Unkräuter mit „Eigenantrieb“

Wie parasitische Pflanzen ihre Saugorgane selbst aktivieren

22.12.2025 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Das schematische Symbolbild zeigt, wie eine parasitische Pflanze mit ihrem Saugorgan in das Gewebe der Wirtspflanze eindringt und sich direkt an deren Leitbahnen anschließt, um Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. (Bildquelle: © Pflanzenforschung.de, erstellt mit DALLE)

Das schematische Symbolbild zeigt, wie eine parasitische Pflanze mit ihrem Saugorgan in das Gewebe der Wirtspflanze eindringt und sich direkt an deren Leitbahnen anschließt, um Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. (Bildquelle: © Pflanzenforschung.de, erstellt mit DALLE)

Parasitische Unkräuter gelten in der Landwirtschaft als besonders schwer kontrollierbar. Eine neue Studie zeigt nun, warum: Bestimmte Arten aktivieren ihre Saugorgane bereits aus eigener Kraft – noch bevor sie Kontakt zu einer Wirtspflanze haben. Diese Selbstaktivierung verschafft ihnen einen entscheidenden Vorsprung im Wettlauf um Wasser und Nährstoffe.

Parasitische Pflanzen wie Sommerwurz-Arten entziehen ihren Wirtspflanzen Wasser und Nährstoffe und verursachen weltweit erhebliche Ertragseinbußen in Kulturen wie Raps, Reis, Mais oder Ackerbohne. Lange galt als gesichert, dass diese Schmarotzer erst dann aktiv werden, wenn sie chemische Signale ihrer Wirte wahrnehmen. Doch genau dieses Bild gerät nun ins Wanken.

Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Susann Wicke von der Universität Münster zeigt in einer aktuellen Studie, dass bestimmte parasitische Pflanzen ihre entscheidenden Entwicklungsprozesse bereits ohne äußere Signale starten. Die jungen Parasiten bereiten sich damit frühzeitig auf den Angriff vor – noch bevor ein geeigneter Wirt in Reichweite ist.

Selbstaktivierung statt Wirtssignal

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Die Ästige Sommerwurz (Phelipanche ramosa), die als Modellart in der Studie verwendet wurde.

Die Ästige Sommerwurz (Phelipanche ramosa), die als Modellart in der Studie verwendet wurde.

Bildquelle: © Susann Wicke

Im Zentrum der Studie stehen die sogenannten Haustorien: spezialisierte Saugorgane, mit denen parasitische Pflanzen an die Wurzeln ihrer Wirte andocken. Über diese Strukturen zapfen sie Wasser, Mineralstoffe und organische Verbindungen an.

Die Forschenden konnten zeigen, dass die untersuchten Parasiten schon im Sameninneren eine Vielzahl biologisch aktiver Stoffe bilden und freisetzen. Diese Stoffe stoßen die Entwicklung der Haustorien eigenständig an – ein Prozess, den die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Selbstaktivierung bezeichnen. Treffen die Keimlinge später auf eine Wirtspflanze, sind sie dadurch bereits in einem hochreaktiven Zustand und können besonders schnell und effizient andocken.

Ein verbreiteter Mechanismus bei parasitischen Pflanzen

Untersucht wurden drei Arten parasitischer Sommerwurzgewächse mit unterschiedlichem Lebensstil: zwei vollständig parasitische Arten und eine Art, die nach einer Phase völliger Abhängigkeit teilweise selbstständig photosynthetisch aktiv wird. Trotz dieser Unterschiede zeigten alle drei Arten eine eigenständige Voraktivierung ihrer Saugorgane – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Selbstaktivierung kein Sonderfall einzelner Arten ist, sondern ein grundlegendes Erfolgsprinzip parasitischer Pflanzen. Damit widerspricht die Studie einer lange vertretenen Lehrmeinung, nach der erst Hormone und Wachstumsfaktoren der Wirtspflanze die Haustorienbildung auslösen.

Zusammenspiel von Stoffen und Genen

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Nessel-Seide (Cuscuta europaea): Diese parasitische Pflanze besitzt keine eigenen Wurzeln mehr und zapft ihre Wirtspflanzen über Haustorien direkt an – ein extrem spezialisierter Lebensstil, der sie zu einem hartnäckigen Problem in natürlichen Beständen und der Landwirtschaft macht.

Nessel-Seide (Cuscuta europaea): Diese parasitische Pflanze besitzt keine eigenen Wurzeln mehr und zapft ihre Wirtspflanzen über Haustorien direkt an – ein extrem spezialisierter Lebensstil, der sie zu einem hartnäckigen Problem in natürlichen Beständen und der Landwirtschaft macht.

