern. Sie hatten aber insgesamt mehr Bor im Spross, weil sie trotz Stress deutlich mehr Biomasse aufbauten. Das deutet darauf hin, dass zwei Dinge zusammenkommen: ein Wurzelsystem, das knappe Ressourcen besser erschließt, und eine besonders effiziente Nutzung des aufgenommenen Bors im Pflanzenkörper.
Mehr als Transporter: Ein komplexes Netzwerk von Genen
Die Forschenden setzten die Pflanzen (Ackerschmalwand) unterschiedlichen Bormengen aus. Einige Pflanzen zeigten auch unter verringerten Bor-Konzentrationen ein sehr gutes Wachstum (effizienter Ökotyp; oben links). Diese bilden im Vergleich zu weniger effizienten Pflanzen (oben rechts) eher seitlich wachsende Wurzeln und eine lange Primärwurzel.
Bildquelle: © Alcock, T.D. et al. (2025)
Naheliegend wäre die Vermutung, dass bor-tolerante Pflanzen einfach mehr oder andere Bortransporter bilden. Arabidopsis besitzt mehrere bekannte Transportproteine (etwa BOR1 oder NIP5;1), die Bor aus dem Boden in die Wurzel und weiter in den Spross bringen.
Das Forschungsteam hat daher die Aktivität dieser Transportergen in ausgewählten bor-effizienten und bor-ineffizienten Linien verglichen. Zwar wurde der wichtige Aufnahmetransporter NIP5;1 unter Bor-Mangel in allen Pflanzen stark hochreguliert – aber es fanden sich keine systematischen Unterschiede zwischen toleranten und empfindlichen Herkünften. Auch Veränderungen in der Aminosäuresequenz der Transporter ließen sich nicht klar mit Bor-Effizienz verknüpfen.
Stattdessen zeigte eine umfassende Genom-Analyse, dass Bor-Effizienz ein komplexes Merkmal ist, das von mehreren Erbanlagen gemeinsam gesteuert wird. Besonders interessant: Auf Chromosom 4 identifizierten die Forschenden eine Region (QTL), die sowohl mit der Stabilität des Sprosswachstums als auch mit der Wurzelarchitektur unter Bor-Mangel zusammenhängt.
In diesem Abschnitt liegen gleich mehrere vielversprechende Kandidatengene. Dazu gehören:
- ein weiterer Bor-Transporter (BOR7),
- ein Enzym der Pektin-Methylesterasen (PME44), die die mechanischen Eigenschaften der Zellwand mitsteuern,
- sowie ein bisher wenig charakterisiertes Methyltransferase-Gen (LIME1), das ebenfalls mit Bor-Effizienz assoziiert ist.
Veränderungen in den Proteinvarianten dieser Gene könnten dazu beitragen, dass manche Arabidopsis-Linien ihre Zellwände und Wurzelsysteme unter Bor-Mangel stabiler halten – und damit weiterwachsen, wo andere Pflanzen bereits deutlich geschwächt sind.
Evolutionsspuren im Norden – und was Züchter daraus lernen können
Die Erkenntnisse zur Bor-Effizienz sollen auf den verwandten Raps übertragen werden, um ihn nährstoffeffizienter zu machen.
Bildquelle: Matthias Süßen, eigenes Werk / Wikipedia, CC BY-SA 4.0
Ein Vergleich der Verwandtschaftsverhältnisse und Fundorte zeigte: Bor-effiziente Arabidopsis-Herkünfte bilden genetische Cluster, kommen aber aus unterschiedlichen Regionen. Besonders auffällig ist eine Gruppe nordeuropäischer Linien aus Skandinavien und Finnland, in deren Heimatböden Bor offenbar knapp ist. Dort scheint der Selektionsdruck über Generationen besonders hoch gewesen zu sein, um mit wenig Bor zurechtzukommen.
Gleichzeitig finden sich nahe Verwandte dieser toleranten Linien, die dennoch bor-empfindlich sind. Das deutet darauf hin, dass schon wenige genetische Veränderungen – etwa in den identifizierten QTLs – ausreichen können, um aus einer empfindlichen eine robuste Linie zu machen.
Genau dieser Aspekt macht die Studie so spannend für die Züchtung: Wenn einzelne Genvarianten die Wurzelarchitektur und Bor-Nutzung eines Pflanzenstammes so deutlich verbessern können, lässt sich dieses Wissen gezielt in Nutzpflanzen übertragen.
Nächster Schritt: Klimaresilienter Raps
Das Forschungsteam konzentriert sich im nächsten Schritt auf Raps (Brassica napus), eine der wichtigsten Ölpflanzen weltweit. Raps ist wie Arabidopsis ein Kreuzblütler – viele Gene und Stoffwechselwege sind verwandt.
Ziel ist es, in Rapslinien ähnliche Strategien wie in den bor-effizienten Arabidopsis-Herkünften zu identifizieren: Pflanzen, deren Wurzeln bei Bor-Mangel weiter aktiv nach Nährstoffen „suchen“ und die das aufgenommene Bor besonders gut in Wachstum und Ertrag umsetzen. Solche Linien sollen dann mit ertragreichen, aber empfindlicheren Sorten gekreuzt werden, um neue Raps-Sorten zu entwickeln, die beides vereinen: hohe Erträge und eine größere Robustheit gegenüber schwankender Mikronährstoffversorgung.
Gerade im Klimawandel ist das ein wichtiger Baustein: Je besser Kulturpflanzen mit zeitweiligen Nährstoffengpässen zurechtkommen, desto stabiler bleiben Ernten – selbst wenn Dürre und Starkregen die Verfügbarkeit von Bor im Boden schwanken lassen. Zugleich könnten sich Düngergaben punktgenauer einsetzen lassen.
Fazit: „Intelligente“ Wurzeln als Schlüssel zur Resilienz
Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie anpassungsfähig Pflanzen sind – und wie stark dabei die Wurzeln die „Regie“ übernehmen. Unter Bor-Mangel reicht es nicht, einfach mehr aufzunehmen: Entscheidend ist ein Wurzelsystem, das den Boden effektiv erschließt, und ein Stoffwechsel, der mit sehr wenig Bor auskommt.
Indem Forschende diese Strategien bei einer Modellpflanze wie Arabidopsis im Detail entschlüsseln – von der Wurzelarchitektur über Zellwände bis zu den verantwortlichen Genen – schaffen sie eine Grundlage, um unsere Nutzpflanzen fit für eine Zukunft mit extremeren Umweltbedingungen zu machen.
Quelle:
Alcock T.D. et al. (2025): Arabidopsis thaliana exhibits wide within-species variation in tolerance to boron limitation and root and shoot trait resilience associate with a pleiotropic locus. In: New Phytologist (15. September 2025). doi: 10.1111/nph.70570.
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Titelbild: Wenn Nährstoffmangel besteht, können besonders effiziente Pflanzen ihre Wurzelarchitektur ändern und längere, seitlich ausscherende Wurzeln ausbilden. So haben sie einen größeren Radius, um die Nährstoffe aufzunehmen. (Bildquelle: © Andreas Heddergott / TU Muenchen)