Bildquelle: © Michael Becker / Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die molekularen Abläufe, die dieser Selbstaktivierung zugrunde liegen. Die Studie zeigt, dass nicht einzelne chemische Signale ausschlaggebend sind, sondern Kombinationen verschiedener Stoffgruppen, die gemeinsam wirken. Zu diesen gehören unter anderem sekundäre Metabolite, hormonähnliche Substanzen und weitere kleine organische Moleküle, die bereits im Samen der parasitischen Pflanzen gebildet und nach der Keimung freigesetzt werden. Erst ihr Zusammenspiel entfaltet die volle Wirkung und stößt die Entwicklung der Haustorien zuverlässig an.

Parallel dazu wird ein präzise getaktetes genetisches Programm aktiviert. Bestimmte Gene schalten sich früh ein und bereiten das Gewebe auf Wachstum und Zellumbau vor, andere folgen zeitlich versetzt und steuern die Ausbildung von Leitstrukturen, die später den Anschluss an die Gefäßbahnen des Wirts ermöglichen. Dieser abgestimmte Ablauf sorgt dafür, dass das Haustorium nicht nur entsteht, sondern auch funktional ist.

Die Ergebnisse zeigen damit, dass die parasitischen Pflanzen ihre Entwicklung nicht reaktiv, sondern vorausschauend organisieren: Sie aktivieren zentrale Signal- und Entwicklungswege bereits im Vorfeld eines möglichen Wirtskontakts. Treffen sie später tatsächlich auf eine geeignete Wirtspflanze, können sie diese vorbereiteten Programme sofort verstärken und das Andocken besonders schnell und effizient vollziehen.

Einfluss der Umgebung: Samen als Verstärker

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Mistel (Viscum album): Als Halbparasit zapft sie ihre Wirtsbäume über spezielle Saugorgane an und entzieht ihnen Wasser und Mineralstoffe – bei starkem Befall kann sie besonders Obst- und Waldbäume deutlich schwächen.

Mistel (Viscum album): Als Halbparasit zapft sie ihre Wirtsbäume über spezielle Saugorgane an und entzieht ihnen Wasser und Mineralstoffe – bei starkem Befall kann sie besonders Obst- und Waldbäume deutlich schwächen.

Bildquelle: © Frank Vincentz, eigenes Werk / Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Ein weiteres überraschendes Ergebnis: Auch Samen anderer Pflanzen setzen Stoffe frei, die die Selbstaktivierung der Parasiten verstärken können – unabhängig davon, ob es sich um Wirtspflanzen oder Nicht-Wirte handelt. Damit rückt ein bislang wenig beachteter Faktor in den Fokus: die Samenbank im Boden.

In stark befallenen Böden könnte eine hohe Samendichte parasitischer Unkräuter deren Erfolg zusätzlich fördern, indem sie ihre Eigenaktivierung gegenseitig verstärken. Für die Landwirtschaft eröffnet das neue Perspektiven auf die Dynamik von Parasitenpopulationen.

Neue Ansatzpunkte für die Bekämpfung

Das veränderte Verständnis der frühen Entwicklungsprozesse parasitischer Pflanzen eröffnet auch neue Möglichkeiten für Gegenstrategien. Wenn entscheidende Schritte der Haustorienbildung bereits ohne Wirt ausgelöst werden, könnten gezielt jene selbst produzierten Stoffe blockiert oder die früh aktiven Gene beeinflusst werden.

Langfristig könnten solche Ansätze dazu beitragen, parasitische Unkräuter wirksamer zu kontrollieren – ein wichtiger Schritt, um Ertragsverluste in der Landwirtschaft zu begrenzen.

Präzise Methoden für komplexe Prozesse

Um diese Prozesse sichtbar zu machen, kombinierte das Forschungsteam Keim- und Wachstumsversuche unter streng kontrollierten Bedingungen mit verschiedenen Mikroskopietechniken. Die chemischen Signale wurden mithilfe hochauflösender UHPLC-MS/MS-Analysen erfasst, die selbst kleinste Molekülmengen nachweisen können.

Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Wien und liefert einen wichtigen Beitrag zum Verständnis parasitischer Pflanzen – und ihrer bemerkenswerten Fähigkeit, sich ganz ohne äußeren Startschuss auf den Angriff vorzubereiten.


Quelle:
Brun, G. et al. (2025): Seed metabolites headstart haustoriogenesis and potentiate aggressiveness of parasitic weeds. In: Science Advances (10. Dezember 2025). doi: 10.1126/sciadv.aea1449

Zum Weiterlesen auf Pflanzenforschung.de:

Titelbild: Das schematische Symbolbild zeigt, wie eine parasitische Pflanze mit ihrem Saugorgan in das Gewebe der Wirtspflanze eindringt und sich direkt an deren Leitbahnen anschließt, um Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. (Bildquelle: © Pflanzenforschung.de, erstellt mit DALLE)